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„Im Jahre 1802 den 28ten April Vor-
mittags zwischen 11 und 12 Uhr wird
Maria Josephine
Ida Elisabetha
D’Alquen in
Seligenstadt gebohren,
und nehmlichen Nachmittags von
dem hiesigen Hrn. Beneficiaten, Stadt-
kaplan Joachim Reus getauft,
und von ihrer väterlichen
Großmut
ter Maria Elisabetha
D‘Alquen namens
ihrer Tante Frau Marquise Maria
Josephina Du Chasteler,
welche damals tödtlich in
Wasser-
burg krank lag, aus der Taufe ge-
hoben. Der Name Ida ward ihr
zum Andenken ihrer
mütterlichen
Großmutter Ida Ubaghs
beigelegt.
Seligenstadt, d. 29. April 1802
D’Alquen“ |
Die Seligenstädter Taufurkunde (Tf 6. 146) führt sie
unter dem Namen „Dalquen“ auf.
Während
ihr Bruder Johann Peter
Cornelius 1800 noch auf dem Schloß
Wasserlos des Marquis du Chasteler auf der Seligenstadt
gegenüberliegenden Mainseite geboren worden war,
wächst Phina im Hause ihrer vermögenden
Großmutter in Seligenstadt auf, der verwitweten
Löwenwirtin Maria Elisabeth Dalquen, geborene Stenger. Der Vater
ist als kurfürstlicher Verwaltungsbeamter am Oberamt in
Steinheim tätig. Im August 1802 reist er letztmals als Anwalt
seines Schwagers, des Marquis du Chasteler, nach Utrecht.
Der
Seligenstädter biedermeierlichen Beschaulichkeit und Ruhe sind
Grenzen gesetzt. Der Kurstaat löst sich auf, die Tante auf
Wasserlos, Schwester der Mutter, stirbt, auch die
Seligenstädter Großmutter 1803. Im gleichen Jahr
wurde Seligenstadt eine landgräflich hessische Stadt.
Der
Vater reist ins landgräflich-hessische Herzogtum Westfalen, um
hier die Klöster in den Besitz des neuen Landesherrn, des
Landgrafen Ludwigs X., zu überführen. Die
Übersiedlung der Familie dorthin dauert noch bis etwa 1805. In
Werl wird 1806 die Schwester Ida geboren. 1804 war noch in Seligenstadt
der Bruder Franz Adam Maria zur Welt gekommen.
Nun
setzen die Erinnerungen der Josephine ein. Einzelheiten aus ihrem
schriftlichen Nachlaß ermöglichen knappe Einblicke
ins häusliche Leben. Eine Erzieherin wird engagiert,
spätestens als die Familie 1808/09 endgültig nach
Arnsberg übersiedelt. Dies hängt sicher mit der
Vorbereitung des ältesten Sohnes Johann Peter Cornelius, zu
Hause und im Freundeskreise Jean, auch Hans genannt, auf den Besuch des
Arnsberger Gymnasiums zusammen. Josephine und die jüngeren
Geschwister nehmen am häuslichen Unterricht teil. Josephine
bewundert den älteren, hochbegabten Bruder.
Die
Familie hält den Kontakt zu den anderen Familien der aus
Hessen übergesiedelten Beamten aufrecht, so z. B. zur Familie
Franzmahdes. Deren Tochter Kätchen ist Josephines engste
Freundin. Sie tauschen Geschenke aus. Es ist üblich, zum
Namenstag einen Kuchen zu bringen. Dies erwähnt Josephine
erstmals für 1812 (8.75). Es ist für sie einer der
glücklichsten Tage des Jahres.
Als
Josephine neun Jahre alt ist, 1811, tritt ihr Bruder ins Gymnasium ein.
Sie machen gemeinsam seine Hausaufgaben wie später mit den
Brüdern Franz ab 1814, Hermann ab 1818 und Fritz ab 1819. Kein
Wunder, wenn sie bekennt, daß sie „1820 durch und
durch Pädagogin“ geworden sei (0 zu 1835, S. 5 f).
Zwischen
1814 und 1818, sie ist 12 bzw. 16 Jahre alt, ist Schiller Josephines
ständige Lektüre (4. Nr.6/1). 1815
stößt sie auf ein Buch von H. König
über die Mainzer „Clubisten“ (8.28, S.43;
vgl. auch XVII. Bericht S. 730 ff). Sie fragt den Vater über
seine stürmischen Studienjahre in Mainz aus. In den folgenden
Jahre wird ihre politische Prägung immer deutlicher: Der
Vater, seit dem Übergang des Herzogtums Westfalen an
Preußen 1815 preußischer Beamter, war in der
liberalen Atmosphäre des Mainzer Kurfürstentums
aufgewachsen. Er gibt in diesen entscheidenden Jahren des deutschen
Freiheitskampfes gegen die napoleonische Besetzung und der Erstarkung
eines nationalen und demokratischen Bewußtseins der
studentischen Jugend die entscheidenden Impulse an seine Kinder weiter.
Hier wird gesät, was bei Josephine in Kürze als
leidenschaftlicher Republikanismus und Antiklerikalismus aufgehen wird.
Sie bekennt (8.58/2, S.74), daß sie schon mit 17 Jahren
Republikanerin gewesen sei.
1820,
mit 18 Jahren also, ist ihr klar, daß Erziehung als ein
Mittel zur politischen Erneuerung dienen sollte. Der Entwurf eines
Erziehungsplanes als eines Mittels zur Emanzipation nimmt Gestalt an (0
wie vor). Sie schreibt einen Aufsatz über Emanzipation (0.
1839, S. 5). Die Spiele der Latein lernenden Geschwister als
„Spartianer“ in der Nachfolge des Spartakus (vgl.
XVII. Bericht S. 730) erweisen sich als Einübungen eines
modernen, links, revolutionär und umstürzlerisch
orientierten Geistes. Ihr Bruder Fritz wäre beinahe daran
zerbrochen. Ihr wird als Ventil nur der Briefwechsel mit Freunden, so
dem gefährlichen, demagogischen Publizisten Dr. Arnold Ruge,
bleiben.
Josephine
ist die älteste Tochter der Familie. In
regelmäßigen Abständen stellen sich
Geschwister ein, 1819 als zehntes und letztes die Schwester Caroline.
Acht Geschwister sind jünger als sie, und da keine schulischen
Pflichten sie abhalten, dient sie der Mutter in allen
häuslichen Aufgaben neben der Magd. Ein Haushalt von
zwölf Personen und zusätzlich der Erzieherin und der
Magd ist zu versorgen. Josephines Aufgabe ist auf Jahre hinaus die
Betreuung der Geschwister. Sie ist bereits 17 Jahre alt, als das letzte
Kind der Familie geboren wird.
In
dieser Zeit der quälenden Selbstfindung und der
häuslichen Inanspruchnahme, wenn nicht der
Überforderung, fällt ihre erste Liebe. 1865, als
63jährige Frau und 15 Jahre nach dem Tod ihres Freundes Pfeil,
fügt sie einem Brief an ihn aus dem Jahre 1840 (0.33)
folgendes hinzu: „ Auf eine Jugendliebe (die von meinen 16ten
bis 18ten Jahren spielte, wo eine förmliche Entsagungs[akte]
aufgestellt wurde, die mein Leben mit langem Schmerz umwob, die mich in
manche Bizzareien getrieben, bis die Freundschaft, die
Beschäftigung mit ernsten Dingen, die Anmuthung der
Krausischen Philosophie mich ausheilte und innerlich feststellte), auf
diese Jugendliebe hatte ich mich gewöhnt, hochmüthig
und als einen Tribut, den ich der Schwäche des Weibes gezollt,
herabzusehen, weil ich sie vergessen! 1840! Merkwürdig tauchte
sie in der Erinnerung auf mit all ihren süßen und
bitteren Schmerzen - wäre mir doch vergönnt, von ihr
zu reden d. h. [zu] schreiben - “
Das
Bewußtsein diesem Mann mehr bedeutet zu haben als eine
Person, auf deren Geistesrichtung man Einfluß nimmt
(0.1837/38, S. 29), und ihm in mehr verbunden gewesen zu sein als in
„herzlicher schwesterlicher Liebe und rückhaltlosem
Vertrauen“ (ebenda), verläßt sie noch
sechs Jahre vor ihrem Tode nicht. Dürefeld war Gutsbesitzer,
zeigte sich ganz offen gegenüber ihren pädagogischen
Ideen, spielte in Gedanken mit einem von ihr gestalteten Familienleben,
hielt um sie an und erhält eine Abfuhr. Josephine ist zu
unerfahren, zu wenig realistisch, zu unbetroffen. Sie begreift noch
lange nicht, daß sie als Gutsherrin große
Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten gehabt
hätte. Sie spürt auch nicht die
zurückgehaltene Leidenschaft Dürefelds für
sie. Er zerbricht an dieser Ablehnung. Seine Landwirtschaft
vernachlässigt er. Nach ein paar Jahren ist er wie eine
unversorgte Pflanze verkümmert und verdorrt.
In
bestimmender Weise lebt Dürefeld in ihr fort. Junge Leute
ihres Bekanntenkreises in Arnsberg hatten sich zu einer lockeren,
geselligen Vereinigung zusammengetan. Es ist eine fröhliche,
ausgelassene, aber auch besinnliche Gruppe. Sie gründeten etwa
1825 den „Staat Katzenpfötchen“, und
Josephine wird als Bürgerin unter dem Namen
„Cynthia“ aufgenommen. Mitunterzeichner der
Bürgerschaftsurkunde ist Dürefeld (Abb. 2, 0.102).
Nomen
est omen! - In den „Elegien“ des Properz
heißt es zu „Cynthia“: „Etwas
sind doch die Geister; der Tod, er endet nicht alles [...]“
Was für Josephine weiterlebt, ist Dürefelds
Vermittlung des Philosophen Krause und seiner Lehre. Sie wird mehr als
Lebenslehre; ihr Wesen wird sich mit fortschreitendem Alter mehr damit
verbinden.
Hermann
Dürefeld hatte sich um eine Philosophiedozentur in
Göttingen bemüht. Aber das zerschlug sich. So kehrte
er zur Landwirtschaft zurück und hoffte, Josephine
für sich zu gewinnen. Er gewann sie lediglich für
Krauses Ideen. Wie nachhaltig der Einfluß der Begegnung mit
diesem regelrechten, berufsmäßigen Philosophen und
Krauses Philosophie auf sie war, drückt ihr lebenslanger
Briefwechsel aus: die Selbstdisziplinierung zu logischer Konsequenz und
Objektivität, das Bekenntnis zu ethischen Werten wie
Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Hingabe und
Opferbereitschaft. Schon früh deutet sich an, daß
Josephine das Auseinanderklaffen des Lebens in Unabdinglichkeit und
Kompromißbereitschaft erkennt. Sie wird sich schmerzhaft und
leidensbereit für das erstere entscheiden und ihr Leben eher
stolz und ungebeugt durchleiden als ihre Prinzipien zu verraten. In
diesem Punkte ist sie die wahre Tochter ihres Vaters (vgl. XVIII.
Bericht, S. 732 f).
1844
(6.5) erinnert sie sich dieses philosophischen Jugendkreises.
