Geschichte
der Familie
Der Abt Leonard Colchon
OSB
In
unseren bisherigen Betrachtungen ist er etwas zu kurz gekommen, der
Onkel unseres Einwanderers Theodor/Dieter/Dieterich
Dalken, sein
großer Gönner, der Verursacher seiner und nicht nur
seiner
Übersiedlung nach Seligenstadt im damaligen Erzbistum und
Kurfürstentum Mainz. Wenn er denn dies alles war!
Doch befassen wir uns zunächst mit Colchons Lebenslauf.
Johannes
Colchon wurde als erstes von neun Kindern am 25. März 1593
geboren
und getauft. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er bei den Eltern in
Lüttich. 1610, inzwischen waren seine acht Geschwister
geboren,
trat er in die Benediktinerabtei in Saint Trond/Sint Truiden unweit
Lüttich ein. Hier erhielt er den Mönchsnamen Leonard.
Im Jahr
darauf, als 18-jähriger, 1611, legte er seine Profess ab, die
feierliche Verpflichtung auf die Ordensgelübde. 1616 erfolgte
seine Priesterweihe, und im Jahr darauf bezog er die Kölner
Universität zum Theologie- und Philosophiestudium. Wenn er
nicht
ein so tüchtiger Theologe gewesen wäre,
hätte man ihn
nicht gegen Ende seines Studiums zum Subregens berufen. Er war nun
Stellvertreter des Vorstehers des Priesterseminars der Bursfelder
Kongregation in Köln. In diesen Jahren erwarb er den Grad
eines
Baccalaureus. Er verließ die Universität 1622 mit
dem Grad
eines Lizentiaten, der die gleichen Rechte verlieh wie die eines
Magisters, d. h. er durfte Vorlesungen in der theologischen
Fakultät halten.

Blick
gegen den Chor der romanischen Einhards- Basilika, die ehemalige
Klosterkirche. Das Chorgitter wurde von der Fa. Jakob Martin Dalquen,
damals Frankfurt, restauriert, ergänzt und wieder angebracht
Im gleichen Jahre forderte ihn der Abt des Benediktinerklosters in
Seligenstadt als Lektor für den mönchischen
Nachwuchs an. Welche Bedeutung hatte dieses Kloster? Johann Salver aus
Würzburg hat 1707, also etwa eineinhalb Jahrhunderte nach
Leonard
Colchons Tod, einen Kupferstich hinterlassen:
Ein großes
Schiff, besetzt mit Mönchen, segelt an uns vorbei. Aus den
Himmelshöhen breiten sich, von der Mutter Gottes mit dem Kind
ausgehend, Gnadenstrahle über das ganze Mainschiff aus. Gleich
neben ihr thronen vermutlich der Heilige Benedikt mit den heiligen
Märtyrern Petrus und Marcellinus, den Schutzheiligen
Seligenstadts. Das Hauptsegel des Schiffes zeigt den Reichsadler mit
der Reichskrone. Dies soll betonen, dass das Kloster bis 1063
reichsunmittelbar war. Das Schiff wird vorangetrieben von den sieben
Tugenden. Im Heck sitzt erhöht der Heilige Eginhard,
Gründungsabt des Klosters um 830 und Biograf Kaiser Karls des
Großen.
Der
Sarkophag für den Gründungsabt des
Seligenstädter
Klosters, Eginhard/ Einhard, den Sekretär und Biograf Kaiser
Karls
des Großen in einer Seitenkapelle der Basilika
Rückwärts am Ufer des Mains erscheint
rechts Seligenstadt mit der romanischen Basilika, die mit zwei
Spifztürmen und einem wuchtigen Vierungsturm ausgestattet ist.
Links von der Abteikirche erscheint die alte romanische Pfarrkirche,
die in der Säkularisation abgerissen wurde. Die Reste der
staufischen Kaiserpfalz wurden nicht vergessen. Sie ging auf Kaiser
Friedrich II. zurück. Auf der linken Seite ist das
hübsche
kleine Wasserschlösschen abgebildet, die Sommerresidenz der
Äbte.
Das barocke
Wasserschlösschen vor den Mauern der Stadt, die Sommerresidenz
der Äbte
Neptun mit einer seiner Töchter zieht dem
Schiff voraus. Eine Nereide mit dem Spiegel der Weisheit und Fortunas
Füllhorn begleitet das Schiff. Weitere wohlwollende Geister
schwimmen hinter dem Schiff her. Und damit ist so ziemlich alles
aufgezählt, was das Herz eines Seligenstädter
Mönchs,
auch des Abts, vor Stolz schwellen lassen konnte.
