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Geschichte
der Familie
Thomas
Dalken
- Leben in Terror
Lüttich- Ausschnitt aus dem Stadtplan von Blaeu (1627).
Im
Zentrum links die Maas- Insel ("l'Isle") mit der Katharinen- Kirche
(mitte) und Saint- Jean (links oben); rechts oben die Kathedrale
Notre-Dame-aux-Fonts (Taufkirche der Hl. Maria geweiht), danhinter das
fürstbischöfliche Palais
In
den Jahren 1892 und 1899 erschienen in Lüttich die beiden
gewichtigen Bände des Werkes von Camille de Borman
über die
Schöffen der unabhängigen Gerichtsbarkeit von
Lüttich.
Hierin ist gründlich auf die „souverains
mayeurs“ und
die „mayeurs en féaute“ eingegangen, zu
welch
letzteren Thomas Dalken gehörte. Aber er ist nicht mit seinem
Vornamen aufgeführt. Stattdessen lesen wir in Band 2, S.468:
„N. (=nescio, Name unbekannt) d’Alken, 1636. - Die
Gefangensetzung des mayeur Rossius erzwang die Neubesetzung seines
Amtes. Ein gewisser sieur (Herr) d’Alken tauchte zuerst in
den
Hofregistern in der Eigenschaft eines mayeur auf. Aber da er nicht mit
seinem Vornamen aufgeführt ist, konnte er nicht identifiziert
werden.“
Diese Identifizierung ist inzwischen zweifelsfrei gelungen. In Band 4
der Gerichtsakten (oeuvres) des Gerichtshofs von Celles und Saive zu
den Jahren 1637 bis 1677 erscheint er auf Blatt 1031 (=131) in einer
Urkunde vom 10.12.1648. Hier heißt es u.a.:
„...Thomas Dalken, einst Advokat und submayeur von
Lüttich und Damoiselle Marie Colson...“ (seine Witwe)
Hätte Borman seinerzeit diese Quelle gekannt, so
wären wir
heute wahrscheinlich weiter in der Frage nach den Vorfahren des Thomas
und nach seiner Sippe. Borman gibt nämlich zu
sämtlichen
Schöffen und sonstigen Richtern in Lüttich
umfangreiche
Quellen mit genealogischen Hinweisen an. Leider profitieren wir durch
die Weglassung des Vornamens Thomas nicht hiervon.
Die Umstände allerdings, unter denen der Rechtsanwalt Thomas
d’Alken/Dalken auf seinen Richterposten gelangte, lassen sich
mühelos rekonstruieren. Wie gesagt, löste er
„Rossius“ ab. Wer war Rossius und was brachte ihn
ins
Gefängnis?
Pierre (de) Rossius
wurde 1592 in Lüttich geboren. Mit 23 Jahren, 1615, wurde er
vom
Lütticher Fürstbischof Ferdinand von Bayern ins Amt
des
„sous-mayeur“ berufen. Er löste darin
seinen
Schwiegervater Louis Masillon ab. Er wird als Mann von seltener Energie
und seinem Fürsten höchst ergeben beschrieben. 1621
fiel er
wegen seiner Heißblütigkeit auf: Er drang gegen
alles Recht
und Gesetz in das Kloster Saint-Jean (Abbildung). ein unnd verhaftete den Kanoniker
Jean
Randaxhe. Das „Gericht der XXII“ verurteilte
Rossius zur Wiedergutmachung des Schadens.
1628 machte er wieder auf sich aufmerksam durch die Strenge seiner
Maßnahmen gegen Oppositionelle.
1631 verursachte er einen Aufruhr und brachte sich in höchste
Gefahr. Folgendes ereignete sich: Rossius machte seine Dienstrunde in
Begleitung seines Amtsdieners. Als er über die Brücke
zur
Maas-Insel kommt (Abb.).
begegnet ihm der für die Ausfallstraße Saint-Leonard
zuständige Capitain Philipp Renard. Statt mit einer Arkebuse
(Abb.links), einer kleineren Handfeuerwaffe, ist er mit einer
großen Muskete (Abb.rechts) bewaffnet.

Rossius verlangt Rechenschaft, warum er diese große Waffe
trägt und erhält die grobe Antwort: „Wegen
der
Verräter! „, womit er Rossius meint. Rossius zieht
seine
Waffe, zwei Schüsse lösen sich, und Renard wird
tödlich
verwundet. Rossius flieht. Das aufgebrachte Volk dringt in sein Haus
ein; es wird zerstört, Akten werden vernichtet.
Die Kinder und Verwandten wollen den Getöteten
rächen. Sie
wenden sich an den anderen sous-mayeur Donceel. Der will sie aber
verhaften lassen. Es kommt zu einer Schießerei: eine
Gewehrkugel
verletzt Donceel am Bein. Mit knapper Mühe entkommt er in ein
Nachbarhaus. Sein Haus wird geplündert wie das des Rossius.
Die
Plünderei weitet sich auf eine Tuchhandlung in der
Nachbarschaft
aus, schließlich auf das Haus des Erzdekans de Wachtendonck.
Endlich gelingt es den Bürgermeistern, wieder Ruhe zu stiften,
die
Ruhe vor dem Sturm.
Die Unruhen in Lüttich hatten eine lange Vorgeschichte. Wie
alle
geschichtlichen und politischen Ereignisse ihre tiefere Ursache und
einen mitunter ganz oberflächlichen Anlaß haben, so
lassen
sich für die z.T. katastrophalen Verhältnisse im
Lüttich
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende Ursachen
aufzählen:
Fürst des Landes Lüttich wurde 1612 nach dem Tode
seines
Onkels Herzog Ernst von Bayern dessen Neffe Herzog Ferdinand von
Bayern. Er regierte fünf geistliche Herrschaften: Als
Erzbischof
von Köln war er Kurfürst des Hl.Römischen
Reiches
Deutscher Nation. Zum gleichen Jahr 1612 übernahm er die
Bistümer Münster, und Hildesheim und im Jahre 1619
das Bistum
Paderborn. Er war einer der Führer der katholischen Liga im
30jährigen Krieg und somit Parteigänger des Kaisers.