Dürefeld stellte die Philosophen als die Wahrheitsforscher,
als die „Augen der Menschheit“ dar. Und Josephine
setzte etwas unpassend, aber schlagfertig fort: „Ja, die
Philosophen die Augen, und die Monarchen? Vielleicht die
Hühneraugen? - Es war ein sehr dummer Einfall“, wie
sie selbstkritisch aus der Erinnerung bekennt.
Ein
ehemaliges Mitglied des Freundeskreises meint 1834 (3.39), es sei ein
„ganz geistiges und herrliches Zusammenleben“ im
Hauses d’Alquen vor 1825 gewesen. Die Geschwister waren
einander herzlich zugetan. Albumblätter werden ausgetauscht
(Abb. 3, 1.0). Sie haben etwa Postkartenformat, sind mit gezeichneten
Blumen verziert und verraten starke Gefühle der Zuneigung,
geben Ermahnungen für den rechten Lebenswandel und
nähren die Hoffnung auf das große
Lebensglück. Das Jahr 1825 ließ für das
große Glück nicht viel Raum. Der Vater wurde
zwangspensioniert und sein
Ruhegehalt empfindlich gekürzt.
1826
meldet sich brieflich nach vielen Jahren der Ungewißheit die
Gräfin Ida de Bocarmé aus Belgien (s. Anhang). Es
ist Josephines Kusine, die Tochter des inzwischen von Wasserlos
verzogenen und wiederverheirateten Marquis du Chasteler. Ida erkundigt
sich nach ihrer Tante, Josephines Mutter (2.41), und der Familie. Sie
war an ihren Cousin verheiratet worden, Besitzer des Schlosses
Bitremont und der Herrschaft Bury bei Mons in Belgien. Der Gatte lebte
getrennt von ihr in Amerika. Sie hat ihren Sohn Hyppolite und die
Töchter bei sich. Sie hatte 2 Töchter, die sie überlebten, eine dritte Tochter starb früh.
Umgehend
wird Josephine nach Bury eingeladen. Sie reist über
Mülheim, wo ihr Bruder Johann Peter Cornelius das inzwischen
von der Kusine übersandte Reise- und Taschengeld empfangen
hat. Josephine hält sich in den Monaten März und
April 1827 in Bury auf. Einiges deutet darauf hin, daß sie
ihren jüngeren Bruder Hermann mitgenommen hat (3.81). Ihre
Erlebnisse in Bury faßt sie 1840 mit Zusätzen von
1860 in einem sehr anschaulichen Bericht zusammen (1.0). Anscheinend
ist Josephine das Vorzeigeobjekt ihrer Kusine: eine perfekte
Klavierspielerin, die man bedenkenlos in jeder Gesellschaft
präsentieren kann. Die Erwartungen, die man an sie als
Gegenleistung für die Gastfreundschaft hegt,
beschränken sich auf eine tägliche
Konversationsstunde mit den Kindern in Deutsch und auf das Vorlesen
deutscher Literatur, wovon die Bibliothek auf Bury wenig zu bieten hat,
weswegen man bei Goethes „Faust“ bleibt.
Zu
Spannungen mit der Kusine kommt es in Zusammenhang mit einem Nachbarn
der Gräfin, einem Baron du Chatel. Josephine schreibt (1.0, S.
8 f): „ [...] Musik war das einzige, was ich dort hatte -
aber mitunter - welche Musik?! Ich war damals eine solche musikalische
Enthusiastin, daß ich bei diesem kläglichen
Musikmachen gar
nicht an Musik denken durfte, wenn ich sie ertragen sollte; doch hatte
ich es durchgesetzt, daß ich zu keiner Soirée
gezwungen würde, als wenn Musik die Unterhaltung ausmachte; da
durfte ich nicht fehlen; denn in einem unserem Hause befreundeten
Zirkel hatte ich mich zur Direktrize aufgeschwungen, die den Abend
begleitend am Piano verbrachte. Ich mußte den andern alles
einstudiren, und es war da ein junger verheirateter Vetter, der
hätte von Morgen bis Abend gesungen, wenn ich ihn nicht auf
Stunden beschränkt hätte. Ich ertrug sie mit enormer
Geduld, dafür prießen sie mich aller Arten als
musikalisches Genie! Wie ich nun so an diesem musikalischen Himmel zu
glänzen begann, mußte ich viel von einem jungen Mann
reden hören, der sich gewißermaßen als
musikalischer Areopagit unter seinen Standesgenossen aufgeworfen hatte.
‘Wenn der erst käme!’ - Wie man ihm von
den neuen Wunder erzählte, meinte er: er glaube nicht dran,
bis er sich selbst überzeugt. Nachdem er sich etwas hatte
erwarten lassen, erschien denn der Tag, an dem sich die beiden
musikalischen Größen begegnen und meßen
sollten! Am Morgen gab er seine Karte ab - am Nachmittag erschien
zuerst ein Fagott - ein Stoß Noten und dann Mr. le Baron du
Chatel. Eine stämmige flämländische Figur,
blondes [Haar], rundes Gesicht mit unbedeutenden Zügen. Das
war der Held meiner Geschichte! - Weß musikalischen Geistes
er war, hatten mir seine Noten leider schon verrathen, die Wichtigkeit,
mit der er unser Spiel einleitete, konnte mir daher nicht mehr
imponieren. Wir spielten denn - variationen a la Jelinek für
Fagott mit sehr leichter Clavierbegleitung. Mein Mitspieler strengte
sich entsetzlich an - er arbeitete, daß der Schweiß
über sein dickes, blaßes Gesicht rann - zuletzt
geriet er in eine art flamländische Begeisterung! - Die Kusine
konnte kaum das Ende von diesem Tournier erwarten, mehr wie einmal
raunte sie mir zu: ‘Nun? Wie spielt er?’ Ich aber
schwieg unerbittlich und - spielte - wie die Kembelsche Schachmaschine!
- Endlich hatten wir uns durchgearbeitet; Er war außer sich
vor Vergnügen - und überhäufte meine Cousine
mit den schmeichelhaftesten Redensarten, die sie mir
übersetzen sollte: ‘O die Deutschen! Die Deutschen!
Das sind Musiker.’ So ausgezeichnet wäre ihm noch
nie begleitet worden! Sehr häufig habe er es schon mit
Clavierspielern von Renomée versucht, aber er habe immer mit
ihnen zu hapern gehabt - Und hier! So prima vista die schönste
Harmonie - - ! Er war ganz glücklich! -
Nachdem
die Cousine den einen Theil gehört, wandte sie sich zum
Andern: ‘Verstehst du, was er sagt?’ -
‘Recht gut, liebe C[ousine]! Ich habe mir allerdings ein
Verdienst - nicht um die Musik - aber um ihn erworben; es war das
einzige, was mich bei diesem kinderleichten, dummen Zeug unterhielt!
Denken Sie, daß er gar nichts von Takt weiß, immer
ad libitum spielt, wie es ihm gerade bequem ist, eine Paßage
schnell oder langsam zu machen. Da bin ich ihm denn mit meiner
Begleitung so künstlich nachgeschlichen, daß er
seine eigene Ungeschicklichkeit nicht merkte; sagen Sie ihm
das!’ - ‘Das laß ich bleiben!’
(Ich
muß nur sagen, daß diese art Conversation mit
meiner Cousine, die ich, wo ich nur konnte, mit meinen moquanten
deutschen Zwischenreden aus ihrer vornehmen Gravität zu
bringen suchte, mich etwas für die Langeweile
entschädigte, die mir gemacht wurde.)
Meine
deutsche Entgegnung hielt der Hr. Baron für eine bescheidene
Ablehnung seines Lobes und ließ nicht ab, es immer wieder zu
betheuern, zuletzt bat er, sein Waldhorn und seine Clarinette schicken
zu dürfen. Die Flöte würde er selbst
bringen. Umgeben von seinen Instrumenten saß ich wie die
H[eilige] Cecilia! Nun kam er sehr oft, wir spielten immer mit
demselben glänzenden Erfolg. Sein glücklichster Traum
war erfüllt! Was er bisher vergebens gesucht: eine Begleitung
zu seinem genialen Spiel! - in mir hatte er sie gefunden!!!
Ich
hatte dafür in kurzer Zeit einen ehrfurchtsvollen Verehrer
gefunden und lächelte manchmal, wenn er sich im Theater in
einer Logenecke gut versteckt glaubte und den ganzen Abend sein
Musikalisches Wunder nicht aus den Augen ließ. - Doch war mir
dergleichen nicht so neu, daß ich besonderes Gewicht darauf
gelegt hätte, ich moquirte mich auch nicht - ich glaube, ich
fand es bloß in der Ordnung! -
Im
Hause, wo man anfing, meine Eroberung etwas ernster zu betrachten,
hörte ich, daß außer seinem Musiksparren
nicht viel an ihm auszusetzen sey. Er hatte Vermögen, war ganz
unabhängig, galt unter seinen Standesgenossen für
besonders ehrenhaft und solide, so daß ihn die Väter
ihren Söhnen als Muster prießen und
töchtervolle Häuser seine Freundschaft suchten. Er
wußte selbst recht gut um alle diese Vorzüge und
trat mit vielem Selbstbewußtsein auf. - Meiner Cousine gefiel
die Idee, den spekulirenden Müttern diese hübsche
Baronie wegzufischen. Wie sie die Sache für eine Besprechung
reif glaubte, sagte sie mir, ich hätte eine Eroberung gemacht!
Ich entgegnete, das wüßt’ ich! Sie meinte,
die Sache verdiene nicht, so wegwerfend behandelt zu werden. Ich solle
sie ein wenig ernst nehmen. Von allen jungen Damen, die ich bei ihr
kennengelernt, würde sich keine einen Augenblick besinnen,
Baronin du Chatel zu werden. Die roman-ideen von Liebe etc. etc. solle
ich mir doch ja vergehen lassen, - ein Mädchen ohne
Vermögen habe gar keine Wahl, für mich sey es ein
ungeheurres Glück etc. etc. Ich hielt mich noch immer guter
Laune und meinte ganz demüthig: eine Wahl habe jede: Gar nicht
wählen zu wollen! Und ich dächte, ich hätte
ihr ja schon gesagt, daß ich nicht heirathen wolle. Aber
rasch war mein Zorn oben, wie ich hörte: ‘solches
Geschwätz ließe sie sich gefallen, solange man keine
Aussicht dazu habe’. Ich stand auf, sah sie fest an und
weiß nicht, wie mir die Worte kamen: ‘Madame, von
heute an spiele ich im Tackt!’ Sie war verblüfft und
stotterte: ‘Daß thust du nicht!’ Ich aber
ging mit der Behauptung: ‘Ich thue es!’ zur
Thüre hinaus.
