Geschichte der Familie

Thomas Dalken - Leben in Terror

Lüttich 1627
Lüttich-  Ausschnitt aus dem Stadtplan von Blaeu (1627).
Im Zentrum links die Maas- Insel ("l'Isle") mit der Katharinen- Kirche (mitte) und Saint- Jean (links oben); rechts oben die Kathedrale Notre-Dame-aux-Fonts (Taufkirche der Hl. Maria geweiht), danhinter das fürstbischöfliche Palais

In den Jahren 1892 und 1899 erschienen in Lüttich die beiden gewichtigen Bände des Werkes von Camille de Borman über die Schöffen der unabhängigen Gerichtsbarkeit von Lüttich. Hierin ist gründlich auf die „souverains mayeurs“ und die „mayeurs en féaute“ eingegangen, zu welch letzteren Thomas Dalken gehörte. Aber er ist nicht mit seinem Vornamen aufgeführt. Stattdessen lesen wir in Band 2, S.468:
„N. (=nescio, Name unbekannt) d’Alken, 1636. - Die Gefangensetzung des mayeur Rossius erzwang die Neubesetzung seines Amtes. Ein gewisser sieur (Herr) d’Alken tauchte zuerst in den Hofregistern in der Eigenschaft eines mayeur auf. Aber da er nicht mit seinem Vornamen aufgeführt ist, konnte er nicht identifiziert werden.“
Diese Identifizierung ist inzwischen zweifelsfrei gelungen. In Band 4 der Gerichtsakten (oeuvres) des Gerichtshofs von Celles und Saive zu den Jahren 1637 bis 1677 erscheint er auf Blatt 1031 (=131) in einer Urkunde vom 10.12.1648. Hier heißt es u.a.:
„...Thomas Dalken, einst Advokat und submayeur von Lüttich und Damoiselle Marie Colson...“ (seine Witwe)
Hätte Borman seinerzeit diese Quelle gekannt, so wären wir heute wahrscheinlich weiter in der Frage nach den Vorfahren des Thomas und nach seiner Sippe. Borman gibt nämlich zu sämtlichen Schöffen und sonstigen Richtern in Lüttich umfangreiche Quellen mit genealogischen Hinweisen an. Leider profitieren wir durch die Weglassung des Vornamens Thomas nicht hiervon.
Die Umstände allerdings, unter denen der Rechtsanwalt Thomas d’Alken/Dalken auf seinen Richterposten gelangte, lassen sich mühelos rekonstruieren. Wie gesagt, löste er „Rossius“ ab. Wer war Rossius und was brachte ihn ins Gefängnis?

Pierre (de) Rossius
wurde 1592 in Lüttich geboren. Mit 23 Jahren, 1615, wurde er vom Lütticher Fürstbischof Ferdinand von Bayern ins Amt des „sous-mayeur“ berufen. Er löste darin seinen Schwiegervater Louis Masillon ab. Er wird als Mann von seltener Energie und seinem Fürsten höchst ergeben beschrieben. 1621 fiel er wegen seiner Heißblütigkeit auf: Er drang gegen alles Recht und Gesetz in das Kloster Saint-Jean (Abbildung). ein
unnd verhaftete den Kanoniker Jean
Kloster St. Jean

Randaxhe. Das „Gericht der XXII“ verurteilte Rossius zur Wiedergutmachung des Schadens.
1628 machte er wieder auf sich aufmerksam durch die Strenge seiner Maßnahmen gegen Oppositionelle.
1631 verursachte er einen Aufruhr und brachte sich in höchste Gefahr. Folgendes ereignete sich: Rossius machte seine Dienstrunde in Begleitung seines Amtsdieners. Als er über die Brücke zur Maas-Insel kommt (Abb.).

Le Pont d'Ile

begegnet ihm der für die Ausfallstraße Saint-Leonard zuständige Capitain Philipp Renard. Statt mit einer Arkebuse (Abb.links), einer kleineren Handfeuerwaffe, ist er mit einer großen Muskete (Abb.rechts) bewaffnet.

ArkebuseMuskete

Rossius verlangt Rechenschaft, warum er diese große Waffe trägt und erhält die grobe Antwort: „Wegen der Verräter! „, womit er Rossius meint. Rossius zieht seine Waffe, zwei Schüsse lösen sich, und Renard wird tödlich verwundet. Rossius flieht. Das aufgebrachte Volk dringt in sein Haus ein; es wird zerstört, Akten werden vernichtet.

Die Kinder und Verwandten wollen den Getöteten rächen. Sie wenden sich an den anderen sous-mayeur Donceel. Der will sie aber verhaften lassen. Es kommt zu einer Schießerei: eine Gewehrkugel verletzt Donceel am Bein. Mit knapper Mühe entkommt er in ein Nachbarhaus. Sein Haus wird geplündert wie das des Rossius. Die Plünderei weitet sich auf eine Tuchhandlung in der Nachbarschaft aus, schließlich auf das Haus des Erzdekans de Wachtendonck. Endlich gelingt es den Bürgermeistern, wieder Ruhe zu stiften, die Ruhe vor dem Sturm.