Seine Lehrweisheit, sein exemplarischer Wandel werden gepriesen. Daher
wundert es nicht, den wissenschaftlich und sprachlich begabten jungen
Mann schon sehr bald als Prior, als Stellvertreter seines Abts, wirken
zu sehen. Es soll das Hebräische, das Griechische,
selbstverständlich das Lateinische, das Französische,
seine
Muttersprache, das Flämische und das Deutsche perfekt
beherrscht
haben. In den folgenden Jahren verfasste er mehrere Abhandlungen
über die Seligenstädter Geschichte, u. a. erstellte
er einen
Katalog sämtlicher Äbte, die je in seinem Kloster
gewirkt
hatten. Diese Arbeit sollte in ein riesiges Gemälde eingehen,
von
dem noch die Rede sein wird.
Das Jahr 1626 brachte für Leonard Colchon ein wichtiges
Ereignis.
Das Generalkapitel der Bursfelder Kongregation im Kloster St. Pantaleon
in Köln ernennt ihn in Abwesenheit zum Visitator der
Klöster
St. Jakob in Köln und St. Peter in Erfurt. Nach der
Reformationszeit (Luther war 1546 gestorben) war es zu großen
Schwierigkeiten für die katholische Kirche im Reich gekommen.
Verschiedene deutsche Fürsten und
Reichsstädte
hatten Klöster aufgelöst,
deren Eigentum beschlagnahmt und die Äbte und
Mönche vertrieben.
Schließlich bestimmte der Augsburger Religionsfriede von
1555,
dass die bis 1552 evangelisch gewordenen Kirchengüter
evangelisch
bleiben durften, während die anderen zurückerstattet
werden
mussten. Verhandlungen hierüber verliefen zäh und
langwierig.
In diesem Prozess nun wurde Leonhard Colchon tätig.
Im Jahre 1625 ging die Pest in Seligenstadt um. Johann Jakob Walz, der
Koadjutor, d. h. der Stellvertreter des Abts Martin Kays mit dem Recht
auf dessen Nachfolge, fiel ihr zum Opfer. Und der alte Abt, von
Krankheit und Auszehrung geplagt, folgte ihm nach zwei Wochen. Pater
Leonhard wurde als Prior bestätigt und legte, wie beim Tode
eines
Abts üblich, das Inventar und Verzeichnis über die
Bestände im Speicher, im Keller, in den Ställen, an
Geld und
Wertgegenständen des Klosters an, als wäre dies alles
der
persönliche Besitz des Abts gewesen.
Da Pater Leopold seine Gelübde in St. Trond und nicht in
Seligenstadt abgelegt hatte, gehörte er streng genommen nicht
zum
Konvent der Gemeinschaft der stimmberechtigten Geistlichen des
Klosters. Er war zum Zeitpunkt der Neuwahl des Abts auch nicht in
Seligenstadt anwesend und wurde trotzdem mit Stimmenmehrheit zum Abt
gewählt. Die Wahl war vom Protest einiger Mitglieder des
Konvents
begleitet, die dem neuen Abt allerdings nicht schadete. Sie
beanstandeten seine Wahl, weil er „nit nationalis"
wäre. Man
versuchte also, ihm seine Lütticher
„Nationalität"
negativ auszulegen, obwohl das Fürstbisfum Lüttich
damals zum
deutschen Reich gehörte.
Nun hatte der
neugewählte Abt zur endgültigen
Bestätigung noch seinen Gehorsamseid gegenüber dem
Kurfürsten und Erzbischof von Mainz abzulegen. In Abwesenheit
des
Kurfürsten nahm ihm der erzbischöflich Kommissar
Anfang
Dezember 1625 diesen Eid ab. Bestätigt wurde er am 16.