Ich
hatte sehr bald Gelegenheit, mein Wort zu halten, und mit einer
unverzeihlichen Grobheit lies ich den Unschuldigen die Beleidigung
meiner Cousine entgelten. Kein Funken Gutmüthigkeit regte sich
bei dem bestürzten Gesicht, mit dem er mich fragend ansah. -
Im Gegentheil, ich erwiederte es mit einer unzweideutigen wegwerfenden
Miene, wie sie kaum einer hochgeborenen Prinzeßin gegen einen
anmaßenden Untergebenen zustehn mag; und das geschah einem
Mann, der mir nichts als die größte Hochachtung
bewiesen, der vielleicht gar nicht daran dachte, mich zu seiner Frau zu
machen (denn es ist ja noch ein himmelweiter Schritt vom Verlieben zum
Heyrathen!). Er war aber keiner, der sich so etwas zweymal biethen
ließ. Wie er sich überzeugt, daß es keine
Laune, kein Versehen, sondern die unerklärbare Absicht zu
beleidigen sey, schwoll er auf von Zorn; er verschwand aus dem Hause,
aus der Stadt - ich sah ihn nie wieder - und mit ihm verlor ich jede
Gelegenheit, mich in der irregulären Begleitung zu
vervollkommnen! -
Meine
Cousine erwähnte die Sache mit keiner Silbe; auch konnte ich
nach der Zeit so viele Eroberungen machen, wie ich wollte, - keine
weckte wieder ihre Spekulation!“
Während
des Aufenthaltes auf Bury erhielt Josephine Post aus Arnsberg. Es ist
der erschütternde, detaillierte Bericht der Familie Brisken
vom Krebstod ihres Sohnes Anton, einem Freund der Josephine, der sie
als „höchstes Erdengut“ (3.81) bezeichnet
hatte. Dem Brief lagen einige Erinnerungsstücke bei, z. B. ein
Büschel Haare des Verstorbenen, nur für Phina
bestimmt, die Abschrift eines Gedichts von ihm, seines
Schwanengesanges, ein Streifen des Bandes seiner Verbindung
„Teutonia“, E. T. A. Hoffmanns
„Nachstücke“, der Lieblingsschriftsteller
des Toten. Aus der Intimität des ungewöhnlichen
Briefes mit seinen Beilagen dürfen wir vermuten, daß
die Verbindung zu Anton Brisken eine mehr als freundschaftliche gewesen
ist.
Um
diese Zeit betätigt sich Josephine auch als Liedkomponistin.
Kurz vor 1830 dürfte sie etwa 30 Lieder mit ihren
Brüdern Johann Peter Cornelius und Franz Maria noch in
Arnsberg zusammengetragen haben. In 20 veröffentlichten Heften
zu je fünf Liedern ist Dr. [J. P. C.] d’Alquen mit
23, Friedrich d’Alquen mit drei, Franz Maria mit zwei und
Josephine mit den beiden Liedern vertreten: „Der kleine
Savojarde“ im fünften und „Der
Liebeskranke“ im siebten Heft (s. Rolf d’Alquen,
Der kompositorische Nachlaß des J. P. C. d’Alquen,
2. Anhang, S. 2 f). Diese Hefte sind etwa 1835 bis 1839 verlegt worden.
Es existieren nur noch Kopien davon.
Das
Jahr 1830 bringt das Wiedersehen mit dem Bruder Franz Adam Maria. Die
Pariser Juli-Revolution brachte einen neuen König an die
Spitze Frankreichs. Josephine wird vertraut gemacht mit den
kommunistischen Ideen des Charles Fourier. Doch dessen Radikalismus
lehnt sie ab. Im August kommt es zu einem Aufruhr in Brüssel.
Das heutige Belgien erklärt seine Unabhängigkeit und
verläßt den Staatsverbund mit den Niederlanden. Wohl
wegen der Unsicherheit der politischen Verhältnisse
verläßt Franz Brüssel und sucht
zunächst - wie im Vorjahr - seine Verwandten in Arnsberg auf.
Am 14. August 1830, zehn Tage vor dem Ausbruch der Unruhen in
Brüssel, gibt er in Arnsberg ein Konzert. Vermutlich kehrt er
nicht nach Brüssel zurück, sondern
übersiedelt zunächst nach London.
Das
knappe Jahrzehnt zwischen 1830 und 1838 wirft Josephine von einem
Extrem ins andere. Rückblickend meint sie (0. 1837/38, S. 16)
über diese Zeit, danach habe eine neue Phase der
Lebensanschauung begonnen, besser „Lebensphase“,
„denn Leben und Schauung werden eins“.
Um
1831 war es für die inzwischen knapp 30jährige zu
einer Art Verlobung gekommen. 1853 (3.41) erinnert sie der Barmer
Polizeiinspektor Perigorius daran, daß sie damals von ihm
ihren Ring zurückgefordert habe. Josephine hat dieses Ereignis
völlig verdrängt. Sie erinnert sich nicht daran.
Sie
scheint sich mit dem Schicksal, unverheiratet zu bleiben, abgefunden zu
haben. Dies bedeutet nach außen, nach wie vor für
die Familie dazusein, und nach innen ihre Position zu klären.
Freiheit,
Gedankenfreiheit, geistige Unabhängigkeit ist das eine Thema.
Sie schreibt (0. 1834/39, S. 9): „ Ein gewisser
protestantischer Staat [sie meint wohl Preußen]
vergißt in seinem Eifer gegen Katholicismus das Christliche
Gleichnis vom Splitter und Balken! Ist seine Politik nicht echt
katholisch? Giebt’s da nicht Inquisitoren und Kerker
für Andersdenkende, wie die katholische Kirche sie
zurückwünscht? Beide machen die Forderung: das
Selbstdenken zu suspendiren, Verehrung a priori und blinder
unerschütterlicher Glaube an die Unfehlbarkeit?[...]“
Ein
anderes, von ihr immer wieder äußerst engagiert
vorgetragenes Thema ist die Frauenemanzipation. „Der
geschätzten Redactrice der [nicht genannten]
Frauenzeitung“ (0. 1837/38, S. 10 f )schreibt sie:
„Die Ankündigung der Frauenzeitung hat ohne Zweifel
überall, wo Sinn für weibliche Bildung herrscht, das
lebhafteste Interesse erregt, und sicher ist Ihrem schönen
Unternehmen die ausgedehnteste Theilnahme entgegen gekommen. Ich,
wenigstens, fühlte dabey etwas von einem halb vergessenen
Enthusiasmus in mir sich regen, der sich ohngefähr in
folgender Weise an eine Freundin aussprach:
‘Wenn
du dich wunderst, von der verschollenen Klausnerin Schriftzüge
zu sehn, so wunderst du dich vielleicht noch mehr, von ihr zur
Theilnahme an einem schönen Werk aufgefordert zu werden. Seit
Neujahr erscheint in Jena eine Frauenzeitung, über die ich
nichts sage, da der Prospectus beiliegt. - Überall zeigt sich
das Streben der Frauen, einen höheren geistigen Standpunkt
einzunehmen, überhaupt geistige Unabhängigkeit zu
erringen! Es gehört dieses Streben zu einem wesendlichen Theil
der Entwicklung der Menschheit; denn nur bei der harmonischen
Ausbildung der einzelnen Theile läßt sich ein
Vorschreiten des Ganzen denken. Wenn nun gleich in diesem Winkel
Deutschlands die Impulse, welche die Welt bewegen, nur noch schwache
Kreise ziehn, so darf ich doch voraussetzen, dass es hier
außer mir noch einige Weiblichkeiten giebt, welche mit
Interesse ein Blatt lesen werden, dass sich zum Organ der
erwähnten Bestrebungen aufwirft. [...]
Die
ersten drey [Nummern] der Frauenzeitung liegen nun hier vor mir. Meine
hochfliegende unbestimmte Erwartung ist getäuscht“.
Josephine findet nichts als „Modegeplauder“!
1835
bricht ein furchtbarer Schlag auf die Familie nieder. Seit November
1834 ist Bruder Fritz als zweiter Richter am Justizamt in Hovestadt
tätig. Da holt im Mai 1835 den Ahnungslosen die staatliche
Schnüffelei nach ehemaligen Studenten ein, die sich
während der Studienzeit in ihren Verbindungen an
staatsgefährdenden Umtrieben beteiligt haben könnten.
Der Richter Friedrich d’Alquen wird verhaftet; die
„Inmarschsetzung“ nach Berlin erfolgt umgehend.
Nach einigen Verhören und ohne ordentliches Gerichtsverfahren
wird er zu 15 Jahren Festungshaft in Magdeburg verurteilt. Der Vater
ist inzwischen 74 Jahre alt. Man verheimlicht ihm längere Zeit
die Aburteilung seines Sohnes aus Angst um seine Gesundheit. Josephine
schreibt hierüber (7. 1, S. 14): „Fritz seine
vierzehnmonatliche Gefangenschaft war für mich eine Zeit
ununterbrochener Gemüthsalterationen, die ich mit
Zerstörung meiner Gesundheit, namentlich mit jahrelangem
Gesichtsschmerz und öfter rasendem Kopfleiden
nachbüßen mußte.“
Die
Entlassung des Bruders aus der Festungshaft diente lediglich
„zur vielleichtigen Wiederherstellung seiner
Gesundheit“, damit die Haft fortgesetzt werden
könne. Ein höchst unterwürfiges Gnadengesuch
an den preußischen König, das Josephine für
die Mutter aufsetzt, dem Vater wird es verheimlicht, wird ebenso
abgelehnt wie ein zweites, das sie unterschreibt. Als nun der
lungenkranke Sohn zu Hause auftaucht, erfährt der Vater
schließlich doch, daß die Verfolgungen durch den
verhaßten preußischen Staat einen neuen, grausamen
Höhepunkt erreicht haben. Die Familie ist gebrandmarkt. Noch
nach knapp 20 Jahren soll es die dann längst verwitwete Mutter
zu spüren bekommen.
Josephine
ist verzweifelt. Sie rechnet sich „nun einmal gerne zu den
Paradiesvögeln, die keine Füße für
diese kothige Erde haben“ (4. Briefbuch, Nr. 160). Zum 85sten
Geburtstag der ehemaligen Erzieherin Fräulein Feuser 1836 (wie
vor, Nr. 180) schreibt sie ihr: „Mein armer liebster Bruder
Fritz sitzt seit dem 11ten May [1835] in Berlin in Haft und auch im
schändlichen Kerker. Der 74jährige Vater darf davon
nichts erfahren, da die Nachricht ihm leicht das Leben kosten
kann.“
Krankheitshalber
wenigstens ist der Bruder nun wieder zu Hause. Der ausgebildete
Volljurist erhält selbstverständlich keine
Bezüge mehr. Er ist aus dem Staatsdienst ausgeschieden. Es ist
aussichtslos zu erwarten, daß er nach dieser Verurteilung
jemals wieder in den Staatsdienst aufgenommen werden kann.
Regelmäßig muß sich der Sohn des
Regierungsrats bei der Polizei melden. Seine ärztlichen
Betreuer sorgen für die unbeanstandete Fortsetzung seines
Krankenstandes. Alte Freunde bleiben ihm treu. Neue Freundschaften
werden geschlossen, eine mit dem an der Regierung von Arnsberg
tätigen Regierungs- und Forstreferendar Hermann Pfeil.
 |
Bleistiftportrait von Hermann Pfeil
In
Pfeils Handschrift unten links: "Neustadt [...] 24. Juni [18]38"
und
unten rechts: "Zum Andenken an Ihren Verehrer."