Die Unruhen in Lüttich hatten eine lange Vorgeschichte. Wie alle geschichtlichen und politischen Ereignisse ihre tiefere Ursache und einen mitunter ganz oberflächlichen Anlaß haben, so lassen sich für die z.T. katastrophalen Verhältnisse im Lüttich der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende Ursachen aufzählen:
Fürst des Landes Lüttich wurde 1612 nach dem Tode seines Onkels Herzog Ernst von Bayern dessen Neffe Herzog Ferdinand von Bayern. Er regierte fünf geistliche Herrschaften: Als Erzbischof von Köln war er Kurfürst des Hl.Römischen Reiches Deutscher Nation. Zum gleichen Jahr 1612 übernahm er die Bistümer Münster, und Hildesheim und im Jahre 1619 das Bistum Paderborn. Er war einer der Führer der katholischen Liga im 30jährigen Krieg und somit Parteigänger des Kaisers.
Das Fürstentum Lüttich hatte sich seit alters zu immerwährender Neutralität bekannt. Und nun bescherten ihm die Verhältnisse einen Fürsten, der Lüttich in den Sog kriegslüsterner, verfeindeter Nachbarn hineinzog. Das katholische Frankreich nämlich hatte sich unter Kardinal Richelieu mit den deutschen Protestanten, den evangelischen Schweden und den (mohammedanischen) Türken gegen den katholischen Kaiser verbündet und suchte nun Verbindung zum Fürstbistum Lüttich. Es wundert nicht, daß es unter den Lüttichern zu Parteiungen kam: die fürsten- und damit reichstreuen jungen Männer erschienen irgendwann in diesen Jahren in einem Kostüm aus weißen Hosen und einem schwarzen Umhang, was ihnen den Spitznamen „Schwalben“ („Chiroux“ von girondelles, hirondelles) einbrachte. Ihren frankreichorientierten Gegner gaben sie den Namen „Grig-noux“ (grincheux, grognards, Sauertöpfe, Langweiler, Miesmacher). So harmlos sich dies für den Anfang der Entwicklung anhören mag, so entsetzlich sollte diese Parteiung enden. Aus unserer heutigen politischen Sicht würden wir dazu neigen, die Chiroux im rechten, konservativen, staatsautoritären Lager anzusiedeln, die Grig-noux eher im bürgerorientierten („parti populaire“), sozialen, revolutionären, linken. Da aber solche Begriffe aus einer viel späteren Zeit stammen, ist ihre Anwendung auf die Verhältnisse in Lüttich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht gerechtfertigt, wenn auch gewisse Tendenzen der bezeichneten Art nicht zu übersehen sind. Immerhin können sie - bei allem Vorbehalt- unser Verständnis erleichtern.

Nun taucht die Frage auf, in welcher Partei sich wohl Thomas und die anderen Dalken zu Hause fühlten. Die hohen Staatsbeamten und auch die Richter und die Schöffen wurden vom Fürsten ernannt bzw. im Falle seiner Abwesenheit vom Rat des Fürsten, dem „Conseil privé“. Absolute Zuverlässigkeit im Dienste des Landesherrn war wohl das hauptsächliche Auswahlmerkmal. Und dies hat sicher auch die Ernennung des Anwalts in Staatsdiensten als Nachfolger des Rossius bewirkt.

Thomas Dalken war dem Fürsten wohlbekannt. Wir entnehmen dies einer Urkunde vom 22.8.1634. Es ist dies das bisher früheste Dokument, in dem Thomas in einer amtlichen Funktion genannt wird. Worum handelt es sich?
Anscheinend war es im Laufe der Zeit zu gewissen Rechtsunsicherheiten gekommen. Die Justizverwaltung sollte gestrafft, effektiver und durchsichtiger gemacht werden. Zu diesem Zweck wurden die Zuständigkeiten der obersten Polizeiorgane klarer festgelegt und - so hat es den Anschein - gegenüber früherem Gebrauch eingeschränkt. Dem „grand-mayeur“, dem oberste staatsanwaltliche und polizeiliche Gewalt anvertraut waren, und seinem Stellvertreter, dem „sous-mayeur“, wurde das Recht entzogen, Gebühren für Gesetzesübertretungen selbst zu erheben bzw. auf die Strafverfolgung und damit auf die Gebührenerhebung zu verzichten. Hierfür sind nun vereidigte Einnehmer und die Gerichte zuständig. Grand-mayeur und sous-mayeur müssen sich ab sofort vor den Gerichten vertreten und außerdem von Rechtsanwälten beraten lassen. Einer dieser Anwälte ist Thomas Dalken, sein Kollege Francois (de) Fléron der uns noch später beschäftigen wird. Damit ist Thomas Mitglied einer Strafverfolgungsbehörde geworden. Zwei Jahre später, 1636, übernimmt er unter dramatischen Umständen selbst das Amt eines sous-mayeur.

Parteibindung ist für die damaligen Verhältnisse anders zu sehen als heute. Sie hing mit beruflicher Tätigkeit zusammen, mit der Amtsautorität, mit der sozialen Verwurzelung z.B. im Handwerk. Parteiwechsel ist nahezu undenkbar, und wo er vorkam, war dies geradezu revolutionär. Hinzukommt, daß politischer Durchsetzungswille sich damals sehr schnell mit Gewalt, Brutalität und Maßlosigkeit verband. Und wer, wie die Partei der „Schwalben“ unseres Thomas, zu den Unterlegenen gehörte, der hatte auch erbarmungs- und widerspruchslos das äußerst harte Schicksal des Besiegten über sich ergehen zu lassen, wie wir noch sehen werden.

