Geschichte der Familie

Theodor/ Dieter/ Dietrich Dalken (ca. 1616- 1692) in Seligenstadt

Damit gehen wir wieder zurück zu Theodor Dalken (Sohn des Thomas), der uns im Augenblick sowieso am meisten interessiert, aber betrachten wir zunächst nur das von Volk über ihn Gesagte, was wir nicht aus anderen von uns daran anschließend wiederzugebenden Quellen schon oder genauer wissen.

Da ist zunächst das auffällige und liebenswürdige Bemühen des Onkels von Theodor, des Abtes Colchon, zu erkennen, der Hochzeit seines Neffen mit der Maria Elisabeth Gelf (an anderer Stelle auch Gelph nach dem latinisierten Gelphius) einen besonders würdigen musikalischen Rahmen zu geben. Mag es damit zusammenhängen, daß er seinen von ihm besonders geschätzten Neffen damit ehren oder die Bedeutung dieser Hochzeit besonders unterstreichen wollte, daß nämlich der an sich ja nicht einheimische Dalken eine Tochter aus einer der würdigsten Seligenstädter Patrizierfamilien zum Altar führte.

Dann wird Theodor Dalken 1651 auf dem Bursfelder Generalkapitel zur Konfraternität zugelassen, (diese Stelle aus Volk, S. 52, bezieht sich auf die Konfraternität des Generalkapitels, eine viel ehrenvollere und bedeutsamere Gebetsgemeinschaft als etwa die einer Kleinstadt, da hier alle angeschlossenen Benediktiner-Klöster beteiligt sind. Colchon verschaffte also seinem Neffen ein besonderes Ansehen, da über dessen Aufnahme das Generalkapitel und deren Vertreter entschied.) Er wird ausdrücklich als Spectabilis Dominus bezeichnet, was ausdrücken soll, daß man den „hochachtbaren Herrn“ zur gesellschaftlichen Führungsschicht rechnete.
(Anmerkung: Respectabilis dominus = 1. entweder (briefl.) Anrede „Hochzuverehrender Herr“ (vergl. unser „Sehr geehrter Herr“) oder 2. Titel, der standesgemäß zusteht und daher kennzeichnend z.B. in Urkunden auftritt: „der hochachtbare Herr...“. 3. Soweit nicht besondere Formen der Anrede oder Titulierung vorgeschrieben sind, wird dominus für Höhergestellte und Gleichgestellte gebraucht. In bürgerlichen Kreisen bezeichnet es den durch Leistung, Bildung oder Stellung hervorragenden Mitbürger oder Amtsbruder.)

Seine Frau wird gleichzeitig in die gleiche Gebetsbrüderschaft aufgenommen

Aber was hatte es mit dieser Konfraternität auf sich?

Nun, Konfraternität heißt nichts anderes als Bruderschaft. Es handelt sich dabei immer um eine Gebetsgemeinschaft, was vor allem Verpflichtungen mit sich bringt, z.B. auch die, alte und kranke Menschen zu besuchen. Da es sehr viele solcher Bruderschaften gibt (fast jede Kirchengemeinde hat eine), ist es wahrscheinlich unmöglich, die Besonderheiten dieser einen herauszubringen. Ein Verzeichnis der Konfraternitäten gibt es nicht. Natürlich war es auch eine Ehrung, zu einer Bruderschaft zugelassen zu werden, besonders zu einer so prominenten wie der des Bursfelder Generalkapitels, das zu seinen Mitgliedern die Äbte sämtlicher angeschlossenen Benediktinerklöster rechnete. Wir wissen z.B., daß nach dem Tode eines Konfraters die Seelenmessen von der Bruderschaft gelesen werden oder, wenn die Bruderschaft am Platze ist, die Beerdigung besorgt wird.

Auch die Teilnahme des Theodor als Zeuge bei der Inventaraufnahme nach dem Tode von Abt Colchon 1653 zeugt von dem engen verwandtschaftlichen Verhältnis und von der gehobenen sozialen Stellung des Theodor. Die Patenschaft des Bruders von Abt Colchon, des Johann Colchon aus Aschaffenburg, bei der Geburt von Theodors erstem Sohn, dem Johann Leonard (Johann = der Name des Taufpaten, Leonard = der Name des Großonkels des Täuflings) spricht wiederum für die Lebendigkeit dieser verwandtschaftlichen Beziehungen. Der 21. November 1651 allerdings als Geburtsdatum des Johann Leonard nach Seibert ist wahrscheinlich ein Druckfehler, da der Täufling nach der uns vorliegenden Abschrift der Taufurkunde am 21. September geboren wurde; aber auch in dieser Abschrift von 1943 mag man sich verschrieben haben!

Daß Volk einmal D’Alken schreibt, wie der Abt Hubert von St. Trond an Abt Colchon geschrieben haben soll, kann evtl. eine Bestätigung unserer Vermutung sein, daß Theodor nämlich in Seligenstadt eine Änderung seines oder seines Vaters flämischen Namen van Alken, über die wallonische Form d’Alken (oder D’Alken) in Dalken vornahm.

Verlassen wir damit aber Volk und wenden wir uns wegen Theodor nunmehr Seibert, I. Band, und Seibert/Nachlaß zu.

Seibert sieht in Theodor einen wallonischen Einwanderer unter anderen. Dagegen spricht sowohl, daß er keinen französischen Familiennamen wie die anderen trägt, wie die Tatsache, daß er anscheinend als ein reicher Mann nach Seligenstadt kam und nicht als begünstigungsbedürftiger Handwerker, wie viele der Einwanderer nach dem Dreißigjährigen Krieg,

Außerdem ist nicht zu übersehen, daß er nicht der erste seiner Familie war, der die Übersiedlung nach Seligenstadt wagte. Die Bezeichnung „Lütticher Land“ ist außerdem sehr dehnbar, denn der nördliche Teil des Lütticher Landes ist flämisch, der südliche dagegen wallonisch: die germanisch-romanische Sprachgrenze teilt das Gebiet wenig nördlich von Lüttich. Eher neigen wir dazu, die Familie van Alken/d’Alken/Dalken als eine flämische anzusprechen, umso mehr als wir ihren Ursprung im flämischen St. Truiden/St. Trond annehmen.

