Der Böhmische Zweig - Johann Heinrich Dalcken (1693- 1755)

Um 1850, es war die Generation von Josephine d'Alquen und ihren Geschwistern, wusste man von den Dalcken in Böhmen nur sehr vage, dass es „in Österreich"  (
so z. B. Friedrich d'Alquen in London ) welche geben solle. Noch einmal 80 Jahre später warb ein Nachkomme von ihnen um den Kauf seines familiengeschichtlichen Werkes „Meine 32 Ahnen und ihre Sippenkreise". Der Verfasser war Roman Freiherr von Procházka aus Prag. Wer das Buch kaufte, erfuhr zu seiner Überraschung, dass es in Böhmen vier Generationen Träger unseres Namens gegeben hatte.

Sie waren, wie alle Dalquen/d'Alquen/D'Alquen Nachfahren des Seefahrers Johann Leonard Dalken. 1730, zwei Jahre vor seinem Tode, unterzeichnete er einen Erbvertrag vor den Vertretern der Seligenstädter Behörden, Vogt, Zentgraf und Stadtrat ( siehe hier). Einer der Erben und Mitunterzeichner war sein Sohn Johann Heinrich Dalcken, „Hochgräflich stadionischer Haubtmann zu Gauth in Böhmen". Er ist der Stammvater jener böhmischen Dalcken/Dalquen/de Dalquen/D'Alquen.

Wer war Johann Heinrich Dalcken? Wir wissen wenig von ihm, obwohl er eine ungewöhnliche Karriere gemacht hat (
siehe R. Freih. v. Procházka, Meine 32 Ahnen, Leipzig). Er wurde als sechstes und vorletztes Kind des Johann Leonard und seiner Frau Anna Maria Uthier am 5. März 1693 in Seligenstadt geboren. Sein Vater war gerade zehn Jahre von seinen Seefahrten in portugiesischen Diensten zurückgekehrt, und, soweit wir wissen, beschäftigte er sich hauptsächlich mit Bierbrauerei, dem Weinbau und dem einträglichen Eisenwarenhandel. Sein Vater Theodor/Dieter, der Einwanderer, war 1694 gestorben. Einflussreiche Verwandte wie der Seligenstädter Abt Johannes Colchon/Colson, die Kanoniker in Aschaffenburg und Mainz und der Aschaffenburger Stadtrat Johann Franz Thomas Dalken/d'Alquen lebten nicht mehr.

Aber immerhin hatte Johann Leonard noch die Fürsorge seines Paten und Großonkels Johann Colchon, Kantor und Kanoniker am Stift in Aschaffenburg, erfahren. Der Stiftskanoniker hatte ihn mehrere Jahre bei sich in Aschaffenburg aufgezogen, in die Lateinschule geschickt und seine Laufbahn als Kleriker vorbereitet.

Sicher hatte Johann Leonard Dalken ein Gespür für Begabungen in dieser Richtung bekommen und was man für sie tun konnte. Als einzigem seiner Söhne, die Töchter kamen damals ohnedies für eine höhere Schulbildung nicht in Betracht, ermöglichte er Johann Heinrich den Besuch der Lateinschule, vielleicht derselben in Aschaffenburg, die er auch er besucht hatte (
vielleicht spielte beim Schulbesuch auch sein zweiter Pate Heinrich Haberkorn, Vorsteher der Stiftsschule bei der Sandkirche in Frankfurt, eine Rolle). Mit etwa 16 Jahren, wie es damals üblich war, wird Heinrich die Mainzer Universität bezogen haben, um Recht und Kameralistik ( worunter wir heute Wirtschaft, Wirtschaftsrecht, Verwaltungsrecht verstehen) zu studieren. Die Immatrikulationsverzeichnisse der Mainzer Universität sind verloren gegangen. Vielleicht gibt uns die Auswertung der Akten des Fleischbeinischen Stipendiums über die genauen Zeitpunkte Auskunft. An der nach Mainz nächst gelegenen Universität Würzburg jedenfalls hat er nicht studiert ( wie sein Großonkel Johann Franz Thomas Dalken aus Aschaffenburg).

Mit der Wahl dieses Studiums war sein Weg in die Staats- und Gutsverwaltung vorgezeichnet. Heinrich wird dieses Studium etwa 1708 bis 1712 betrieben haben. Üblicherweise schlossen sich daran einige Jahre der Praxis im Staatsdienst an. 1714 war Heinrich volljährig geworden. Bis zu seiner Verheiratung mit einer Mainzerin sollten weitere sieben Jahre vergehen. Was er in dieser Zeit erlebte, entzieht sich völlig unserer Kenntnis. Auch hier sind wir auf Vermutungen angewiesen.