Unter
der linke Achsel: "Scheffter" [der Autor] |
Soweit
sich dieser Zustand nicht verändert, kehrt eine relative Ruhe
in die Familie ein. Die Beunruhigung wegen der ungewissen Zukunft des
Sohnes jedoch bleibt. Josephine beschäftigt sich in dieser
Zeit intensiv mit Literatur. Das „Junge
Deutschland“ ist eine aktuelle Literaturbewegung. Gutzkow
gehört dazu. Heinrich Heine und Börne stehen ihr
nahe. 1835 verbietet Preußen die Schriften dieser Autoren,
die den absolutistischen Staat, die Orthodoxie der Kirche, die
gesellschaftlichen Konventionen ablehnen. Sie vertreten die Gedanken-
und Meinungsfreiheit, den Sozialismus, die Frauenemanzipation, eine
neue Definition der Geschlechterbezieungen, die auf Vernunft
gegründete Ethik. Das alles wirkt wie eine Offenbarung
für Josephine. So ist es in ihr längst angelegt. Die
Autoren dieser Gruppe werden Josephine in den nächsten Jahren
intensiv beschäftigen: Heinrich Heine, der bereits seit 1831
in Paris lebt, Ludwig Börne, der 1835 dorthin
übersiedelt, die Gräfin Hahn-Hahn mit ihren
aufregenden Frauenromanen, Karl Gutzkow, der zu drei Jahren
Gefängnishaft verurteilt wird und mit gesellschaftskritischen
Romanen hervortritt.
Josephine
hinkt ihrer Zeit nicht hinterher. Arnsberg hat zwei
Leihbüchereien. Interessierte Leser tauschen Bücher
aus. Unter der Hand werden verbotene Bücher weitergereicht.
Sie hat Zugang zu erstaunlich vielen Zeitungen und Zeitschriften. Der
journalistische Stil, das knappe Feuilleton, die scharfe, satirische
Kritik reizen sie. Ihr bisheriges Leben mit acht jüngeren
Geschwistern ließ für die literarische
Beschäftigung wenig Muße.
Die
Kusine Ida de Bocarmé hat im Jahre 1836 eine ausgedehnte
Reise durch Frankreich, Italien und Deutschland gemacht und Josephine
ausführlich berichtet. Josephine versucht
zurückhaltend und vorsichtig (0. 4, S. 14 f), ihr brieflich
das „Junge Deutschland“ nahezubringen:
„Von Heine habe ich zwar zu meinem Leidwesen nicht viel
gelesen, er ist, wie Sie von ihm selbst vielleicht schon wissen (denn
unsere jungen Schriftsteller verschweigen ja heut zu Tage dem Publikum
nichts mehr) in Pr[eußen] verbothen und verkezert; doch was
ich von ihm kenne, läßt mich ihn ebenfalls recht
gern haben; aber - Französisch möcht ich H[eine] doch
nicht nennen! Abgesehen davon das seit 20 Jahren deutsche und
französische Nationen ihre [...] Gegensätze verloren
und sich zu durchdringen streben, ist Heine deutsch! Er
gehört, wenn auch nicht durch leiblichen Verband, doch in
geistiger Hinsicht der neueren Schule an, die unter dem Namen
„junges Deutschland“ vor einiger Zeit Aufsehn - - -
- zu erregen anfing. Diese Herren wollen keine Autorität
anerkennen, die nicht vor dem Richterstuhl der Vernunft Probe
hält. [...] so kämpfen diese jungen Titanen fast
gegen alles bestehende; aber nicht, wie man ihnen fälschlich
Schuld giebt, es zu vernichten, sondern dasselbe
vernunftgemäß zu gestalten und weiter zu bilden
[...].“
Josephine
kritisiert scharf die staatliche Zensur dieser jungen Autoren. Genauso
scharf setzt sie sich mit der Ausbildung an den Universitäten
auseinander, schließlich hatte sie drei Brüder dabei
beobachten können: „Vollends auf unseren deutschen
Hochschulen beweißt Alles, das Erziehung ohne entsprechende
Institutionen wenig zur allgemeinen Charakterbildung hilft. Die jungen
Leute stehn, solange sie die Hörsääle
besuchen, gegen einander auf einem Fuß der vollkommensten
Gleichheit; sie sind kühn, romantisch, bis zum Wahnsinn
für die Freyheit begeistert; sie verlassen die
Universität; keine politische Laufbahn fördert die
dort angenommene Geistesrichtung weiter; sie tauchen in Dunkelheit
unter - oder werden mit Gewalt in Dunkelheit gesetzt, könnte
man beifügen, wenn man die viele hundert in den Bundesstaaten
eingezogene junge Männer betrachtet. - Wer wagt zu behaupten,
daß der kurze Silberblick der Freyheit, wie er unseren
Studirenden wird, sie ohne Folge für eine bessere Zeit
angestrahlt habe? Nicht ewig wird der Fluch auf Deutschland haften,
daß es - an Geist und Erkenntnis vorgeschritten - sich in
veralteten Institutionen krüpelhaft fortschleppen
muß. Auch hier werden sie - sie müssen fallen, wenn
der neue Geist erstarkt ist! - und doch! - wäre England!
Wäre Frankreich nicht! Was bliebe uns für Hoffnung? -
Rühren sich nicht schon die „eisernen
Hände“ wie ich irgendwo gesagt, um den schiklichen
Augenblik zu ergreifen, diese - „Pflanzschulen des
Hochverrates!“ zu organisiren? Sie zu Schulen des Servilismus
- der Beamten-Schufterey umzugestalten? - “
1837
liest sie Fichtes „Reden an die deutsche Nation“
von 1809. Sie bemerkt hierzu: „Würde er jetzt etwas
ähnliches öffentlich sagen, es würde ihm
bald Spandau oder Köpenik als Kanzel angewiesen
werden.“
Josephine
sammelt „Anecdoten“ für eine Arnsberger
Chronique Scandaleuse, z. B.: „Betty hatte sich malen lassen;
über die Ähnlichkeit entspann sich folgendes
Gespräch:
Betty:
‘Ich gebe zu der
Obere Theil des Gesichts gleicht, aber der Untere jar nich! Jott! Wenn
ich so häßlich wäre, dann
wüßte ich jar nich, wie Karl sich hätte in
mich verlieben können.’
Eine
Freundin:
‘Hat er sich denn bloß in dein Gesicht
verliebt?’
Betty:
(verwundert) ‘ I
worin denn?’
Die
Freundin:
‘Nun, ich dachte, es gäbe noch andere Eigenschaften
zum Lieben?’
Betty:
(naiv) „Die
hab’ ich nich!“
(0. 4, S. 5) Oder:
„Junger
Herr: ‘Wie ich höre, wird das zweite Tableau heute
Abend Glaube, Lie- (Wolf)be
und Hoffnung zum Gegenstand nehmen!
Und Sie, mein Fräulein, machen
die Hoffnung? -
Fräulein:
‘Fy donc! wie können Sie reden! Die Hoffnung wird
doch sicherlich (Malchen) durch
eine Frau vorgestellt werden! ich
- (mit einem Knix) ich mache
die Liebe.“ (0.4, S.9)
Also
hatte sie den Humor trotz aller häuslichen Widrigkeiten doch
noch nicht verloren.
Am
12. April 1838, dreizehn Jahre nach der erzwungenen Pensionierung, drei
Jahre nach der Aburteilung seines Sohnes und dessen unehrenhafter
Entfernung aus dem Dienst, stirbt der Vater, an dem Josephine mit
großer Liebe und Verehrung gehangen hat. Im Sommer des
gleichen Jahres macht sie eine Bekanntschaft, die die große
Liebe ihres Lebens werden soll.
Der Referendar Hermann Pfeil
(s.o.) aus Brandenburg hatte bei der Regierung in
Arnsberg den zweiten Ausbildungsabschnitt abzuleisten. Über
den Beginn der Freundschaft schreibt Josephine: „Pfeil, seit
dem Sommer 1838 in Arnsberg, war mit meinem Bruder Fritz befreundet.
Dieser brachte mir oft Bücher von ihm aus dem Lesezirkel,
über deren Inhalt sie sich diskutiert hatten. Fritz theilte
mir diese Differenzen mit; obgleich ich nun fast immer auf Fritz seiner
Seite stand, interessierten mich doch die eigenthümlichen
Auffassungen seines Gegners so weit, daß ich sie mir - nach
meiner Weise still für mich - schriftlich zurecht oder
wiederlegte. - Persönlich blieb er mir ganz fremd. Er besuchte
uns erst, als ich ihm Briefe zugeschickt, die ich für ihn von
Fritz [1839]aus London mitgebracht hatte. - Aus diesem Besuch und (bei
dem er gleich bat, mir die Bücher des Lesezirkels, wie
früher Fritz - mittheilen zu dürfen - die er erst
alle vier Wochen und dann alle 14 Tage selbst brachte) entspann sich
eine freundschaftliche - wenn auch mitunter scharfe Controverse
[...]“ (0.5).
In
einem ihrer „Blauen Bücher“ [1838?]
gesteht sie: „ Ich hatte schon früh mit dem Leben
abgeschlossen; nach dem Tode aller Jugendgeliebten hatte ich schon mit
18 Jahren [also 1820] das beschränkte Leben einer nur ihren
häuslichen Pflichten lebenden Einsiedlerin geführt.
Ich war so unbemerkt 36 Jahre alt geworden, als ich den
28jährigen Pfeil kennenlernte und das Leben [...] von vorne
anfangen mußte“
(4).
Die
Brücke, die die beiden zunächst verbindet, ist die
Literatur. Josephine liest den verfemten Börne und notiert
über ihn im März 1839 (0.9): „Zum ersten
mal etwas von Börne gelesen! über Börne
hatte ich vorher schon genug gesehen und wie hämisch und
cliquenhaft unsere Tageskritik ist, wurde mir dabey aufs neue klar. Ich
bin überzeugt, Börne ist nicht bloß
geistreicher Schriftsteller wie etwa Heine, sondern ein durchaus edler
Mensch, welcher überall das Gute um des Guten willen wollte.
Daß gerade diese in der Welt am meisten gehaßt
werden, spricht er selbst aus [...]“
Josephine
legt ihre Gedanken schriftlich fest, schickt Pfeil ihre Briefchen durch
die Magd in die Wohnung oder sie gibt sie ihrem Bruder mit, und Pfeil
antwortet gleich auf dem Original. So versucht er, ihr Börne
auszureden, indem er Urteile von Börne über die Frau
zitiert (0. 9): „Es ist schwer zu entscheiden, welches ein
verdriesslicheres Geschäft sei, Lichter zu putzen, oder Weiber
durch Gründe zu belehren. Alle zwei Minuten muss die Arbeit
wiederholt werden, und wird man ungeduldig, löscht man das
kleine Licht gar aus. [...] Das größte
häusliche Unglück, das einem Mann begegnen kann, ist,
wenn seine Frau einmal gegen ihn Recht hat, nachdem er es ihr
abgestritten. Dieses einzige kleine Recht dient ihr wie ein
Fläschchen Rosenöl, damit macht sie 20 Jahre alle
ihre Geräte und Gerede wohlriechend. [...] Der Eigensinn einer
Frau ist auf ganz wunderliche Art befestigt. Der Graben ist hinter dem
Wall, und hat man die steilsten Einwendungen bestiegen und glaubt,
jetzt wäre Alles geschehen, so entdeckt man erst, dass das
schwerste noch zu tun sei. [...] Eine Geliebte ist Milch, eine Braut
Butter, eine Frau Käse. [...] Schwärmen Sie noch
für B[örne]?“
Im
April darauf liest Josephine erstmals George Sand:
„Valentine“ und „Rose und
Blanche“. Besonders die zeit-, gesellschafts- und
sozialkritischen Äußerungen kommentiert sie
ausführlich (0. 10), so zu „Rose und
Blanche“: „Den Anti-Sandisten verdenke ich es
nicht, wenn Mancher den Mangel an Delicatesse rügt; wer
fühlte sich nicht unangenehm berührt, eine Frau mit
den Manieren eines Wüstlings (ja mit den Gebräuchen
des Bordells könnte man sagen) so vertraut zu finden, wie sich
George Sand den Anschein gibt? Aber - könnte man vielleicht
fragen, wäre Schwester Olympia an den Orten menschlichen
Elends wohl so willkommen, wohl so eine praktische, so
hülfreiche Person, wenn sie voll weiblicher Delicatesse
beständig die Augen niederschlüge und das Gesicht
verwendete? - Oder - um weiter zu fragen! Darf man von einem
Schriftsteller Delicatesse fordern, der sich die Socialen Gebrechen zum
Vorwurf gemacht? Überhaupt, sollte uns in unseren engeren
Verhältnissen nicht der Standpunkt fehlen, diese Frau und ihre
Moral zu beurtheilen?“ (0. 11)
Das
Jahr 1839 bringt eine entscheidende Wende für Josephines
Bruder Fritz. Die Anträge auf Erleichterung seines
Sträflingsschicksals haben endlich Wirkung gezeigt, wenn auch
nicht die erwartete, die Niederschlagung seiner Verurteilung. Immerhin
wird ihm erlaubt aus dem „preußischen
Staatsverbande auszutreten“ und unter Aufgabe seiner
Staatsangehörigkeit nach England auszuwandern. Niemand konnte
ahnen, daß König Friedrich Wilhelm III. ein Jahr
später sterben und sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. bei seiner
Thronbesteigung eine umfassende Amnestie auch für die
Verurteilten wie Fritz erlassen würde.