Dezember
1625. Der Wahlspruch des neuen Abts lautete: Dominus fortitudo mea
(Gott ist meine Stärke). Die feierliche Abtsweihe fand in der
Mainzer Jesuitenkirche am 11. Juni 1626 statt. Als Amtssiegel
wählte er sein Familienwappen. Er verwendete es auch
als
Ex libris, für ein Tafelgeschirr, das heute noch in den Museen
in
Lille, Charleroi, im Hospital St. Jean in Brügge und in den
Sammlungen der Grafen von Schönborn und der Herren von Renesse
auf
Schloss Bürresheim zu sehen ist. Schließlich finden
wir es
wieder auf dem Stammbaum der Seligenstädter Äbte (s.
o.) im
Landschaftsmuseum in Seligenstadt.
1628 hielt sich Leonard Colchon wieder in Köln auf. Es ging um
die
Bursfelder Kongregation: Es sollten so viele Klöster und
Abteien
in Deutschland als möglich in einer Union zusammengefasst
werden.
Die Kongregation nannte sich nach der ehemaligen Benediktinerabtei
Bursfeld bei Göttingen. Ziel der Verhandlungen sollte die
Durchsetzung der einheitlichen und strengen Beachtung der
Benediktinerregel sein. Diese Einheit durchzusetzen und
möglichst
viele Klöster sich hierzu bekennen zu lassen, wurde Colchons
Aufgabe, und zwar dies in den Bistümern des
Kurfürstentums
Mainz, des Rheinischen Kreises, des Bistums Straßburg, des
Eichsfelds mit Fulda durchzusetzen.
Umfangreiche Reisen standen ihm bevor, außerdem
persönliche
Verhandlungen mit den Kurfürsten in Mainz, Köln und
Trier,
den Fürstbischofen von Würzburg und Bamberg, den
kaiserlichen
Kommissaren. Sein Gast in Seligenstadt war u. a. der apostolische Legat
Petrus Aloysius Caraffa.
Der 30-jährige Krieg (1618-1648) hatte zweifellos
große
Auswirkungen auf Colchons Reise- und Vermittlertätigkeit. Auch
an
Seligenstadt ging der Krieg nicht vorüber. 1632 hausten die
Schweden zum erstenmal in der Stadt. Die schwedische Königin,
Marie Eleonore von Brandenburg, entblödete sich nicht, vor
ihrer
Kutsche einen tonsurierten Affen mit einem Rosenkranz einher reiten zu
lassen. Schlimmer entwickelte sich der zweite Aufenthalt in der Stadt.
Er dauerte von 1637 bis 1641. Der Abt hatte fliehen können.
Mit
ihm einige Mönche. Das Kloster wurde aufgehoben. Die
restlichen
Mönche sahen als Internierte im ehemaligen Gasthof zum
Stern einer sehr Ungewissen Zukunft entgegen.
Eine mutige
Seligenstädterin versorgte die Gefangenen 1637 heimlich mit
Lebensmitteln. Es war Ursula Gelf, Witwe des Johann II Gelf, die
Schwiegermutter des Theodor Dalken, der 1650 ihre Tochter Marie
Elisabeth heiraten sollte. Sie und zwei Schwestern blieben von elf
Kindern nach Pest und Krieg übrig.
Verweilen wir an dieser Stelle kurz bei der Familie unseres Abts. Sie
stammt ursprünglich aus der Maasgegend. Der Name taucht dort
auch
als Colson auf, der auf den Ortsnamen Gulcken bei Dolhain in der
Provinz Limburg zurückgeht. Der wallonische Name desselben
Ortes
ist Goe. Wie die Dalken waren die Colchon, soweit es sich
zurückverfolgen lässt, überwiegend Juristen.
In
fürstbischoflichen Diensten übersiedelten sie nach
Lüttich, wo sie sich in fünf Generationen nachweisen
lassen
(siehe Stammbaum). Der Vater unseres Abts heiratete 1590 in die
Familie de Saive ein, ebenfalls Anwälte und
fürstbischöfliche Notare und reiche Grundbesitzer.
