Die ältere westfälische Linie
Maria Josephina/Phina Ida Elisabetha d’Alquen
(1802 - 1869)


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Eine der schillerndsten Frauengestalten der Familie ist ohne Zweifel Josephine oder Phina, wie die Familie sie nannte, die älteste Tochter des Franz Adam D'Alquen, das zweite Kind aus seiner Ehe mit Helene Ubaghs. Sie beschäftigte uns bereits ausführlich.. Ungeschminkt wie sie im Leben auftrat, vertrat sie ihre Meinung jedermann gegenüber, auch gegenüber denen, die sie liebte und von denen sie geliebt wurde. Ohne arrogant zu sein, besaß sie jenes Selbstbewusstsein, das ihr trotz der großen materiellen Beschränktheit ihres Daseins viel Achtung, Zuneigung und Anerkennung eintrug. Dabei ist nicht zu übersehen, dass sie auch Demütigungen und Zurücksetzungen erfuhr, die sie bis an den Rand des Erträglichen belasteten. Sie war der Typ der Autodidaktin, die sich konsequent dem Streben nach Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit hingab und kompromisslos Schranken der Konvention und Formalitäten hintanstellte. Anforderungen, die sie an sich stellte, galten ihr auch für andere, und je näher sie ihr standen, umso bedingungsloser erwartete sie deren Erfüllung.

Hier fragt sich, in welche Unnahbarkeit sie sich verstrickte, wie viel Distanz zu anderen, besonders zu geliebten Menschen sie herauf beschwor, wie viel von der Zuneigung, von der Liebe, die sie zu verschenken bereit war, nicht wahrgenommen wurde. Wo sie glühte vor Hingabebereitschaft, schlugen ihr in wichtigen Begegnungen Kühle, ja Ablehnung entgegen.

Sie sinnierte oft über ihr Glück und begriff es meist als etwas, das sie nicht mit anderen Menschen teilen konnte, das sie allein mit sich ließ, das sie an sich selbst verwies.

Einer dieser Menschen, die ihr besonders nahe kamen, vielleicht als der Nächste, war Hermann Pfeil. Die beiden verband eine zehn Jahre dauernde Freundschaft. Sie begann 1839 in Arnsberg und endete mit dem tödlichen Jagdunfall Pfeils 1850. Pfeil war acht Jahre jünger als Phina. Seine anfängliche Zurückhaltung trotz seiner Bewunderung verstieg sich in den ganzen Jahren nie zum vertrauten Du. Phina nahm es sich allerdings einige Male heraus. Es schienen aber mehr Verlockungsversuche zu sein. Es blieb nichts von Dauer. Sie empfand neidlos mit Pfeil das Glück seiner Liebe zu einer zukünftigen Ehefrau, fühlte sich aber ausgebrannt, vernichtet, als die Nachricht seines Todes sie erreichte, auf die Rückseite eines ihr zurückgesandten Briefes, von einem Postboten hingekritzelt.

Ihre nie eingestandene Leidenschaft für den jüngeren Mann schlug sich nieder in ihrer umfangreichen Sammlung von Briefen, Briefkopien, Notizen, Aufsätzen, Kommentaren von über eintausend Einzelstücken ( der gesamte Nachlass wird im Staatsarchiv Münster verwahrt.). Viel geheimnist sie in so genannte von ihr geschriebene „Blaue Bücher" hinein, deren Inhalt ihr so brisant, wenn nicht verfänglich erschien, dass sie sie zwar Pfeil zur Lektüre übersandte, ihn zugleich aber aufforderte, sie zu verbrennen, was Pfeil ihr bestätigte. Im ersten Aktenbündel ihres Nachlasses fand ich eine Sammlung „Autobiographische Notizen für Hermann Pfeil", beginnend 1840 und über seinen Tod fortgeführt, mit Zusätzen bis 1860. Dies soll nun hier folgen als Ergänzung zu ihrer Kurzbiografie, wie in Anm. 1 vermerkt. Diese Notizen wurden zwar für Ihre Kurzbiografie ausgewertet, aber ihre Unmittelbarkeit verdient eine geschlossene Veröffentlichung, Nachweise einer rätselhaften Frau: zugleich in und außerhalb der Gesellschaft stehend, selten zugehörig, aber immer sehnsuchtsvoll, heimisch zu werden, zurückgestoßen und gefordert, anziehend und abweisend, verschlossen und ungewöhnlich offen, fordernd und hingebend.

 „Autobiographische Notizen für Hermann Pfeil, 1840- 1860

In meiner Einsamkeit fallen mir manche ganze Stellen aus meinen Briefen ein, die ich so halb bewusstlos ( an Josephines Text wurden lediglich die Orthografie und die Zeichensetzung an die neuen Regeln angeglichen) hineingeschrieben und, wenn sie nicht gerade von der Art sind, dass mir die Erinnerung plötzlich alles Blut zu Herzen treibt, ich sie ungeschrieben wünsche. So sind es bisweilen solche, von denen ich später erst einsehe, dass sie in einem Grade wahr sind, wie ich mir beim Schreiben selbst nicht bewusst war!