Josephine
begleitet ihren Bruder nach England. Ein zweiter Grund für
ihre Reise ist aber, die siebzehnjährige Schwester Caroline,
die seit vier Jahren im Hause ihres Bruder Franz in London gelebt hat,
zurückzuholen.
Josephine
gibt von dieser Reise einen sehr anschaulichen Bericht vom 20. August
1839. Er ist für ihre Freundin Jutta Freiin von Gerte in
Arnsberg bestimmt; der Entwurf ist erhalten (0. 6). Mit der Postkutsche
fahren die Geschwister nach
Köln. Sicher wird der Bruder Johann Peter Cornelius in
Mülheim besucht. Am 25. Juni schiffen sie sich nachmittags
nach Rotterdam ein. Am 26. Juni abends sind sie dort und logieren im
Hotel de l’Europe. Wegen des Regens können sie die
Stadt nicht besichtigen. Am 27. Juni fahren sie mit erheblicher
Verspätung wegen des starken Windes auf der
„Ocean“ ab. Josephine wird schwer seekrank. Erst am
Tage darauf gegen 16 Uhr „fühlte ich mich neu belebt
und gestärkt“.
„Die
Küsten von England sind das reitzendste was man erblicken
kann; sanft gehügelt durchaus mit dem schönsten
Grün überzogen wechselt die Ansicht
beständig; herrliche Baumgruppen, halb versteckte
Landhäuser, freundliche Dörfer,
majestätische Schlösser. Alles von der
mannichfaltigsten oft wunderlichsten Bauart. - In die Themse
eingelaufen häufen sich die Gegenstände: erst
präsentiert sich Wollwich, wo das berühmte
Artillerie-Arsenal Grossbritaniens, dann Greenwich mit seinem
imposanten Matrosen-Hospital, darauf breitet sich - London aus, man
durchfährt einen unermesslichen Wald von Masten und Flaggen
aus allen Zonen der Welt - alle Zungen sind vom Staunen gefesselt.
‘Tower’, ‘St.Paul’ usw. usw.
hört man hier und da hervorbrechen - dann noch eine Weile und
man ist mitten im Gewühl der ersten Stadt der Welt. An Land
gestiegen, nahmen wir einen Wagen und durchfuhren London von einem Ende
bis zum anderen. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, London warf
sich gerade in den abendlichen Schmuk der Gasbeleuchtung und wir hatten
im Fluge genug zu bewundern; endlich wurde die Häusermasse
dünner, Gärten und Grasplätze legten sich
dazwischen - wir hielten vor No. 6 Camden Terrace. Heraus sprangen
Franz und Caroline, mit welcher Empfindung ich die letzte umarmte, will
ich hier nicht erwähnen. Wir wurden in ein hell erleuchtetes
Zimmer geführt; dort fanden wir Mathilde, neben ihr an der
Erde liegend den kleinen Engel schlafend (dieser ist das treueste
Abbild von Carl Mues [der mütterliche Großvater])
sodann noch Mazejowski und - ‘ich sorge niemals: ich
sorge’ etc. einen jungen Hannoveraner Hausmann, den ersten
Violoncellisten Londons! Nach der ersten Begrüßung
wurde weiter musiziert, wovon ich natürlich nicht viel
profitiren konnte - denn noch nach 2 - 3 Tagen schwankte der Boden
unter mir wie auf hoher See! Dies war Sonntag! Erst am Dienstag konnte
ich Franz bewegen unsere Sachen auf dem Zollamt abzuholen und siehe da,
sie waren fort! - gar nicht mit uns von Rotterdem gekommen. 14 Tage
dauerte diese Ungewissheit bis sie, durch die gütige
Bemühung [von] Hn. Dr. Hüser, in Rotterdam
aufgefunden und hergeschickt wurden. (Zwey Mouslin Kleider, zwey paar
Strümpfe und Handschuh hatte Franz unterdessen gekauft um der
ersten Verlegenheit abzuhelfen, aber die Wäsche entbehrte ich
am meisten.) Meine - rosenfarbene Laune erlassen Sie mir zu schildern.
Hier mögen kurz die wenigen Ausflüge folgen die ich
aus unserer einsamen Vorstadt und vergittertem Hause gemacht.
Die
erste Woche [lief] ich in Begleitung von Franz, Hüser und
Fritz eines Morgens durch viele schöne Strassen; fuhren bis
mitten in die Citty; liefen wieder einige lange Strassen durch; besahen
von außen eine Säule (zum Gedächtnis des
grossen Brandes von London errichtet) nahmen unterwegs ein
Frühstück; liefen durch die St. Pauls Kirche; machten
einen langen Weg zum Tunnel; von da einige Meilen außerhalb
London nach Deptford um mit der Eisenbahn zurück zu fahren;
gingen über die pompöse London Bridge, stiegen wieder
in einen Omnibus und kamen nach einer Abwesenheit von 5 Stunden nach
Hause. Ein ander Mal durcheilten wir die Sääle des
brittischen Museums - außer den Ägiptsichen
Denkmälern und Mumien und allenfalls den Büsten
berühmter Engländer enthielt es nichts was man nicht
auch an anderen Orten fände.- Zeitters Pianofortefabrik wurde
besucht wo uns Franz einen ausgezeichneten Schüler von 18
Jahren hören lies unstreitig der beste Clavierspieler den ich
noch gehört. - Das Panorama Londons auf dem Coliseum ist
unstreitig das Wunderbarste was die Kunst in dieser Art geschaffen hat.
- Nun kommt noch das Wachs-Kabinet der Mme. Thusaudt - der Zoologische
Garten - Regents Park - eine National Gallerie für
nützliche Wissenschaften und ich bin für diesmal
fertig; indem ich das einzelne dieser Orte für die baldige
mündliche Unterhaltung spare. Ein dinner und grand
Soirée Musical welche Franz uns zu Ehren gegeben und wovon
ich das Programm mitbringe, darf ebenfalls nicht vergessen werden. Ich
denke, die gute Mutter wird sich über all die Herrlichkeiten
freuen. - Lieb wäre es mir, wenn wir für die paar
Wintermonate - vielleicht durch Hermanns Vermittlung - ein
erträgliches Piano miethen könnten. Was Carl betrifft
so werde ich mündlich Alles mit ihm besprechen
können. Verzeihen Sie das Einfliken dieser
Familienangelegenheiten. Caroline hat Sie nach Ihrem
liebenswürdigen Briefe ganz lieb gewonnen und grüsst
Sie herzlich. [ ... ] Bitte empfehlen Sie uns gelegentlich Frau von
Bernuth, sie wird sich über Carolines Fortschritte im Gesang
freuen. Leben Sie wohl, liebste Freundin! Wie wird sich freuen Sie zu
sehen Ihre Phina!“
Anfang
September 1839 (7. 39) sind die beiden Schwestern wieder zu Hause.
Fritz hat Briefe an seinen Freund Hermann Pfeil mitgegeben. Nach deren
Empfang bittet Pfeil Josephine, ihr die früher für
Fritz aus dem Lesezirkel besorgten Bücher bringen zu
dürfen. Einmal im Monat darf der junge Referendar einen
Hausbesuch machen. Ab Januar 1840 verkürzt sich die Frist auf
vierzehn Tage. Pfeil wird nunmehr als Hausfreund bezeichnet.
Häufigere und andere Besuche lassen die Etikette nicht zu.
Bereits
im Herbst 1839 war Pfeil gebeten worden, für Fritz in England
eine Liste medizinischer Literatur zusammenzustellen.
Diese Liste gehörte zu den ersten Dokumenten des Geliebten.
Josephine ist dieser Zettel in seiner Handschrift so wichtig,
daß sie ihn behält und eine Abschrift nach London
schickt. Elf Jahre später, im Jahr nach Pfeils Tod, erinnert
sie sich an den Anfang ihrer Beziehung (9. 30): „Als ich
Pfeil kennenlernte, hatte ich über zehn Jahre ohne allen
schriftlichen Verkehr sowohl mit anderen als mir selbst gelebt und auch
früher außer kindischen Studentenbriefen, wie wir
sie später tauften, nicht geschrieben.“ Aber nun bricht es aus ihr
heraus. In den bevorstehenden zehn Jahren wird kein Tag vergehen, ohne
zur Feder zu greifen und in kleinster Schrift dünnes, feines
Papier von Rand zu Rand zu füllen, sogar jeden Winkel der
selbst gefalteten Umschläge innen zu nutzen. Schreiben und
lesen, nachdenken und notieren, verwerfen und streichen, doch nur
selten so, daß man die Streichung nicht mehr entziffern kann,
Abgelegtes zu späterem Zeitpunkt wieder hervorholen,
kommentieren, selbstkritisch ergänzen, exzerpieren, sammeln,
ordnen, mit Nadel und Faden zu Geheften binden, zur Lektüre an
andere schicken, bündelweise vernichten und vorsichtshalber
doch wieder manches davon vorher kopieren. Ihr Stil wird immer
gewandter, wortreicher, präziser; die Gedankenführung
ist immer klar, durchschaubar, logisch, nie sprunghaft, und wenn doch,
dann als Stilmittel gewollt. Sie ist sehr gründlich und
objektiv, schreibt nur über das, was sie weiß und
versteht. Aber sie kann auch ausfällig und verletzend sein,
nachtragend und ablehnend, und dann mit unerhörter
Verstandesschärfe, rücksichtslos und ohne Verzeihen,
danach aber auch wieder sehr reuevoll, einsichtig und um Verzeihung
besorgt. Sie offenbart sich, besonders Pfeil gegenüber,
rückhaltlos.
Die
Gegensätze zwischen Josephine und Pfeil werden im Jahre 1840
bereits deutlich. Einmal ist es die Literatur, dann auch die Politik.