Der Ehe
entsprossen neun Kinder. Unser Abt war das erste, nach Vater und
Grossvater auf den Namen Johannes getauft. Das achte Kind, 1610
geboren, war der spätere Kanonikus am Stift St. Peter und
Alexander in Aschaffenburg, über den schon verschiedentlich
berichtet wurde (z. B. S. 515 ff, 529 ff, 715 ff). Ein weiterer
Kanonikus am Mainzer Marienstift wurde das sechste Kind. Theodor, 1605
geboren. Mit ihm konnte das Elternpaar die Goldenen Hochzeit 1640 in
Lüttich mit drei Söhnen im Prälatenrang
feiern. Sie
wurde im Clarissenkloster St. Clara begangen, in das die Schwester
Barbara oder Margarethe eingetreten war. Hier wurden auch die beiden
Eltern beerdigt. Ihr Grabstein wurde von dem inzwischen abgerissenen
Kloster in den ehemaligen fürstbischöflichen Palast
überführt. Er trägt die Inschrift:
D[eo]
O[ptimo] M[aximo]
Icy
gists lean Colchon
Leqvel
at vescu avec son
espeuse
dam Margarit Saive
56
ans et faict son ivbile y
assistant
ses trois fils co[n]
stitve
en prelatvre et [ses]
trois
filles en cest enc[oistre]
le
22 de 7bre 1640 morv[t lui eage]
de
80 ans le 2 de mars [1646]
et
eile eagee de 80 [ans.]
morvt
le 26 mars
1652
requiescan[t]
in
pace amen. |
D.O.M.
Hier ruht
Jean Colchon.
Er lebte mit
seiner
Ehefrau Dame
Margarit [de] Saive
56 Jahre und
feierte das Jubiläum
in
Begleitung seiner drei Söhne mit
Prälatenstatus
und seinen
drei
Töchtern in diesem Kloster
am 22.
September 1640. Er starb
mit 80
Jahren am 2. März 1646,
und sie mit
80 Jahren
starb am 26.
März
1652. Sie
mögen ruhen
In Frieden.
Amen. |
Ein Stück des Grabsteins unten rechts ist
abgebrochen. Daher
die Ergänzungen in eckiger Klammer.
Die dritte Tochter Katharina, geboren 1616, trat als Schwester Bernarda
in ein Kloster in Deist ein. Der Kanonikus Johannes Colchon, Taufpate
und Pflegevater seines Großneffen Johann Leonhard Dalcken,
Sohn
des Theodor, hielt sich mit Genehmigung seiner Vorgesetzten
anlässlich des Todes seiner Mutter drei Monate in
Lüttich
auf. Die Tochter Marie heiratete Thomas Dalken.
1641 verstarb der Präsident der Bursfelder Kongration Abt
Heinrich
Spichernagel von St. Pantaleon in Köln. Leonard Colchon war
inzwischen nach Seligenstadt zurückgekehrt. Der Tod des
Präsidenten erfoderte die umgehende Neuwahl des Nachfolgers.
Hierzu hatten sich die Äbte der Klöster der
Bursfelder
Kongregation nach Köln zu verfü+gen. Colchon
übernahm
die Benachrichtigung der fränkischen Äbte, sich im
Laacher
Hof in Koblenz einzufinden. Er lud den Abt von St. Stephan in
Würzburg ein, mit ihm per Schiff von Seligenstadt nach Koblenz
zu
reisen. Dort fand nach einem feierlichen Gottesdienst in der
Dominikanerkirche am 5. November 1642 die Wahl statt. 17 Äbte
wählten einstimmig Leonard Colchon zum Präsidenten
der
Bursfewlder Kongregation.
Colchon übte diese Tätigkeit bis zu seinem Tode 1653
aus. In
dieser Zeit verfasste er etwa 4200 Briefe, ganz überwiegend in
Latein, dessen elegante Handhabung gerühmt wird. Er fertigte
sorgfältige Konzepte seiner Briefe an, so dass über
diese
Zeit nahezu lückenlos nicht nur die Angelegenheiten der Union,
sondern auch Zeitgeschichtliches und Privates dokumentiert ist.
1648 erkrankte Leonard Colchon ernstlich. Die anstrengenden Reisen,
Streitigkeiten, Misserfolge zeigten ihr Zermürbungswerk. Einer
seiner letzten großen Aufträge führte ihn
wieder in
seine Heimat. Die Fürstabtei Stavelot/Stablo war verweist. Als
neuer Fürstabt war Wilhelm von Bayern Baron von Hollinghoven,
aus
einer Witteisbacher Nebenlinie vorgesehen. Er war ein schon sechzig
Jahre alter Laie, legte nun die Gelübde ab und wurde in
Anwesenheit Leonard Coichons zum Priester und Abt geweiht. Colchon sang
das Hochamt. Anschließend visitierte er das Doppelkloster
Stavelot-Malmedy. Am 2. Dezember 1650 trat er die Heimreise an,
erreichte am 4. Dezember über Laach Koblenz. Hier
übernachtete er im Kloster Oberwerth. Am 5. Dezember machte er
in
Boppard Station. Am 6. Dezember fuhr er nach Mainz, wo er nachts um
vier Uhr ankam. Er bestieg ein Schiff, rastete um 15 Uhr in Frankfurt
und traf endlich um 21 Uhr in Seligenstadt ein.