Das Fürstentum Lüttich hatte sich seit alters zu
immerwährender Neutralität bekannt. Und nun
bescherten ihm
die Verhältnisse einen Fürsten, der Lüttich
in den Sog
kriegslüsterner, verfeindeter Nachbarn hineinzog. Das
katholische
Frankreich nämlich hatte sich unter Kardinal Richelieu mit den
deutschen Protestanten, den evangelischen Schweden und den
(mohammedanischen) Türken gegen den katholischen Kaiser
verbündet und suchte nun Verbindung zum Fürstbistum
Lüttich. Es wundert nicht, daß es unter den
Lüttichern
zu Parteiungen kam: die fürsten- und damit reichstreuen jungen
Männer erschienen irgendwann in diesen Jahren in einem
Kostüm
aus weißen Hosen und einem schwarzen Umhang, was ihnen den
Spitznamen „Schwalben“
(„Chiroux“ von
girondelles, hirondelles) einbrachte. Ihren frankreichorientierten
Gegner gaben sie den Namen „Grig-noux“ (grincheux,
grognards, Sauertöpfe, Langweiler, Miesmacher). So harmlos
sich
dies für den Anfang der Entwicklung anhören mag, so
entsetzlich sollte diese Parteiung enden. Aus unserer heutigen
politischen Sicht würden wir dazu neigen, die Chiroux im
rechten,
konservativen, staatsautoritären Lager anzusiedeln, die
Grig-noux
eher im bürgerorientierten („parti
populaire“),
sozialen, revolutionären, linken. Da aber solche Begriffe aus
einer viel späteren Zeit stammen, ist ihre Anwendung auf die
Verhältnisse in Lüttich in der ersten Hälfte
des
17. Jahrhunderts nicht gerechtfertigt, wenn auch gewisse Tendenzen der
bezeichneten Art nicht zu übersehen sind. Immerhin
können sie
- bei allem Vorbehalt- unser Verständnis erleichtern.
Nun taucht die Frage auf, in welcher Partei sich wohl Thomas und die
anderen Dalken zu Hause fühlten. Die hohen Staatsbeamten und
auch
die Richter und die Schöffen wurden vom Fürsten
ernannt bzw.
im Falle seiner Abwesenheit vom Rat des Fürsten, dem
„Conseil privé“. Absolute
Zuverlässigkeit im
Dienste des Landesherrn war wohl das hauptsächliche
Auswahlmerkmal. Und dies hat sicher auch die Ernennung des Anwalts in
Staatsdiensten als Nachfolger des Rossius bewirkt.
Thomas Dalken war dem Fürsten wohlbekannt. Wir entnehmen dies
einer Urkunde vom 22.8.1634. Es ist dies das bisher früheste
Dokument, in dem Thomas in einer amtlichen Funktion genannt wird. Worum
handelt es sich?
Anscheinend war es im Laufe der Zeit zu gewissen Rechtsunsicherheiten
gekommen. Die Justizverwaltung sollte gestrafft, effektiver und
durchsichtiger gemacht werden. Zu diesem Zweck wurden die
Zuständigkeiten der obersten Polizeiorgane klarer festgelegt
und -
so hat es den Anschein - gegenüber früherem Gebrauch
eingeschränkt. Dem „grand-mayeur“, dem
oberste
staatsanwaltliche und polizeiliche Gewalt anvertraut waren, und seinem
Stellvertreter, dem „sous-mayeur“, wurde das Recht
entzogen, Gebühren für Gesetzesübertretungen
selbst zu
erheben bzw. auf die Strafverfolgung und damit auf die
Gebührenerhebung zu verzichten. Hierfür sind nun
vereidigte
Einnehmer und die Gerichte zuständig. Grand-mayeur und
sous-mayeur
müssen sich ab sofort vor den Gerichten vertreten und
außerdem von Rechtsanwälten beraten lassen. Einer
dieser
Anwälte ist Thomas Dalken, sein Kollege Francois (de)
Fléron der uns noch später beschäftigen
wird. Damit
ist Thomas Mitglied einer Strafverfolgungsbehörde geworden.
Zwei
Jahre später, 1636, übernimmt er unter dramatischen
Umständen selbst das Amt eines sous-mayeur.
Parteibindung ist für die damaligen Verhältnisse
anders zu
sehen als heute. Sie hing mit beruflicher Tätigkeit zusammen,
mit
der Amtsautorität, mit der sozialen Verwurzelung z.B. im
Handwerk.
Parteiwechsel ist nahezu undenkbar, und wo er vorkam, war dies geradezu
revolutionär. Hinzukommt, daß politischer
Durchsetzungswille
sich damals sehr schnell mit Gewalt, Brutalität und
Maßlosigkeit verband. Und wer, wie die Partei der
„Schwalben“ unseres Thomas, zu den Unterlegenen
gehörte, der hatte auch erbarmungs- und widerspruchslos das
äußerst harte Schicksal des Besiegten über
sich ergehen
zu lassen, wie wir noch sehen werden.
Zurück zum Fürsten Ferdinand von Bayern. Er regierte
sein
Fürstentum Lüttich 38 Jahre und war nur
äußerst
selten in seinem Land. Als er 1631 nach siebenjähriger
Abwesenheit
erschien, waren die öffentlichen Unruhen auf einem ersten
Höhepunkt angekommen. Aus einem - wie es uns heute erscheinen
muß- unerheblichen Rechtsstreit hatte sich eine Situation
entwickelt, die den „Conseil privé“, den
„persönlichen Rat“ des Fürsten,
bestehend aus
Kathedral-Kanonikern und Laien, darunter zwei Schöffen,
veranlaßte, eine Art Verfassungsergänzung zu
verkünden.