Wir lesen bei Seibert/Buch, Seite 100, über Theodor folgendes:

„Als einer der ersten wallonischen Einwanderer, die nach dem Dreißigjährigen Krieg ins Mainzer Land kamen, ließ sich der Neffe des Abtes Colchon, Theodor, oder wie er sich in Seligenstadt nannte, Dieter Dalken in Seligenstadt nieder.“

Nun erwähnten wir schon an anderer Stelle, daß Theodor wahrscheinlich nicht zu den von Abt Colchon (nach 1648) nach Seligenstadt geholten Wallonen gehörte (und dies evtl. sogar durch die Änderung seines Namens in Dalken dokumentieren wollte), und Seibert selbst scheint dies zu bestätigen, wenn er (sich selbst korrigierend) auf Seite 61, Band I., im Zusammenhang mit den Bemühungen Colchons um wallonische Einwanderer nach 1648 schreibt: „Ein Neffe des Abtes Colchon, Theodor Dalken, dessen Vater in Lüttich Oberamtmann (summus praefectus) war, war offenbar schon vor Beendigung des (Dreißigjährigen) Krieges nach Seligenstadt gekommen.“

An dieser Stelle wollen wir zum besseren Verständnis einige Zitate aus Seibert, I. Band, über die damaligen Zustände im Mainzer Kurstaat bringen.
„Die Friedensschlüsse von Münster und Osnabrück (1648) fanden das Mainzer Land am Main in einem trostlosen Zustand. An Stelle einst blühender Dörfer und wohlangebauter Fluren sah man dort allenthalben menschenleere Ruinen und Einöden. Die Städte waren zum Teil verfallen und verbrannt, und in stehengebliebenen Quartieren hausten die kläglichen Reste der halbverhungerten und gänzlich verelendeten Bürger zusammen mit den zu ihnen geflüchteten Dorfbewohnern, die dem Morden, dem Hunger und der Pest entronnen waren. Im ganzen Vizedomamt Aschaffenburg war die Zahl der Männer von 7000 auf 700 zurückgegangen, also auf ein Zehntel des Vorkriegsstandes. Der Kurstaat befand sich in einer heillosen Finanzlage. Im Jahre 1648 betrug die Staatsschuld eine Million Dukaten (etwa 12 Millionen Gulden), eine für damalige Verhältnisse ungeheure Summe, während der Bestand der Staatskasse nicht viel über 100 Gulden betrug. Zu dieser Belastung kamen noch die an Schweden zu zahlenden Kriegsentschädigungsgelder; denn es war schon damals wie heute, daß der zu entschädigen hat, der den Krieg verliert, während der Angreifer immer unschuldig ist und entschädigt werden muß, sofern er nur siegreich bleibt, selbst wenn er selber keinen Schaden hatte, sondern nur solchen anrichtete.

Der Kurstaat nahm in dieser Notlage sofort die Wiederaufbauarbeit auf, und da es vor allem an arbeitenden Menschen fehlte, erging schon am 14. Oktober 1648 von Aschaffenburg ein Erlaß, der allen, die sich im Erzstift niederlassen wollten, besondere Vergünstigungen in Aussicht stellte, z.B. sollten sie "zwei Jahre lang von allen Frohnden, Wachen und Abgaben frei sein".

Seibert erwähnt dann weitere Erlasse zur Förderung der Einwanderung und „daß sich im Kurstaat und auch in Stadt und Zent Seligenstadt manche von den Flüchtlingen wieder einfanden und fremde in einem Ausmaße einwanderten, wie es vorher noch nachher jemals der Fall war.“ Es heißt dann weiter: „Besonders stark war die Einwanderung aus dem Fuldischen, dem damals zu Mainz gehörigen Eichsfelde und dem Lütticher Land“, und er hält die Heranziehung der Wallonen durch Abt Colchon für möglich, da dieser ja selber Lütticher war und die Verbindung mit seinem Vaterland nie ganz aufgegeben habe.

Tatsächlich sind auch zahlreiche Wallonen damals nach Seligenstadt gekommen, und sie sollen laut Seibert dem Theodor gefolgt sein, womit aber S. gewiß nicht andeuten wollte, daß Theodor sozusagen ihr Vorreiter gewesen sei, zumal ja auch Theodor möglicherweise bereits vor dem Ende des Krieges nach Seligenstadt gekommen ist. Seibert sagt im Hinblick auf diese wallonische Einwanderung u.a. noch folgendes: „Sie waren auch nicht ausschließlich Wollweber, wenn schon sich nicht leugnen läßt, daß die kurmainzische Tuchmacherei durch sie wieder einen Aufschwung nahm. Viele von ihnen betrieben andere Gewerbe oder waren Bauern und Landarbeiter. Die meisten waren arm, und nur wenige, z.B. die Dalcken und Bodensohn („Boutson“) zu Seligenstadt brachten größere Barmittel mit.“

Wir sind sicher, daß Theodor nicht als armer Mann nach Seligenstadt kam, er hätte sonst sicher nicht als Landfremder 1650 die Patriziertochter Gelf heiraten können und auch nicht die umfangreichen Land- und Häuserkäufe durchführen können, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

Wir hoffen im übrigen, eines Tages anhand anderer Quellen über die Einwanderungen in diese und andere vom Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Gebiete den Hintergrund aufzeichnen zu können, vor dem sich das Leben und die Tätigkeit des Theodor abspielt, wobei hoffentlich auch begründete Vermutungen möglich sind, warum ein nicht vermögender Einwanderer aus Lüttich nach Seligenstadt geht, und welche Möglichkeiten er sich dort ausrechnete.

"Er hatte sich um das Kloster noch verdient gemacht und ihm sehr wertvolle Dienste geleistet. Worin diese Dienste bestanden, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Vielleicht hatte er sich gerade um die Gewinnung wallonischer Einwanderer in seiner Heimat bemüht", schreibt Seibert weiter, und ähnlich heißt es ja auch in seiner Trauurkunde 1.97 aus dem Jahre 1650. Ob er sich tatsächlich um wallonische Einwanderer bemüht hat, und warum dies ausgerechnet wertvolle Verdienste um das Kloster gewesen sein sollen, wissen wir also nicht genau.
 
Es mag nicht ausgeschlossen sein, daß diese Verdienste um das Kloster darin bestanden, daß sich Theodor u.U. um seinen während des Krieges in die Lütticher Heimat geflüchteten Onkel, den Abt Colchon, kümmerte, möglicherweise hat er den Flüchtling bei sich in Lüttich aufgenommen; vielleicht hat er ihn zurückbegleitet; vielleicht hat er ihm bzw. dem Kloster Geld geliehen, da Seligenstadt von den feindlichen Truppen geplündert worden war.

„Am 12.07.1650 vermählte er (Theodor) sich mit Marie Elisabeth, einer Tochter des Ratsherrn Johann Gelf und dessen Frau Ursula. Im Jahre 1651 trat er der Wollweberzunft bei, woraus noch nicht ohne weiteres der Schluß gezogen werden kann, daß er Wollweber gewesen sei. Denn der Korporation der Wollweber als der angesehensten Seligenstädter Zunft gehörten auch Beamte und sogar Geistliche an.“ (nach Seibert)

Dieser Eintritt wurde - siehe nachfolgende Aufstellung aus Seibert/Nachlaß mit der Einzahlung von 28 Weißpfennigen (-albus, Silbergroschen) in die Zunftkasse als Einstand für seine Zunftbrüder vollzogen.