So hatte ich an Clotilde ( Hermann Pfeils Schwester) geschrieben: „Diese Frauenwünsche hörten auf, für mich da zu sein". Ich dachte daran, wie ich ihre diplomatische Paraphrase, dass ich zur älteren Jungfer prädestiniert gewesen, gelesen, und manches aus früherer Zeit kam mir ins Gedächtnis, was ich als Beleg geltend machen kann, dass wir beide wahrUnterstreichungen von Josephine) gesprochen.

Ich habe Ihnen ( Pfeil ist angesprochen) wohl schon gesagt, welche ein treuer Freund mir Dürefeld ( er hatte Josephine einen Heiratsantrag gemacht). gewesen! Auch wenn er nicht der Genoss unserer Kindheit und der daran grenzenden Lebensperiode, in welcher glücklich sein der einzige Zweck des Daseins scheint, gewesen wäre, so hätte er doch in jeder Hinsicht den Vorzug verdient, den wir ihm durch unsere Freundschaft gaben. Er war wirklich ein mädchenhaft-reiner Mensch! Er schwärmte für alles, was edel und gewiss war, und dass Krause ( Philosoph, den Josephine sehr schätzte), dessen Hausgenosse er längere Zeit war, ihn wie seinen Sohn liebte, kann nur für seine Vortrefflichkeit zeugen.

Denken Sie an eine unserer wunderlichen Ballunterhaltungen, wo Sie mit ihrer eigentümlichen liebenswürdigen Impertinenz behaupteten, mein - wie soll ich gleich sagen? - mein Übermut beweise, dass diejenigen, die vor Ihnen zu meiner Bekanntschaft gehört hätten, keine Männer gewesen? Natürlich ärgerte mich das ein wenig, aber im Ganzen gab ich ihnen doch recht, denn es ist ja ganz gleichgültig, wie vortrefflich oder das Gegenteil diese fraglichen Menschen waren; ich ließ mich gar nicht auf eine solche Untersuchung ein, weil ich nicht zu denen gehöre, die ein vorgefasstes Ideal suchten, sondern gar nichts suchten! Ich hätte also zu einer Anerkennung gezwungen werden müssen.

Ich vergesse Dürefeld! Sie dürfen ihn sich nicht etwa weibisch denken. Er hat ähnliche Proben seines Muts gegeben wie andere. Und auch später, wo er z. B. vom Duellieren anders dachte, behielt er in hohem Grade den Mut, den die Wahrheit zu allen Zeiten von ihren Vertretern gefordert hat.

Er, zwei Jahre älter wie ich, in beständigem Verkehr mit uns dreien (gemeint sind Josephine und ihre nachfolgenden beiden Brüder), hatte er alles, was Bedeutendes in unser Leben fiel, geteilt oder uns selbst zugeführt. Von kindischer Torheit bis zur erwachten Besonnenheit, zu Ernst und Schmerz waren wir nebeneinander gewandelt. Wenn ich seines Einflusses auf uns erwähnte, so können Sie sich leicht selbst sagen, dass der stete Umgang mit drei jugendlichen Geschöpfen, von allem, was bedeutend erschien, lebhaft ergriffen und angeeignet wurde. Ich, ganz unvermischt mit dem täglichen Treiben [der] ( eckige Klammern von mir) Welt, wie eine einzige Person sich geltend machte, auch auf seine geistige Entwicklung nicht ohne Einwirkung blieb. Unsere Jugend war ein romantischer Irrgarten, aus dem er plötzlich auf die geraden Pfade der Wahrheit trat. Als schwärmender Jüngling schien er viele seines gleichen zu haben, doch die ernsten, umfassenden Studien, die er als Philosoph fortwährend machte, und die Genialität, die ihm bedeutendere Menschen als ich zugestanden, imponiertem dem Geistreichsten.

Die Reinheit [seines] Wesens, seine warme Menschenliebe und Gottinnigkeit machten ihn besonders den Frauen (ich möchte sagen: Novalis-artig) liebenswürdig. Er hatte etwas allgemein Ansprechendes, die Harmonie, das Überzeugtsein von dem, was er aufstellte, flößte unendliches Vertrauen ein. Wie Börne war ihm das Schlechte gewöhnlich nur dumm und Mangel an Einsicht, und so kam er vielleicht auf demselben Wege zur Satire.

(Gibt es vielleicht nicht zweierlei Satire? Eine aus übermäßiger Herzenswärme, wo sie dem flammenden Schwert des Cherubs gleicht: Jean Paul und Börne; die andere aus Mangel an Herz, wo sie zum geschulten kalkulierenden Fechtmeister wird?) Seine Unterhaltung war sehr anziehend und lehrreich. Der höhere Gesichtspunkt, von dem er die Welt und die Menschen betrachtete, gaben seinem Urteil etwas Überlegenes und Mildes. Begebenheiten, die mich erschreckten, ließ er in einem Licht vor mir aufgehen, dass sie, im Fortschreiten der Menschheit bedingt, als Anfang [eines] künftigen Guten erschienen. Der Blick wurde durch ihn über die gewohnten engen Grenzen in die Unendlichkeit hinausgeführt. Es gab für ihn nichts Vereinzeltes, alles wurzelt in dem gewissen Ganzen: wo denn mein einseitiges Verdammen und Hochhalten auf eine überzeugende Weise berichtigt wurde.