Hierbei fühlten sich die Bürger der Stadt
Lüttich
übervorteilt. Der ehemalige Bürgermeister Beeckman
machte
sich besonders stark für die Stadt. Rossius ließ ihn
gerichtlich verfolgen. Aber 1628 sprach ihn das Gericht frei. Die
Angelegenheit wurde 1629 durch die Besetzung Lüttichs durch
zwei
deutsche Regimenter des Generals Tilly übertönt. Die
Bürgermeisterwahl im gleichen Jahr führte allerdings
zu einer
Revolte. Nach der Wahl der Bürgermeister Raes de Chockier und
Michel Selys stürmten die Bürger das Rathaus, worauf
die
beiden zurücktraten. Sie überließen dem
o.e. Beeckman
und Mathias Sani dieses Amt. Diese beiden wiegelten 1631 das Volk gegen
den Versuch des Gerichts auf, zusätzliche Soldaten zur
Wiederherstellung der Ordnung auszuheben. Einer der
Aushebungsoffiziere, Jaminet, wurde vom Mob verhaftet, durch die
Straßen gehetzt und so verstümmelt, daß er
ein paar
Stunden danach starb.
In dieser Situation erscheint Ferdinand von Bayern. Er verlangt die
Unterwerfung jedes Bürgers, der dies vor seinem
zuständigen
Pfarrer protokollarisch zu erklären hat.
Inzwischen stirbt Bürgermeister Beeckman, nach
Gerüchten im
Volk an Gift. Sein Nachfolger, Bürgermeister Sebastien La
Ruelle,
verbietet den Pfarrern, diese Loyalitätserklärungen
entgegenzunehmen. Die Richter, die Ratsmitglieder, die
Schöffen
werden erneut den Beleidigungen bewaffneter Bürgerbanden
ausgeliefert. Die meisten fliehen aus der Stadt, darunter der
Schöffe Dormael, der Taufpate des Laurentius Alken (1628).
Schließlich obsiegt die Vernunft oder vielleicht auch nur die
Berechnung; Bürgermeister La Ruelle wirft sich dem Domkapitel,
Vergebung für die Stadt heischend, auf die Knie. Der
Fürst
betritt seine Stadt und zieht einen Schlußstrich unter die
jüngste Vergangenheit, indem er eine allgemeine Amnestie
verkündet.
Erinnern wir uns, daß Thomas von 1620 bis
1630 in
Mons lebte. Vielleicht war dieser, allerdings nur
vorübergehende
Rückgewinn öffentlicher Ruhe 1631 der Grund seiner
Rückkehr nach Lüttich.
Die Gewalt
formiert sich
Eine
„Befriedung“ wie diese ist keine Lösung.
Sie konnte
den Grignoux, den Revolutionären, wie eine
Ermunterung,
zumindest als Schwäche erscheinen. Die Chiroux, die
staatstreuen
Fürstenanhänger, mußten sich fragen, ob
damit
genügend Sicherheit für den Fortbestand der
staatlichen
Ordnung gewährleistet war für den Fall der
nächsten
Abwesenheit des Fürsten. Mit politischer Weisheit war keine
der
beiden Parteien gesegnet. Beide waren beherrscht von der Durchsetzung
des Sieges und der Unterwerfung der Unterlegenen mit allen Mitteln.
Nachdem der Fürst das Land erneut verlassen hatte, rissen die
Grignoux unter ihrem Bürgermeister La Ruelle die Initiative
wieder
an sich. Die Stadt und das Land Lüttich waren in einer
verzweifelten Lage. Frankreich hatte sich wieder mit den evangelischen
„Vereinigten (niederländischen) Provinzen“,
den
evangelischen deutschen Fürsten und den Schweden gegen den
Kaiser,
die Spanier, die katholischen Niederlande und die katholischen
deutschen Fürsten vereinigt. Mitten darin lag das
„neutrale“ Fürstbistum Lüttich
(der Fürst
abwesend) mit einem Bürgermeister in der Hauptstadt, der es
offen
mit den Franzosen hielt und keine Gelegenheit ungenutzt ließ,
die
Autorität des abwesenden Fürsten zu unterminieren.
Ferdinand entschloß sich, in sein Land
zurückzukehren, nicht
aber in die Stadt Lüttich, er gedachte von Huy aus zu
regieren,
wohin er die Ständeversammlung (1. Stand: Geistlichkeit,
2.Stand:
Adel, 3.Stand: Bürger) seines Landes einberief. Hiergegen
erhob
sich der Lütticher Stadtrat und verbot den
Bürgermeistern
rundweg die Teilnahme. Die Reaktion Ferdinands war katastrophal und -
so schädlich nachgiebig er bisher gehandelt hatte-
überzogen. Er beorderte im Februar 1636 den
kaiserlichen
Generalleutnant Jan de Weert mit einigen Regimentern Berittener und Fußsoldaten
nach
Lüttich, um die Stadt einzukreisen. Die Folgen dieser
Maßnahme gegenüber den Fürstentreuen in der
Stadt
läßt sich vorstellen. Die Gerichte stellten ihre
Arbeit ein:
Richter, Anwälte, Schöffen flohen aus der Stadt. Die
Angehörigen beider Parteien bekamen die Schrecken der
kroatischen
Soldateska zu spüren. Aber La Ruelle gab nicht auf.
Am 9.April 1636 gegen drei Uhr nachmittags trifft sich eine Gruppe
Verschwörer im Hause eines Schöffen am Alten
(Großen)
Markt (Abb.).
 |
Grand
marche - Großer (auch Alter
Markt (zur Lage dieses Marktes siehe Titelbild, oben rechts,
rechts
neben der Kathedrale Notre-Dame) |
Es
sind Geistliche, Offizieren und Zivilisten, alle im Dienste des
Fürsten, darunter der ehemalige Bürgermeister Selys.
Sie
wollen das Rathaus mit Gewalt nehmen und den Bürgermeister La
Ruelle und die Köpfe der Grignoux gefangen nehmen. Eine zweite
bewaffnete Gruppe wartet im Kloster Saint-Lambert (Abb.).
Selys will die Lage erkunden, begegnet aber dem
I. Bürgermeister La
Ruelle, der ihn nicht mehr aus dem Rathaus wegläßt.
Nun
formieren sich die Angreifer in drei Gruppen ohne ihren
Anführer
Sely.