Dabei offenbart sich Pfeils konservativ reaktionäre,
königstreue Gesinnung. Autoren wie die des „Jungen
Deutschland“ sind ihm verdächtig; Josephine
schätzt sie hoch ein (0. 11, S 3 f). Nach der Thronbesteigung
Friedrich Wilhelms IV. meint sie (0. 36): „Alles, was er bis
jetzt gethan hat, zeugt von einer tüchtigen Gesinnung , aber -
nirgend von zeitgemäßem Vorschreiten - keine
Garantie für vernünftige Freiheit. Er will ein guter
König sein im alten Styl! Das ist alles!“
In
der Mitte dieses Jahres schickt sie Pfeil sozusagen einen
Rechenschaftsbericht über ihre ersten Liebesbegegnungen (1.
0). Ihre Ablehnung Gottfried Hermann Dürefelds
begründet sie diesmal bescheiden und wahrscheinlich
zutreffend, „weil ich dachte, daß keine
leidenschaftliche Neigung ihn bestimmte, so könnte er leicht
eine verständigere und geschicktere Frau finden, als ich
geworden wäre.“ Aber gesagt hat sie dies
Dürefeld nicht. Besonders genüßlich stellt
sie die Affäre mit dem musikliebenden Baron du Chatel in Bury
bei Ihrer Kusine dar.
Zu
Pfeils Geburtstag Ende November 1840 schenkt sie ihm einen Ring mit
einem „gemalten Auge“ (0. 34). Genau zehn Jahre
später schickt Pfeils Schwester Clotilde diesen Ring
zurück. Pfeil ist tot.
Seit
Dezember 1840 darf Pfeil alle acht Tage das Haus d’Alquen
besuchen. Die Häufigkeit der Besuche und der in Arnsberg
gewechselten Briefe täuschen nicht darüber hinweg,
daß Josephine in ihrer Überschwenglichkeit und Pfeil
in seiner Distanziertheit sich auseinanderzuleben beginnen. Die
siebzehn Jahre jüngere Schwester Caroline ist bewußt
oder unbewußt mit schuld daran. Sie empfindet viel
für Pfeil
und scheint dies der Schwester gegenüber auszuspielen (2. 38).
Josephine
beschreibt die schweren Selbstzweifel ihrer Schwester. Sie hatte in
England, als Josephine sie abholte, bekannt: „Mich kann
niemand lieben“. Sie habe einen
„unglücklichen Charakter“. Mit Blick auf
Caroline bemerkt Pfeil wenig feinfühlend (0. 47) und Josephine
zitierend und analysierend: „Sie hatten ihr Leben
abgeschlossen, wie Sie mich kennenlernten, Ihre Jugend lag hinter Ihnen
[...].“ Zugleich versucht er eine Beschwichtigung. Und das
wenige Tage, bevor er dem Tod buchstäblich ins Auge sieht.
Pfeil
läßt sich am 7. Februar 1841 auf ein Duell ein. Er
wird am Kopf verletzt und verliert viel Blut. Tags darauf
erfährt es Josephine und teilt es Caroline mit. Caroline geht
auf einen Ball; Josephine zieht es sofort zu Pfeil. Am Tage vorher
hatte sie ihm noch auf den Brief geantwortet, der einer Absage ihrer
Liebe gleichkam: „[...] Ihr Herz war bei dieser Angelegenheit
nicht betheiligt, es war nur eine Aufgabe, die Sie sich gestellt haben.
Sie glauben, sie zu Ihrer Zufriedenheit gelöst
[...]“. Doch nun ist alles anders. Drei Tage hintereinander
besucht sie den Bettlägerigen. Und am 16. Februar ist er schon
wieder bei ihr. Das beide bewegende Thema ihrer Beziehung wird nicht
mehr berührt: Es ist für Pfeil endgültig
abgeschlossen, für Josephine offen. Ende Februar 1841 ist sie
wieder in Bury, und Pfeil hat im März und April eine
vierwöchige Dienstreise zu machen. Danach, im Mai 1841, greift
das Schicksal in die Liebesprobleme der beiden ein: Pfeil wird nach
Potsdam versetzt (7. 39).
Davon
war im April noch nichts zu vermuten. Die häuslichen Besuche
waren fortgesetzt worden. Josephine hatte Pfeil gebeten, seinen Freund
Hegel, Sohn des Philosophen, der ebenfalls als Referendar in Arnsberg
tätig ist, mitzubringen (0. 71). Aber nun, vier Wochen
später, werden die beiden von Trennungsschmerz gepackt.
Caroline übergießt Josephine mit Haß und
Verachtung (2. 4), obwohl Josephine meint, ihr nur
unermüdliche Sorge und Liebe entgegengebracht zu haben.
Josephine hält es zu Hause nicht aus. Sie schleicht sich in
Pfeils verlassene Wohnung. Sie ist leer, aufgeräumt; die
Tapeten sind heruntergerissen. Sie nimmt ein paar herumliegende Papiere
an sich, die sie Caroline bringt. Sie spricht sich mit ihrer Schwester
aus. Anscheinend söhnen sie sich aus. Aber Josephine will
ihrer Schwester niemals ihr Innerstes offenbaren. „Ich will,
ich kenne kein anderes Glück als nur dich“. Dies
schreibt sie Pfeil voller Liebes- und Selbstzweifel (2. 4), wobei das
„Du“ keiner gegenseitigen Abmachung entsprach.
Josephine erbittet sich ein Bild des Geliebten (2. 10), und prompt
überbringt es ihr Hegel mit einem Brief von Pfeil (siehe
Abbildung
weiter oben). Erst bei öfterem Betrachten gefällt es
ihr.
Nach
außen hin entspannt sich die Lage, als Franz aus London um
die Mitte des Jahres mit seiner Familie in Arnsberg weilt. Aber sie
sehen sich nur ein paar Tage. Am 25. Juli 1841 gibt Franz dort ein
Konzert. U. a. spielt er seine „Grande valse
phantastique“, ein Rondo in Walzerform, und Josephine zuliebe
ihr Lieblingskonzert von Hummel. Einige Duette von Mendelssohn
erklingen. Caroline ist als Sängerin beteiligt. Sie und ihr
Bruder Hermann regen sich auf, weil Franz die Arnsberger
Notabilitäten „so etwas in Bagatell“
behandelt (2. 17).
In
Mülheim, wo Josephine drei Tage bei Johann Peter Cornelius
verbringt, wartet bereits wieder Reisegeld nach Bury (2. 16). Ida de
Bocarmés Schwiegermutter ist tot. Ida hat ihrem Sohn das Gut
übergeben. Die achtzehnjährige Tochter hat eine
reiche Partie ausgeschlagen (2. 22): Gründe genug, sich mit
Josephine auszusprechen. Sie hat vor Antritt der Reise noch die
erfreuliche Nachricht erhalten, daß die
Gehaltsrückstände des Vaters in eine Rente
für die Mutter umgewandelt werden, die die beiden
Töchter erben, falls die Mutter stirbt, bevor die Rente
aufgebraucht ist (2. 20).
Von
Bury aus schreibt Josephine an Pfeil von Ende August bis in den
September lange
Erzählbriefe (2. 28): Sie habe bei Jean und Familie in
Mülheim Trost gefunden, habe aber die Reise teilnahmslos
hinter sich gebracht; drei Tage sei sie bei ihrem Bruder geblieben;
dann sei sie mit der Bahn über Aachen und Lüttich
nach Brüssel gefahren. Hier habe sie bei einem alten Freund,
Dr. Perkins, übernachtet. Seine Frau sei gerade von England
gekommen, wo sie Fritz in London getroffen habe, dem es gut gehe und
der viel Geld verdiene. In Leuze hat sie der Wagen der Kusine erwartet.
Ida habe sie mit herzlicher Natürlichkeit empfangen. Sie hat
die Kinder Eugenie, Ida und den jungen Schloßherrn Hyppolite
kennengelernt, der gütigste Mensch, ein sehr tätiger
Landwirt. Das Gut sei fast zwanzig Jahre verwildert und wirke
ausgestohlen. Das Schloß beschreibt sie als groß,
im mittleren Teil sehr alt mit vier festen Türmen (Abb. s.
Anhang), einer großen Terrasse, Graben, Garten mit
Spalierobst an den Mauern, einem Park mit langen Alleen. Sie
lädt Pfeil nachdrücklich ein, sie zu besuchen.
Noch
ausführlicher ist ihr Brief vom 27. Oktober 1841 (2. 32), der
bis zum 10. November fortgesetzt wird: Sie hat das Gefühl,
Pfeil gequält zu haben und will sich ihr „dummes
Aussprechen“ abgewöhnen. Während sie
vermutet, daß Pfeil bedeutende Eindrücke erhalte und
sich entwickle, gebe es bei ihr nur Stillstand und Einkehr. Sie hat dem
Drängen der Kusine nachgegeben und versprochen, sie in Paris
zu besuchen. Gräfin Ida von Pfaffenhofen (s. Anhang), die bei
der Kusine lebt, hat es ihr schmackhaft gemacht. Josephine will in ein
paar Tagen nach England reisen und im März nach Paris
nachkommen, um die Kusine im April nach Bury
zurückzubegleiten. Sie beschäftigt sich wieder mit
der Philosophie Krauses, den sie ausführlich zitiert. Sie
kommt auf das beste philosophische System zu sprechen. Einfachheit
scheint ihr ein vielversprechendes Entwicklungsprinzip in der
Philosophie wie in der Technik, hier die Ablösung der
Dampfkraft durch die Elektrizität. Sie berührt ohne
Vorwürfe Pfeils Saumseligkeit und sein
zurückhaltendes Eingehen auf ihre Briefe.
Am
15. November 1841 reist Phina zunächst zu ihrem Bruder Fritz
nach London. Sie übernachtet in Courtray, reist tags darauf
mit der Bahn nach Ostende und geht um Mitternacht an Bord der
„Earl of Liverpool“. Spät abends am
nächsten Tag ist sie in London, wohnt einige Tage im Hotel,
bis Fritz sie in seiner neuen Wohnung 4 - 5 New Cavendish Str.,
Portland Plane, unterbringen kann. Ungeschickterweise erwähnt
er einen Brief von Pfeil. Er verweigert ihr, sicher in Vorahnung ihrer
verzweifelten Reaktion, die
Herausgabe bis zu ihrer Weiterreise, und als sie nun endlich unterwegs
den Brief liest, ist sie erschüttert: Es ist Pfeils
Schilderung des Endes ihrer Liebesbeziehung. So kommt sie in Brighton
an (2. 36).
Pfeil
schreibt in diesem Brief an Friedrich d’Alquen (2. 35):
„ [...] Sie werden schon aus manchem wahrgenommen haben,
daß unsere [seine und Phinas] Bekanntschaft einen Weg
genommen hat, den Sie früher, so wie Sie Ihre Schwester
kannten, nicht vermuthet hätten [...]. Wenn ich mir auch
bewußt bin, während der ganzen Zeit unserer
Bekanntschaft durchaus Nichts gethan zu haben, was ich nicht
für recht und vernünftig hielt und noch halte, ebenso
wenig wie Phina je etwas Unrechtes, Tadelnswerthes gethan hat, so werde
ich doch immer im Innersten ergriffen, wenn ich daran denke,
daß jene Zeit wohl einen heftigen, nachwirkenden Eindruck auf
sie gemacht, in ihr innerstes Leben ungewöhnlich eingegriffen
hat. Wünschen kann ich weiter nichts, als daß die
Zeit die mildernde Lösung geben mag [...]“.