Die Bemerkung von Seibert, daß er aber nicht unbedingt Wollweber gewesen sein muß, da dieser angesehenen Zunft auch Beamte und sogar Geistliche angehört haben, läßt trotzdem eine andere Annahme zu, nämlich daß Theodor der Zunft als Tuchhändler angehört haben mag. Wer war für den Aufbau eines durch den Dreißigjährigen Krieg angeschlagenen, fast dezimierten Handwerks wichtiger als derjenige, der die Produkte über die verschütteten Handelswege wieder an die zahlungskräftigen Käufer brachte, die ohne Frage nicht in dem wirtschaftlich völlig verwüsteten Deutschland zu finden waren. Diese Theorie erhält ihre Unterstützung durch die Tatsache, daß Theodor in den Zunftvorstand gewählt wurde, eine Ehre, die man wahrscheinlich nicht ohne weiteres einem dem Handwerk der Tuchmacherei völlig fremden Mann angetragen haben würde.

Aber auch über diesen Punkt wird uns eines Tages möglicherweise das Seligenstädter Archiv noch genaue Auskünfte geben können.

Aus Seibert/Nachlaß führen wir nun nachstehend die Eintragungen über Theodor in den verschiedensten Registern auf, die in erster Linie seine umfangreichen Häuser- und Landkäufe betreffen und die den Schluß zulassen, daß Theodor mehr als nur wohlhabend gewesen sein wird:
1651  Dalken, Dietrich, kauft die Behausung des Georg Buchmann, des Rats,ufm freythoff, 1000 fl (Gulden). Ebenso 30 Morgen Feld von Hans Reuss d.A. 340 fl. Weingartsäcker 8 fl (Währschaften, Stadtarchiv Seligenstadt, fol. 392 r
1651  Dalckhen, Herr Dietrich, gibt als neuangekommener Zunftbruder zum neuen Grabtuch der Zunft 1 Reichstaler. (Wollweber-Zunftbuch 189 v)
1653  Dalken, Dietrich, kauft das Waltzsche Haus in der Fischergasse, das das Kloster von Hanss Henr. Waltz ererbt hatte. 250 fl. (Währschaften Stadtarchiv Seligenstadt. fol. 39 v)
1656  Dalckhen, Diderich, Wollw., wohlhabend. Bede (Steuerregister)
1657   Dalcken, Herr Theodor, ist in Matthes Zimmers alt verfallen häusslein, neben Johann Weisen gelegen, mit Verwilligung löbl. Zunft eingetreten in 25 fl. (Zunftbuch 194 r)
13.09.1658   Dalcken, Theodor, sein Bruder Johann Franz (‚modo Leodii existensis“ - vor kurzem aus Lüttich gekommen) (als Taufpate erwähnt) (Taufbuch 1 p 201 )
 Anmerkung: Hierbei kann es sich um die Geburt von Theodors Tochter Katharina handeln, die nach Seibert allerdings am 28.05.1658 getauft wurde, aber Tf, 1.200 !
1662 Dalcken, Dietr. kauft 7 ¾ Morgen Feld 95 ½ fl. (Währschaften fol. 406 r)
1664 Dalcken, Theod., Dominus, sein Sohn Leonard ist Pate (Tf, 1 p 225)
1668 Dalcken, Dietrich, des Rats, wohlhabend. Bede
1673 Dalcken, Dietrich, Baurentmeister (Contributiones 296 v)
1677 Dalcken, Herr Dietrich, des Rats, besitzt das Scherpfenhaus. Mohrs Wittib Häuslein, Baltes Fidlers Häusl, 1 Scheuer am Pfarrhof, das Boppenhäuslein, 1 Scheuerplatz bei der Röderpforten, 1 Hausplätzlein bei der Niederpforten, einen Garten, etwa 80 Morgen Grundstücke.
1690 Dalken Didrich (Schätzung 1690, S. 7)
1691 01.05. Dalken Dietrich (= Theodor) ist Trauzeuge bei der Hochzeit des Peter Cummon, Witwer aus Hausen bei Seligenstadt, mit Margarete Wadle, Tochter des Johann und der Anna Margarete aus Haimstadt bei Steinheim. Auch die Cummon und Wadle waren Wallonen.
1692 Dalcken, Diether: Item von der Begräbniss Herrn Dietrich Dalckens, altem Brauch nach, denen schrödern geben besag schein 1 fl. (Stadtrechnungan 22v)

Über die vorstehend nur chronologisch und kommentarlos aus den verschiedenen Registern wiedergegebenen Einzelheiten über Theodors Häuser- und Landkäufe ab 1651 aus Seibert/Nachlaß, berichtet dieser bereits in seinem Buch, S, 100 und 101 im Zusammenhang wie folgt:

„Noch 1651 kaufte er auch die Behausung des Ratsherrn Georg Buchmann 'ufm Freythoff' für den verhältnismäßig ungeheuren Preis von 1000 Gulden. Es ist dies das spätere evangelische Pfarr- und Schulhaus, jetzige Karl Malsysche Haus. Ferner kaufte er 1651 von Hans Reuss dem Alten 30 Morgen Feldgüter und einige Weingartsäcker (ehemalige Weingärten) für 348 Gulden. 1653 kaufte er des Waltzsche Haus in der Fischergasse, das die Abtei von Hans Heinrich Waltz ererbt hatte, um 250 fl. Dazu übernahm er noch einen Teil des nicht unbeträchtlichen Besitzes des hochangesehenen Patriziergeschlechtes der Gelf, dem seine Frau entstammte.

So war er denn schon 1656 einer der wohlhabendsten Bürger von Seligenstadt.

Während die meisten der in Seligenstadt zugewanderten Wallonen sich entweder schwer in die neue Umgebung einfügten oder bald wieder abzogen, scheint er sich rasch und vollständig seinen neuen Mitbürgern angepaßt zu haben.

Im Jahre 1666 war er Ratsherr und bekleidete das Amt eines Baurentmeisters. Nach dem Bedregister von 1677 besaß er folgende Güter: 1. das Scherpfenhaus (wohl das obengenannte Haus am Freihof), 2. das ‚Mohr Wittib Häuslein’, 3. ‚Baltes Fidlers Häuslein’, 4. eine Scheuer am Pfarrhofe, der damals am Freihof lag, 5. ‚das Boppenhäuslein’, 6. einen Scheuerplatz an der Röderpforte, 7. einen Hausplatz bei der Niederpforten jetzo ein Garten und 8. etwa 30 Morgen Feldgüter. Bei dieser Aufstellung muß man bedenken, daß er wie die meisten damaligen Seligenstädter die Landwirtschaft doch wohl nur nebenbei betrieb.
 