Die beiden Sous-mayeurs Donceel und Rossius sind darunter. Ihr
plötzlicher Angriff wird von der Rathauswache
zurückgeschlagen. Es gibt Tote. Rossius wird an der Kehle
verletzt
und flieht in sein Haus im Bereich des Klosters Sainte-Croix, wo er
sich durch Klosterimmunität geschützt glaubt. Sein
Kollege
Donceel hatte sich beim Gefängnis verschanzt, muß
aber
ausweichen. Bürgermeister La Ruelle setzt nun Kanonen ein. Die
Ghiroux ziehen sich in der Abenddämmerung aus der Stadt
zurück. Rossius hat sich verrechnet. Keine Klosterfreiheit
schützt ihn. Man dringt in sein Haus ein, findet den
Schwerverletzten versteckt in einer Abstellkammer unter einer Treppe
und zerrt ihn ins Gefängnis. Sein Galgen wird auf dem
Marktplatz
errichtet. Es ist der selbe, den die Lütticher
Revolutionäre
in Oreye abgerissen und in die Maas geworfen hatten. Inzwischen hatten
sich die Kroaten zurückgezogen, auch aus Oreye. Und die
Lütticher hatten daraufhin die Schlösser von Jemappe
und
Oreye angezündet. Für erlittene Schäden
halten sie sich
am verlassenen Besitz der Chiroux schadlos.
1636 erbrachten die Wahlen zu den Bürgermeisterämtern
die
Festigung des vorherigen Regimes der Grignoux. Zur Herstellung
geordneter Verhältnisse gehörte aber vor allem ein
funktionsfähiges Rechtswesen, besonders die Besetzung des
Amtes
des mayeur, das durch die Gefangensetzung des verletzten Rossius vakant
geworden war. Das Ernennungsrecht lag beim Fürsten,
während
dessen Abwesenheit beim Conseil privé, seinem
persönlichen
Rat. Dieses Gremium ernannte den zwei Jahre zuvor als Anwalt beim
Grand-mayeur und den beiden mayeurs bestellten Thomas d'Alken nun zum
Nachfolger des Rossius. Thomas hatte dieses Amt nur kurz inne. Aus
einer Gerichtsurkunde aus Celles-lez-Waremme bei Saive wissen wir,
daß er zu diesem Zeitpunkt (1641)bereits verstorben war.
Die Schöffen zögerten verständlicherweise,
die seit etwa
einem halben Jahr geschlossenen Gerichte wieder zu eröffnen.
Somit
konnten die Prozesse gegen die Chiroux nicht aufgenommen werden. Bis zum Januar 1637 weigerten sie
sich. Nun wurden sie vom Rat der Stadt mit dem Verlust der
Bürgerrechte („de-publiés“) bestraft, und wer
sie auslieferte, dem wurde eine Belohnung von 50 patacons versprochen.
Die Schöffen brachten sich im bischöflichen Palais
und im
Kloster Saint-Lambert in Sicherheit; sie nahmen an, daß die
Immunität sie schütze. Aber die bewaffneten Massen
und
Bürgermeister La Ruelle mit seiner Garde erzwangen ihre
Übergabe gegen die Zusage ihrer Sicherheit. Zwei und zwei
wurden
sie nun zum Rathaus getrieben:
Pierre
de Kean und Georges Goeswin, Francois Paludanüs und Lambert de
Lapide, Eustache de Liverlo und Mathias de Wanzoul, Erasme de Loeffvelt
und Gilles de Soy, Francois-Edmont de Haling.
Schauen
wir uns die
Namen genauer an: Die Mean waren mit den Chockier und Blisia versippt
und diese mit den Lapide (auch „van den Steen“) und
den
Dalken. 1640 III 1 wird Johannes d’Alken getauft; sein Pate
wird
Gerg Goswin sein (s.S.325 zu Nr.2). Margrit expalude (=Paludanus, auch
„van den Broeck, U(y)tenbruck) ist 1613 II 11 Taufpatin der
Catherine Dalken (S.316, Nr.3). 1619 hatte Catherine de Trixhe am
Ehevertrag des Lambert de Lapidet und der Damoiselle Margarethe Navea
mitgewirkt. Catherine de Trixhe war die Witwe des Guillaume
Dalken/Dalkenne. Beim Vater des genannten Lambert, dem Notar Jean
Lapide, hatten 1609 Henry d' Alken und Marguaritte Mangis/Magies ihren
Ehevertrag ausgehandelt (S.218/219). Margurite Wansoule war mit Masset
de Trixhe verheiratet. Der entflohene Schöffe Laurent(ius)
(de)
Dormael (S.320) war 1628 II 6 Taufpate des Laurent Alken. Hieraus wird
überzeugend klar: Die Dalken/d’Alken/Alken
gehörten zu
einem Sippen- und Freundesverband der Partei der Chiroux. Mit anderen
Worten: Das Schicksal der Chiroux, der „Schwalben“,
war
mehr oder weniger ihr Schicksal, Ihre Übeltaten hatten sie
mitzuverantworten, die Folgen mitzuerleiden.
Doch nun wieder zurück zum Jahre 1637. Die gefangenen
Schöffen wurden freigesetzt unter der Auflage, die
Rechtsprechung
wieder aufzunehmen. Das taten sie verständlicherweise
zunächst durch die Verurteilung dreier weniger
einflußreicher Personen: Der Diener des mayeur Rossius und
der
Leihamtskontrolleur wurden zum Tode, der Diener eines
Geistlichen
zu 10jährigem Kerker verurteilt. Nach einigen Wochen gelang
letzterem der Ausbruch zusammen mit seinem Mithäftling Blisia,
eines Verwandten der Dalken (S.318).
Ein weiterer Ausbruch gelingt: Der meistgehaßte Chiroux
Rossius,
Schwiegersohn des ehemaligen Bürgermeisters Masillon
(Versippung
mit Chockier, de Trixhe und Dalken, s.S.318), erhält im
Gefängnis eine besondere Vergünstigung gegen eine
Kaution von
18.000 Gulden, ein riesiger Betrag, für den seine beiden
Brüder haften: seine eisernen Fußfesseln werden
entfernt.