Alle wesentlichen Vermutungen bewegen sich in Richtung auf eine für Heinrich Dalckens Lebensweg entscheidende Familie: die Stadion. Diese Familie trat in dieser Zeit mit zwei herausragenden Persönlichkeiten auf die Bühne der deutschen und europäischen Politik, zunächst Reichsgraf Johann Philipp Joseph von Stadion (1632 - 1742).

Philipp von Stadion war dreimal verheiratet. Seine erste Frau stammte aus dem vermögenden Hause der Faust von Stromberg; mit ihr hatte er fünf Kinder. Sie starb 1682. 1685 vermählte er sich zum zweiten Male: Maria Anna aus der Familie Schönborn, eine Großnichte des Mainzer Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn (1605 - 1673). Mit ihr hatte Philipp von Stadion neun Kinder. Aus seiner dritten Ehe 1705 kamen weitere neun Kinder hinzu. Insgesamt hatte er 23 Kinder.

1695 wurde der Onkel seiner zweiten Frau, der Bischof von Bamberg Graf Lothar Franz von Schönborn (1655 - 1729), Kurfürst von Mainz, Erzbischof und Reichskanzler. Er berief noch im gleichen Jahr Philipp von Stadion nach Mainz, wo er Kammerpräsident des Kurstaates wurde. Ihm oblag die Überwachung der Staatsfinanzen.

Als 1709 der Großhofmeister von Metternich starb, fiel sein Amt an Stadion. Er war nun Premier- und Konferenzminister, Leiter der Mainzer und damit weitgehend der deutschen Außenpolitik und bevorzugter Diplomat des Kurfürsten.

1696 kaufte Philipp von Stadion die großen böhmischen Herrschaften Kauth und Chodenschloss von den Grafen von Lamingen. Der Ort Kauth/ Kout bei Neugedein/ Kdyne liegt etwa 10 km hinter der bayerischen Grenze in der Nähe von Furth im Wald. Nach Klattau/ Klatovy sind es weitere 20 km und von dort 100 km nördlich nach Pilsen/ Plzen. Klattau hatte damals etwa 8000 Einwohner und ein Benediktinergymnasium.

Ein weiterer bedeutender Güterkauf erfolgte 1705, weniger bedeutend, was den Umfang anbelangte, aber mit dem Erwerb der Herrschaften Thannhausen und Warthausen in Oberschwaben war der Stand eines Reichsgrafen verbunden. Kaiser Leopold I. übertrug diesen Status auf sämtliche Mitglieder des Hauses Stadion, das heißt rechtlich, dass die Stadion keinem Lehnsherrn mehr Untertan waren, sondern lediglich dem Kaiser. Spätere Zukäufe in Böhmen waren die Herrschaften Neumark, Riesenburg und Zahorzan. Der Besitz der Stadion umfasste nunmehr etwa 20.000 Untertanen, 67 Ortschaften, unermessliche Waldungen. Der Wert wurde auf 600.000 Gulden geschätzt, das Gesamtvermögen der Familie auf 1.428.000 Gulden. (
Diese und die wichtigsten biografischen Angaben aus: Hellmuth Rössler, Graf Johann Philipp Stadion. Napoleons.)
 
Aus dieser Aufzählung wird ersichtlich, dass Reichsgraf Philipp von Stadion diesen Besitz neben seiner Amtstätigkeit in Mainz niemals selbst verwalten konnte. Hierfür standen ihm in erster Linie juristisch gebildete Amtmänner zur Seite, und einer davon, der den wertvollsten Besitz in Böhmen verwaltete, Kauth und Chodenschloss, war Johann Heinrich Dalcken.

Ob es die erste Tätigkeit des Dalcken war? Hat er wenigstens auf einem Staatsgut, auf einer Herrschaft die Tätigkeit des Justiziärs, Verwalters, Einnehmers, Kaufmanns, Richters erlernen können ? Anderseits widerspricht es nicht dem Brauch der Zeit, ganz junge Leute bereits mit sehr verantwortungsvollen Stellen zu betrauen. Wir wissen nichts hierüber, vor allem nicht, wann Heinrich Dalcken seine Amtstätigkeit in Kauth und Chodenschloss aufnahm.