Im Jahr 1650 war Coichons Neffe Theodor Dalken in Seligenstadt
ansässig geworden. Wir wissen nicht, ob sein Onkel die Trauung
mit
Marie Elisabeth Gelf vornahm, ob er in der Pfarrkirche oder der
Klosterkirche getraut wurde. Jedenfalls ist überliefert, dass
Colchon in Lüttich Motetten, Kantilenen und eine Messe
für
Orgel bestellt hatte, ohne Zweifel ein Aufsehen erregendes Ereignis
für die Mitbürger.
1653 musste der Abt in Sachen seines Klosters nach Aschaffenburg
reisen. Am 28. November wohnte er hier im Haus seines Bruders Johannes
Colchon in der „alten Münz". Dort ereilte ihn am
folgenden
Tag in der Nacht um vier Uhr ein Schlaganfall, dem er unterlag. Seine
Leiche wurde nach Seligenstadt gebracht und in der Klosterkirche unter
der Vierung inmitten des Chors beigesetzt. Seinen Grabstein aus
poliertem schwarzen Marmor finden wir, wenn wir die Kirche durch das
Südportal betreten, gleich rechts im Querschiff. Die
Grabinschrift
lautet:
D. O. M.
SISTE
VIATOR ET BENE PRECARE:
HOC
MARMORE TECITUR LEONARDUS
COLCHON
S.T.L, QUONDAM
SEMINAR.
UNIONIS BURSFELD1ENSIS
COLONIAE
AGRIPPINAE A° 161 6 SUBREGENS ,
A°
1622 HU1US LOCI LECTOR ET PRIOR ,
ANNO
1625 , 25 OCTOBRIS ABBAS ; A° 1642 DICTAE
UNIONIS
PRAESIDENS ELECTUS, QUI
OBIITSCHAFFENBURG.A°1653,
29 9BR
AETATIS
SUAE 64, PROFESSIONIS 42,
SACERDOTY
37, ABBATIALITATIS 28,
PRAESIDENTIAE
11 ANNIS. R. I. P.
Verweile,
Wanderer,
und bete: Dieser Marmor bedeckt Leonard Colchon,
einst der heiligen Theologie Lizentiat, im Jahre 1616 Subregens am
Seminar der Bursfelder Union in Köln, 1622 hier Lektor und
Prior,
am 25. Okt. 1625 Abt, 1642 genannnter Union gewählter
Präsident, der am 29. Nov. 1653 in Aschaffenburg verstarb im
Alter
von 64 Jahren, im 42. seiner Profess, im 37. seiner Priesterweihe, im
28. als Abt, im 11. als Präsident. Er ruhe in Frieden.

Im oberen Teil schmückt den Grabstein sein Wappen mit zwei
Putten,
deren einer die abgelaufene Lebensuhr hält. Der andere setzt
seine
Abtsmitra auf das Wappen. Der geneigte Abtsstab steckt hinter dem
Wappen, darunter die Schleife mit dem Wahlspruch: DOMINUS FORTITUDO
MEA..
Wie schon bei seinem Vorgänger musste ein amtlich beglaubigtes
Inventar seiner Hinterlassenschaft angelegt werden (klicken Sie hier
für Seite 1 und hier
für Seite 2). Dieses
außerordentlich interessante Dokument hat sich im Mainzer
Dom-
und Diözesanarchiv erhalten. Ein Teil davon gibt Auskunft
über den Umfang des persönlichen Eigentums von
Leonard
Colchon. Theodor Dalcken ist ausdrücklich als Zeuge bei der
Nachlasserhebung genannt (siehe seine Unterschrift S. 882).
Einige
Passagen aus diesem notariellen Dokument mögen hier folgen.
Inventation
In dem
Closter Seigenstatt nach absterben weiland des Hochwürdigen
Herrn Fr. Leonardi Colchon Abbatis Seligenstadiensis, geschehen
Sambstags den 29ten Novembris 1653.