Zurück zum Fürsten Ferdinand von Bayern. Er regierte sein Fürstentum Lüttich 38 Jahre und war nur äußerst selten in seinem Land. Als er 1631 nach siebenjähriger Abwesenheit erschien, waren die öffentlichen Unruhen auf einem ersten Höhepunkt angekommen. Aus einem - wie es uns heute erscheinen muß- unerheblichen Rechtsstreit hatte sich eine Situation entwickelt, die den „Conseil privé“, den „persönlichen Rat“ des Fürsten, bestehend aus Kathedral-Kanonikern und Laien, darunter zwei Schöffen, veranlaßte, eine Art Verfassungsergänzung zu verkünden. Hierbei fühlten sich die Bürger der Stadt Lüttich übervorteilt. Der ehemalige Bürgermeister Beeckman machte sich besonders stark für die Stadt. Rossius ließ ihn gerichtlich verfolgen. Aber 1628 sprach ihn das Gericht frei. Die Angelegenheit wurde 1629 durch die Besetzung Lüttichs durch zwei deutsche Regimenter des Generals Tilly übertönt. Die Bürgermeisterwahl im gleichen Jahr führte allerdings zu einer Revolte. Nach der Wahl der Bürgermeister Raes de Chockier und Michel Selys stürmten die Bürger das Rathaus, worauf die beiden zurücktraten. Sie überließen dem o.e. Beeckman und Mathias Sani dieses Amt. Diese beiden wiegelten 1631 das Volk gegen den Versuch des Gerichts auf, zusätzliche Soldaten zur Wiederherstellung der Ordnung auszuheben. Einer der Aushebungsoffiziere, Jaminet, wurde vom Mob verhaftet, durch die Straßen gehetzt und so verstümmelt, daß er ein paar Stunden danach starb.
In dieser Situation erscheint Ferdinand von Bayern. Er verlangt die Unterwerfung jedes Bürgers, der dies vor seinem zuständigen Pfarrer protokollarisch zu erklären hat.
 
Inzwischen stirbt Bürgermeister Beeckman, nach Gerüchten im Volk an Gift. Sein Nachfolger, Bürgermeister Sebastien La Ruelle, verbietet den Pfarrern, diese Loyalitätserklärungen entgegenzunehmen. Die Richter, die Ratsmitglieder, die Schöffen werden erneut den Beleidigungen bewaffneter Bürgerbanden ausgeliefert. Die meisten fliehen aus der Stadt, darunter der Schöffe Dormael, der Taufpate des Laurentius Alken (1628). Schließlich obsiegt die Vernunft oder vielleicht auch nur die Berechnung; Bürgermeister La Ruelle wirft sich dem Domkapitel, Vergebung für die Stadt heischend, auf die Knie. Der Fürst betritt seine Stadt und zieht einen Schlußstrich unter die jüngste Vergangenheit, indem er eine allgemeine Amnestie verkündet.
Erinnern wir uns, daß Thomas von 1620 bis 1630 in Mons lebte. Vielleicht war dieser, allerdings nur vorübergehende Rückgewinn öffentlicher Ruhe 1631 der Grund seiner Rückkehr nach Lüttich.


Die Gewalt formiert sich

Eine „Befriedung“ wie diese ist keine Lösung. Sie konnte den Grignoux, den Revolutionären,  wie eine Ermunterung, zumindest als Schwäche erscheinen. Die Chiroux, die staatstreuen Fürstenanhänger, mußten sich fragen, ob damit genügend Sicherheit für den Fortbestand der staatlichen Ordnung gewährleistet war für den Fall der nächsten Abwesenheit des Fürsten. Mit politischer Weisheit war keine der beiden Parteien gesegnet. Beide waren beherrscht von der Durchsetzung des Sieges und der Unterwerfung der Unterlegenen mit allen Mitteln.

Nachdem der Fürst das Land erneut verlassen hatte, rissen die Grignoux unter ihrem Bürgermeister La Ruelle die Initiative wieder an sich. Die Stadt und das Land Lüttich waren in einer verzweifelten Lage. Frankreich hatte sich wieder mit den evangelischen „Vereinigten (niederländischen) Provinzen“, den evangelischen deutschen Fürsten und den Schweden gegen den Kaiser, die Spanier, die katholischen Niederlande und die katholischen deutschen Fürsten vereinigt. Mitten darin lag das „neutrale“ Fürstbistum Lüttich (der Fürst abwesend) mit einem Bürgermeister in der Hauptstadt, der es offen mit den Franzosen hielt und keine Gelegenheit ungenutzt ließ, die Autorität des abwesenden Fürsten zu unterminieren.

Ferdinand entschloß sich, in sein Land zurückzukehren, nicht aber in die Stadt Lüttich, er gedachte von Huy aus zu regieren, wohin er die Ständeversammlung (1. Stand: Geistlichkeit, 2.Stand: Adel, 3.Stand: Bürger) seines Landes einberief. Hiergegen erhob sich der Lütticher Stadtrat und verbot den Bürgermeistern rundweg die Teilnahme. Die Reaktion Ferdinands war katastrophal und - so schädlich nachgiebig er bisher gehandelt hatte- überzogen. Er beorderte im Februar 1636 den kaiserlichen Generalleutnant Jan de Weert mit einigen Regimentern Berittener und Fußsoldaten nach Lüttich, um die Stadt einzukreisen. Die Folgen dieser Maßnahme gegenüber den Fürstentreuen in der Stadt läßt sich vorstellen. Die Gerichte stellten ihre Arbeit ein: Richter, Anwälte, Schöffen flohen aus der Stadt. Die Angehörigen beider Parteien bekamen die Schrecken der kroatischen Soldateska zu spüren. Aber La Ruelle gab nicht auf.
Am 9.April 1636 gegen drei Uhr nachmittags trifft sich eine Gruppe Verschwörer im Hause eines Schöffen am Alten (Großen) Markt (Abb.).
Markt Grand marche - Großer (auch Alter Markt (zur Lage  dieses Marktes siehe Titelbild, oben rechts, rechts neben der Kathedrale Notre-Dame)
Es sind Geistliche, Offizieren und Zivilisten, alle im Dienste des Fürsten, darunter der ehemalige Bürgermeister Selys. Sie wollen das Rathaus mit Gewalt nehmen und den Bürgermeister La Ruelle und die Köpfe der Grignoux gefangen nehmen. Eine zweite bewaffnete Gruppe wartet im Kloster Saint-Lambert (Abb.).
Kloster Saint-Lambert