Weil die äußere Erscheinung doch auch zum Menschen gehört, muss ich eben bemerken, das er ohngefähr Fritz ( Arnold Friedrich Engelbert, jüngerer Bruder Josephines) seine Figur hatte; weiches, dunkles Haar, was er als Knabe nach Sitte der Deutschtümler lang und natürlich gelockt trug; - (später kleidete er sich überhaupt, wie die Mode es verlangt; das elegante Göttingen hatte ihn darin informiert.), eine sehr hohe geistreine Stirn, große dunkle blaue Augen.

(Es ist sonderbar, dass, wenn ich meine Unterlageblätter vor mir habe, mich eine Ungeduld treibt, zum Ende zu kommen und mich dennoch mehr gehen lasse als beim Briefschreiben; wann wird nun endlich die kleine Maus diesem angeschwollenen Berg entspringen?) Ich habe mich weiter führen lassen, als vielleicht nötig war, um Ihnen zu zeigen, dass unser Freund der Liebe wert war; (er hatte ja auch mir mehr wie einmal zärtliche Gefühle eingeflößt) .-

Oft hin haben sich Menschen, die entfernt zu unserer Bekanntschaft gehörten, darüber gewundert, dass wir beide uns nicht liebten, die wir, bei unserem-vertrauten Umgang für ein ganz passendes Paar gelten mochten. Warum es nicht geschah, ist wohl gleich­gültig, ich habe nie darübrer nachgedacht ( Ob man ihr das so ohne weiteres abnehmen soll? Vielleicht bedrückte sie uneingestandener Maßen Dürefelds geistige Überlegenheit. Eine Ehe mit ihm, Gutsbesitzerund Universitätsdozent in Göttingen, hätte für sie die Befreiung aus häuslicher Enge und
materielle Unabhängigkeit bedeutet.). Sie sollen aus folgendem nur entnehmen, dass ich wirklich aufgehört habe, in derlei Angelegenheiten wie ein gewöhnliches Weib zu empfinden:

Als Dürefeld nach manchem harten Kampf seinem liebsten Wunsch (an einer Universität lehrend aufzutreten) entsagt hatte, entwarf er einen neuen Lebensplan, indem er, ohne dass ich blindes Geschöpf eine Ahnung davon bekam, mich so hineinverwickelte, dass derselbe, wie ich meine Zustimmung versagte, in sich zerfallen musste ( Josephine meint hier seinen Heiratsantrag, seine Absicht, sich auf die Bewirtschaftung seines Gutes zu beschränken, und seine maßlose Enttäuschung über ihre Ablehnung. Ob auch sein Verzicht auf die Universitätslaufbahn damit zusammenhing, bleibt offen.). (Erst nach seinem Tode bekam ich hierüber die volle Überzeugung; so sehr es mich nun schmerzte, ihn betrübt zu haben, so konnte es mir doch oft wie eine Beängstigung aufsteigen, wie es mir damit, dass ohne meine entsetzliche Unbefangenheit es leicht möglich gewesen wäre, dass meine Gutmütigkeit und die Teilnahme, die ich wirklich an seinem Wohl und Wehe nahm, eine andere Wendung hätte geben können!)

Sein eben erwähnter Plan war folgender: Als einziger Sohn übernahm er das hübsche väterliche Gut. (Seinem [Schwager], dem die Philosophie [die] unvernünftigste Sache war, die ein Mensch ergreifen konnte, übergab [er] es mit Freuden, und die einzige Schwester, die gut verheiratet und den Bruder über alles liebte, machte nur billige Ansprüche). Den Ertrag hoffte er durch eine zweckmäßigere Bewirtschaftung aufs Doppelte zu steigern. Auf diesem Gut projektierte er eine Erziehungsanstalt für Knaben anzulegen, wozu schon einige philosophische Freunde ihre Mitwirkung zugesagt. Bis zu einem gewissen Punkt war die Ausführung gediehen. Mein lebhafter Anteil hatte sie begleitet. Ich freute mich, dass er den Missmut, in den ihn das Aufgeben seiner philosophischen Karriere gestürzt, überwunden und für einen neuen Lebensplan Interesse genommen. Mit freundschaftlichem Eifer ging ich auf alle die Einzelheiten desselben ein und ermunterte ihn und malte ihm das Gelingen in den schönsten Farben ,und meine Teilnahme half ihm wirklich, manche Schwierigkeiten zu beseitigen.