Erstlich
seint zue Versicherung durch Herrn Commissarium consigniert worden
neben Fr. Johann Conrad Bauers Senioris siegell
Item
die Abbteystuben
Item
die nechste Cammern im gang
Item
noch 2 Gemach an der gang zur abtey
Weiters
Inventiert worden praesentibus H. p. Conrado Bauern Seniorem
Joanne
Lommelio Cellerius, H. Johann Struttmann Fauthen und Theodorico Dalcken
Bürgers
zue Seigenstatt
[Nun
wurden die verschiedenen Bestände im Keller, auf dem
Speicher, in den Ställen registriert und die Mönche
ermahnt,
nichts „ohne Vorwissen und ausdrückliche Erlaubnis
ihrer
Höchstgnädigen Kurfürstlichen Gnaden" zu
unternehmen, z.
B Vorbereitungen zur Wahl eines neuen Abtes. Auf Blatt 6 wird die
Inventarisierung fortgesetzt, und zwar mit den Wohnräumen des
verstorbenen Abts:]
Darauf
seint wir hingegangen, die Sigilla recognoscirt, und angefangen zu
inventiren wie volgt.
Den
30. Novembr. 1653.
Ist H.
praeladen gemach, die Abtey genant in dem Ercker über Dem thor
eröffnet worden, dain Inventirt.
Greisseibacher
Gerichtsbuch
Item
Stockstetter Gerichtsbuch seint beede patri Kellern Zugestellt worden
Im
Trisur. An Silber
Ein
silbern senft kentle - ist dem p. Keller geben worden Item 7
silbern löffel - p. Keller accepit der 8. löffel
steht bey
dem goidschmidt zumachen Item 12 silbern löffel mit runden
stiel
knöpflein Item 3 Silbern ubergülden Traubenbecher
Item ein
dicker St. Martins thaler wiegt ohngefehr 16 loth Item 3 silbern
dischbecher, einer ettwas groß. Item 9 Königsthaler
an
lautern Kopfstücken Item noch in einem bapier eingewickelt 9
Königsthaler an
Lautern
Kopfstücke Item ein doppel ducat
Item
in einem duttlein 1 fl [Gulden] abgezehlet [Blatt 7:] Item 3
ducaten Item ein Klein weiß Krügle mit einem silbern
deckel
hat p.
Keller zue sich
Item
ein schlag Uhrle an der wandt
Item
una pars Breviary
Item
ein klein vuneral mit silber beschläg
Item
Sigillum Abbatiale et Conventus - in pulpitum gethan
Item
Sigillum Unionis repositum est ad Listam Unionis
Item
ein messen leuchter }
Item
ein messen [?] } p. Cellario
Item 3
schwartze handtwollen p. Cellario zur wasch geben worden Item 2
güldene ring darunder ein [?], der ander schlechter
In
pulpitum
Item
ein bluttstein ring - in pulpitum
Item
ein glaßgrün Creutz oben mit golt eingefasst - in
pulpitum Item 3 ledern sessel Item 14 stück bücher
Item ein
schwartz wüllen rock Item ein Chor Kappen Item des Herrn
praelaten
messer, gabel und silber löffel - in pulpitum
[Blatt
8:]
Item
ein Zinnen lavor mit der Kanthen hat p. Keller
Item
ein messen weykessele
In der
Neben Cammern Item ein matratz Item ein oberbeth Item ein kissen
Item ein lang [?] deppich Item ein grüner deppich Item ein
weiser
schrank, darin des H. praelaten Weißgeräth sein
sollen
Im
andern Ercker Item ein schwartz beltzin rock Item ein schlag uhrle
mit einem fuß Item ein schlechter rock Item ein schwartz
hosen
und wamms Item [?] 60 stück bücher
Ist
dies gemach wider con signirt worden.
In
derCapellen Von allerhandt ornaten
[Blatt
9:]
Item 3
Casul, bloh, grün und schwartz Der Kelch und
Zugehörseint in des Herrn selig reiß
kästlein Gethan
worden
Ist
die Capell auch wider consignirt worden.
Nb.
bericht Herr Cantor dass der H. praelat selig mit sich ein neuen
rock nacher Aschaffenburg bracht den er nit mehr als nur einmahl
angehabt, und die elen duch 3 oder 3 Vi Thlr. gölten habe
[Blatt
10:]
[•••]
Geschehen
uff ortt, Jahr undt tagen, wie obstehet, in beywesen undt
persöhnlicher gegenwärttigheit der Ernvest und
achtbaren H.