Selys will die Lage erkunden, begegnet aber dem I. Bürgermeister La Ruelle, der ihn nicht mehr aus dem Rathaus wegläßt. Nun formieren sich die Angreifer in drei Gruppen ohne ihren Anführer Sely.
Die beiden Sous-mayeurs Donceel und Rossius sind darunter. Ihr plötzlicher Angriff wird von der Rathauswache zurückgeschlagen. Es gibt Tote. Rossius wird an der Kehle verletzt und flieht in sein Haus im Bereich des Klosters Sainte-Croix, wo er sich durch Klosterimmunität geschützt glaubt. Sein Kollege Donceel hatte sich beim Gefängnis verschanzt, muß aber ausweichen. Bürgermeister La Ruelle setzt nun Kanonen ein. Die Ghiroux ziehen sich in der Abenddämmerung aus der Stadt zurück. Rossius hat sich verrechnet. Keine Klosterfreiheit schützt ihn. Man dringt in sein Haus ein, findet den Schwerverletzten versteckt in einer Abstellkammer unter einer Treppe und zerrt ihn ins Gefängnis. Sein Galgen wird auf dem Marktplatz errichtet. Es ist der selbe, den die Lütticher Revolutionäre in Oreye abgerissen und in die Maas geworfen hatten. Inzwischen hatten sich die Kroaten zurückgezogen, auch aus Oreye. Und die Lütticher hatten daraufhin die Schlösser von Jemappe und Oreye angezündet. Für erlittene Schäden halten sie sich am verlassenen Besitz der Chiroux schadlos.
1636 erbrachten die Wahlen zu den Bürgermeisterämtern die Festigung des vorherigen Regimes der Grignoux. Zur Herstellung geordneter Verhältnisse gehörte aber vor allem ein funktionsfähiges Rechtswesen, besonders die Besetzung des Amtes des mayeur, das durch die Gefangensetzung des verletzten Rossius vakant geworden war. Das Ernennungsrecht lag beim Fürsten, während dessen Abwesenheit beim Conseil privé, seinem persönlichen Rat. Dieses Gremium ernannte den zwei Jahre zuvor als Anwalt beim Grand-mayeur und den beiden mayeurs bestellten Thomas d'Alken nun zum Nachfolger des Rossius. Thomas hatte dieses Amt nur kurz inne. Aus einer Gerichtsurkunde aus Celles-lez-Waremme bei Saive wissen wir, daß er zu diesem Zeitpunkt (1641)bereits verstorben war.

Die Schöffen zögerten verständlicherweise, die seit etwa einem halben Jahr geschlossenen Gerichte wieder zu eröffnen. Somit konnten die Prozesse gegen die Chiroux nicht aufgenommen werden. Bis zum Januar 1637 weigerten sie sich. Nun wurden sie vom Rat der Stadt mit dem Verlust der Bürgerrechte („de-publiés“) bestraft, und wer sie auslieferte, dem wurde eine Belohnung von 50 patacons versprochen.
Die Schöffen brachten sich im bischöflichen Palais und im Kloster Saint-Lambert in Sicherheit; sie nahmen an, daß die Immunität sie schütze. Aber die bewaffneten Massen und Bürgermeister La Ruelle mit seiner Garde erzwangen ihre Übergabe gegen die Zusage ihrer Sicherheit. Zwei und zwei wurden sie nun zum Rathaus getrieben:
Pierre de Kean und Georges Goeswin, Francois Paludanüs und Lambert de Lapide, Eustache de Liverlo und Mathias de Wanzoul, Erasme de Loeffvelt und Gilles de Soy, Francois-Edmont de Haling.

Schauen wir uns die Namen genauer an: Die Mean waren mit den Chockier und Blisia versippt und diese mit den Lapide (auch „van den Steen“) und den Dalken. 1640 III 1 wird Johannes d’Alken getauft; sein Pate wird Gerg Goswin sein (s.S.325 zu Nr.2). Margrit expalude (=Paludanus, auch „van den Broeck, U(y)tenbruck) ist 1613 II 11 Taufpatin der Catherine Dalken (S.316, Nr.3). 1619 hatte Catherine de Trixhe am Ehevertrag des Lambert de Lapidet und der Damoiselle Margarethe Navea mitgewirkt. Catherine de Trixhe war die Witwe des Guillaume Dalken/Dalkenne. Beim Vater des genannten Lambert, dem Notar Jean Lapide, hatten 1609 Henry d' Alken und Marguaritte Mangis/Magies ihren Ehevertrag ausgehandelt (S.218/219). Margurite Wansoule war mit Masset de Trixhe verheiratet. Der entflohene Schöffe Laurent(ius) (de) Dormael (S.320) war 1628 II 6 Taufpate des Laurent Alken. Hieraus wird überzeugend klar: Die Dalken/d’Alken/Alken gehörten zu einem Sippen- und Freundesverband der Partei der Chiroux. Mit anderen Worten: Das Schicksal der Chiroux, der „Schwalben“, war mehr oder weniger ihr Schicksal, Ihre Übeltaten hatten sie mitzuverantworten, die Folgen mitzuerleiden.

Doch nun wieder zurück zum Jahre 1637. Die gefangenen Schöffen wurden freigesetzt unter der Auflage, die Rechtsprechung wieder aufzunehmen. Das taten sie verständlicherweise zunächst durch die Verurteilung dreier weniger einflußreicher Personen: Der Diener des mayeur Rossius und der Leihamtskontrolleur wurden zum Tode, der Diener eines Geistlichen  zu 10jährigem Kerker verurteilt. Nach einigen Wochen gelang letzterem der Ausbruch zusammen mit seinem Mithäftling Blisia, eines Verwandten der Dalken (S.318).
Ein weiterer Ausbruch gelingt: Der meistgehaßte Chiroux Rossius, Schwiegersohn des ehemaligen Bürgermeisters Masillon (Versippung mit Chockier, de Trixhe und Dalken, s.S.318), erhält im Gefängnis eine besondere Vergünstigung gegen eine Kaution von 18.000 Gulden, ein riesiger Betrag, für den seine beiden Brüder haften: seine eisernen Fußfesseln werden entfernt. Als zusätzliche Bewachung wird der Caporal Henry Goswin, Besitzer der Herberge „Zum weißen Löwen“ auf der Pont des Arches (Bogenbrücke, Abb.), abgeordnet.

