Der Tod des Nicolaus Dalquen
Weitere Auszüge aus dem „Seligenstädter Anzeiger" des Jahres 1912

 
Aus Nah und Fern.
Seligenstadt, den 23. Juli 1912. Das Leben eines jungen Mannes durch einen sicher geführten Messerstich vernichtet.

Die großes Entsetzen unter der hiesigen Bevölkerung hervorrufende Kunde durcheilte am gestrigen Montage in aller Frühe schon unsere Stadt. Das Zentrum derselben - unmittelbar am Marktplatz - war Zeuge dieser schauerlichen Tat. Es liegen folgende Einzelheiten dem Tatbestande zu Grunde: Beim Tagesgrauen trat der 27jährige Küfer* N[ikolaus] Dalquen (Peter Nicolaus Dalquen, * 1.11.1885, Sohn von Hermann Joseph Dalquen und Katharina geb. Beike)  mit dem 24jährigen Arbeiter A[dam] Luft  (Adam Luft, *28.6.1888, Sohn von Johann Adam Luft und Elisabetha geb. Stenger ) von einer besuchten Tanzbelustigung den Heimweg an, als beim Vorübergehen am A[braham] Stein’schen Wohnhause (Haus Aschaffenburger Straße 2)  der dort sich aufhaltende 23-jährige Handlungsreisende W. Voigt nach einer kurzen Herausforderung dem N[ikolaus] Dalquen einen Stich mit einem langen Messer in die Schlagader des rechten Oberschenkels versetzte. Der Täter flüchtete hierauf in seine Wohnung. Der Verletzte suchte mit Hilfe seines Begleiters die Wohnung des Arztes auf, die er jedoch unter ständigem Verschwinden seiner Kräfte nicht mehr zu erreichen in der Lage war. Bis in die Nähe des J[ean] Hofmann’schen Anwesens in der Bahnhofstraße (damals Haus Bahnhofstraße 17, heutige Hausnummer 15)  angekommen, sank er trotz Aufbietung aller seiner Kräfte zusammen, dem auch alsbald der Tod infolge Verblutung folgte. In einer großen Blutlache konnten Mutter und Angehörigen den so tragisch ums Leben gekommenen jungen Manne auffinden. Das Motiv zur Tat ist ein vorausgegangener Wirtshausstreit, der in beleidigenden Vorwürfen  seinen Anfang  genommen hatte und eigentlich mit dem Getöteten keinerlei Beziehung hatte. Die Untersuchung ist bis jetzt noch nicht zu Ende geführt; die Staatsanwaltschaft wird dieselbe weiter fortsetzen. Voigt leugnet bis zur Stunde die Tat, verwickelt sich aber bei neuen Vernehmungen in Widersprüchen; er gibt an, in Notwehr gehandelt zu haben. Großes Mitleid wendet sich seinen Eltern zu, die einen durchaus ehrbaren Ruf genießen. Gestern Nachmittag wurde er bei Sezierung der Leiche gegenübergestellt und trug bei seiner Vernehmung ein auffallend kühles Wesen zur Schau.
Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 58 (50. Jahrgang) Mittwoch, 24. Juli 1912-Seite 2



Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 58 (50. Jahrgang) Mittwoch, 24. Juli 1912- Seite 4 Todesanzeige

Aus Nah und Fern.
Seligenstadt, den 26. Juli 1912. Ein hochwichtiger Tag steht morgen für die Wähler Seligenstadts, resp[ektive] auch den Haussöhnen, letzteren jetzt künftig nach der neuen Landgemeindeordnung, vor der wir an anderer Stelle einen Auszug zum Abdruck bringen, bevor. Sie sollen wiederum nach neun Jahren durch ihre Stimmabgabe entscheiden, wer ihre Interessen und die des städtischen Gemeinwesens für die nächste Amtsperiode vertreten soll. Dieser Frage noch einmal in den letzten Stunden näherzutreten ist Pflicht eines jeden dazu Berufenen und er wird nach Lage der Sache sehr leicht ein gewissenhaft unparteiisches Urteil zu fällen vermögen. Es ergeht von dem Wahlkomitee an die hiesige Wählerschaft der Ap[p]ell, unseren seitherigen bewährten Bürgermeister, Herrn David Singer, nicht nur wiederzuwählen, sondern es als eine dringende Pflicht zu betrachten, unser bisheriges Stadtoberhaupt und unsere Stadt durch einen glänzenden Wahlsieg zu ehren. Dieser Aufruf wird gewiß nicht unbeherzigt an das Ohr der Wählerschaft erklingen, er fordert nur Wertschätzung, die unserem Herrn Bürgermeister für seine bestens geleiteten Verwaltungsgeschäfte gebührt. Werde deshalb, wie es weiter heißt, der 27. Juli zu einem Ehrentag für die ganze Gemeinde!