Johann Struttmans Churfürstl. Manizischen Fauthen zue
Seligenstatt, Theodorici Dalcken bürgers daselbsten, undt Adam
Faulhabers alß Gezeugen hierzu insonderheit beruften und
erbetten
Jacobus
Hockius Notrs [...]
Kurz vor seinem Tode hatte Leonard Colchon ein Gemälde in
Auftrag
gegeben. Es sollte den Stammbaum der Seligenstädter
Äbte
zeigen. Der Maler ist Pater Johann Gualbert Gitzing, gestorben 1657.
Also hat er unseren Abt noch persönlich gekannt. Wir finden
ihn in
der Mitte mit nach rechts gewendetem Blick. Sein linker Arm ist seinem
Vorgänger zugewandt. Den Abtsstab drückt er mit dem
rechten
Arm an die Brust, während die Hand ein Buch hält.
Links neben
ihm sein Wappen, darauf seine Mitra. Das Schriftband unter seinem Bild
gibt seine Lebensdaten an sowie den Hinweis, dass er der Urheber dieser
Abtsserie war.

Bildausschnitt:
der Abt Colchon
Das
Gemälde hängt heute im
Landschaftsmuseum in Seligenstadt in der ehemaligen Prälatur.
Noch einmal auf die Frage zurückkommend, ob es Leonard Colchon
als
Verdienst anzurechnen sei, seine Lütticher Landsleute und
besonders die Dalken nach Seligenstadt, Aschaffenburg und Mainz geholt
zu haben, muss die Antwort lauten: es ist nicht eindeutig feststellbar.
Fest steht, dass er 1622 der erste aus dem Lütticher Land in
Seligenstadt war (vgl. die Übersicht S. 245). Ihm folgte 1628
sein
17 Jahre jüngerer Bruder Johannes als Student an der Mainzer
Universität und zugleich 18-jähriger Kanonikus am
Stift St.
Peter und Alexander in Aschaffenburg. Acht Jahre später, 1636,
besetzte sein Bruder Theodor als 31-jähriger ein Kanonikat in
Mainz. Schließlich tauchte drei Jahre später Wilhelm
Dalken
aus Lüttich auf und erhielt als noch nicht
volljähriger
Domizellar wie zunächst sein Onkel Johannes ein Kanonikat am
gleichen Stift in Aschaffenburg. Schließlich ist des letzten
Dalken zu gedenken, um den sich der Abt verdient gemacht hat. Es ist
der Sohn seines Schwagers Thomas Dalken, Bruder unseres Einwanderes
Theodor. 1625 in Mons geboren, versuchte der Abt vergeblich, ihm zu
einer Pfründe zu verhelfen, und zwar im Jahre 1647, als er 22
Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Eltern gestorben.
Anscheinend versuchte er im Jahre darauf sein Glück als Jurist
zu
begründen: Er war nach Würzburg
übergesiedelt und
schrieb sich an der juristischen Fakultät ein. Elf Jahre
später finden wir ihn in Aschaffenburg, wo er sofort
Ratsmitglied
wurde, heiratete und bedeutende Geschäft machte (s. bes. S.
1313
ff).
Gerne wüssten wir Näheres über die Tendenz,
verstärkt Wallonen aus dem Fürstbistum
Lüttich am
Aschaffenburger Stift unterzubringen. Dies wurde nicht unwidersprochen
hingenommen, zumal ein weiterer Verwandter der Dalcken als Kanonikus
untergekommen war, der Lütticher Buchdruckersohn Jean-Arnould
Bronkart, Enkel des Thomas Dalken, also Neffe des Theodor, nominiert
von Johannes Colchon. So stimmten die Kanoniker Johannes Colchon,
Wilhelm Dalken und ihr Verwandter Grollet gegen den Beschluss des
Aschaffenburger Konvents, dass in Zukunft als Kanoniker nur aufgenommen
werden dürfe, wer der deutschen Sprache fließend
mächtig sei. Diese Einstellung stand den Bestrebungen des
Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn entgegen, dem
grundsätzlich daran lag, nach der katastrophalen
Entvölkerung
durch Pest und Krieg Menschen in sein Land zu holen, allerdings
vornehmlich handwerklicher Herkunft aus merkantilistischen Interessen.