Bogenbrücke


Den Schlüssel zum Verlies des Rossius trägt er immer bei sich. Doch Rossius gelingt der Ausbruch mit einem Zweitschlüssel. Goswin wird - unschuldig oder schuldig- verhaftet, festgesetzt und kurz darauf von der Brücke aus, wo seine Herberge steht, in der Maas ertränkt.
Und nun steuern die Ereignisse ihrem entsetzlichen Höhepunkt zu, der

Ermordung des Bürgermeisters
La Ruelle (16.04.1637)

Herzog Ferdinand von Bayern, Fürstbischof von Lüttich, war, wie könnte es anders sein, Vertreter einer politischen Vorstellung, die noch ihrer Vollendung zustrebte: dem Absolutismus, der unumschränkten Herrschaft. Obwohl es bis zur Französischen Revolution noch über 150 Jahre dauern sollte, nahm Lüttich in manchem diese Revolution vorweg. Die langen Abwesenheiten des Fürsten entwöhnten sicherlich auch die Bürger von jener Hochachtung, die sie anderswo einem weise regierenden, geliebten Fürsten aus einem seit vielen Generationen herrschenden Hause entgegenbringen konnten. Andererseits war es aber auch nicht ein Regiment der Angst und Unterdrückung, das die Bürger unterjocht hätte. Irgendwo zwischen Übermut und Unterwürfigkeit müssen die Empfindungen angesiedelt gewesen sein, von denen die handelnden Parteien getrieben waren. Der Fürst war gelitten, solange er die vielen in zähen und geschickten Verhandlungen erwirkten Freiheiten anerkannte. Der Fürst bediente sich der ihm aus Sendung und Wahl zustehenden Rechte über sein Volk.
Ferdinand von Bayern muß das Volk von Lüttich 1636 sehr aufmüpfig und verdächtig vorgekommen sein. In einem Manifest vom 27.3.1636 schreibt er: „Die Lütticher, so wird gesagt, sind wie davonjagende Pferde, die jeder Art von Freiheit und Rebellion nachjagen derart, daß unsere Stadt ( Lüttich) wie ein Wald voller Diebe wirkt, wo jeder recht und unrecht handelt, wie es ihm paßt, gegen Bürger und gegen Fremde, ja wo man sogar versucht, sich (der Herrschaft) zu entziehen und sich nach und nach vom (deutschen) Reich zu lösen.“
Daß er sich der kroatischen Banden der Feldherren de Weert und Piccolomini bediente, um sein Volk zu unterwerfen, entfremdete ihn in hohem Maße seinen Untertanen. Auch Priester und Kathedral-Kanoniker solidarisierten sich mit den Bürgern und berichteten an Papst Urban VIII.
So wird einigermaßen verständlich, daß Bürgermeister La Ruelle (Abb.) Fühler nach Frankreich ausstreckte, ohne allerdings so weit zu gehen, daß man von einem Hochverrat sprechen könnte.
In diesem Augenblick biedert sich dem Fürsten eine sehr zwiespältige Persönlichkeit an. Es ist der Graf von Renesse, Herr von Warfusée. Er war früher Finanzminister des spanischen Königs in den Niederlanden in Brüssel. Wegen seiner Mißwirtschaft war er vertrieben worden.

La Ruelle hatte ihn in Lüttich aufgenommen, weil er annahm, daß Warfusée verleumdet worden sei. Warfusée denunziert La Ruelle beim Fürsten, er bereite die Auslieferung von Lüttich an die Franzosen vor- aus der Sicht der damaligen Verhältnisse wohl nicht ganz zu unrecht.
Um einen Beweis in die Hände zu 
Bürgermeister
kriegen, hatte er sich eines ganz miesen Tricks bedient: Zwei frankreichfreundliche Lütticher arbeiteten mit ihm ein Dokument aus, das er mitunterschrieb. Dieses Geheimdokument sollte dazu dienen, La Ruelle und seinen Anhang beim Fürsten zu verdächtigen.
Warfusée handelt nun in eigener Regie und Verantwortung. Zwar hat er sich dem Fürsten gegenüber zweimal angeboten, den Beweis des Landesverrats zu erbringen, aber zugleich macht er dies abhängig von einer massiven Vermittlung des Fürsten beim Kaiser und beim spanischen König. Hierauf ging Ferdinand nur sehr zurückhaltend ein. Immerhin legte Warfusée dies so aus, als ob ein Einverständnis des Fürsten mit seinen Plänen bestehe. Hiervon kann jedoch nicht die Rede sein. Der Fürst besteht nämlich auf der Aushändigung des Geheimdokuments zur Anklage gegen die Beteiligten. Aber damit hätte sich Warfusée selbst ausgeliefert, da er das Dokument ja mitunterschrieben hatte. Also muß er jetzt handeln. Am 16. April 1637 lädt er Bürgermeister La Ruelle zu einem Bankett in sein Lütticher Haus ein. Den Verrat an den Spaniern gedenkt er nun durch einen Verrat an seinem Gönner und Vertrauten La Ruelle zu kompensieren in Erwartung eines Gnadenerweises der spanischen Regierung.
Warfusée hatte La Ruelle seine Karrosse geschickt, doch La Ruelle wollte zu Fuß gehen. Er war begleitet von zwei Männern seiner Garde, wovon einer bei Warfusées Haus zurück- und der andere in die Küche geschickt wurde. Inzwischen treffen weitere Gäste ein: die Kanoniker Nyes und Kerkhem, der Rechtsanwalt Marchand, der Abbe Mouzon, Kantor von Saint-Jean, der Baron de Saizau mit Frau und Sohn. Das Bankett ist im Erdgeschoß in einem Saal mit vergitterten Fenstern angerichtet. Nach dem ersten Gang wird auf das Wohl des französischen Königs angestoßen. Kurz darauf betritt Gobert, Warfusées Bediensteter, den Raum und flüstert ihm etwas ins Ohr. Gobert war beauftragt worden, eine rückwärtige Tür ins Haus offenzuhalten. Spanische Soldaten aus der Garnison von Naivagne waren ins Haus eingedrungen. Eine andere Gruppe spanischer Soldaten ist inzwischen vor dem Haus aufgezogen und legt die Gewehre durch die vergitterten Fenster auf die Gäste an. Der entlaufende Mönch Grandmont betritt mit etwa 20 Soldaten den Raum. Warfusée fordert auf, nachdem man auf den französischen König angestoßen habe, nun den Kaiser und den Fürsten hochleben zu lassen. La Ruelle weigert sich. Soldaten schleppen ihn aus dem Saal. Warfusée wendet sich an die zurückgebliebenen Gäste: Dies alles geschehe auf Anordnung des Kaisers und des Fürsten; die Stadt leide zu lange an der Unordnung; es sei an der Zeit, daß die Stadt zum Gehorsam zurückkehre. Danach verläßt er mit Marchand u.a. den Saal, beschimpft La Ruelle im Hof als Verräter. Er zeigt ihm die angeblichen Befehle des Kaisers und des Fürsten und befiehlt einen Geistlichen zu holen, der La Ruelle die letzte Beichte abnehmen soll. La Ruelle wird gefesselt und auf die Frage, was er getan habe, erhält er die Antwort: „Beruhigen Sie sich! Sie werden uns heute helfen, das Volk wieder mit dem Fürsten zu versöhnen!“