Theodor als Kerzenmeister
Bereits im Jahre 1651, dem Jahre seines Beitritts zur Zunft, wurde Theodor Zunftvorstand (dem der Zunftmeister unterstand), und wir sehen ihn aus den Auszügen aus den Manualen in dieser Stellung noch dreimal: 1656/57, 1660/61 und 1669/70.
Warum die Zunftvorstände Kerzenmeister hießen? Diese Bezeichnung deutete ihre Verpflichtung an, den verstorbenen Zunftmitgliedern am Tage ihrer Amtsübernahme (Himmelfahrt bzw. Dreifaltigkeitstag, also kurz vor oder nach Pfingsten) in der Kirche eine Kerze zu weihen, (Vergl. hierzu Seibert a.a.O.S. 14)

Die Geldgeschäfte Theodors mit der Zunft
Diese bestehen zunächst in den jährlichen Abrechnungen nach seiner Vorstandschaft (Nr. 3, 8, 18, 37), sodann in Krediten (Nr. 4 u.a.), die er von der Zunft übernommen hatte, weiterhin in jährlichen Zinszahlungen (Nr. 10/11) und deren Rückerstattungen (Nr. 44/45).

Theodor nahm dreimal Geld von der Zunft:

1654 quittiert er den Empfang von 5 Gulden (Nr. 4) eigenhändig mit seiner Unterschrift (in flüssiger, klarer deutscher Schrift, wobei er seinen Familiennamen Dalken schreibt). Diesen Betrag scheint er sehr bald wieder zurückgezahlt zu haben; der Text ist durchstrichen. Zinsen scheinen nicht angefallen zu sein,



1658 ist von 25 Gulden im Zusammenhang mit einem Haus (Nr. 10/11) die Rede. Möglicherweise lastete auf dem Haus, als Theodor es 1657 oder 1658 gekauft hatte, eine Hypothek der Zunft in dieser Höhe, wofür er jährlich Zins bis zur Rückzahlung der Summe 1674 (Nr. 44/45) zu zahlen hatte. (Zinssatz etwa 3,5 %)

1662 werden 15 Gulden erwähnt, die er zurückerstattet hat. Diese Summe wurde sofort weiterverliehen. Wann er sie aufgenommen hatte, wird nicht gesagt, auch nichts über die Zinszahlungen. Vielleicht handelt es sich um einen einjährigen Kredit, für den immerhin festgestellt wurde, daß Theodor "die Obligationen (Zinszahlungen?) eingelöst" hat.

Das leidige Namensproblem
Die Fülle der verschiedenen Schreibweisen ist kaum zu überbieten.

Wir lesen Dalckhen (vielleicht von Dalchelne abgeleitet), Dalcken, aber auch Dalck, Dalckenn, und natürlich auch Dalken. Wichtig ist hier aber, dass, wie oben erwähnt, Theodor selbst an einer Stelle klar und deutlich mit Dalken unterschrieb.

In diesem Zusammenhang können wir auch die von unseren Lesern sich ohne Frage schon gestellte Frage beantworten, warum der in Lüttich als Theodor getaufte in Seligenstadt auch Dietrich (Didrich, Diederich) genannt wurde.
Theodor und Dietrich/Dieter sind an sich nicht das gleiche. „Theodor“ entstammt dem Griechischen und bedeutet „Gottesgabe, Gottesgeschenk“, während „Diet(h)er“ eine germanische Zusammensetzung aus den Bedeutungen für „Volk“ und „Heer“ ist. Die Gleichsetzung der beiden Namen aber geht auf das alte germanische „Theoderich“ = „Dietrich“ zurück.

Betrieb Theodor eine Gastwirtschaft?
Aus der Quelle Nr. 28 ergibt sich, daß die Genossen der Wollweberzunft bei Theodor Wein kauften. Die Zunftbrüder holten sich bei ihm am Dreifaltigkeitstag 12 ½ Maß Wein, und außerdem haben die Stangenträger ( bei der Prozession waren Kerzen auf Stangen befestigt) bei Herrn Dietrich Dalken Wein und Wecken „verzehrt“. Quelle Nr. 5 muß hiermit in Zusammenhang stehen: Es wurde beim Zunftessen im „Stern“ (der übrigens später nachweislich im Besitz des Sohnes von Theodor, nämlich des Johann Leonhard, war) die gleiche Menge Wein getrunken, die entweder bei Theodor geholt wurde, oder wofür er das Geld auslegte.
Einen anderen Hinweis auf seine Tätigkeit als Gastwirt entnehmen wir indirekt der Abrechnung über die Einquartierung französischer Soldaten in Seligenstadt. Der "Seligenstädter Anzeiger", Jg. 1869, druckte eine Stadtrechnung zum Jahr 1673 ab. In jenem Jahr erhielt "Dietrich Dalcken 16 Gulden und 15 Albus für Unkosten, so er bei französischem Quartier aufgewendet". Eine ähnlich hohe Summe kommt nur noch beim "Wolfwirt" Adolph Meyer vor (16 fl. 13 Alb.). Bei den Franzosen handelt es sich um Truppen des Generals Turenne.

Daß, wie gesagt, der „Stern“ später im Besitz von Johann Leonard Dalken, dem Schiffskapitän, war, geht aus seiner Erbverteilung hervor, die uns vollständig vorliegt und über die noch die Rede sein wird, sobald wir zu dem Kapitel über Johann Leonhard Dalken (1651-1732) kommen.

Ob aber Theodor bereits den „Stern“ besaß, geht aus den oben zitierten Quellen nicht deutlich hervor.

„Herr“ Theodor Dalken
Erstmals 1660 (Nr. 14), dann in Quelle Nr. 17, 18, 25, 27, 28, 34, 44, 45 und 46, insgesamt dreizehnmal, wird Theodor als „Herr“ bezeichnet. Keinem anderen der mit ihm Genannten wird dieses gesellschaftliche Prädikat zuteil. Für diese Hervorhebung mag es eine Reihe von Gründen geben: seine Vermögenslage, seine Verwandtschaft mit Abt Colchon, mit der Familie Gelf, mit der Familie Fleischbein, seine Leistungen in öffentlichen Ämtern (Baurentmeister = Bürgermeister, Ratsherr, mehrfach Zunftvorstand).