Es traf damals manches in mir zusammen, was mich besonders dazu [befähigte]: Meine Eltern hatten beide ihre glücklichsten Jahre in einer ausgedehnten landwirtschaftlichen Tätigkeit verlebt. Es gehörte zu den lebhaftesten Unterhaltungen, sich über jene Zeiten, ihre Mühen und Befriedigungen auszusprechen. Ich war ein wenig meines Vaters Liebling, hatte von je gern Teil daran genommen und manches davon aufgeschnappt. Zudem war ich gerade zu jener Zeit, wenn einmal in meinem Leben, ein nützliches, tätiges, ziemlich verständiges Geschöpf; das Sterbebett meiner guten Ida ( nächstjüngere Schwester der Josephine) hatte mich aus dem kranken Stumpfsinn, in den mich Käthchens ( Käthchen Franzmahdes, Arnsberger Freundin Josephines) Tod niedergedrückt, heraus und über vieles Kleine und Läppische meiner Umgebung hinausgehoben: die neue Anmutung zur Philosophie, die ich erhalten, und die sich bei mir gleich in der Ausübung bewähren musste; die politische Weltlage nach der Julirevolution ( 1830 in Frankreich), die meinen Kosmopolitismus mit neuem Feuer entzündet hatte; zuletzt die stille Trauer, die fortwährend über meinem Herzen hing, es leidenschaftslos machte und meinem ganzen Wesen Halt und Farbe gab. Alle diese Einwirkungen mussten ja auch beim gewöhnlichsten Geist eine außergewöhnliche Spannkraft und erhöhte Erregsamkeit hervorrufen. Dürefeld war nichts in mir verborgen. Er hatte ja alles mit mir zugleich erlebt und empfunden! Meine Eltern hatten ihn sehr gern. Von alter Zeit war es einmal so hergebracht, dass er, wenn er Arnsberg besuchte, bei uns einkehrte. So kam es, dass er sich jetzt, wo ihn die gerichtlichen Akte bei Übernahme des Guts usw. usw. häufig nach Arnsberg führten, sehr viel bei uns war. Auch wechselten wir Briefe, dass ich um alle seine mannigfachen literarischen Arbeiten wusste.

Aus einer so schönen lebensreichen Jugend waren wir beide allein uns geblieben, und ich denke jetzt, es wäre etwas ganz Natürliches gewesen, wenn ich an eine nähere Vereinigung gedacht hätte.

Ich weiß nichts dafür und nichts dagegen anzuführen als: ich dachte nicht daran! Die Teilnahme, die ich seinen neuen Lebenshoffnungen schenkte, die Sachkenntnis, mit der ich von der Wirtschaft, besonders vom Wirkungskreis seiner ihm nun notwendig werdenden Lebensgefährten zu sprechen wusste, die besondere Zuneigung, die seine gute Mutter zu mir hatte: Alles machte es ganz natürlich, dass er diese Gefährtin in mir gefunden zu haben glaubte und mit rühriger Sicherheit seinen ganzen Plan darauf baute.

So kam es denn endlich, dass er bei einem seiner gewöhnlichen Besuche die sonderbare Frage vorbrachte, ob ich mich durch meinen bekannten Schwur auch jetzt noch gebunden glaubte, nicht zu heiraten? Ich dache nicht anders, als er wollte in sokratischer Manier irgendeine philosophische Erörterung an diese Frage anknüpfen, antwortete also mit der größten Unbefangenheit: Jener Schwur sei etwas sehr Verkehrtes gewesen, darum würde ich ja ein zweites Unrecht begehen, wenn ich ihn nach besserer Einsicht noch wolle gelten lassen. Ich hatte ihn in Wahrheit ganz vergessen. Nachdem noch einiges darüber hin- und hergeredet worden, kam seine zweite Frage: ob ich wohl den Mut besäße, eine Ehe einzugehen in der Weise, wie sie für die fortgeschrittene Menschheit würdig sei (und welche von dem öffentlichen Urteil wegen Entäußerung der katholischen Formeln gewiss getadelt werden könnte!). Da Krause die Ehe als etwas überaus Heiliges, die Vereinigten als eine - - kurzum, dass sie noch zum Überfluss -welchen geringen Wert ich auf die priesterliche Zeremonie legte, so denken Sie sich schon, dass ich mir diesen Mut nicht absprach. Was ich darüber sagte, war so ziemlich dem grausigen Katechismus, welcher ganz mit meinem natürlichen Gefühl übereinstimmte, gemäß und gereichte darum zur hohen Befriedigung meines Meisters in Philosophie! Bei der dritten Frage, ob ich ihm meine Hand geben wolle, sah ich freilich, dass er damit etwas mehr als eine bloße philosophische Besprechung bezweckte, kam aber keinen Augenblick aus meiner unweiblichen Fassung (möchte ich's nennen!) heraus, und antwortete mit derselben Ruhe, Wahrheit und Freundschaft: „Nein, Dürefeld! Ich dachte nicht an diese Wendung, sonst hätte ich deine erste Frage spezieller beantwortet: Nicht jener kindische Schwur, wohl aber eine innere Abneigung [binde] mich, nachdem das Schicksal die Bande so gelockert, wieder fest an die Erde zu binden, hält mich von jeder Heirat zurück. Auch habe ich freilich den Mut, für meine Person das Urteil der Welt zu ignorieren, wenn ich nach meiner besten Überzeugung handle, ob es mir aber zusteht, andere, z. B. meine Kinder durch ihre Geburt schon in Opposition zu dem Bestehenden zu bringen, wage ich nicht zu entscheiden". Dann forderte es die Ehrlichkeit, dass ich ihm dartat, dass er mich als Wirtschaftführerin wohl überschätzte, dass nichts so sehr wie die Führung einer ländlichen Ökonomie neben aller Theorie praktische Übung verlange, die mir abgehe. - So schieden wir, wie ich glaubte, ganz ruhig. Ich brachte es gar nicht einmal in Verbindung mit unserem Gespräch, dass ich ihn auf lange Zeit nicht wiedersah. -

Wie er wieder unser Haus betritt, war's, um mir mit einem Ausspruch der Ärzte mitzuteilen, dass er von einer Krankheit (Harnruhr) befallen, für welche die Medizin noch kein Heilmittel entdeckt! - so sahen wir ihn, fast vor unseren Augen, ohne Hilfe an dieser entsetzlichen Krankheit hinsterben. Wenn ich ihn reden hörte, ihn so ungebeugten Geistes vor mir sah, war es umso schrecklicher, die vorschreitende Zerstörung seines Körpers wahrzunehmen! Er starb in [Ballin bei Bad Lindetal?] bei seiner Schwester, ruhig und sanft nach einem langen, letzten Gespräch über Unsterblichkeit.

