Geschichte der Familie

 Johann Leonard Dalken (1651- 1732)
Scholar, Bierbrauer, Weltreisender und sein Großonkel Johannes Colchon


Unser Vetter Heinrich Fußbahn hat im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg sehr interessante Funde gemacht. Er entdeckte in einem Folioband über die Kanoniker am dortigen Stift St. Peter und Alexander (Sti A 5687) auf den letzten beiden Seiten persönliche und mit dem vorausgehenden Text in keiner Weise zusammenhängende Eintragungen des Stiftskanonikers Johannes Colchon.

Dieser Umstand erinnert lebhaft an Roman von Procházkas langjährige Bemühungen, einem „spanischen Missale" aus dem Besitz des Stiftsdekans Bernhard Dalken/Dalquen/d'Alquen (S. 364 - 369) auf die Spur zu kommen. Allerdings handelt es sich bei Colchons Einträgen nicht um den Nachweis der ohnedies nicht erbringbaren spanischen Abstammung, wie Procházka sie in Erinnerung hatte, sondern um meist familiäre Fakten, die ohne Mühe mit uns Bekanntem verknüpft werden können und bisherige Kenntnisse entscheidend vertiefen.

In chronologischer Folge führt er (siehe Abbildung) zwischen 1644 und 1664 im wesentlichen Verwandte auf.




So heißt es im letzten Eintrag Nr. 15 auf der ersten Seite (in deutscher Übersetzung): „Am 21. November 1660 wurde gefirmt und tonsuriert Johannes Leonardus Dalken".

Was heißt das? Ich nehme folgendes an: Johannes Colchon hatte seinen Patensohn und Großneffen, Sohn von Theodor/Dieter Dalken aus Seligenstadt, zu sich nach Aschaffenburg genommen. Wenn er „tonsuriert" wurde, läßt sich schließen, daß Colchon den Neunjährigen zum geistlichen Stand, vielleicht gar als künftigen Kanoniker in seiner Nachfolge vorgesehen hatte.

Nun wartet Heinrich Fußbahn mit einer weiteren Quelle auf:

Im Aschaffenburger Zunftbuch der Bender (siehe Abbildung oben), zu denen die Bierbrauer gehörten, heißt es:

„1670. Heudt dato den 25 Juny Ist ein Lehrjung mit nahmen Hanß Lonhardt Dalkin von Seligenstadt gebürtig bey bedten verordneten Zunftmeistern alls Hieronymus Grübig undt Adam Hambacher auff undt angenohmen wordten daß Bendter Handtwerckh bey Meister Christoph Krappen zu lehrnen in beysein der gantzen Ehrsamen Zunft Wort geben, glückh und heyl darzu".

Auf der gleichen Seite wird Joh. Leonard am 28. März 1672 als Geselle freigesprochen. Er hatte also zwei Jahre gelernt, und zwar die Bierbrauerei, die bei der Benderzunft angesiedelt war. Üblicherweise hatte ein Geselle nun drei Jahre auf Wanderschaft zu gehen.

Daß es mit der geistlichen Laufbahn nach fünfjährigem Aufenthalt bei seinem Großonkel am Aschaffenburger Stift und intensiven Latein- und sonstigen Studien nichts wurde, hängt zunächst mit dem Tod dieses Paten und Gönners am 11. März 1665 zusammen. Joh. Leonard hatte zu diesem Zeitpunkt das Alter erreicht, in dem ein Junge üblicherweise eine Handwerkslehre begann. Warum aber erst fünf Jahre später im für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Alter von 19 Jahren? Was hat er in den fünf Jahren getrieben? War er am Stift als Student geblieben? Hatte er Verbindung zu seinem Onkel Joh. Franz Dalken in Aschaffenburg?
Sicher ist jedenfalls, daß es mit Joh. Leonard als geistlichem Herrn keinen einzigen Dalquen/d'Alquen gegeben hätte!

Colchons Eintragungen betreffen auch Mitglieder der erweiterten Familie, so die Lütticher Familie Bronckhardt. Zu den Nummern 2, 5 und 16 werden Joh. Arnold und Theodor Bronckhart genannt: am 17. Februar 1644 wird der „Neffe" Joh. Arnold Bronckhart geboren, am 29. April 1647 sein Bruder Theodor, dessen Pate Colchons Bruder Theodor ist. Zum Jahr 1660 wird Joh. Arnold Bronckart als „Lütticher Kleriker" anläßlich der Beisetzungsfeierlichkeiten für den Aschaffenburger Stiftskanoniker und Domizellar Philipp Erwin Weber nochmals erwähnt.