Wir können diese Tatsache nur konstatieren und sind ohne Frage berechtigt, auch aus diesem Grund Theodor unter die wohlhabenden und angesehenen Patrizier in Seligenstadt zu rechnen.

Am 3.7.1666 starb Theodors Frau, die Marie Elisabeth, geb. Gelf, „von langer und beschwerlicher Krankheit aufgerieben“, St. 1,547.

Aus der Quelle Nr. 27 geht hervor, daß 1669, also drei Jahre nach dem Tode von Theodors Frau für einen nicht durchschaubaren Zweck im Zusammenhang mit dem Begräbnis seiner Frau ein Gulden aus der Zunftkasse bezahlt wurde.

Theodor wurde dann lange Jahre betreut von der treuen Magd und langjährigen Dienerin der Familie Gelf-Dalken, Marie Salome Müllerin, die schon 1666 eine alte Person gewesen sein muß („cohabitat Salome senicula aliqua“), und die dem Theodor auch dann noch den Haushalt führte, als er nach der Verheiratung seiner Kinder allein stand.

Diese Marie Salome Müllerin (sicher die Witwe Müller) wird in Seibert/Buch und Nachlaß verschiedentlich wie folgt als Magd des Theodor und als Patin bei verschiedenen Taufen erwähnt:
1666, 1/111 , 18 Dalcken, Theodor, seine famula (Magd) (Klar. Salome ist Patin, Tf. 1 p 233.19
1673, III, 24 Dalcken, Dominus Theod., seine Magd Salome ist Patin, Tf. 2.27.
1678, VIl, 28 seine Magd ist Patin, Tf. 2.605.
(Hierbei handelt es sich ohne Frage nicht um Patenschaften in der Familie Dalken)

Nach 26 ½ jährigen Witwertums heiratete Theodor (Dieter) in 2. Ehe am 30.01.1690 Marie, Wwe. des Aegid Nicola, Tr. 2.413, und starb am 19.09.1692 in Seligenstadt als „Ratssenior“, St. 2.518.

Die Sterbeurkunde, um die mir uns schon lange bemühen, wird wahrscheinlich sein Sterbealter und möglicherweise auch seinen Geburtsort tragen. Hoffen wir es jedenfalls, weil damit sein Geburtsjahr und -Ort geklärt wären, und diese wichtigen Fragen damit ihre Antwort gefunden hätten.

Mit dem oben erwähnten Aegid Nicola und seiner Frau Marie wird Theodor vordem in einem freundschaftlichen Verhältnis gestanden haben, da er bei der Taufe eines Sohnes aus dieser Ehe Nicola, dem Johann Theodor nämlich, am 27.12.1678 Taufpate war.

Theodors 2. Frau überlebte diesen um 33 Jahre und starb mit 89 Jahren am 20.12.1725 an „Hemiplexia“ (Schlaganfall).

Aus der ersten Ehe des Theodor mit der Marie Elisabeth, geb. Gelf, entstammen 6 Kinder, die wir nach Seibert/Buch, S. 101, nachstehend aufführen:
1. Johann Leonard,
get. 21.11.1651 (wahrscheinlich und richtiger aber get. 21.09.1651, Tf. 1.179, Pate war der „hochangesehene und hochgelehrte Herr Johann Colchon, Lic. theol., Kanonikus und Kantor des Kolligialstiftes zu Aschaffenburg.
2.    Wilhelm,
get, 03.02.1653, Pate war der „hochwürdige Herr“ Wilhelm Dalken, Kanonikus zu Aschaffenburg, Bruder von Theodor Dalken, dem Vater des Täuflings.
3.    Anna-Eva,
get. 04.01.1655, Patin war die „Frau Amtmännin zu Dieburg“, Anna-Eva Siegler, die wie die Mutter des Kindes eine Tochter des Seligenstädter Ratsherrn Johannes Gelf gewesen zu sein scheint.
Anna-Eva starb im Alter von noch nicht drei Jahren (sicherlich ein Druckfehler; Seibert meint natürlich im Alter von noch nicht 2 Jahren) und wurde beerdigt am 22.12.1656, St. 1.610
4.    Katharine,
get. 28.05.1658, Tf. 1.200
5.    Marie-Ursula,
get. 28.05.1660, Tf. Patin war diesmal Marie Ursula, Tochter des Amtmannes Haberkorn zu Dieburg.
6.    Marie-Margarete,
get. 04.11.1662, Tf. 1,228, Patin war Marie Elisabeth Mayer, geb. Gans, deren Gatte, Adolf Mayer, ein Neffe der Mutter des Täuflings war, Tr. 1.508.

Bevor wir aber damit das Kapitel über Theodor abschließen, kommen wir noch auf jenen Valentin Dalken zurück, den Procházka in seinem Buch als Vater des Thomas vorstellt, während er nunmehr diesen Valentin lt. seinem Manuskript als Bruder des Theodor aufführt.

Lassen wir hierzu erst Seibert/Buch, S. 101, sprechen; er schreibt dort nämlich u.a. im Hinblick auf diesen Valentin als Vater des Theodor unter Bezugnahme auf Procházka/Buch:

„Nach Steiner, S. 236, soll damals (1652) auch ein Valentin Dalken nach Seligenstadt gekommen sein. Nach Procházka wäre er der Vater des Theodor Dalken gewesen (Seite 450). Dieser Valentin hat in Wirklichkeit nie gelebt, denn das Pfarrbuch bezeichnet Theodor ausdrücklich als Sohn des Thomas Dalken (Tr. 1.97).“

Daß Valentin tatsächlich nicht der Vater des nach Seligenstadt gekommenen Theodor (Dieter) ist, wird einwandfrei durch Theodors Heiratsurkunde (Tr. 1.97) bewiesen, insofern irrte Procházka/Buch, auch darin, wenn er diesen Valentin in seinem neuen, unveröffentlichten Manuskript nunmehr als Bruder des Theodor aufführt.