Hier mündet nun eine zweite Vermutung ein. 1721 hatte sich Heinrich Dalcken mit der Mainzerin Susanna Katharina Barth (
  1761) verheiratet. Ihr Vater wird als „Factor" bezeichnet, worunter wir auch einen Buchhalter verstehen können; aber nichts ist bekannt, wo er diese Tätigkeit ausübte. Wir wissen jedoch, er hatte eine zweite Tochter Anna Maria (  1778) (Proch., Ahnen, S. 452) , die mit dem Stadionschen Quästor ( Finanzkämmerer, -Verwalter) und Rentmeister ( Einnehmer der herrschaftlichen Einkünfte) Matthäus von Schönbeck verheiratet war. Dessen Vater war der königlich böhmische Appellationsrat Joh. Michael Karl v. Schönbeck. Einen weiteren Sohn dieses Rates finden wir in Kauth: es war Philipp Jakob v. Schönbeck, zunächst Stadionscher Gutsverwalter im Elsass. Also genug familiäre Verbindungen nach Böhmen, um sich vorstellen zu können, dass auch sie für Heinrich Dalcken nützlich sein konnten. Interessant wäre die Antwort auf die Frage: Lernte Heinrich Dalcken seine Mainzer Frau in Böhmen kennen nach seiner Ernennung ? Das würde die Suche nach einem weiteren Gönner und Vermittler in Mainz nötig machen. Und den gibt es in der Tat.

Reichsgraf von Stadion- ThanhausenGraf Philipp von Stadion hatte aus seiner zweiten Ehe mit der Gräfin Maria Anna aus der berühmten Familie von Schönborn den zweiten Sohn Friedrich (1691 - 1768), der als Geheimer Rat, Hofmarchall, Oberamtmann in Bischofsheim an der Tauber und schließlich oberster Staats- und Hofminister fast alle Ämter seines Vater übernommen hatte. 
Friedrich von Stadion war zwei Jahre vor Heinrich Dalcken geboren und studierte wie er an der Mainzer Universität Jura und Kameralwissenschaften. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich die beiden beim Studium kennen lernten. Wenn man bedenkt, zu welch bedeutender Stellung Dalcken berufen werden sollte, ist sicher außer den Familienbeziehungen der persönliche Augenschein entscheidend gewesen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Heinrich Dalckens Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit in der persönlichen Begegnung mit dem Grafen Friedrich von Stadion aufgefallen sind.
Der Vater des Grafen starb 1742. 1737 hatte er seine Ämter in Mainz aufgegeben und den Weg für seinen Sohn Friedrich frei gemacht.

   Friedrich Reichsgraf von Stadion- Thanhausen (1691- 1768)

1730 Hatte Heinrich Dalcken bereits seine Stellung auf den Stadionschen Gütern in Böhmen inne. In den 16 Jahren seit seiner Volljährigkeit müssen sich die Beziehungen zu den Stadion Vater und Sohn entwickelt haben, bereits in Mainz in der kurfürstlichen Verwaltung unter Philipp Stadion oder bereits in Stadionschen Diensten.
 
Friedrich von Stadion hatte in seiner Jugend den Geist der Aufklärung aufgenommen. Voltaire, dem er auf seiner Kavalierstour begegnete, scheint von besonderem Einfluss gewesen zu sein. Er schloss sich an „dessen Ansichten über Jesuiten und Religion" (
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich von Dr. Constant Wurzbach, Band 37, Wien 1878) an und unterhielt „noch ferner den Verkehr mit dem Bahnbrecher aller Negation des Religiösen" (wie vor). Seine aufklärerische und liberale Einstellung beflügelte seinen Eifer für die Reform der Verwaltung, die Umarbeitung des Landrechts, die Förderung von Handel und Gewerbe im Mainzer Kurstaat. Auseinandersetzungen besonders mit den Jesuiten führten zwar zu einer Ausweisung aus dem Kurstaat, nicht aber zur Beruhigung der Angriffe gegen ihn.

Schon früh hatte er sich immer wieder an seinen Musenhof, das Schloss Warthausen ganz in der Nähe der Reichsstadt Biberach, zurückgezogen. Hier wirkte Christoph Martin Wieland als Stadtschreiber und Schriftsteller. Wieland betreute das Liebhabertheater auf Schloss Warthausen. Stadion vermittelte ihn als Professor an die Universität Erfurt, das damals zu Mainz gehörte. Von hier aus übersiedelte Wieland, u. a. auf Goethes Vermittlung, nach Weimar als Erzieher der Prinzen.