Als zusätzliche Bewachung wird der Caporal Henry Goswin,
Besitzer
der Herberge „Zum weißen Löwen“
auf der Pont des
Arches (Bogenbrücke, Abb.), abgeordnet.
Den Schlüssel zum Verlies des Rossius trägt er immer
bei
sich. Doch Rossius gelingt der Ausbruch mit einem
Zweitschlüssel.
Goswin wird - unschuldig oder schuldig- verhaftet, festgesetzt und
kurz darauf von der Brücke aus, wo seine Herberge steht, in
der
Maas ertränkt.
Und nun steuern die Ereignisse ihrem entsetzlichen Höhepunkt
zu, der
Ermordung des
Bürgermeisters
La
Ruelle (16.04.1637)
Herzog Ferdinand von Bayern, Fürstbischof von
Lüttich, war,
wie könnte es anders sein, Vertreter einer politischen
Vorstellung, die noch ihrer Vollendung zustrebte: dem Absolutismus, der
unumschränkten Herrschaft. Obwohl es bis zur
Französischen
Revolution noch über 150 Jahre dauern sollte, nahm
Lüttich in
manchem diese Revolution vorweg. Die langen Abwesenheiten des
Fürsten entwöhnten sicherlich auch die
Bürger von jener
Hochachtung, die sie anderswo einem weise regierenden, geliebten
Fürsten aus einem seit vielen Generationen herrschenden Hause
entgegenbringen konnten. Andererseits war es aber auch nicht ein
Regiment der Angst und Unterdrückung, das die Bürger
unterjocht hätte. Irgendwo zwischen Übermut und
Unterwürfigkeit müssen die Empfindungen angesiedelt
gewesen
sein, von denen die handelnden Parteien getrieben waren. Der
Fürst
war gelitten, solange er die vielen in zähen und geschickten
Verhandlungen erwirkten Freiheiten anerkannte. Der Fürst
bediente
sich der ihm aus Sendung und Wahl zustehenden Rechte über sein
Volk.
Ferdinand von Bayern muß das Volk von Lüttich 1636
sehr
aufmüpfig und verdächtig vorgekommen sein. In einem
Manifest
vom 27.3.1636 schreibt er: „Die Lütticher, so wird
gesagt,
sind wie davonjagende Pferde, die jeder Art von Freiheit und Rebellion
nachjagen derart, daß unsere Stadt ( Lüttich) wie ein
Wald
voller Diebe wirkt, wo jeder recht und unrecht handelt, wie es ihm
paßt, gegen Bürger und gegen Fremde, ja wo man sogar
versucht, sich (der Herrschaft) zu entziehen und sich nach und nach vom
(deutschen) Reich zu lösen.“
Daß er sich
der
kroatischen Banden der Feldherren de Weert und Piccolomini bediente, um
sein Volk zu unterwerfen, entfremdete ihn in hohem Maße
seinen
Untertanen. Auch Priester und Kathedral-Kanoniker solidarisierten sich
mit den Bürgern und berichteten an Papst Urban VIII.
So
wird einigermaßen verständlich,
daß Bürgermeister La Ruelle (Abb.) Fühler
nach Frankreich ausstreckte,
ohne allerdings so weit zu gehen, daß man von einem
Hochverrat sprechen
könnte.
In diesem Augenblick biedert sich dem Fürsten eine sehr
zwiespältige Persönlichkeit an. Es ist der Graf von
Renesse, Herr von
Warfusée. Er war früher Finanzminister des
spanischen Königs in den
Niederlanden in Brüssel. Wegen seiner Mißwirtschaft
war er vertrieben
worden.
La Ruelle hatte ihn in Lüttich
aufgenommen, weil er annahm, daß Warfusée
verleumdet worden sei.
Warfusée denunziert La Ruelle beim Fürsten, er
bereite die Auslieferung
von Lüttich an die Franzosen vor- aus der Sicht der damaligen
Verhältnisse wohl nicht ganz zu unrecht.Um einen Beweis in die
Hände zu |
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kriegen,
hatte er sich eines ganz miesen Tricks bedient: Zwei
frankreichfreundliche Lütticher arbeiteten mit ihm ein
Dokument
aus, das er mitunterschrieb. Dieses Geheimdokument sollte dazu dienen,
La Ruelle und seinen Anhang beim Fürsten zu
verdächtigen.
Warfusée handelt nun in eigener Regie und Verantwortung.
Zwar
hat er sich dem Fürsten gegenüber zweimal angeboten,
den
Beweis des Landesverrats zu erbringen, aber zugleich macht er dies
abhängig von einer massiven Vermittlung des Fürsten
beim
Kaiser und beim spanischen König. Hierauf ging Ferdinand nur
sehr
zurückhaltend ein. Immerhin legte Warfusée dies so
aus, als
ob ein Einverständnis des Fürsten mit seinen
Plänen
bestehe. Hiervon kann jedoch nicht die Rede sein. Der Fürst
besteht nämlich auf der Aushändigung des
Geheimdokuments zur
Anklage gegen die Beteiligten. Aber damit hätte sich
Warfusée selbst ausgeliefert, da er das Dokument ja
mitunterschrieben hatte. Also muß er jetzt handeln. Am
16. April
1637 lädt er Bürgermeister La Ruelle zu einem Bankett
in sein
Lütticher Haus ein. Den Verrat an den Spaniern gedenkt er nun
durch einen Verrat an seinem Gönner und Vertrauten La Ruelle
zu
kompensieren in Erwartung eines Gnadenerweises der spanischen Regierung.
Warfusée hatte La Ruelle seine Karrosse geschickt, doch La
Ruelle wollte zu Fuß gehen. Er war begleitet von zwei
Männern seiner Garde, wovon einer bei Warfusées
Haus
zurück- und der andere in die Küche geschickt wurde.
Inzwischen treffen weitere Gäste ein: die Kanoniker Nyes und
Kerkhem, der Rechtsanwalt Marchand, der Abbe Mouzon, Kantor von
Saint-Jean, der Baron de Saizau mit Frau und Sohn. Das Bankett ist im
Erdgeschoß in einem Saal mit vergitterten Fenstern
angerichtet.