Was hat es mit dieser Lütticher Familie Bron(c)kar(t) auf sich? Thomas Dalken hatte Marie Colchon/Colson geheiratet, Schwester des Seligenstädter Abts und der Aschaffenburger Stiftsherren. Thomas hatte mit ihr sieben Kinder, darunter den Seligenstädter Bürgermeister Theodor/Dieter, den Aschaffenburger Hofkaplan Wilhelm, den Aschaffenburger Ratsherrn Joh. Franz (Thomas) und die Töchter Margarete und Katharina. Margarete ist die Nichte des Johann Colchon. Sie heiratete den Bruder Lambert des prominenten Lütticher Buchdruckers Baudouin Broncar. Sie hatte mit Lambert sechs Kinder: Jean-Arnould, getauft 1644, Cecile get. 1645, Theodor get. 1646, später Anwalt, Dieudonne get. 1647, Cecile get. 1649, Marie Albertine get. 1651. Wie damals üblich bezeichnet Colchon Jean-Arnould als seinen „Neffen" (Nr. 2). Die Tauf- bzw. Geburtsdaten des Theodor stimmen nicht überein. Das Taufregister von St. Gervais in Lüttich führt Theodor am 1. Juli 1646 auf, Dieudonne/Deodate/Theodate/Godgaf am 29. April 1647 im Register von Notre Dame aux Fonts in Lüttich. Colchon wurde vermutlich falsch unterrichtet oder er verwechselte „Theodor" mit „Theodate". Wie auch immer: die beiden Genannten sind Großneffen gewesen. Für den älteren setzt sich Colchon besonders ein. Auf Grund seiner Benennung wird der Lizentiat beider Rechte am 4. Januar 1661 Kanoniker an seinem Stift. In den Würzburger Universitätsmatrikeln taucht dieser Johann Arnold Bronckart, Canonicus Ecclesiae collegiatae SS. Petri et Alexandri Aschaffenburgi, aus Lüttich zu zweijährigem Studium auf. Vermutlich mußte er sein jurustisches durch ein erweitertes theologisches Studium ergänzen. Er war ein Cousin unseres Johann Leonard. Irgendwann hat Bronckart seine Kanoniker-Stelle aufgegeben; er „resignierte", nachdem er am 4. Januar 1661 Profeß abgelegt hatte (Eintrag Nr. 17). Über sein weiteres Schicksal ist derzeit nichts bekannt. Zum besseren Verständnis der verwandtschaftlichen Zusammenhänge betrachten Sie bitte diese Stammtafel:


(I) Beachte die Seligenstädter Familie gleichen Namens

Johannes Colchons Familiennotizen im Überblick:
 
Nummer (s. Abb. zu Beginn des Beitrages)
3  Taufe des Joh. Leonard Dalken in Seligenstadt am 21. September 1651
6  Tod des Vaters Joh. Colchon am 2. März 1646 in Lüttich
7  Tod der Mutter Margaretha am 26. März 1652 ebenda
8  Tod des Bruders, Abt Leonard Colchon am 29. November 1653 in Seligenstadt
9  Tod des Bruders Theodor am 26. April 1655 in Lüttich, Propst in St.Moritz in Mainz und Kanonikus an St. Marien in Mainz und am Stift Haug in Würzburg, Hofkaplan des Mainzer Erzbischofs und Kurfürsten
14  Heirat des Aschaffenburger Großneffen Johann (Franz Thomas) in Ostheim mit der Witwe des Johann Manquay (uns aus der Trauurkunde bisher als „Mang" bekannt) am 21. Januar 1659
19  Tod der Großnichte Katharina Dalken, die als Schwester Bernarda in einem Kloster in Diest lebte, am 10. März 1663 (vgl. vill. Bericht, S. 62 ff)

Unserer Verwandten, Frau Ursula Bell in Uttenreuth, verdanken wir den Hinweis auf einen Artikel über „Eine Gelehrtenreise durch Mainfranken 1660" von Wilhelm Engel und Max H. von Freeden (in: Mainfränkische Hefte, Heft 15, 1952). Hierin berichten zwei Jesuiten, daß sie sich im Seligenstädter Kloster aufhielten und für die Reise nach Aschaffenburg zwischen Seligenstadt und Stockstadt die offene Reisekutsche des Kanonikers Johannes Colchon benutzten.

www.dalquen.info