Der Hessische Zweig -
Hermann Josef und Franz Adam in ihrer Zeit

In die Lebensjahre der Brüder Hermann und Franz fallen so bedeutende Ereigniss der europäischen Geschichte, daß es niemanden gab, der nicht davon betroffen war. Auch das stille, abseits liegende Städtchen Seligenstadt mit seinen verwinkelten Gassen und sauberen Fachwerkhäusern, seinen geschäftigen Ackerbürgern, Handwerker und "Nebenerwerbslandwirte", wie wir heute sagen würden, blieb davon nicht verschont.

Das Ereignis, das ganz Europa veränderte und Aus- und Rückwirkungen bis nach bzw. von Amerika und Kanada hatte, war der Ausbruch der Französischen Revolution 1789.

Hermann und Franz waren 18 bzw. 16 Jahre alt. Im gleichen Jahre war George Washingten erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden, der früheren englischen Kolonien. Es waren die ersten modernen, demokratischen Staaten; das Volk hatte sie sich gegen die absoluten Herrschen erkämpft, das Obrigkeitssystem, wie es durch die englischen Könige aus dem ungeliebten Haus Hannover repräsentiert wurde (Unabhängigkeitskrieg 1775-1783).

Mit einem Schlag war dieses System 1789 in Frankreich abgeschafft worden. Das Volk wollte sich selbst regieren und trieb seine Regierungsexperimente bis zur Terrorherrschaft und der Hinrichtung der königlichen Familie und ungezählter echter und vermeintlicher Anhänger der Revolution.

Die Reaktion der verbündeten europäischen Fürsten führte zur Kriegserklärung Frankreichs, das wider allen Erwartens an allen Fronten siegreich war. Zum ersten Male standen sich Armeen gegenüber, deren Soldaten ein sehr unterschiedliches Bewußtsein hatten: In Frankreich waren es die nationalbewußten Freiwilligen und Wehrpflichtigen, im übrigen Europa zusammengewürfelte Söldner ohne Motivation, gedrillt nach überholtem Reglement, befehligt von einem überalteten Offizierskorps. 1792 bereits fiel ganz Belgien, somit auch das Fürstbistum Lüttich, und im gleichen Jahre wurden das Kurfürstentum Mainz und die Fürstbistümer Speyer und Worms bis zum Rhein kampflos besetzt.

Der Mainzer Kurfürst, Reichserzkanzler und Erzbischof Karl Josef von Erthal (1774-1802) war nicht ganz unschuldig am Zusammenbruch seines Staates. Bei ihm, er war zugleich Fürstbischof von Worms, und im Kurfürstentum Trier hatten sich die meisten französischen, insbesondere adligen Emigranten angesiedelt. Sie unterschätzten die wirklichen inneren Verhältnisse in Frankreich total. Ihre Intrigen und umstürzlerischen Agitationen, Bewaffnung von Freiwilligen, kriegsmäßige Exerzierübungen, widersprachen jeglichem Herkommen, besonders der Achtung der Neutralität der Gastländer. In diese aufgeheizte Scheinstärke platzt die Kriegserklärung der Franzosen an die Österreicher. Ihr erstes Angriffsziel richtet sich gegen die österreichischen Niederlande, aber dann sofort gegen die Reichsfestung Mainz. Jahrzehntelanger Friedensschlaf hat dieses Bollwerk gegen Frankreich nahezu wertlos gemacht. Die Kanonen sind nicht instand gesetzt; es fehlt die Munition; Kanoniere müssen sinnlose Schützengräben ausheben. Am 30.09.1792 wird Speyer, kurz darauf Worms angegriffen. Die Truppen des Kurfürsten ziehen sich kampflos zurück. Ihre Flucht über den Rhein ist nicht möglich: die Fährleute und Fischer sind mit ihren Booten bereits auf der rechten Rheinseite. So kapituliert man und erhält den ehrenvollen Abzug gewährt gegen die Zusicherung, während dieses Krieges nicht mehr an Kampfhandlungen teilzunehmen.

Am 2.Oktober fliehen die reichen Bürger und Emigrantenfrauen von Mainz über den Rhein nach Frankfurt. Der Kurfürst kehrt zwar am nächsten Tag  in seine Hauptstadt zurück, verläßt die aber am 5. 0ktober wieder nach Würzburg, wo sein Bruder als Bischof residiert.

Am 19.Oktober wird Mainz angegriffen und zur Kapitulation aufgefordert. Zwei Tage darauf rücken die österreichischen Hilfstruppen unbehelligt ab. Nachmittags beginnt die französische Besatzung. Mainz ist eine französische Stadt, die linke Rheinseite in diesem Abschnitt französische Grenze geworden. Aschaffenburg, etwa 15 km von Seiligenstadt entfernt, wird später und für kurz die nächste Residenz des Kurfürsten.