Abgesehen nun davon, daß Seibert in diesem Fall den Beweis dafür schuldig bleibt, daß überhaupt kein Valentin nach Seligenstadt gekommen ist, hat Procházka diesen Valentin natürlich nicht aus der Luft gegriffen. Er bezieht sich auf eine uns vorliegende Mitteilung des Staatsarchivs Mainz vom 17.06.1923. Hier heißt es nämlich: „In dem Buche Joh. Wilhelm Christian Steiner ‚Geschichte und Beschreibung der Stadt und ehemaligen Abtei Seligenstadt in der Großh. Hess. Provinz Starkenburg, Aschaffenburg ...’ 1820 liest man über die Zeit nach dem Elend des Dreißigjährigen Krieges nach dem Westfälischen Frieden: „ Die hauptsächlichste Bemühung des Stadtrates (von Seligenstadt) ging daher in dieser Periode dahin, fremdl. Professionisten und Durchreisende zum Etablissement in Seligenstadt zu bereden und ohne nach Vermögen zu fragen, nur auf arbeitende Menschen bedacht zu sein. Um diese Zeit wanderten dann auch daselbst gegen 60 niederländische Wollweber mit ihren Familien ein.“ „In einer Anmerkung zu diesem Satz“ (bei Steiner) schreibt Mainz 1923 weiter: „... heißt es Leonard du Ware (?) ... Heinrich Gottgeb, David Huberth, Albo Valentin Dalquen (das sollte vielleicht heißen David Huberth Albo, Valentin  Dalquen)“

Hierauf also bezieht sich Procházka in seinem 1928 erschienenen Buch, wenngleich auch dieser Mainzer Mitteilung bzw. Steiners Buch nicht zu entnehmen war, daß dieser angebliche Valentin Dalquen der Vater von Theodor oder, wie Procházka/Manuskript nunmehr weiß, daß Valentin der Bruder des Theodor gewesen sein soll.

Wir haben Steiners/Buch daraufhin durchgesehen und folgendes festgestellt: Tatsächlich erwähnt dieser unter anderen angeführten Einwanderern nach dem Dreißigjährigen Krieg auch einen 1652 eingewanderten Dalquen (wobei uns die Schreibweise mit qu nicht zu irritieren braucht, da bei der Herausgabe das Buches im Jahre 1820 die Schreibweise unseres Namens in Seligenstadt sich von Dalken über Dalcken in Dalquen gewandelt hatte. So ist z.B. unter den Subscribenten auf Seite X u.a. auch „Herr Dalquen, Rathsschultheiss zu Seligenstadt“ genannt und dieser schrieb sich damals tatsächlich auch Dalquen mit qu).  
Dieser Rathsschultheiss Dalquen ist übrigens der Hermann Josef Dalquen, der Begründer der hess. Linie unserer Familie.

Da bei Steiner aber die Fußnote mit den oben erwähnten Namen (Leonard du Ware, Heinrich Gottgeb, David Huberth Albo, Valentin Dalquen) sehr klein gedruckt ist, dazu noch schlechter Druck auf schlechtem Papier, konnten wir nicht genau ausmachen, ob die Namen Albo Valentin Dalquen nicht (wie es den Anschein hat) durch Kommata getrennt sind. Wenn dem nämlich so ist, dann wären nach Steiner u.a. ein David Huberth, ein Albo, ein Valentin und ein Dalken/Dalquen 1652 nach Seligenstadt eingewandert und nicht ein Valentin
Dalken. Wer dieser Dalken allerdings war, ist heute schwer zu sagen. Es könnte, wenn die Jahresangabe 1652 stimmt, Theodors zweiter Bruder, der Johannes Franciscus, siehe unter c) gewesen sein.

Aber dabei wollen wir es auch bewenden lassen, denn dieser Valentin hat uns bisher schon genug Kopfzerbrechen gemacht - und unseren Lesern wahrscheinlich ebenfalls.

Eines jedoch müssen wir noch aus dem vorstehend zitierten Schreiben des Mainzer Staatsarchivs aus dem Jahre 1923 erwähnen, nämlich die Bemerkung: „Das Fortleben der Dalquen in Lüttich (Liège) erweist für den Beginn der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Eintrag in einem Rechnungsbuch des Mainzer Geschäftes von Dumont, nach dem Dalcken de Liège seine Aediteurs (?) waren.“

Nun, auch wir wissen nicht genau, was ein Aediteur ist, aber abgesehen davon ist diese Mitteilung ein Hinweis auf heute möglicherweise noch lebende Dalckens in Belgien, dem wir nachgehen werden. (Aediteur= vermutlich Editeur - evtl. Handelsvertreter, Herausgeber)

Zum Abschluß dieses Kapitels über Theodor (Dieter) Dalken bringen wir, ähnlich wie zu Thomas Dalken, eine Übersicht über das, was wir von ihm wissen, nicht wissen, und was wir vermuten dürfen.

In der Fortsetzung dieser Darstellung berichten wir dann über Theodors sechs Kinder aus seiner 1. Ehe, darunter unser Ahn Johann Leonard Dalken und über deren Nachkommen.


Was wir von Theodor nicht oder nicht genau wissen

Geburtsjahr und -ort
In der Errechnung des mutmaßlichen Geburtsjahres von Theodor könnte man vom durchschnittlichen Heiratsalter in der damaligen Zeit ausgehen. Wenn wir Seiberts Sippenbuch zu Hilfe nehmen, finden wir, daß die größte Häufigkeit des männlichen Heiratsalters zwischen dem 22. und 28. Lebensjahr liegt. Heiraten nach dem 30. Lebensjahr werden oft als außer der Norm liegend empfunden und entsprechend erwähnt, es sei denn, es handelt sich um eine Wiederverheiratung. Vor dem 22. Lebensjahr heirateten in der fraglichen Zeit Männer äußerst selten. Wenn wir Theodors Geburtsjahr nach 1631 annehmen, dann wäre er bei seiner Verheiratung 1650 19 Jahre alt oder jünger gewesen. Er hätte außerdem eine Frau geheiratet, die ebenso alt gewesen wäre (das Geburtsjahr der Marie Elisabeth Gelf -worüber wir nicht unterrichtet sind - errechnet sich aus dem Geburtenrhythmus ihrer Geschwister - etwa zweijährig - somit 1631/32), was wiederum dem Brauch der Zeit widerspricht. Theodor wäre dann mit 19 Jahren Zunftvorstand geworden (1651). Man kann sich nicht recht vorstellen, daß er mit 19 oder 20 Jahren Meister seines Handwerks sein konnte. Aus diesen Gründen hat die Annahme seines Geburtsjahres um 1617/18 mehr für sich. Er hätte demnach mit 33 Jahren geheiratet. - Da er in seiner Trauurkunde von 1650 als Ort seiner Herkunft Mons angibt, kann man annehmen, daß er damit nicht seinen Wohn- und Tätigkeitsort, sondern den Ort seiner Geburt meint. So heißt es ja auch ganz logisch in der Immatrikulationsurkunde von 1648 seines Bruders Johann Franz Thomas in Würzburg „Montensis“, aus Mons.