Wenn Sie mir etwas menschliches Gefühl zutrauen, so können sie bedenken, dass ich ergriffen wurde, wie mir später die Äußerung seiner alten vortrefflichen Mutter bekannt wurde: Seit jener abschlägigen Antwort habe ihm sein neu sich zugeeignetes Besitztum keine Freunde mehr gemacht, es hab andern die Sorge dafür überlassen und sich ganz in seine gelehrten Arbeiten versenkt. Lange hat mich diese Erinnerung geschmerzt, und doch fühlte ich, ich konnte nicht anders handeln! Auch hatte ich diesmal nicht aus Übermut, aus Verachtung, aus Bescheidenheit gefühlt (wenn es ein Fehler war!), weil ich dachte, da keine leidenschaftliche Neigung ihn bestimmte, so könnte er leicht eine verständigere und geschicktere Frau finden, als ich geworden war.

Als bloßer Heiratsangelegenheit konnte ich dieser Geschichte ein komisches Seitenstück aus meinem Leben [hinzu] geben (obgleich auch die vorstehende nicht ganz der komisch-karikarutistischen Physiognomie entbehrt, die nun leider einmal meinem ganzen Sein aufgedrückt ist; dieses hat sich mir in letzter Zeit erst recht fühlbar gemacht. Früher warf ich dieses Komische so ohne genauere Untersuchung mit meiner unglücklichen Neigung, mich selbst zu verspotten, zusammen; doch glaube ich, es entsteht aus dem Konflikt, in den überall das Natürliche mit dem (ich will nicht sagen Verbildeten, -sondern)   Gebildeten, Geachteten gerät, so dass ich mir wie so ein Espece spiritueller

(verzeihen Sie mir das unpassende Wort), vielleicht erraten Sie doch, was ich damit ausdrücken will!) Junker Hans von Bergen vorkomme! -

Ich sehe eben auf dem nebenliegenden Blatt, dass ich darauf von meinen Kindern gesprochen, dieses könnte leicht sonderbar und etwas voreilig erscheinen. Sie müssen aber bedenken, dass die Stellung der Krausianer zur Welt (in der sie sich wie irgendeine andere religiöse Sekte (die ihre innere Verschiedenheit auch in veränderter äußerer Form kundgibt) geltend machen will) sehr oft schon unter uns besprochen, wo natürlich die von dem Gewöhnlichen abweichende Erziehung der Kinder schon berührt war.

Heute erfreute ich mich einer kleinen Satisfaktion, die hier auf diesem Blatt wohl eine Stelle finden kann.

Ganz unerwartet besuchte mich ein langjähriger Freund Dürefelds (Herr P. Peiler hat noch immer die Absicht, aus D[ürefelds] hinterlassenen Papieren ihm ein kleines Monument unter seinen Mitbürgern und Freunden zu errichten, auf das jede andere gute Mitteilnahme [gesucht] wird. -

Er rechnet bei dieser Arbeit auf einige Auskunft, die ich ihm geben konnte, und ich konnte es gerade nicht abschlagen, dass er, wenn die Abende länger werden, mit seinem Material wiederkommen und [mich] bei unbedeutender Hülfe im Ordnen und Zusammenstellen in Anspruch nehmen will!) Diese Unterredung traf sonderbar mit meiner gegenwärtigen Erinnerung an D. zusammen. Es kam zu wechselseitigen Erkundigungen über das Schicksal der Dürefeldschen philosophischen] Genossen und Freunde, wo P„ von der Erinnerung an diese Menschen ergriffen, unwillkürlich ausrief: „Ha! Der beste Beweis für die Vortrefflichkeit jenes philosophischen] Systems ist wohl die moralische Höhe, die alle seine Anhänger errungen! Die veredelte Menschenliebe, die ihr Leben offenbart!" Wenn Sie sich noch einer Bemerkung meines letzten Briefes aus Bury erinnern, so begreifen Sie die Satisfaktion, die mir diese ganz freie Anerkennung (denn P. ist strenger Katholik!) gewährte. -

[Streichung:] Ein sonderbares Geschöpf bin ich. Bei allem, was mir begegnet, Freude wie Schmerz, überlasse ich mich unwillkürlich und überlege mit meinem Gefühl. Später, wenn ich Zeit und etwas Ruhe gefunden, liefere ich die Kritik dieses Gefühls. So möchte ich mich auch nicht gern über die — — Genugtuung mokieren, die ich in Pfeils letzten Bemerkungen gefunden: War's doch fast, als wäre es eine Liebeserklärung das [Ende der Streichung]