Warfusée wird beobachtet, wie er - laut gestikulierend -dem Anwalt Marchand verschiedene Briefe zeigt. Inzwischen erscheint Gobert mit zwei Dominikanern. Sie weigern sich, die Beichte abzunehmen. Dazu seien sie nicht befugt. Darauf Warfusée: „Dann wird er eben ohne Beichte sterben! Tötet ihn !“ Grandmont überbringt diesen Befehl. La Ruelle wird von der bevorstehenden Hinrichtung unterrichtet. Er versucht vergeblich, den beauftragten Soldaten zu überreden. Einer der Dominikaner wird zu ihm geschickt. La Ruelle bittet ihn, noch einmal mit Warfusée zu reden. Der wiederholt seinen Spruch, La Ruelle werden heute das Volk mit dem Fürsten versöhnen. Nun beichtet La Ruelle. Der Mönch verläßt danach das Gemach. Warfusée bestimmt drei Soldaten, La Ruelle zu töten. Diese weigern sich, La Ruelle habe ihnen nichts getan. Nun weist Warfusée seinen Diener Gobert an, es zu tun. Auch er weigert sich. Drei andere Soldaten werden bestimmt. Von vier harten Schlägen am Kopf und an den Schultern verletzt, bricht La Ruelle zusammen. Degenstiche in die Brust geben ihm den Rest. Seine Schreie verstummen. Der Mord ist vollbracht.

Die Gäste Warfusées sind entsetzt. Der Abbe Mouzon protestiert heftig. Den Kanonikern Kerkhem und Nyes werden die verschiedenen Schreiben Warfusées ausgehändigt mit dem Auftrag, sie in den verschiedenen Stadtvierteln bekannt zu machen. Sie verlassen das Haus.
Inzwischen hat sich in der Stadt herumgesprochen, daß im Hause Warfusées etwas geschehen war. Die spanischen Soldaten waren beim Überqueren der Maas beobachtet worden, bevor sie Warfusées Haus betreten hatten. Da man wußte, daß La Ruelle an diesem Abend bei Warfusée  eingeladen war, vermutete man einen Anschlag. Eine große Menge Bürger hatte sich vor dem Hause Warfusées versammelt. Ein Verwandter von La Ruelle und einige Bürger verlangen eingelassen zu werden. Der Verwandte erkundigt sich in höflichem Ton nach dem Wohlergehen Warfusées und La Ruelles besonders im Hinblick auf das Erscheinen spanischer Soldaten, Warfusée beruhigt ihn. Sie wollten weder Franzosen noch Holländer noch Spanier werden, sondern neutrale Lütticher bleiben. La Ruelle habe Lüttich an Frankreich ausliefern wollen. Er habe Befehl gegeben, ihn zu töten. Er zeigt ihnen entsprechende Briefe mit La Ruelles Unterschrift. Die seien gefälscht, meinen die Lütticher Bürger, deren Menge sich draußen vergrößert hat. Sie wollen die Tür sprengen. La Ruelles Verwandter fordert Warfusée auf, mit ihm die Menge zu beruhigen. Warfusée gerät in große Unruhe. Er verlangt, vor den Magistrat geführt zu werden. Die Bürger versprechen es. Aber Grandmont weigert sich, das Tor zu öffnen, und verlangt, daß Warfusée bei ihnen bleibt. Nun wird Warfusées Haus gestürmt. Die Massen dringen ein. Die Spanier, die den Saal mit Warfusées Gästen und seinen vier Töchtern bewacht hatten, werden massakriert. Warfusées Töchter werden ins Rathaus gebracht. Der Baron de Saizau durchsucht nun mit Bürgern das Haus: sie finden La Ruelles Leiche.