Das Leben in Warthausen muss gegenüber dem schwerfälligen, auch geistlich geprägten Hofzeremoniell in Mainz, leicht, schwungvoll und sinnenfroh gewesen sein. Wir können es uns vorstellen wie auf den Watteauschen Gemälden, sorglos und unbeschwert dem Ende einer Epoche entgegen tänzelnd.

Vier Jahre vor seiner Verheiratung hatte Friedrich von Stadion- Warthausen eine Affäre mit der Tänzerin Catharina La Roche. Da sie schwanger wurde, verheiratete Stadion sie 1719 mit dem erkrankten kurmainzischen Senator und Chirurgen Frank, der 1720 starb. Zehn Tage nach seinem Tode wurde ein Junge geboren, Georg Michael Frank von Laroche (1720 -1768). Stadions Vaterschaft war ein offenes Geheimnis. Er nahm den Jungen sofort zu sich, ließ ihn sehr sorgfältig erziehen und bildete ihn zu seinem Sekretär aus. Wenn Heinrich Dalcken später geschäftlich in Warthausen, eher aber in Mainz weilte, dann wird er es vorwiegend mit Frank von Laroche zu tun gehabt haben.

1754 heiratete der junge Frank Sophie Gutermann von Gutershausen (1730 - 1807). Sie war die Cousine Wielands und seine Verlobte gewesen, Verfasserin eines damals sensationellen, berühmten Unterhaltungsromans, „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim". Sie wurde die Mutter der Maximiliane Brentano (1735 - 1797) (
die einen Teil der Wasserloser Besitzungen des Marquis du Chasteler erwarb (s. früheren Bericht) und Großmutter der Romantiker Clemens Brentano (1778 - 1842) und seiner Schwester Bettina (1785 - 1859), die Achim von Arnim (1781 - 1831) heiratete.

1730 hielt sich Heinrich Dalcken in Seligenstadt auf. Ob er zur Beisetzung seines Vaters 1732 wieder anwesend war, ist nicht bekannt. Ob und wie oft er aus dienstlichen Gründen in Mainz bzw. Warthausen weilte, ist genau so wenig bekannt. In Klattau, Chodenschloss und Kauth, wo Heinrich Dalcken mit seiner Familie lebte, hat sich Friedrich von Stadion nicht für längere Zeit aufgehalten.

Ein Phänomen jedenfalls überrascht: die Anhänglichkeit der Dalcken über vier Generationen an das Haus Stadion, weit über den Tod Friedrichs von Stadion 1768 hinaus und die Bereitschaft der Stadion, immer wieder Paten und Patinnen für die Kinder der Dalcken zu stellen.

Heinrich Dalcken ertrank am 26. März 1755, als seine Kutsche bei der Durchquerung des Baches Dobrzan bei Chotieschau umstürzte; nicht jedoch seine Frau: Sie überlebte ihn um 23 Jahre und starb zu Kauth am 23. März 1778.

Am 6. März 1778 hatte sie ihr Testament errichtet und gesiegelt. Sie bestimmte ihre Söhne Edmund Dalcken, Dechant in Aschaffenburg, Bernard Dalcken, Inspektor zu Kauth, Franz Dalcken, Hauptmann beim Fürstlich Esterhazyschen Infanterie-Regiment und die Tochter Margarethe Götschnerin zu Prag sowie die drei Enkelkinder Rosina, Joseph und Heinrich Hofmeister als Erben. Jeder erbte 2.400 Gulden ausgeliehenes Geld, davon 400 Gulden bei Frau Schellhorn in Memmingen. Die vererbten Gelder beliefen sich somit auf 16.800 Gulden. Von der Vererbung irgendwelcher Immobilien erfahren wir nichts.

Johann Heinrich Dalcken hatte eine Kristallberlocke mit seinem Wappen hinterlassen, die inzwischen dem Landschaftsmuseum in Seligenstadt geschenkt wurde.



(Diese genealogischen Angaben enstammen dem Nachlass von Roman v. Próchazka )
Senden b. Neu- Ulm= etwa 30 km nordöstl. v. Warthausen
Memmingen= etwa 35 km südöstl. v. Warthausen
Fellheim= etwa 10 km nördl. v. Memmingen

www.dalquen.info