Ich bin heute sehr zu meiner komischen Liebesgeschichte aufgelegt. Zum Glück ist nichts in ihr, was zur Sentimentalität führen könnte. Sie wird also bloß ein bisschen trocken ausfallen. Mein zweiter Aufenthalt bei meiner Verwandten u hat mir manches von meinem früheren Leben bei ihr zurückgerufen, worunter auch diese und bloß durch meine Ungezogenheit merkwürdige Geschichte. Meine Cousine, die acht Jahre in Indien zugebracht, erinnerte sich nach ihrer Zurückkunft, dass die einzige Schwester ihrer Mutter noch lebe und schrieb ihr. Ich beantwortete diesen Brief und aus dieser Antwort zog sie ein so günstiges Vorurteil für mich, dass sie meine Eltern bat, mich auf längere Zeit abholen zu dürfen. Man war des auf allen Seiten gern zufrieden. Ihr ungeniertes Wesen, ihre Schönheit, ihre Kunst einzunehmen, gaben ihr leichtes Spiel bei mir. Und wie wir abreisten, hatte ich die herzlichst Zuneigung zu ihr gefasst. Da wir während der Reise in einer Stube schliefen, so benutzte sie gewöhnlich die kurze Zeit vor dem Einschlafen, mich über allerlei auszufragen. So fing sie auf einmal ohne weitere Einleitung an: „Sag mir mal, Phina, der Jean ( Phinas ältester Bruder Dr. med. Johann Peter Cornelius d'Alquen) hat mir gesagt, du hättest eine unglückliche Liebe gehabt. Was war denn das für eine Geschichte? Erzähl mir doch!" Das war keine leichte Sache.

Indessen, vom Dunkel der Nacht beschützt, fing ich an, allerlei, was darauf Bezug hatte, hinzustottern. Es dauerte aber nicht lange, so merkte ich, dass meine gute Cousine im sanften Schlaf lag. Ich begriff durchaus nicht leicht, wie das möglich sei. Später konnte ich mis's leicht erklären, dass meiner französierten Wienerin ( Ida, die Belgierin, wurde als Mädchen zum Deutschlernen in ein Wiener Internat gesteckt.) eine solche Liebe böhmische Dörfer, bares Nichts war. Sie konnte wirklich nichts Klügeres tun, als einzuschlafen. „Ich verstehe kein Wort davon", mochte sie wohl selber sagen, „das arme Kind hat wohl ein paar von den närrischen deutschen Romanen gelesen. Die spuken ihr im Kopf. Lebende Liebhaber wird sie schon vertragen!" Damit schlief sie gefasst ein —

Wie wir uns nachher kennen lernten, fiel ihr zwar manches an mir auf. Ich erstaunte z. B. nicht über diese vornehme Herrlichkeit, von der sie wunder erwartet hatte, wie sie dem unerfahrenen Landmädchen imponieren würde. Ja, vieles war dabei, was ich geradezu schlecht und abscheulich nannte und trotzig von mir wies. Ich kann mir jetzt denken, wie komisch ihr mein natürliches, unbefangenes Urteil über alle die künstlichen Verhältnisse vorkommen musste, und dass ihr die Ungeniertheit auffiel, mit der ich die vornehme Welt schlechtweg als meines gleichen behandelte. Sie machte damals ein ganzes Haus. Noch jung und sehr schön glaubte sie ein Recht zu haben, die verlorenen Jahre nachzuholen, soweit es ging. Den größten Spaß machte ihr meine Abscheu vor ihrer luxuriösen französischen Küche, auf die sie sich so viel einbildete. Mein durchaus in Blüte stehendes Germanentum verschmähte alles Pikante, Komplizierte. Ich lebte so einfach wie möglich, oft nur vom herrlichen Obst und Brot. Ebenso ging es mir mit den dunklen französischen, spanischen, portugiesischen Weinen. Ich nannte sie trübes, leidenschaft­liches Feuer und pries dafür meinen 1811er Liebfrauenmilch (den selten jemand außer mir goutierte) als klaren feurigen Verstand.

Freilich gab's auch gar manches, was mir gefiel, vor allem unsere herrliche, äußerst elegante Equipage mit ihren wilden Hengsten, die mehr in der Luft als der Erde tanzten. Im Winter waren sie mit Scharlach ausgeschlagenen Panterfellen behangen. [Wenn wir] dahinbrausten, war's ein pompöser Anblick.

Auch war ich eitel genug, um zu bemerken, dass [mir] z. B. ein Paar veilchenblaue Basler Stiefel (Hühneraugen existierten noch nicht) besser standen als Arnsberger Schuhe, [dass] überhaupt ein eleganten Anzug nicht hässlicher machte.

Wir fielen als Deutsche auf, und es schmeichelte mir, dass ich neben meiner schönen Cousine doch auch noch etwas bemerkt wurde. Und doch machte mich alles dieses zusammen nicht glücklich. Je länger ich dort war, je mehr kam ich mir vor, als stecke ich in einem goldenen Käfig. Ich sehnte mich zuletzt so nach Freiheit, dass man mich heraus lassen musste.