In
einem Briefentwurf an Pfeil vor Weihnachten heißt es:
„Mein Empfinden war ein kranker Hunger und Sie nicht mein
Ernährer - meine Nahrung“ (2. 37). So klingt das
Katastrophenjahr 1841 aus.
Bis
Ende Februar 1842 hält sich Josephine bei ihrem Bruder Franz
in Brighton, 45 Temple Street, Norfolk Square, auf. Die wahrscheinlich
nie ernst gemeinte Zusage, die Kusine in Paris zu besuchen, wird nun
abgeschwächt durch die Absicht, Pfeil besuchen zu wollen (3.
13). Eine Einladung zu Fritz nach London kommt ihr wie ein Wink des
Schicksals vor: Sie würde sich von Brighton lösen
können und von London nach Berlin reisen: „Ich
möchte Sie noch einmal sehn und dann sterben“,
schreibt sie an Pfeil (3. 13). Und auf die wiederholte Einladung der
Gräfin Bocarmé, wenn nicht im Frühjahr so
doch im Sommer nach Paris zu kommen, reagiert sie: „Ja, wenn
ich lebe!“ (3. 13). Ida läßt sich nicht
überreden, statt Josephine die Schwester Caroline einzuladen;
sie hält sie für ein von Josephine verzogenes Kind.
Als Hauptgrund vermutet aber Josephine, die Gräfin sehe
Caroline in Paris als Nebenbuhlerin für ihre Tochter an (3.
13).
Ihre
gestörte Beziehung zu Pfeil spielt sie herunter. Bevor sie
Brighton verläßt, teilt sie ihm mit, daß
sein Brief an Fritz sie „nicht weiter“ verletzt
habe (3. 10). Im folgenden Brief kündigt sie ihre
Rückkehr nach Arnsberg an. Sie legt einen kleinen Zettel bei:
„Ich küsse und umarme Sie!“ (3. 9) Sie werde zu Hause
dringend gebraucht; Caroline habe die Bleichsucht, und ihre Mutter sei
ganz zusammengefallen.
Der
März beschert ihr einen Brief von Pfeil (3. 12). Sachlich
teilt er ihr mit, daß er sein Examen bestanden habe. Seine
Arbeit über Montesquieu sei gelobt und die über das
preußische Schulwesen vorzüglich beurteilt worden.
Zurückhaltend, aber erstmals deutlich stellt er seine
Zuneigung zu Josephine dar (3. 12). Er kann eine „gewisse
Unruhe nicht verscheuchen“ wegen seines damaligen Briefes an
Fritz (3. 8). Josephine ist überglücklich und
antwortet sofort (3. 15): „Wie hätte ich [diesen
Brief] ohne tiefe Bewegung lesen können? Sie standen einmal
wieder in Ihrem besten geistigen Feyerkleide vor mir; ich
fühlte, daß Sie sich zur Aufgabe gemacht, mein
ungestümes, aus dem gewöhnlichen Gleiße
gewichenes Wesen durch Ihre Güte zu
überwältigen. Ohne den leisesten Vorwurf zeigen Sie
mir ein - ich fühle es für immer - getrübtes
Glück, welches, wenn ich es mir zu erhalten gewußt
hätte, alle meine Wünsche ausgefüllt
hätte. - Diese fluchwürdige, alles menschlich
Schöne zerstörende Leidenschaft! - Wie kann ich
jemals mein fürchterliches Betragen aus dieser Zeit
vergessen?“ Scham,
Reue, Ergebung, Verzicht. Sie stellt Pfeil dar, daß sie ihm
eine liebe Frau wünscht und schließt: „Ich
hoffe, lieber Freund, Sie sind so schläfrig, daß Sie
nicht mehr wissen, was Sie gelesen haben. Denn sonst hätte ich
kaum den Mut, Ihnen ‘Gute Nacht!’ zu
wünschen!“ Es ist ein ungewöhnlich langer
Brief. Sie erwähnt ihre Kusine in Paris, die wegen der freien
Verfügung über ihr Vermögen [vermutlich aus
dem Erbe ihres Vaters] einen erfolgreichen Prozeß
geführt hat. Sie beschreibt den Besuch bei Fritz in London, wo
sie das preußische Königspaar vergeblich zu sehen
hoffte. Ihr Brief offenbart Niedergeschlagenheit: „ [...] wo
mich nichts als ein Blick in Dein [!] tiefes mildes Auge hätte
heilen können. Es war ein Augenblick! Ich preßte die
Hände aufs Herz und stieß den Schmerz in
Empfindungslosigkeit zurück“ (3. 15).
An
die Kusine Ida de Bocarmé schreibt sie: „Geben Sie
mich auf, liebe Cousine! Mir ist nicht zu helfen! Und wissen Sie,
warum? Weil ich meine Sclaverei, mein sogenanntes Glück nicht
für alles, was Ihr Glück nennt, tauschen
möchte!“ (3. 46) Ihre politischen Interessen sind
vor ihrer Leidenschaft wie Spreu zerstoben. Weise und einsichtsvoll
fügt sie der Briefkopie für sich hinzu:
„Das menschliche Herz ist ein eigensinniges Ding! Es zieht
den Schmerz um ein versagtes Glück jeder anderen Weise,
glücklich zu sein, vor! Ist das Köstlichste nicht
überaus selten? Darum kann das herrlichste Geschenk der
Gottheit, die Liebe, nur wenige Auserwählte
beglücken! Doch die, die um sie weinen, sind immer noch
beneidenswerter als jene, die sie nicht kannten!“
Sie
hat das Arnsberger hämische, schadenfrohe und auch mitleidige
Geschwätz durchzustehen (3. 14, 3. 15). Aber es stört
sie nicht. Sie verläßt das Haus sowieso nur zu
wenigen Besuchen bei lieben Freunden, so der Familie von der Recke.
Überglücklich
teilt sie Pfeil mit, daß sie für einige Trios von
einem Musikalienverlag ein Honorar erhalten hat (3. 19). Sie hat die
Bezahlung in der Form erbeten, daß sie alle bisher
erschienenen Werke von Börne zugeschickt bekommt. Doch im
nächsten Brief an Pfeil fällt sie in ihre Resignation
zurück: „ [...] Wenn man nichts sein kann in der
Welt, so ist es immer noch etwas, unglücklich zu sein; es ist
doch ein Gefühl des Lebens [...]“
Pfeil
antwortet ihr im September (3. 34), er fühle eine starke
Bindung an sie, die er lösen wollte, aber er gebe auf. Er habe
Sehnsucht, sie sofort wiederzusehen. Josephine schickt ihm ihr zweites
„Blaues Buch“ zur Vernichtung (3. 56). Darin sei
enthalten die „detaillierte Geschichte meiner
zwanzigjährigen fürchterlichen Leiden und mein
Verhältnis zu meiner Schwester [Caroline]“. Nicht
nur Caroline quält sie mit ihrem aufwendigen Lebensstil. Auch
der jüngere Bruder Hermann mute ihr Unangenehmes zu: er tue
nichts, habe lebensferne Illusionen, ertrotze von der Mutter alles, er
spiele die dominierende Rolle im Hause. Er mache Schulden, was
häufig zu unehrenhaften Auftritten mit Gläubigern
führe, die Geld von der Mutter haben wollten. Quälend
sei „der unehrenhafte Anstrich, den er unserem Hause
mittheilt“ (4. 7).
Im
nächsten Brief (3. 60) gesteht sie ihm, daß sie
fünfzig Taler gespart habe, um ihn in Potsdam zu besuchen.
Aber der schlechte Gesundheitszustand der Mutter mache dies
unmöglich.
Josephine
flieht in die Einsamkeit des nahegelegenen Waldes, in das
„Eichgehölz“ (Abb. 6, 3. 77). Sie bereitet
das Essen für Mutter und Schwester, aber sie ißt
nicht mit ihnen. Die Ruhe im Wald, wo sie stundenlang verweilt, ist ihr
wichtiger. Sie nimmt Papier, Tinte und Feder mit. Es ist November
geworden, Jagdzeit. Sie wird fast von einer verirrten Gewehrkugel
getroffen, empfindet aber keine Furcht, eher als ob etwas Erwartetes,
Eile Forderndes über sie gekommen sei: „Du
mußt ja erst geschwind Pfeil seine Sachen
schicken!“ Sie steht auf, setzt sich wieder. „Ja,
ich lebe provisorisch!“ (3. 77)

Abb: Das "Eichgehölz" im Arnsberger Wald (aus Mielert, s.d.
Bd. 4)
wohin sich Josephine vor ihrer Familie zurückzog und wo sie
Sammlung für literarische Arbeiten fand.
Im
gleichen November trifft Franky ein, der Sohn ihres Bruders Franz aus
Brighton, ihr Liebling, dem sie all ihre Zuneigung geben kann,
während die Auseinandersetzungen mit der Schwester immer
heftiger werden (4. 13, Nr. 7). Franky ist ihr ein Trost:
„Kinder gehören mit zu den Träumen, die die
Menschen jung erhalten“ (4. 1, Nr. 14). Sie hat noch andere
Träume, Pfeil: „Sie sind mein Traum! Der Gedanke,
die Seele meiner Seele!“ (4. 1)
Aus
ihrem Brief vom 19. bis 23. April 1843 an Pfeil (4. 2) erfahren wir
manches über die Familie, z. B. daß ihr
jüngster Bruder Carl nach Paderborn übergesiedelt
sei: „Seine Stimme hat ihn dahin gebracht. Er ist Solobassist
am Dom“. Die Kinder hatten nie Musikunterricht
außer bei einem sehr mittelmäßigen
Klavierlehrer, der die drei Ältesten ein „paar Jahre
dumm machte“. Die Musik „war wie eine Sprache, die
im Hause gesprochen wurde, und wie ein Kleines den Mund auftun konnte,
plapperte es mit“. Fritz halte sich in Brighton auf, um seine
Krankheit und Hypochondrie auszukurieren. Als „Nachkur [werde
er] vaterländische Luft brauchen“. Es wäre
die erste Reise des Exilierten nach Preußen. Seit Januar sei
Fritz in London Mitglied und einziger Korrespondent der k. u. k.
Gesellschaft der Ärzte in Wien, was ihn zugleich mit den
ersten Ärzten in England in Verbindung gebracht habe. Mit
seinem deutschen Jurastudium konnte er in England nichts anfangen. Nun
kam anscheinend sein Zweitstudium zur Geltung. Franz will sich dieser
Reise nach Arnsberg anschließen, und Caroline will Fritz nach
London begleiten. Hermann werde im September ausziehen. Damit schrumpfe
der Haushalt auf zwei Personen zusammen.
Den
Brief vom 25. April 1843 siegelt Josephine mit einem
Familienwappenpetschaft: der obere Teil des Wappens ist stark
zerdrückt, doch erkennt man den Löwen, in der unteren
Hälfte schwimmen die drei Entlein wie auf dem Wappengrabstein
Johann Leonhard Dalkens von 1736. Zum Brief vom 1. Juli (4. 2)
verwendet sie einen Siegelring mit dem gleichen Wappen: der
Löwe in Rot, die Vögel in Blau
gemäß der gut erkennbaren Schraffur. Beides stammt
aus dem Besitz ihres Vaters.