     Auf die heute Abend im „Riesen“ stattfindende Wählerversammlung sei in letzter Stunde nochmals hingewiesen. Wie wir vernehmen, begegnet die Versammlung allgemeinem Interesse in der Bürgerschaft Seligenstadts, weshalb eine anregende Aussprache und ein starker Besuch zu erwarten steht, handelt es sich doch um die ureigensten Interessen der gesamten Einwohnerschaft.
     
      § Die neue Vernehmung des Täters Voigt haben noch keine anderen Momente als die zu Anfang gebracht. Er beharrt darauf in Notwehr gehandelt zu haben. Doch sind die Zeugenaussagen demgegenüber schwer belastend. Seine Überführung nach Darmstadt wird voraussichtlich nicht vor der nächsten Woche erwartet.
Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 59 (50. Jahrgang) Samstag, 27. Juli 1912-Seite 2

Eingesandt.
Für nachstehende Zeilen übernimmt die Redaktion dem Leserpublikum gegenüber keinerlei Verantwortung.
Am letzten Dienstag fand hier die erste sozialdemokratische Beerdigung statt. Wenn man Zeuge einer solchen Feier ist, kommen einem gar sonderbare Gedanken. Welchen Sinn hat denn eigentlich vom Standpunkte der Sozialdemokratie aus eine solche Veranstaltung? Sie ist vollständig sinnlos. Wenn alle Völker ihre Toten ehrten, und auch wir heute noch den Leichnamen durch eine feierliche Bestattung eine besondere Ehre erweisen, so liegt diesen Veranstaltungen der Glaube an ein ewiges Leben und an eine einstige Auferstehung zu Grunde. Die Leiber sind gleichsam nur Samenkörner, die wir in die Erde senken, damit sie zu einem neuen, höheren Leben auferstehen. Von diesem Standpunkte aus begreifen wir die Ehre, die wir den Leiber[n] unserer Verstorbenen erweisen. Sie sollen verklärte Tempel der unsterblichen Seele werden.
Wem gilt nun aber die Ehre bei einer sozialdemokratischen Totenfeier? Einem bereits in Fäulnis übergegangenen Körper, der sich bald in ein Häufchen Asche auflöst und damit für immer in die „Allmutter Erde“ zurückversinkt. Denn an ein ewiges Leben glaubt die Sozialdemokratie nicht. „Leb’ wohl auf Nimmerwiedersehen“, das ist ihr einziger Trostspruch am Grabe der Verstorbenen. Und auf eine Auferstehung hofft sie nicht. Wahrlich ein würdiger Gegenstand für eine Totenfeier! Doch sie hat auch eine ernste Seite.
Eine solche Feier ist eine Demonstration gegen alles, was einem Christen, ja jedem gläubigen Menschen das Höchste und Heiligste ist. Sie ist eine Demonstration des Unglaubens. Das mögen sich auch alle jene „guten Christen“ merken, die eine derartige Veranstaltung durch ihre feierliche Teilnahme verherrlichen helfen.
„Christentum und Sozialdemokratie stehen sich einander gegenüber wie Feuer und Wasser“ sagte Bebel und der muß es doch wissen. Ein Augenzeuge.

Es ist schon oft bemerkt worden, daß beim Viehtransport von der Bahn nach den Stallungen der Händler die Schuljugend in sehr reichem Maße beteiligt ist, besonders jetzt in den Ferien. Nicht nur, daß es für jeden nachlaufenden Jungen (viele trieben dabei das Vieh sogar) gefährlich ist, gibt es auch Jungen, die in einem das Vieh mit den ihnen von den Händlern übergegebenen Stöcken zu schlagen gewohnt sind. Diese Ro[h]heit und Unsitte gehört von maßgebenden Stellen, wie Schule und Stadt aufs schärfste verboten und dürfte auch beim Ausladen von Vieh an der Bahn unseren Vierfüßlern mehr Schutz entgegengebracht werden, denn vor noch nicht allzu langer Zeit fiel von Hieben und Striemen bedeckt, ein Stück Vieh auf der Straße zusammen. Von maßgebender Stelle bittet man um Abhilfe. - Einer für Viele.

Anmerk[ung] der Red[aktion]: Zu dem letzteren geschilderten Falle ist von einem Tierschutzfreund, der zufällig Augenzeuge war, bereits Strafanzeige erstattet worden und könnten nur solche unnachsichtliche Denunziationen ein wirksames Vorbeugungsmittel für derartige Ro[h]heiten werden.

Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 59 (50. Jahrgang) Samstag, 27. Juli 1912 - Seite 2



Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 59 (50. Jahrgang) Samstag, 27. Juli 1912 - Seite 3 Todesanzeige

Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 60 (50. Jahrgang) Mittwoch, 31. Juli 1912-Seite 2

Eingesandt.
Für nachstehende Zeilen übernimmt die Redaktion dem Leserpublikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Der Sozialdemokrat mit dem Weihwasser.
Vor 8 Tagen erörterte an dieser Stelle ein Einsender den Widersinn einer sozialdemokratischen Totenfeier. Ein kleiner Nachtrag dazu sei heute gestattet.
Es ist nämlich eine durch Zeugen beweisbare Tatsache, daß bei der letzthin stattgefundenen sozialdemokratischen Beerdigung einige Genossen den Sarg mit - Weihwasser besprengt haben. Wir griffen uns an den Kopf, als wir das hörten. Ein Sozialdemokrat und Weihwasser - wer lacht da nicht? Sonst können sie sich doch nicht genug tun in Verhöhnung und Verspottung christlicher Gebräuche und hier, wo sie doch ganz unter sich waren, wo sie doch gar keine Rücksicht aus Menschenfurcht hätten zu nehmen brauchen, da machen sie selber diesen „Hokuspokus“, wie sie sich geschmackvoll ausdrücken. Ja, wenn ein Christ der Leiche seines Mitbruders das Weihwasser gibt, dann hat das einen Sinn, dann bedeutet das: das Blut Christi - davon ist das Weihwasser bekanntlich Sinnbild - möge die Seele des Entschlafenen abwaschen von den anhaftenden Fehlern, damit sie alsbald in die ewige Herrlichkeit eingehe. Aber ein Genosse? - Der glaubt ja nicht an eine unsterbliche Seele und an eine Ewigkeit (Genosse Kaul hat es ja in seiner Grabrede gesagt: Bei uns gibt’s kein Wiedersehen.) - den Himmel überlässt er den Engeln und den Spatzen, noch viel weniger gibt’s bei ihm eine Erlösung durch das Blut Christi. Noch einmal also: Wozu das Weihwasser? - Wahrhaftig, die hiesigen Genossen können sich nicht rühmen, besonders „zielbewußt“ zu sein. Es sind arme betrogene Geschöpfe, die den Steigbügel halten dürfen, damit politisch Ehrgeizige sich in den Sattel schwingen können.
Ein Unpolitischer.
Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 61 (50. Jahrgang) Samstag, 3. August 1912 - Seite 3

Eingesandt.
Für nachstehende Zeilen übernimmt die Redaktion dem Leserpublikum gegenüber keinerlei Verantwortung.
Eine Erwiderung auf das Eingesandt im „Seligenstädter Anzeiger“ Nr. 59 dachten wir uns sparen zu können, da dasselbe in seinem Inhalt einer Kritik nicht wert war. Wenn alle Völker ihre Toten ehren, wie der Augenzeuge meinte, wer kann es uns wehren, wenn wir unserm Genossen und Freunde die letzte Ehre erweisen. -
Doch das zweite Eingesandt in Nr. 61 mit dem Titel: „Der Sozialdemokrat mit dem Weihwasser“ hat uns bewiesen, daß eine gewisse unpolitische Seite arg verschnupft ist und durch derartige höhnische Bemerkungen ihrem drängenden Herzen Luft macht.
Vielleicht gestattet der Unpolitische die Frage: Hätte der erste Genosse recht gehandelt, wenn er das Gefäß ohne weiteres bei Seite gestellt hätte? Welches Gejammer über sozialdemokratische Unduldsamkeit.
Etwas mag dem Unpolitischen unterlaufen sein, wenn er meint, die Genossen seien ganz unter sich gewesen, warum denn das Gejammer des Augenzeugen über die guten Christen, die einer derartigen Demonstration beigewohnt haben?
Der Unpolitische sieht, daß es uns ernst ist mit dem Satze unseres Parteiprogramms: „Erklärung der Religion zur Privatsache.“ Trotz aller Beschimpfungen werden wir auch in Zukunft unsern Weg selbst wählen.
Mehrere Genossen.

Anmerk[ung] der Redaktion: Nachdem nun beide Teile in nächster Nummer dieses Blattes nochmals an dieser Stelle zu Worte kommen können, schließen wir alsdann die Spalten unseres redaktionellen Teiles und verweisen weitere Einsendungen in den Inserententeil.

Quelle: Seligenstädter Anzeiger Nr. 62 (50. Jahrgang) Mittwoch, 7. August 1912 - Seite 3


Peter Nicolaus Dalquen, * 1.11.1885,
22.7.1912


* Küfer  ist ein handwerklicher Beruf  ( auch Böttcher, Büttner (in Franken), Schäffler (in Bayern) oder Fassbinder, Kübler, Fassler genannt), bei dem Fässer, Bottiche (daher der Name), Waschzuber und andere Gefäße (meist aus Holz) hergestellt werden.
Der Küfer ist außerdem noch für die Kellerarbeit bei der Weinherstellung zuständig. Seine Haupttätigkeit ist die Steuerung und Überwachung der Verarbeitung von Wein, Äpfeln und Obst zu Wein, Sekt, Most und Saft in Wein-, Sekt- und Apfelkellereien. Zu den weiteren Tätigkeiten gehören z. B. die Prüfung des optimalen Reifegrades der Früchte oder die Abfüllung und der Versand der Ware.

www.dalquen.info