Grund und Zeitpunkt seiner Übersiedlung nach Seliqenstadt
Anders als bei der Einwanderung der „wallonischen Tuchmacher“ lagen wohl die Verhältnisse bei Theodor: fünf nahe Verwandte hatten bereits in dieser Gegend Fuß gefaßt. Sein Bruder Wilhelm und sein Onkel Johann Colchon waren gut versorgte, angesehene Kanoniker eines sehr prominenten geistlichen Stiftes in Aschaffenburg; sein Onkel Leonard Colchon war Abt des Benediktinerklosters in Seligenstadt; sein 3. Onkel Theodor Colchon (man ist versucht, in ihm Theodors Taufpaten zu vermuten) hielt sich übrigens 1636 als 31 jähriger Kanoniker vorübergehend in Mainz auf, und Theodors jüngerer Bruder Johann Franz Thomas studierte Jura in Würzburg.

Die erste Begegnung mit einem „Seligenstädter“ hatte Theodor wohl durch die unfreiwillige Rückkehr seines Onkels, des Seligenstädter Abtes Leonard Colchon, 1639 bis 1641 in Lüttich. Hier mögen die ersten Fäden geknüpft morden sein. Ob, wie bereits oben vermutet, die politische Lage seines Vaters (oder Großvaters) seiner und der Entscheidung seiner beiden Brüder nachgeholfen hat, bleibt noch zu untersuchen. Jedenfalls liegen der erschlossene Zeitpunkt des Todes seiner Eltern und der seiner Übersiedlung nach Seligenstadt nur etwa drei Jahre auseinander (frühestens 1647 und spätestens 1650),

Theodors Beruf
Ob es gerechtfertigt ist, Theodor als „Tuchmacher“ zu bezeichnen, bloß weil er Mitglied und Vorstand der Wollweberzunft war, bleibt offen. Einiges deutet darauf hin, daß er sich in kaufmännischen Unternehmungen betätigte, die möglicherweise mit dem Tuchhandel, aber sicher mit dem Weinhandel zu tun hatten. Immerhin läßt sich sein Besitz noch bei seinen Enkeln nachweisen, die sowohl die Wollweberei wie das Gastwirtsgewerbe (vielleicht auch die Bierbrauerei) betrieben. Die Ansicht, daß sich die Zunftmitglieder zu ihrem Vorstand nur jemand wählten, der von ihrem Gewerbe etwas verstand, ja sogar etwas mehr als die anderen, ist nicht zu übersehen.

Herkunft seiner Geldmittel
Wenn der Abt Colchon in einem Brief aus dem Jahre 1647 das väterliche Erbe einer Schwester des Theodor mit „400 Imperialen“ (es handelt sich wohl um Reichstaler = etwa 26 g Silber mit Vorbehalt auf das Jahr 1908 umgerechnet etwa 2080 Mark, ohne Berücksichtigung der zu vermutenden wesentlich höheren Kaufkraft um 1647) angibt (das mütterliche Erbe wird nicht erwähnt ), so ist anzunehmen, daß Theodor mindestens ebenso viel Geld ererbt hatte. Da Theodor etwa 13 bis 14 Jahre älter als diese Schwester gewesen sein muß, ist anzunehmen, daß er bereits über eigenes Vermögen verfügte, das er bei seiner Übersiedlung nach Seligenstadt flüssig gemacht haben muß. Hiermit und mit der möglicherweise ansehnlichen Mitgift seiner Frau konnte er dann die beachtlichen Häuser- und Grundstückskäufe tätigen (nach 1651).

Daten zum Leben des Theodor Dalken
1617/18  oder (aber weniger wahrscheinlich) nach 1631 in Lüttich oder Mons geboren
1621 Bruder Guillaume in Lüttich geboren
1622/ 23 Übersiedlung der Familie nach Mons
21.09.1625 Wahl seines Onkels Leonard Colchon zum Abt des Benediktiner-Klosters in Seligenstadt
1630/ 31 Rückkehr der Familie nach Lüttich
1631 Schwester Cathérine in Lüttich geboren
1634 Schwester Marie- Claire in Lüttich geboren
17.11.1635 sein Onkel Joh. Colchon Kanonikus in Aschaffenburg sein Bruder Wilhelm Dalken Kanonikus in Aschaffenburg
1639-1641 Flucht seines Onkels, des Abtes Colchon, nach Lüttich
1647 oder wenig vorher Tod seiner Eltern
19.12.1648 Immatrikulation seines Bruders Joh. Franz Thomas an der Würzburger Universität
1650 oder wenig vorher Übersiedlung nach Seligenstadt
12.07.1650 Heirat mit Marie-Elisabeth Gelf
1651 Mitglied der Wollweberzunft und erstmals Zunftvorstand
1651 und folgende Jahre beachtliche Haus- und Grundstückskäufe
1651 Zulassung zur Konfraternität des Bursfelder Generalkapitels
21.11. 1651 Sohn Johann Leonhard getauft
03.02.1653 Sohn Wilhelm getauft
29.10.1653 Tod seines Onkels, des Abtes Leonard Colchon
04.01.1655 Tochter Anna-Eva getauft, † 1656
1656/57 zum zweitenmal Zunftvorstand
28.05.1658 Tochter Katharina getauft
21.01.1659 Heirat seines Bruders Joh. Franz Thomas mit der Witwe Mang in Großostheim
28.05.1660 Tochter Marie-Ursula getauft
1660/61 zum drittenmal Zunftvorstand
04.11.1662 Tochter Marie-Margarethe getauft
03.07.1663 Tod seiner ersten Frau Marie-Elisabeth
03.03.1663 Tod seines Onkels, des Kanonikers Johannes Colchon, in Aschaffenburg
1666 Ratsherr und Baurentmeister (Bürgermeister)
1669 oder später Tod seines Bruders Joh. Franz Thomas in Aschaffenburg oder Großostheim
1669/70 zum viertenmal Zunftvorstand
19.04.1670 Tod seines Bruders, des Kanonikers Wilhelm, in Aschaffenburg
1673 abermals Baurentmeister
1690 zweite Ehe mit Marie, Witwe des Aegid Nicola
19.09.1692 als Ratssenior gestorben


Nachtrag aus 2006

Theodor/Dieter/Dieterich Dalken - Seine Immobilien in Seligenstadt

Seit einiger Zeit sind wir im Besitz der Kopie einer Urkunde, die über die Immobilien des Theodor im Jahr 1651 Auskunft gibt. Es handelt sich um die Gütererhebung M 2 Nr. 37 fol. 90 aus dem Staatsarchiv Würzburg (
Von Rechtsanwalt Dr. Heinrich Fußbahn, Aschaffenburg).
Wir erfahren daraus, dass Theodor sofort nach seiner Übersiedlung nach Seligenstadt (1647/48) und seiner Verheiratung (1650) umfangreiche Immobilienkäufe vornahm. Wir wissen, dass er - wie wahrscheinlich seine Geschwister auch - nach dem Tode seines Vaters Thomas (1646/47) 1000 Imperialen erbte; das entspricht etwa 3000 Gulden, so dass man sagen kann, alle Kinder waren nach dem Wegzug aus Lüttich finanziell gut ausgestattet. 3000 Gulden waren etwa 150 Morgen Ackerland wert (
Seibert, Sippenbuch, Stadt und Zent, S. 60).