Nach dem ersten Gang wird auf das Wohl des französischen
Königs angestoßen. Kurz darauf betritt Gobert,
Warfusées Bediensteter, den Raum und flüstert ihm
etwas ins
Ohr. Gobert war beauftragt worden, eine rückwärtige
Tür
ins Haus offenzuhalten. Spanische Soldaten aus der Garnison von
Naivagne waren ins Haus eingedrungen. Eine andere Gruppe spanischer
Soldaten ist inzwischen vor dem Haus aufgezogen und legt die Gewehre
durch die vergitterten Fenster auf die Gäste an. Der
entlaufende
Mönch Grandmont betritt mit etwa 20 Soldaten den Raum.
Warfusée fordert auf, nachdem man auf den
französischen
König angestoßen habe, nun den Kaiser und den
Fürsten
hochleben zu lassen. La Ruelle weigert sich. Soldaten schleppen ihn aus
dem Saal. Warfusée wendet sich an die
zurückgebliebenen
Gäste: Dies alles geschehe auf Anordnung des Kaisers und des
Fürsten; die Stadt leide zu lange an der Unordnung; es sei an
der
Zeit, daß die Stadt zum Gehorsam zurückkehre. Danach
verläßt er mit Marchand u.a. den Saal, beschimpft La
Ruelle
im Hof als Verräter. Er zeigt ihm die angeblichen Befehle des
Kaisers und des Fürsten und befiehlt einen Geistlichen zu
holen,
der La Ruelle die letzte Beichte abnehmen soll. La Ruelle wird
gefesselt und auf die Frage, was er getan habe, erhält er die
Antwort: „Beruhigen Sie sich! Sie werden uns heute helfen,
das
Volk wieder mit dem Fürsten zu versöhnen!“
Warfusée wird beobachtet, wie er - laut gestikulierend -dem
Anwalt Marchand verschiedene Briefe zeigt. Inzwischen erscheint Gobert
mit zwei Dominikanern. Sie weigern sich, die Beichte abzunehmen. Dazu
seien sie nicht befugt. Darauf Warfusée: „Dann
wird er
eben ohne Beichte sterben! Tötet ihn !“ Grandmont
überbringt diesen Befehl. La Ruelle wird von der
bevorstehenden
Hinrichtung unterrichtet. Er versucht vergeblich, den beauftragten
Soldaten zu überreden. Einer der Dominikaner wird zu ihm
geschickt. La Ruelle bittet ihn, noch einmal mit Warfusée zu
reden. Der wiederholt seinen Spruch, La Ruelle werden heute das Volk
mit dem Fürsten versöhnen. Nun beichtet La Ruelle.
Der
Mönch verläßt danach das Gemach.
Warfusée
bestimmt drei Soldaten, La Ruelle zu töten. Diese weigern
sich, La
Ruelle habe ihnen nichts getan. Nun weist Warfusée seinen
Diener
Gobert an, es zu tun. Auch er weigert sich. Drei andere Soldaten werden
bestimmt. Von vier harten Schlägen am Kopf und an den
Schultern
verletzt, bricht La Ruelle zusammen. Degenstiche in die Brust geben ihm
den Rest. Seine Schreie verstummen. Der Mord ist vollbracht.
Die Gäste Warfusées sind entsetzt. Der Abbe Mouzon
protestiert heftig. Den Kanonikern Kerkhem und Nyes werden die
verschiedenen Schreiben Warfusées ausgehändigt mit dem
Auftrag,
sie in den verschiedenen Stadtvierteln bekannt zu machen. Sie verlassen
das Haus.
Inzwischen hat sich in der Stadt herumgesprochen, daß im
Hause
Warfusées etwas geschehen war. Die spanischen Soldaten waren
beim Überqueren der Maas beobachtet worden, bevor sie
Warfusées Haus betreten hatten. Da man wußte,
daß La
Ruelle an diesem Abend bei Warfusée eingeladen
war,
vermutete man einen Anschlag. Eine große Menge
Bürger hatte
sich vor dem Hause Warfusées versammelt. Ein Verwandter von
La
Ruelle und einige Bürger verlangen eingelassen zu werden. Der
Verwandte erkundigt sich in höflichem Ton nach dem Wohlergehen
Warfusées und La Ruelles besonders im Hinblick auf das
Erscheinen spanischer Soldaten, Warfusée beruhigt ihn. Sie
wollten weder Franzosen noch Holländer noch Spanier werden,
sondern neutrale Lütticher bleiben. La Ruelle habe
Lüttich an
Frankreich ausliefern wollen. Er habe Befehl gegeben, ihn zu
töten. Er zeigt ihnen entsprechende Briefe mit La Ruelles
Unterschrift. Die seien gefälscht, meinen die
Lütticher
Bürger, deren Menge sich draußen
vergrößert hat.
Sie wollen die Tür sprengen. La Ruelles Verwandter fordert
Warfusée auf, mit ihm die Menge zu beruhigen.
Warfusée
gerät in große Unruhe. Er verlangt, vor den
Magistrat
geführt zu werden. Die Bürger versprechen es. Aber
Grandmont
weigert sich, das Tor zu öffnen, und verlangt, daß
Warfusée bei ihnen bleibt. Nun wird Warfusées
Haus
gestürmt. Die Massen dringen ein. Die Spanier, die den Saal
mit
Warfusées Gästen und seinen vier Töchtern
bewacht
hatten, werden massakriert. Warfusées Töchter
werden ins
Rathaus gebracht. Der Baron de Saizau durchsucht nun mit
Bürgern
das Haus: sie finden La Ruelles Leiche.