1795 bis 1797 werden Süddeutschland und Italien erobert. 1799 ziehen sich die Franzosen hinter den Rhein zurück. 1801 kommt es zum Friedensschluß von Lunéville: die deutschen Gebiete links des Rheins werden an Frankreich abgetreten. Viele deutsche Fürsten verlieren hier Territorium. 1803 löst sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation auf. Die deutschen Fürsten verlangen Entschädigungen  für die linksrheinischen Verluste. Die allermeisten geistlichen Fürstentümer und Besitzungen werden verweltlicht (säkularisiert); die meisten Freien Reichsstädte verlieren ihre Reichsunmittelbarkeit; die werden mittelbar gemacht (Mediatisierung) und Fürsten unterstellt und deren Gebiet eingegliedert.

Das Reichsgebiet, das in mehr als 1000 Teile wie ein Puzzle unter 300 geistliche und weltliche Landesherren aufgeteilt war, wird nun neugegliedert. Uralte Bindungen der Menschen an ihr Land, ihre Heimat werden zerrissen. Nationalitäten wechseln für ungezählte Bürger, für manche sicher verbunden mit großen Hoffnungen auf Fortschritt und bürgerliche Freiheiten. Vom alten Reich waren 39 unabhängige Territorien übriggeblieben. Diese Neugliederung war Folge der Französischen Revolution und vor allem der Diplomatie Napoleons und nach dessen Niederlage 1813 und 1815 der des sog. Wiener Kongresses.

Dieser Kongreß hatte u.a. auch die Ansprüche des hessischen Landgrafen zu befriedigen. Er hatte ein kleines Territorium im Elsaß verloren. Dafür langte er nun kräftig zu und erwarb das Herzogtum Westfalen, Teile von Kurmainz, darunter Seligenstadt mit dem Benediktinerkloster, und kurpfälzische Teile des Fürstbistums Worms. Die Vergrößerung seines Landes bedingte auch die Änderung seines Titels: aus dem Landgrafen Ludwig X. wurde Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt. 1815 trat er das Herzogtum Westfalen an Preußen ab im Tausch gegen Rheinhessen. Ludwig I. galt als liberal und weise; er hatte 1820 eine der ersten Verfassungen in einem deutschen Land eingeführt. Trotzdem: Kein Bürger, der seine Nationalität wechseln mußte, wußte von vorneherein, ob ihn damit nun ein besseres Los erwartete. Ein Risiko auf die Zukunft war es allemal.

Aber es gab für die Betroffenen keine Wahl; über ihr Schicksal entschieden die Gesandten ihrer Fürsten und die Diplomaten. Mochte die "Anhänglichkeit seiner Untertanen" ( Reichart, Aufhebung) dem Mainzer Kurfürsten gegenüber noch so groß sein, dem neuen Landesherrn, Ludwig I., wurde sie jedenfalls überschwänglich erwiesen. Am 19.08.1803 war es soweit. Mehrere ehemals kurfürstlichen Ämter huldigten dem Fürsten in Seligenstadt.

Mehrere Deputationen empfingen ihn an den Gemarkungsgrenzen. "An der Grenze des Vogteiamts Seligenstadt befand sich eine zweite Deputation, an deren Spitze sich der damalige Oberamts-Accessist Dalquen befand. Nach gehaltener Anrede ging nun der Zug, unter Vorreiten des Oberamts-Zollbereiters mit seiner gleich montierten berittenen Mannschaft, bis an die vor Seligenstadt aufgestellte Ehrenpforte. Hier war das Oberamtspersonale, die städtischen Deputierten und die paradierende Cent-Mannschaft mit dem Schützencorps versammelt"( Steiner, Säkularisation, S.259).

Unter den städtischen Deputierten war der Stadt- und Ratsgeschworene Hermann Dalquen, Bruder des o.e. Oberamts-Accessisten Franz (Adam) Dalquen (d'Alquen).

Anschließend wurde die Benediktiner-Abtei übergeben. Deren Syndikus Hardy leitete den Übergabeakt. "Die Feierlichkeiten verliefen recht glanzvoll. In Seligenstadt dauerten sie zwei Tage. Die Huldigung fand im Abteihofe statt. Eingeleitet war sie von einem Hochamte, das der Prälat Molitor in der Abteikirche hielt. Im Chor war für seine Durchlaucht ein besonderer Sitz bereitet. Nach der Huldigung war abermaliger Zug zur Kirche mit Tedeum. Auch in der Juden-Synagoge wurde ein feierlicher Gebetsgottesdienst gehalten, dem der Landgraf beiwohnte. Die Kosten der Huldigung beliefen sich auf 2436 fl.5o Kr" ( Steiner, ebda., S.131).

Inzwischen waren Hermann und Franz Dalquen 14 Jahre älter geworden, also 32 bzw. 30 Jahre alt und beide Familienväter. Bald sollten sich ihre Wege für immer trennen. Hermann blieb in Seligenstadt; er engagierte sich in der Arbeit für die Gemeinde als Hospitalpfleger, als Stadtrat, schließlich als Ratsschultheiß. Seinen Bruder Franz führte es als Regierungsrat nach Westfalen. Doch über ihn in einem späteren Bericht.
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