Gütererhebung des Theodor

Nach dem Ende des 30-jährigen Krieges und der kurz vorausgehenden Pest hatte Seligenstadt einen erheblichen Bevölkerungsverlust hinzunehmen (geschätzt 80%). Die Stadt wird dankbar gewesen sein, dass nach meinen Unterlagen wenigstens 30 wallonische Familien zuzogen, alles Handwerker, meist Wollweber, die in der Lage waren dazu beizutragen, dass sich die wirtschaftliche Lage der Stadt schnell besserte.
Dazu gehörte auch die Erhebung von Steuern. Für viele Zuwanderer galt allerdings eine zeitlich begrenzte Steuerbefreiung des Kurfürsten-Erzbischofs von Mainz. Grundlage für die Steuerbemessung war die Feststellung des Immobilienbesitzes, und um eine solche handelt es sich in dem vorliegenden Güterverzeichnis des Theodor/Dieter Dalken. Die Zeilennummerierung beginnt mit Nr. 1 bei „Theodorus dalckhenn":

1              Theodorus dalckhenn
2              Sein Wohnbehaussung undt
3              Ein haus sampt Einer scheuer, von seiner
4              Hausfrauen
5              Äckher von ihro                                                29 1/2 Morgen
6               Wiesenn                                                                6 Morgen 7 rüden
7              Grassgärthen                                                        3/4 M(o)r(gen) 1 1/2 ruden
8              Grabgarthen                                                            1 V(ie)r(te)l 26 ruden

9              Von Hannss Reüssen dem alten erkaufft, an
10             Äkchern  
                                                       27 1/2 Morgen 4 ruden
11             Wiesenn                                                           3 1/2 Morgen, 1 1/4 ruden
12             Grassgärthen                                                          3 V(ie)r(te)l, 13 1/2Druden
13             Grabgarthen                                                     32 3/4 ruden
14             p (festgelegter Wert)                                          340 fl.



Erläuterung der Zeilen:
Zeile 1
Der Vorname ist in lateinischen Buchstaben geschrieben. Er wird noch nicht Diet(h)er, Diederich wie später  genannt. Der Familienname ist deutsch geschrieben. Zweimal liegt die merkwürdige  Konsonantenverdoppelung vor: k > ck, n > nn und h zu Beginn der zweiten Silbe könnte man sich als  ach-Laut gesprochen vorstellen.

Zeile  2/3  
Einleitend wird sein Wohnhaus genannt sowie die Mitgift seiner Frau aus Gelfischem Besitz.

Zeile 5/8  
Seine Frau Maria Elisabeth, Tochter des Ratsherrn Johann Gelf und dessen Frau Ursula Grüninger, brachte umfangreichen Besitz in die Ehe (1650), das in Zeile 3 erwähnte Haus sowie das zu 5 - 8 gehörige.

Zeile 5 und 10:     
Die Äcker dienten wie die anderen landwirtschaftlichen Flächen der Selbstversorgung der „Ackerbürger", d. h. in bescheidenem Umfang waren die Bürger und Handwerker auch Bauern.

Zeile 6 und 11:   
Die Wiesen brauchte man für Heu für eine oder zwei Kühe und eventuell einen Arbeitsochsen.

Zeile 7 und 12:   
Unter Grasgärten verstand man Weideflächen, wo auch Obstbäume wuchsen.

Zeile 8 und 13:       
Die Grabgärten wie die Grasgärten hatten nur einen geringen Umfang. In den Grabgärten wurde Gemüse   und sonstiges für die tägliche Küche angebaut, im wesentlichen Kraut.

Zeile 9      
Hans Reuß aus einer alten Bierbrauerfamilie (s. Seibert, Sippenbuch, Stadt und Zent..., S. 218) war in der Bender- (Fassmacher-) und Brauerzunft eingetragen. Mag sein, dass mit dem Erwerb von dessen Haus auch  Braugerechtsame auf die Dalken übergingen, wovon Theodors/Dieters Sohn Leonard nach dem Tod seines Onkels Johann Colchon profitierte. Er hatte, wie bekannt, eine Brauerlehre in Aschaffenburg abgeschlossen.

„Morgen" bedeutete ursprünglich die Fläche, die ein Bauer mit einem Gespann an einem Morgen (Vormittag) pflügen konnte, etwas über 3000 qm.

Die Rute, hier „rüde", ist ein Längenmaß, in Hessen damals 4 m. Gemeint sind hier Quadratruten.

Theodor/Dieter besaß also unmittelbar nach seinem Zuzug nach Seligenstadt und nach seiner Verheiratung über 70 Morgen Land, das sind etwa 21 Hektar. Damit erreichte er die Untergrenze dessen, was man damals als einen Großbauern bezeichnete. Seiner Herkunft und Ausbildung nach (wenn es denn stimmt, dass er Tuchmacher war, was eher zu bezweifeln ist, wie mehrfach schon erläutert ) dürfte er das Land nicht selbst bewirtschaftet haben. Sein Immobilienerwerb war wohl eine Geldanlage und Vermögenssicherung.

Diese Liegenschaften wurden 1651 auf einen Steuerwert von 340 fl (= Florin = Gulden) geschätzt. Zur Taxierung des Wertes dieser Summe muss man von Vergleichswerten ausgehen. So kostete 1633 in Seligenstadt eine Kuh 11 fl und 10 Malter (um 590 kg) Hafer 20 fl (
Seibert, w. o. S. 6). 1677 hatte sich Theodors Besitz erheblich vermehrt (s Seibert, w.o. S.101 und 193): Er besaß fünf Häuser, zwei Bauplätze und 80 Morgen (etwa 25 ha) Feldgüter.

Der erwähnte Hans Reuß der Alte ist der bei Seibert, Sippenbuch S. 21 7 aufgeführte Johann III der Alte. Er war Bender und Brauer, Handwerke, zu denen sich auch Theodors Sohn Leonard bekannte. Wie er in eine lebensgefährliche Verquickung mit der Familie Reuß geriet, wurde hier dargestellt. Seine „Flucht" aus Seligenstadt und der fast ein Jahrzehnt dauernde Einsatz in portugiesischen Marinediensten war für die damalige Zeit eine ganz große Herausforderung und ein großes Risiko. Er setzte als der einzige männliche Nachkomme des Theodor/Dieter die Stammfolge bis auf unsere Tage fort.

www.dalquen.info