Musik war das einzige, was ich dort hatte. Aber mitunter welche Musik!! Ich war durchaus eine solche Enthusiastin, dass ich bei diesem kläglichen Musikmachen gar nicht an Musik denken durfte, wenn ich sie ertragen sollte (  Phina ist verwöhnt besonders durch ihre hochbegabten Brüder Franz und Fritz.). Doch hatte ich es durchgesetzt, dass ich zu keiner Soiree gezwungen wurde, außer wenn Musik die Unterhaltung ausmachte. Da durfte ich nicht fehlen. Denn in einem unserem Haus befreundeten Zirkel hatte ich mich zur Direktrice aufgeschwungen, die den Abend begleitend am Piano verbrachte. Ich musste den andern alles einstudieren, und war da ein junger, verheirateter Vater, er hätte von morgens bis abends gesungen, wenn ich ihn nicht auf Stunden beschränkt hätte. Ich ertrug sie mit normaler Geduld; dafür priesen sie mich aller Orten als musikalisches Genie! Wenn ich nun so an diesem musikalischen Himmel zu glänzen begann, musste ich viel von einem jungen Mann reden hören, der sich gewissermaßen als musikalischer Areopagit unter seinen Standesgenossen aufgeworfen hatte. „Wenn der erst käme!" - Und wie man ihm von dem neuen Wunder erzählte, meinte er, er glaube nicht daran, bis er sich selbst überzeugt. Nachdem er sich etwas hatte erwarten lassen, erschien denn der Tag, an dem sich die beiden musikalischen Größen begegnen und messen sollten. Am Morgen gab es seine Karte ab, und nachmittags erschien erst ein Fagott, ein Stoß Noten und dann ein M(onsieur) le Baron du Chatel. Eine stämmige, flämische Figur, blondes [Haar], rundes Gesicht mit unbedeutenden Zügen. Das war der Held meiner Geschichte! -

Wes musikalischen Geistes er war, hatten mir seine Noten leider schon verraten. Die Wichtigkeit, mit der er unser Spiel einleitete, konnte mir daher nicht imponieren. Wir spielten dann Variationen ä la Gelinek für Fagott mit sehr leichter Klavierbegleitung. Mein Mitspieler strengte sich entsetzlich an und arbeitete, dass der Schweiß über sein dickes, blasses Gesicht rann, und zuletzt geriet er in eine Art flamländischer Begeisterung! Und die Cousine konnte kaum das Ende von diesem Tournier abwarten. Mehr wie einmal raunte sie mir zu: „Nun, wie spielt er?" Ich aber schwieg unerbittlich und spielte - - wie die Kembelsche Schachmaschine! Endlich hatten wir uns durchgearbeitet. Er war außer sich vor Vergnügen und überhäufte meine Cousine mit den schmeichelhaftesten Redensarten, die sie mir übersetzen sollte: „O Deutschen, Deutschen! Das sind Musiker". So ausgezeichnet war [er] noch nie begleitet worden. Sehr häufig hatte er es schon mit Klavierspielern von Renommee versucht; aber er habe immer mit ihnen zu hapern gehabt. Und hier! So prima vista die schönste Harmonie - -! Er war zu glücklich! -

Nachdem die Cousine den einen Teil gehört, wandte sie sich an den andern: „Verstehst du, was er sagt?" - „Recht gut, liebe Cousine! Ich habe mir allerdings ein Verdienst nicht um die Musik, sondern um ihn erworben. Es war das einzige, was mich bei desem kinderleichten, dummen Zeug unterhielt! Denken Sie, dass er gar nichts vom Takt weiß, immer ad libitum spielt, wie es ihm gerade bequem ist, eine Passage schnell oder langsam zu machen. Da bin ich ihm denn mit meiner Begleitung so künstlich nachgeschlichen, dass er seine eigene Ungeschicklichkeit nicht merkte. Sagen Sie ihm das!" - „Das lass ich bleiben!"

(Ich muss sagen, dass diese Art Konversation mit meiner Cousine, die ich, wo ich nur konnte, mit meinem mokierten Zureden aus ihrer vornehmen Gravität zu bringen suchte, mich etwas für die Langeweile entschädigte, die mir gemacht wurde.)

Meine deutsche Entgegnung hielt der Herr Baron für eine bescheidene Ablehnung seines Lobes und ließ nicht ab, es immer wieder zu beteuern. Zuletzt bat er, [nach] seinem Waldhorn und seiner Klarinette schicken zu dürfen. Die Flöte würde er selbst mitbringen. Umgeben von seinen Instrumenten saß ich wie die Heilige Cäcilia. Nun kam er sehr oft. Wir spielten mit dem selben glänzenden Erfolg. Sein glücklichster Traum war erfüllt! Was er bisher vergebens gesucht: eine Begleitung zu seinem genialen Spiel, in mir hatte er sie gefunden!!!