Die übriggebliebenen Spanier verbarrikadieren sich in einem
Zimmer. Hier haben sie den leichtverletzten Warfusée auf ein
Bett gelegt. Die Eindringlinge verlangen die Herausgabe
Warfusées, und im Glauben, sich dadurch retten zu
können,
liefern sie ihn aus. Er wird durch die Stadt geschleppt, und auf dem
Marktplatz erhält er die erste schwere Stichverletzung. Er
rafft
sich auf; ein Beilhieb trifft ihn. Die wütende Menge fesselt
ihn
an den Füßen, reißt ihm die Kleider
herunter, treibt
ihn durch die Straßen und wieder zurück zum Markt,
wo er
aufgehängt wird. Kopf und Hände werden abgeschlagen.
Zwei
Tage später wird seine Leiche verbrannt und die Asche in die
Maas
gestreut. Dem Mönch Grandmont ergeht es nicht anders. Von den
60
oder 70 spanischen Soldaten entkommen nur zwei.
Die Rache des Volkes ist furchtbar. Der Schöffe Theodor Fléron
(s.u.) und der Anwalt Marchand werden als Verbündete
Warfusées angeklagt und auf barbarischste Weise umgebracht.
Der
Prior des Karmeliterklosters und der Rektor der Jesuiten werden als
Mitwisser verdächtigt und erdolcht. Ihre beiden
Klöster
werden verwüstet.
La Ruelles Leiche bleibt einige Tage in der Kathedrale Saint-Lambert
(Abb.) aufgebahrt
Eine feierliche Prozession von Handwerkern, voran die Zunftmeister mit
den Bannern, von Richtern, Beamten und Geistlichen begleiten die Leiche
zur Bestattung in der Kirche Saint-Martin-en-Isle an der Seite seines
Freundes, des Bürgermeisters Beeckman. Die Banner senken sich;
ein
Zunftmeister spricht einen feierlichen Eid vor: „Im Namen
Gottes,
der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Lambert, des Schutzpatrons der
edlen Stadt Lüttich und auf dem Grab des illustren
Märtyrers
schwören wir, unsere Vorrechte und. Freiheiten zu
verteidigen!“ Und die Menge ruft mit erhobener Hand:
„Wir
schwören es!“
Abb.Die Aufbahrung der Leiche La
Ruelles in Saint-Lambert
Die
Ermordung des Schöffen Theodor de Fléron
In diesen Tagen der Recht- und Gesetzlosigkeit, der blutigen
Rachegelüste, der Gier nach Lynchjustiz ist ein besonders
abstoßender Fall zu berichten. Am Sonntag, dem 3. Mai 1637,
also
etwa 14 Tage nach der Ermordung La Ruelles, wird der seit drei Monaten
amtierende Schöffe Theodor de Fléron beim Verlassen seines
Hauses
auf Geheiß des Bürgermeisters verhaftet. Er hatte am
4.Februar 1637 seinen Amtseid abgelegt. Unter den Zeugen ist der
68jährige Notar Jean Colson erwähnt; er ist der
Schwiegervater von Thomas Dalken. Vater des Theodor de Fléron war
Francois de Fléron. Dieser war 1634 zusammen mit Thomas Dalken zum
Anwalt beim Grand-mayeur ernannt worden.
Unter der Anklage, Komplize des Grafen Warfusée gewesen zu
sein,
wird Fléron zum Rathaus gebracht. Hier legt man ihm ein über
seiner Unterschrift abgeknicktes Schriftstück vor und fragt
ihn,
ob dies seine Unterschrift sei. Nachdem er es bestätigt hat,
wird
der abgeknickte Teil aufgedeckt, und Fléron liest zu seinem Entsetzen
sein gefälschtes Eingeständnis der Mitwisserschaft
und seine
Hilfsbereitschaft bei der Ermordung La Ruelles. Man verspricht ihm,
sein Leben zu schonen, wenn er gesteht; aber Fleron leugnet standhaft.
Nun schleift ihn das Volk zum Galgen auf dem Markt. Die Hände
werden ihm abgehackt; er wird an den Füßen
aufgehängt.
Hundert Gewehrschüsse werden auf ihn abgefeuert. Ein
Zeitgenosse
schreibt: „Der Henker war derart wütend und
besessen,
daß dieses Monster, dieses teuflische Wesen dem entseelten
und
geschundenen Hingerichteten den Körper aufriß, ihm
einen Arm
abhackte und soweit ging, ihm das Blut auszusaugen und das Fleisch zu
zerkauen."
1641 werden zwölf Beteiligte an diesem Verbrechen vor Gericht
gestellt, darunter die beiden verantwortlichen Bürgermeister
Haxhe
und Masillon. Zu diesem Zeitpunkt ist Thomas Dalken bereits tot.
Ein
schwacher Fürst und Parteienhader ohne Ende
Doch wie verlaufen die Hauptereignisse nach dieser Untat?
1640 beschlossen die Vertreter des Fürsten und der Stadt
Lüttich den Frieden von Tongres. Er wurde am 4.Juli in
Lüttich verkündet. Alle verurteilten und vertriebenen
Chiroux, darunter die abgesetzten Sous-mayeurs Rossius und Donceel
wurden wieder in ihre Ämter eingesetzt. Wahrscheinlich
übernahm Rossius sein Amt von seinem inzwischen verstorbenen
Nachfolger Thomas Dalken/d’Alken.
Ordnung, Ruhe und Recht kehrten nach Lüttich zurück.
Aber es
ist die Ruhe des schlafenden Vulkans. Am 25.April 1644 werden zwei
vornehme, berittene Bürger von drei Soldaten aus einer
nahegelegenen spanischen Garnison ohne Grund am hellichten Tag auf der
Straße niedergeschossen. Sie entkommen zunächst
unerkannt.
Einer flieht nach Deutschland und nimmt dort Dienst; die anderen beiden
werden durch ihr niederländisches
Militärgericht
für straflos erklärt. Ein verdächtiger
Lütticher,
bei dem die drei die Nacht verbracht hatten, Theodor Fisson, Soldat aus
der Garnison wie die beiden letzteren, wird mangels Beweisen wieder
freigesetzt.