Die übriggebliebenen Spanier verbarrikadieren sich in einem Zimmer. Hier haben sie den leichtverletzten Warfusée auf ein Bett gelegt. Die Eindringlinge verlangen die Herausgabe Warfusées, und im Glauben, sich dadurch retten zu können, liefern sie ihn aus. Er wird durch die Stadt geschleppt, und auf dem Marktplatz erhält er die erste schwere Stichverletzung. Er rafft sich auf; ein Beilhieb trifft ihn. Die wütende Menge fesselt ihn an den Füßen, reißt ihm die Kleider herunter, treibt ihn durch die Straßen und wieder zurück zum Markt, wo er aufgehängt wird. Kopf und Hände werden abgeschlagen. Zwei Tage später wird seine Leiche verbrannt und die Asche in die Maas gestreut. Dem Mönch Grandmont ergeht es nicht anders. Von den 60 oder 70 spanischen Soldaten entkommen nur zwei.

Die Rache des Volkes ist furchtbar. Der Schöffe Theodor Fléron (s.u.) und der Anwalt Marchand werden als Verbündete Warfusées angeklagt und auf barbarischste Weise umgebracht. Der Prior des Karmeliterklosters und der Rektor der Jesuiten werden als Mitwisser verdächtigt und erdolcht. Ihre beiden Klöster werden verwüstet.
La Ruelles Leiche bleibt einige Tage in der Kathedrale Saint-Lambert (Abb.) aufgebahrt 
St. Lambert

Eine feierliche Prozession von Handwerkern, voran die Zunftmeister mit den Bannern, von Richtern, Beamten und Geistlichen begleiten die Leiche zur Bestattung in der Kirche Saint-Martin-en-Isle an der Seite seines Freundes, des Bürgermeisters Beeckman. Die Banner senken sich; ein Zunftmeister spricht einen feierlichen Eid vor: „Im Namen Gottes, der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Lambert, des Schutzpatrons der edlen Stadt Lüttich und auf dem Grab des illustren Märtyrers schwören wir, unsere Vorrechte und. Freiheiten zu verteidigen!“ Und die Menge ruft mit erhobener Hand: „Wir schwören es!“

Aufbahrung
Abb.Die Aufbahrung der Leiche La Ruelles in Saint-Lambert


Die Ermordung des Schöffen Theodor de Fléron
In diesen Tagen der Recht- und Gesetzlosigkeit, der blutigen Rachegelüste, der Gier nach Lynchjustiz ist ein besonders abstoßender Fall zu berichten. Am Sonntag, dem 3. Mai 1637, also etwa 14 Tage nach der Ermordung La Ruelles, wird der seit drei Monaten amtierende Schöffe Theodor de Fléron beim Verlassen seines Hauses auf Geheiß des Bürgermeisters verhaftet. Er hatte am 4.Februar 1637 seinen Amtseid abgelegt. Unter den Zeugen ist der 68jährige Notar Jean Colson erwähnt; er ist der Schwiegervater von Thomas Dalken. Vater des Theodor de Fléron war Francois de Fléron. Dieser war 1634 zusammen mit Thomas Dalken zum Anwalt beim Grand-mayeur ernannt worden.
 
Unter der Anklage, Komplize des Grafen Warfusée gewesen zu sein, wird Fléron zum Rathaus gebracht. Hier legt man ihm ein über seiner Unterschrift abgeknicktes Schriftstück vor und fragt ihn, ob dies seine Unterschrift sei. Nachdem er es bestätigt hat, wird der abgeknickte Teil aufgedeckt, und Fléron liest zu seinem Entsetzen sein gefälschtes Eingeständnis der Mitwisserschaft und seine Hilfsbereitschaft bei der Ermordung La Ruelles. Man verspricht ihm, sein Leben zu schonen, wenn er gesteht; aber Fleron leugnet standhaft. Nun schleift ihn das Volk zum Galgen auf dem Markt. Die Hände werden ihm abgehackt; er wird an den Füßen aufgehängt. Hundert Gewehrschüsse werden auf ihn abgefeuert. Ein Zeitgenosse schreibt: „Der Henker war derart wütend und besessen, daß dieses Monster, dieses teuflische Wesen dem entseelten und geschundenen Hingerichteten den Körper aufriß, ihm einen Arm abhackte und soweit ging, ihm das Blut auszusaugen und das Fleisch zu zerkauen."
1641 werden zwölf Beteiligte an diesem Verbrechen vor Gericht gestellt, darunter die beiden verantwortlichen Bürgermeister Haxhe und Masillon. Zu diesem Zeitpunkt ist Thomas Dalken bereits tot.

Ein schwacher Fürst und Parteienhader ohne Ende
Doch wie verlaufen die Hauptereignisse nach dieser Untat?
1640 beschlossen die Vertreter des Fürsten und der Stadt Lüttich den Frieden von Tongres. Er wurde am 4.Juli in Lüttich verkündet. Alle verurteilten und vertriebenen Chiroux, darunter die abgesetzten Sous-mayeurs Rossius und Donceel wurden wieder in ihre Ämter eingesetzt. Wahrscheinlich übernahm Rossius sein Amt von seinem inzwischen verstorbenen Nachfolger Thomas Dalken/d’Alken.
Ordnung, Ruhe und Recht kehrten nach Lüttich zurück. Aber es ist die Ruhe des schlafenden Vulkans. Am 25.April 1644 werden zwei vornehme, berittene Bürger von drei Soldaten aus einer nahegelegenen spanischen Garnison ohne Grund am hellichten Tag auf der Straße niedergeschossen. Sie entkommen zunächst unerkannt. Einer flieht nach Deutschland und nimmt dort Dienst; die anderen beiden werden durch ihr niederländisches Militärgericht  für straflos erklärt. Ein verdächtiger Lütticher, bei dem die drei die Nacht verbracht hatten, Theodor Fisson, Soldat aus der Garnison wie die beiden letzteren, wird mangels Beweisen wieder freigesetzt.
 