Etwa 50 wallonische Familien zum Beispiel, vorwiegend Tuchmacher,
ließen sich im Zuge dieser Politik in Seligenstadt und dem
Umland
nieder.
Ich denke mir, dass Leonard Colchon zunächst an die
Fürsorge
für seine unmittelbaren Verwandten dachte, wenn er solche aus
dem
von revolutionären Auswüchsen geschüttelten
Lüttich
ins friedliche Mainfranken geholt haben sollte. Aber zu
bewähren
hatten sie sich auf jeden Fall selbst. Und wie wir wissen, war dies
nicht nur in seinem Fall deutlich gegeben.
Die
Colchon/Colson in Lüttich
Versippung
mit den Dalken

Colchon/Colson
Erläuterungen
Diese Familie war im Fürstbistum Lüttich weit
verbreitet. Ein
Zweig spaltete sich frühzeitig nach England ab, wo er noch
blüht, ein anderer nach Schweden, in der
Eisenerzverhüttung
beschäftigt. Der Familienname wurde schon früher
untersucht.
Eine neuere Deutung geht von dem Vornamen NiCOLaus aus. Die Herkunft
erkläre sich aus Colas und Sohn, flämisch: Colas +
zoone. Ein
Teil der Familie zählt heute zum belgischen Adel.
Die Colchon, in deren Familie Thomas einheiratete, waren Landbesitzer
und - soweit wir zurückverfolgen können (Jean 1466) -
Juristen. So Guillaume/Wilhelm, dessen Sohn, den die mercier, die
Kaufleute für Kurzwaren, zum Zunftmeister (gouverneur)
gewählt hatten. Diese Zunftmeister, wie man sie nennen
könnte, waren rechtskundig.
Dessen Sohn Collar taucht als Gerichtsschreiber (clerc) und prolocuteur
(Staatsanwalt) auf; der Enkel Cloes/Nicolaus ist Anwalt (avocat). Jean
war ein bedeutender Notar in Diensten des Fürstbischofs. Er
heiratete Margarethe de Saive. Die Tochter Marie der beiden wurde
unsere Stammmutter. Sie heiratete den Anwalt und späteren
fürstbischöflichen Staatsanwalt Thomas Dalken. Marie
hatte
drei geistliche Brüder: den Abt Leonard aus Seligenstadt, den
Bruder Johann, Kanonikus und Notar in Aschaffenburg, und den Bruder
Theodor, einst Rechtsstudent in Köln. Bei ihm entdecken wir
eine
Beziehung zur berühmten Lütticher Buchdruckerfamilie
Bronkart, eine zweite bei seiner Nichte Catherine, Tochter seines
Bruders Nicolaus, der in Löwen studierte, vermutlich auch
Jura. Die
dritte bei Margarete Dalken.
Bei keiner der Familien, die zur Sippschaft des Thomas
gehören,
wird die Verschwägerung mit Juristen deutlicher als bei den
Colchon/Colson. Eine ähnlich orientierte Sippschaft
begründete Guillaume/Wilhelm Dalken.
Biblioqrafie
Volk, P. Paulus, OSß, Fünfhundert Jahre Bursfelder
Kongregatipon, Eine Jubiläumsgabe, Münster 1950
(darin:
Leonard Colchon, seine Wahl zum Abt von Seligenstadt (1625) und
Präsidenten der Bursfelder Kongregation (1642), S. 23 - 66)
Ders., Abt Colchon von Seligenstadt im Kampf um die benediktinischen
Rechte in Deutschland im Dreißigjährigen Krieg
(maschinenschriftl. Manuskript eines Vortrasgs, 1967 (?))
Ders., Leonard Colchon (in: NDB, 3. Bd., 1957, S. 318)
Ders., Colchon, L., (in: Lexikon für Theologie und Kirche, 2.
Bd., Freiburg 1958, Sp. 1253 f)
Spitznagel, Gisela, Leonard I. Colchon, 49. Abt des Klosters
Seligenstadt (in: Aschaffenburger Jahrbuch, Bd.15, 1992)
Reichert, Dr. Heinrich, Studien zur Säkularisation in
Hessen-Darmstadt, Mainz 1927, S. 234 f
Berliere, Ursmer, OSB, Monassticon beige, Bd. II (L'Etat present de la
noblesse beige)
Colchon, Familie, Familienberichte VI - XXII, siehe Seitenzahlen im
Personenregister Bericht XXII
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