Nun rätselt man an den Hintergründen herum und kommt
zu
folgender Konstruktion: Die beiden Ermordeten waren angesehene
Grignoux. Nur Chiroux konnten die Anstifter sein. Und schon sind
Verdächtige genannt: Der Bürgermeister Nicolas de
Plenevaux
und der ehemalige Bürgermeister Charles Dans/d’Ans,
der am
Mordtag in der Nähe des Ereignisses gesehen worden war. Zwei
Jahre
können sie sich noch in Lüttich halten. Sie fliehen,
als die
Grignoux ans Ruder kommen. Zu Recht: Theodor Pisson wird wieder
verhaftet. Er durchsteht die erste Folter, was - wie man annimmt- nur
durch Zauberei möglich sein konnte. Die zweite Folter mit
einem
Rasiermesser vom Kopf bis zu den Füßen hält
er nicht
durch. Er gesteht, daß Bürgermeister Plenevaux und Dans zum
Mord
angestiftet und Geld versprochen haben. Fisson wird am 15.Oktober 1646
zum Tode durch Enthaupten verurteilt. Vor der Hinrichtung am Ort der
Ermordung der beiden angeblichen Grignoux macht ihm
Bürgermeister
Barthel Rolants noch Versprechungen, falls er sein Geständnis
wiederholt. Fisson hat sich inzwischen soweit gefangen, daß
er
nicht aufhört, seine Unschuld zu beteuern. Vergebens: Das
Urteil
ist gesprochen!
Ein bewaffneter Aufstand der Chiroux im Juli brachte einen
eintägigen Sieg. Den Tag darauf wurden sie von 2000 Grignoux
überwältigt. Ihre Häuser werden
geplündert; etwa
1000 Chiroux fliehen aus der Stadt. Das war 1646!
1650 heiratete der etwa 30jährige Theodor/Dieter Dalken,
ältester Sohn des Thomas, in Seligenstadt. Er dürfte
ein oder
zwei Jahre vorher hier eingetroffen sein.
1639 war sein 18jähriger Bruder als Kanonikus ans Stift nach
Aschaffenburg gekommen, sicher auf Vermittlung seiner Onkel Leonard
Colson, Abt in Seligenstadt, und Johann Colson, Kanonikus am gleichen
Stift.
1648 Schreibt sich der dritte Sohn des Thomas, der 1625 in Mons
geborene Johann Franz Thomas, an der Würzburger
Universität
als Rechtsstudent ein, nachdem sich 1647 sein Onkel Leonard Colson
vergeblich um eine Pfründe für ihn bemüht
hatte.
Die Lütticher Familie des Thomas Dalken hatte sich
aufgelöst.
Sind sie alle Opfer der Zeitumstände? Vertriebene? Asylanten?
Ihre
Mutter lebte, wie wir wissen, bis 1646. Sie hatte Grundbesitz in Saive;
und wahrscheinlich auch in Celles. Ihr Vater, der Notar Jean Colson,
starb hochbetagt ebenfalls im Jahre 1646. Ihre Tochter Margarethe hatte
den erfolgreichen Lütticher Drucker und Verleger Lambert
Bronckart
geheiratet; auch sie war vor 1654 tot. Die zweite Tochter Katharina
wird 1647 auf Vermittlung des Abts Leonard Golson, ihres Onkels,
Klosterfrau in Diest.
Wir sehen: Das Jahr 1646 hat für die Familie unseres Thomas
eine
große Rolle gespielt. In Lüttich kehrte erst 1649
der Friede
ein. Bis dahin war es für die Chiroux und ihre
Parteigänger
unmöglich, in die Stadt zurückzukehren. Zu diesem
Zeitpunkt
hielt sich keines der Kinder des Thomas mehr dort auf, von der Tochter
Margarethe abgesehen.
Das Friedensedikt von 1649 hob alle politischen und
Verwaltungsvorrechte der Handwerker auf; ihre politischen und privaten
Versammlungen wurden verboten; in ihren Kammern dufte nicht mehr
über öffentliche Angelegenheiten diskutiert werden;
die
Vermögen der Zünfte wurden eingezogen; sie durften
keine
gouver-neurs (Zunftsprecher) mehr wählen. - Vergessen wir an
dieser Stelle nicht, daß Henri d’Alken 1643 zum
gouverneur
(s.XII.Bericht, S.326) der Gerber gewählt worden war,
daß er
somit auf der Seite der Handwerker gestanden haben muß, der
Anhänger der Grignoux und Feinde der Chiroux. Sicher entzweite
der
Parteienstreit auch Familien.
Der Fürst behielt sich das Einspruchsrecht bei den
Bürgermeisterwahlen vor. Ein Bürgermeister und 15
jures
(Geschworene) mußten aus der Kandidatenliste des
Fürsten
gewählt werden. Damit hatte sich die Staatsautorität
kurzfristig durchgesetzt. Der Absolutismus hatte gesiegt. Am 13.9.1650
starb Herzog Ferdinand von Bayern. Nachfolger wurde sein Neffe
Maximilian-Heinrich von Bayern, der bis 1688 regierte.
Unter seiner Regierung flammten die Auseinandersetzungen wieder auf.
Erneut wurden Bürger ausgewiesen und Haftbefehle erlassen, so
am
13.April 1680 gegen den ehemaligen Capitaine Henri d’Alken
(vgl.XII.Bericht, S. 329, Nr.8) wie gegen 16 weitere Bürger.
Das
Ende der Kämpfe brachte die Unterwerfung der Stadt im Januar
1684
vor dem Kurfürsten und Erzbischof von Köln, zugleich
Fürst des Lütticher Landes.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein Stück Lebensgeschichte
des
Thomas Dalken. Sein Leben endet - wie wir es heute sehen
müssen -
in politischer Verfolgung und unter drohender Lebensgefahr. Seine
Söhne waren im Ausland in Sicherheit. 200 Jahre
später sollte
sich an seinen Nachfahren ein ganz ähnliches Schicksal
politischer
Verfolgung, Vertreibung wiederholen. Doch dies ist ein neues Kapitel
der Familiengeschichte!
(Sollten Sie jetzt neugierig geworden sein, und wissen wollen, um wen es sich handelt, dann klicken Sie hier!)
Mehr über Thomas finden Sie hier: Thomas
Dalken
- Ein interessantes Zeitdokument
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