Nun rätselt man an den Hintergründen herum und kommt zu folgender Konstruktion: Die beiden Ermordeten waren angesehene Grignoux. Nur Chiroux konnten die Anstifter sein. Und schon sind Verdächtige genannt: Der Bürgermeister Nicolas de Plenevaux und der ehemalige Bürgermeister Charles Dans/d’Ans, der am Mordtag in der Nähe des Ereignisses gesehen worden war. Zwei Jahre können sie sich noch in Lüttich halten. Sie fliehen, als die Grignoux ans Ruder kommen. Zu Recht: Theodor Pisson wird wieder verhaftet. Er durchsteht die erste Folter, was - wie man annimmt- nur durch Zauberei möglich sein konnte. Die zweite Folter mit einem Rasiermesser vom Kopf bis zu den Füßen hält er nicht durch. Er gesteht, daß Bürgermeister Plenevaux und Dans zum Mord angestiftet und Geld versprochen haben. Fisson wird am 15.Oktober 1646 zum Tode durch Enthaupten verurteilt. Vor der Hinrichtung am Ort der Ermordung der beiden angeblichen Grignoux macht ihm Bürgermeister Barthel Rolants noch Versprechungen, falls er sein Geständnis wiederholt. Fisson hat sich inzwischen soweit gefangen, daß er nicht aufhört, seine Unschuld zu beteuern. Vergebens: Das Urteil ist gesprochen!

Ein bewaffneter Aufstand der Chiroux im Juli brachte einen eintägigen Sieg. Den Tag darauf wurden sie von 2000 Grignoux überwältigt. Ihre Häuser werden geplündert; etwa 1000 Chiroux fliehen aus der Stadt. Das war 1646!
1650 heiratete der etwa 30jährige Theodor/Dieter Dalken, ältester Sohn des Thomas, in Seligenstadt. Er dürfte ein oder zwei Jahre vorher hier eingetroffen sein.
1639 war sein 18jähriger Bruder als Kanonikus ans Stift nach Aschaffenburg gekommen, sicher auf Vermittlung seiner Onkel Leonard Colson, Abt in Seligenstadt, und Johann Colson, Kanonikus am gleichen Stift.
1648 Schreibt sich der dritte Sohn des Thomas, der 1625 in Mons geborene Johann Franz Thomas, an der Würzburger Universität als Rechtsstudent ein, nachdem sich 1647 sein Onkel Leonard Colson vergeblich um eine Pfründe für ihn bemüht hatte.

Die Lütticher Familie des Thomas Dalken hatte sich aufgelöst. Sind sie alle Opfer der Zeitumstände? Vertriebene? Asylanten? Ihre Mutter lebte, wie wir wissen, bis 1646. Sie hatte Grundbesitz in Saive; und wahrscheinlich auch in Celles. Ihr Vater, der Notar Jean Colson, starb hochbetagt ebenfalls im Jahre 1646. Ihre Tochter Margarethe hatte den erfolgreichen Lütticher Drucker und Verleger Lambert Bronckart geheiratet; auch sie war vor 1654 tot. Die zweite Tochter Katharina wird 1647 auf Vermittlung des Abts Leonard Golson, ihres Onkels, Klosterfrau in Diest.

Wir sehen: Das Jahr 1646 hat für die Familie unseres Thomas eine große Rolle gespielt. In Lüttich kehrte erst 1649 der Friede ein. Bis dahin war es für die Chiroux und ihre Parteigänger unmöglich, in die Stadt zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich keines der Kinder des Thomas mehr dort auf, von der Tochter Margarethe abgesehen.
Das Friedensedikt von 1649 hob alle politischen und Verwaltungsvorrechte der Handwerker auf; ihre politischen und privaten Versammlungen wurden verboten; in ihren Kammern dufte nicht mehr über öffentliche Angelegenheiten diskutiert werden; die Vermögen der Zünfte wurden eingezogen; sie durften keine gouver-neurs (Zunftsprecher) mehr wählen. - Vergessen wir an dieser Stelle nicht, daß Henri d’Alken 1643 zum gouverneur (s.XII.Bericht, S.326) der Gerber gewählt worden war, daß er somit auf der Seite der Handwerker gestanden haben muß, der Anhänger der Grignoux und Feinde der Chiroux. Sicher entzweite der Parteienstreit auch Familien.
Der Fürst behielt sich das Einspruchsrecht bei den Bürgermeisterwahlen vor. Ein Bürgermeister und 15 jures (Geschworene) mußten aus der Kandidatenliste des Fürsten gewählt werden. Damit hatte sich die Staatsautorität kurzfristig durchgesetzt. Der Absolutismus hatte gesiegt. Am 13.9.1650 starb Herzog Ferdinand von Bayern. Nachfolger wurde sein Neffe Maximilian-Heinrich von Bayern, der bis 1688 regierte.
Unter seiner Regierung flammten die Auseinandersetzungen wieder auf. Erneut wurden Bürger ausgewiesen und Haftbefehle erlassen, so am 13.April 1680 gegen den ehemaligen Capitaine Henri d’Alken (vgl.XII.Bericht, S. 329, Nr.8) wie gegen 16 weitere Bürger. Das Ende der Kämpfe brachte die Unterwerfung der Stadt im Januar 1684 vor dem Kurfürsten und Erzbischof von Köln, zugleich Fürst des Lütticher Landes.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein Stück Lebensgeschichte des Thomas Dalken. Sein Leben endet - wie wir es heute sehen müssen - in politischer Verfolgung und unter drohender Lebensgefahr. Seine Söhne waren im Ausland in Sicherheit. 200 Jahre später sollte sich an seinen Nachfahren ein ganz ähnliches Schicksal politischer Verfolgung, Vertreibung wiederholen. Doch dies ist ein neues Kapitel der Familiengeschichte!
(Sollten Sie jetzt neugierig geworden sein, und wissen wollen, um wen es sich handelt, dann klicken Sie hier!)

Mehr über Thomas finden Sie hier:
Thomas Dalken - Ein interessantes Zeitdokument
www.dalquen.info