Ich hatte dafür in kurzer Zeit einen sehr ehrfurchtsvollen Verehrer gefunden und lächelte manchmal, wenn er sich im Theater in einer Logenecke gut versteckt glaubte und den ganzen Abend sein musikalisches Wunder nicht aus den Augen ließ. Doch war mir dergleichen nicht so neu, dass ich besonderes Gewicht darauf gelegt hätte. Ich mokierte mich auch nicht. Ich glaube, ich fand es bloß in der Ordnung! -

Im Hause, wo man anfing, meine Eroberung etwas ernster zu betrachten, hörte ich, dass außer seinem Musiksparren nicht viel an ihm auszusetzen sei. Er hatte Vermögen, war ganz unabhängig, galt unter seinen Standesgenossen für besonders ehrenhaft und solid, so dass ihn die Väter ihren Söhnen [gegenüber] als Muster priesen und tochtervolle Häuser seine Freundschaft suchten. Erwusste selbst recht gut um alle diese Vorzüge und trat mit viel Selbstbewusstsein auf. Meiner Cousine gefiel die Idee, den spekulierenden Müttern diese hübsche Baronie wegzufischen. Wie sie die Sache für eine Besprechung

reif glaubte, sagte sie mir, ich hätte eine Eroberung gemacht. Ich entgegnete, das wüsste ich. Sie meinte, sie Sache verdiene nicht, so wegwerfend behandelt zu werden. Ich solle sie ein wenig erst nehmen. Viele junge Damen, die ich bei ihr kennen gelernt, würden sich keinen Augenblick besinnen, Baronin du Chatel zu werden. Die Romanideen von Liebe usw. usw. soll ich mir doch ja vergehen lassen. Ein Mädchen ohne Vermögen habe gar keine Wahl. Für mich sei es ein ungeheures Glück usw. usw. Ich hielt mich noch immer guter Laune und meinte ganz demütig, eine Wahl habe jede: Gar nicht wählen zu wollen!Und ich dachte, ich hätte ihr ja schon gesagt, dass ich nicht heiraten wolle. Aber rasch war mein Zorn oben, wie ich hörte: „Solches Geschwätz ließe sie sich gefallen, so lange man keine Aussicht dazu habe. Ich stand auf, sah sie fest an und weiß nicht, wie mir die Worte kamen: „Madame, von heute an spiele ich im Takt!" Sie war verblüfft und stotterte: "Das tust du nicht!" Ich aber ging mit der Beteuerung „Ich tue es!" zur Türe hinaus.

Ich hatte sehr bald Gelegenheit, mein Wort zu halten, und mit einer unverzeihlichen Grobheit ließ ich den Unschuldigen die Beleidigung meiner Cousine entgelten. Kein Funken Gutmütigkeit regte sich beim bestürzten Gesicht, mit dem er mich fragend ansah. Im Gegenteil; ich erwiderte es mit einer so unzweideutigen, wegwerfenden Miene, wie sie kaum einer hochgeborenen Prinzessin gegen einen anmaßenden Untergebenen zustehen mag. Und das geschah einem Mann, der mir nichts als große Hochachtung bewiesen und der vielleicht gar nicht daran dachte, mich zu seiner Frau zu machen (denn es ist ja ein himmelweiter Schritt vom Verlieben zum Heiraten!). Er war aber keiner, der sich so was zweimal bieten ließ. Wie er sich überzeugt, dass es keine Laune, kein Versehen, sondern die unerklärliche Absicht zu beleidigen sei, schwoll er auf vor Zorn. Er verschwand aus dem Haus, aus der Stadt. Ich sah ihn nie wieder. Und mit ihm verlor ich jede Gelegenheit, mich in der irregulären Begleitung zu vervollkommnen.

Meine Cousine erwähnte die Sache mit keiner Silbe. Auch konnte ich nach der Zeit so viele Eroberungen machen , wie ich wollte, keine weckte wieder ihre Spekulation.

Sie werden doch einsehen, dass ich keine Ehre mit dieser Geschichte einzuernten hoffe. Nach meinem Brief an Clotilde trieb mich die Ehrlichkeit, etwas dazu für Sie zu erzählen, damit Sie erfahren, wie eingebildet und ungezogen ich gewesen.

[Späterer Zusatz:] Erschrecken Sie nicht über meine alte Laune, Geschichten zu erzählen. Es wäre schön, wenn ich sie Ihnen schon einmal vorgebracht hätte? Ich denke nicht, weil ich nicht wusste, welche Gelegenheit mich dazu veranlasst sollte haben und sie mir nicht sehr wichtig vorgekommen.

[Zusatz] „1860" ( Pfeil war 1850 tödlich verunglückt): (In dieser Weise und so in einzelnen abgerundeten Bildern hatte ich Pfeil mein ganzes Leben gezeichnet. Dies [war] der Inhalt des oft erwähnten ersten und hierher gehörigen zweiten Blauen Buches, welche Pfeil verbrannt, weil ich sie ihm nur unter dieser Bedingung zugesendet. Es mag leicht das erste dieser Korrespondenz ( Phina hatte das Geheft, um dessen Abschrift es sich hier handelt, in der Mappe mit der Bezeichnung „1" abgelegt.) sein.)

[Streichung] Hat Clotilde Recht, wenn sie meiner [Wesensart] eine unbefangene, ihrem eigenen Wesen verwandte Natur, große, herrische 18jährige Resignation zuschreibt? " ( Ende der Streichung und autobiografischen Notizen für Hermann Pfeil)


Nachlass Josephine d'Alquen
Laufzeit: 19. Jh.-20. Jh.
Umfang: 10 Stehordner, unverzeichnet.
Tagebuchähnliche Aufzeichnungen, Schriftwechsel mit Familie und Freunden / Zeitgenossen (Hermann Pfeil, Arnold Ruge, Friedrich Fröbel), Diskussion republikanischer, emanzipatorischer, antiklerikaler Themen; Beiträge zur Familiengeschichte Dalquen / d´Alquen, Bde. 16-20.
www.dalquen.info