Josephine
schreibt unentwegt an Pfeil, allein im Juli 1843 fünf lange
Briefe. Aber seit neun Wochen schweigt er. Daran muß sie sich
nun gewöhnen. Sie erzählt ihm (4. 2, 20. - 24. 6.),
daß sie ihre Brüder aus England für vier
bis sechs Wochen erwarte. Am 27. Juni treffen Franz und Franky ein,
Fritz tags darauf. Sie wohnen außerhalb, aber „von
Fritz haben wir fast alle nichts“, denn eine uralte
Liebesgeschichte mit Fanny Grewe ist wieder aufgebrochen, und Josephine
meint, es seien „nur wenig so geschaffen, sich
unglücklich zu machen wie Fanny und Fritz. [...] Franz
protegiert die Fanny“.
Endlich
antwortet Pfeil am 24. Juni (4. 2). Da ihm die Beteiligten aus seiner
Arnsberger Zeit noch bekannt sind, will er sich in die
Liebesaffäre einschalten, die er für eine Krankheit
hält. Schließlich verlobt sich Fanny mit einem
Siegener. Wir erfahren nichts darüber, wie es Fritz aufnimmt.
Josephine
spürt etwas Zwanghaftes aus Pfeils Briefen (4. 2, 28./30.9.)
und schreibt ihm: „Sie finden es gewiß
wünschenswert, daß unsere Korrespondenz hier
abbricht“ (4. 2, 29. 9.). Bis zum Ende November schweigt
Pfeil. Dazwischen meint sie, daß sie sich nichts mehr zu
sagen haben. Sie fühlt sich Pfeil gegenüber schuldig.
„Ich muß durchaus machen, daß ich aus
diesem widerlichen Nest fortkomme [...], womöglich vor dem
Winter noch“ (4. 2, 9./10. Okt.). Am 3. November will sie
einen Schlußstrich ziehen: „Ich befehle Ihnen
jetzt, mir nicht zu schreiben“ (4. 2). Und fünf Tage
darauf: „Pfeil, warum quälen Sie mich?“
Endlich trifft Post von Pfeil ein, datiert vom 20. November, von der
Post abgestempelt am 29. November (4. 2). Er ist erschüttert
über die neu eingetretene Entwicklung, zeigt ehrliche
Anteilnahme an ihrem freudlosen Dasein und gibt sich
schuldbewußt. Und Josephine bemerkt am Rand seines Briefes:
„So elend, so elend! O Gott, womit habe ich verdient, so
elend zu seyn. [...] keinen November laß mich mehr
erleiden!“ Es ist Pfeils
Geburtsmonat.
Das
Jahresende klingt aus in Sorgen um das Gnadengehalt für ihre
Mutter, wozu sie nochmals wie vor drei Jahren Herrn von Pachelbels
Hilfe in Berlin erbitten muß. Ein entsprechendes Gesuch an
den König ist dem vorausgegangen. Die andere Sorge ist Pfeil.
Eine Stunde vor Mitternacht am 31. 12. 1843 schreibt sie ihm (5. 1):
„Sogleich, d. h. in 60 Minuten wird sich wieder ein Jahr,
vielleicht das traurigste, leerste meines ganzen Lebens - vollendet
losreißen und zu den tausend und tausend hinweggeschwundenen
versammeln! [...]“ Auf Pfeil warten schwere
Vorwürfe. Sie fordert ihre Briefe von ihm zurück.
Im
Jahr 1844 unternimmt Josephine erste Versuche, sich trotz des
Verantwortungsgefühls für ihre gerade wieder einmal
genesene Mutter vom Haus zu lösen. Sie hat eine Frankfurter
Freundin, Minna Kirchner, der sie sich anvertraut. Diese Freundin
unterhält Kontakte zu dem Heidelberger Philosophie-Profressor
und Krause-Herausgeber Freiherrn von Leonhardi, Schwiegersohn Krauses,
und der wiederum hat sehr enge Verbindungen zu dem Pädagogen
Friedrich Fröbel (6. 17). Sich selbst analysierend, kommt
Josephine zu dem Ergebnis: „Ich habe Gaben, aber keinen Muth.
[...] Das sagt mir meine Cousine, mein Bruder Franz, [sie] schlagen mir
Stellungen fürs Leben vor. Sie kennen die Gaben, begreifen
aber nicht, daß Muth dazu gehört, sie in Bewegung zu
setzen. So sagt mir Franz: ‘Du weißt und kannst
mehr in deinem kleinen Finger als Caroline in ihrer ganzen Person und
willst nur Caroline vorschlagen für etwas, was du nicht
unternehmen zu können glaubst’. Ich:
‘Wäre es wirklich so, ich würde demnach
Caroline aus Ehrlichkeit der Welt vorschlagen, weil sie ihr
nagelgroßes Wissen und Können für die Welt
breitzuschlagen versteht, womit der Welt einzig gedient ist’
“.
Wieder
einmal will Ida von Bocarmé helfen (5. 90). Sie schickt
Josephine die Skizze eines Romans, an dem sie sich beteiligen soll. Sie
lehnt ab. Das Werk kommt ihr als Verherrlichung des Katholizismus vor.
Sie wundert sich, daß Ida trotz ihrer zehnjährigen
Abwesenheit auf Java keine geistige Unabhängigkeit erworben
hat. Die Gräfin indessen fühlt sich wohl in ihrer
Welt, „immer behaglicher in ihrem Paris; in ihrem Salon sieht
sie ausgezeichnete Literaten, Künstler; bedeutende
Männer und Frauen um sich. Den unbefangenen Verkehr, wo jeder
das gilt, für das er sich geltend zu machen weiß,
macht sie nach den traurigen Erfahrungen, die sie in dieser Beziehung
in Deutschland und bei ihrer steifen, landjunkernden Verwandtschaft in
Belgien hat machen müssen, überglücklich.
Sie ist ganz ärgerlich auf mich, daß ich kein
Französisch spreche - sie meint, ich solle in aller
Geschwindigkeit so und so viele Haupt- und Zeitwörter
auswendig lernen und übersetzen usw. Mit etwas gutem Willen
gäbe die Praxis das übrige! - Versteht sich alles,
nur um ihr Eldorado mit mir theilen zu können! Dazu fehlt mir
der Muth!“ (5. 10)
Im
gleichen Brief an Pfeil erwähnt sie Fritz in London:
„Seine medizinischen Arbeiten finden Beachtung und erwerben
ihm nützliche Freunde“. Auch politisch sei er sehr
engagiert als Anhänger Daniel O’Connors [1774 -
1847, des irischen Politikers, der für die
Katholiken-Emanzipation und die Trennung des britischen und irischen
Parlaments kämpfte]: „Ein fremdes Land hat ihm
gegeben, was das Vaterland in ihm geächtet: - den Lebensathem
des Geistes, der Vernunft: Das ist Freiheit!“
Wie
Fritz die Emanzipation der unterdrückten irischen Katholiken
am Herzen liegt, so Josephine die Emanzipation der Frau. Im Nachgang
zur Lektüre des verhaßten Sternberg bricht sie aus:
„ [...] sagt denn mal ehrlich, warum sind die Frauen, die ihr
genial nennt, die sich etwas über das Niveau der
gewöhnlichen Stagnation erheben, in der Regel
unglüklich? Weil die Welt - die Gesellschaft zu roh, zu
bornirt, zu boshaft dumm ist, um solchen Frauen Glük,
Stellung, Erziehung zu geben! Und wenn sie sich nun um diese drey
Güter, die eins das andere bedingen, wenn sie sich um ihr
bestes Selbst betrogen sehen, dann sollen sie noch die
Empörung über das, was sie gehemmt,
verstümmelt, verdorben, in sich verschließen, damit
die Gemüthsruhe der Welt nicht gestört, damit diese
ja fein im alten Gleise bleibe!“ (5. 61)
Der
junge Wilhelm von der Nahmen, Sohn des Hauswirts ihrer neuen Wohnung,
ist begeisterter Bewunderer von Karl Marx. Dieser Student, den
Josephine als Kommunisten und Sozialisten charakterisiert,
später Arzt in Rheydt, trifft sich öfter zu
Gesprächen mit ihr. Er nennt sie „schlau“,
wogegen sie sich wehrt (6. 101): „Ich bin gerade das
Gegentheil, was man im gewöhnlichen Leben schlau nennt [...].
Aber ich habe Augen für kleine Erscheinungen, d. h. ich
verbinde dieselbe[n] mit Gedanken, sehe sie im Zusammenhang entweder
der ganzen Person oder irgendeiner Sache. Es ist dies eine
Sensibilität, die Gefühligkeit des Denkens, und der
Gegensatz von dem, was ich roh nenne. Sie tadeln, daß ich zu
viel über mich schreibe und denke. Sie wissen bloß
nicht, durch welche entsetzliche Roheit dieser Sensibilität
gegenüber ich - mit Rahel [Varnhagen von Ense, eine
emanzipierte Literatin ihrer Zeit] zu sprechen - dazu
geprügelt worden bin, mich bis in kleinste Erscheinungen hin
zu anatomisiren, auf alles und jedes durch mich zu antworten [...]. Und
diese ganze Welt, alles was mich im Innern beglükte, was ich
mit Ringen und Kämpfen Wohltätiges für
andere in Jahren aufgebaut, vernichtet, [das] zertritt eine fremde
Roheit, die ihre Freude, ihre Befriedigung des Neides, der leeren
Anmaßung, Rache, Eitelkeit [hat], die sich beleidigt fand
durch dieses fremde Leben - - - o Gott wie oft will ich [aus] diesem
Abgrund meiner Schmerzen - aufschreyen aus der Öde, die diese
Roheit [in] mir geschaffen“.
Diese Roheit,
der sie nicht gewachsen ist, entspringt aus dem Haß ihrer
Schwester
Caroline. Vielfältig sind in ihrer Korrespondenz die Hinweise
auf das auszehrende
Mißverhältnis (z. B. 2. 23), gegen das es keine
Wehr, kein Sichdurchsetzen gibt.
Josephine bleibt zurückgewiesen in einer Öde der
Resignation und Hilflosigkeit. Was ihr
bleibt, ist ihr nicht beheizbarer Dachverschlag, ihre Literatur und vor
allem ihr umfangreicher Briefverkehr, besonders der mit Pfeil. Eine
schriftliche Abrechnung
mit ihrer Familie beginnt sie; anscheinend ist sie über die
Einleitung (5. 56) nicht hinausgekommen oder sie hat den Rest
vernichtet.
Im Juni 1844
bricht der Vulkan des schlesischen Weberaufstands aus. Das Beben hatte sich
schon lange vorher angekündigt. Die Verelendung der
schlesischen Weber war
unbeschreiblich, d. h. eine Beschreibung wurde versucht: Bettina von Arnim, Schwester des Romantikers
Klemens Brentano und Goethe-Freundin, sammelte seit 1844 Dokumente
darüber. Sie beabsichtigte die Herausgabe eines
„Armenbuches", unterließ es aber aus
Sicherheitsgründen und wegen der Verdächtigung, sie
sei Sozialrevolutionärin.
Der
unerschrockene Dichter Freiligrath veröffentlichte im
März 1844 eine brisante Anklage
„Aus dem schlesischen Gebirge", die wesentlich zum Ausbruch
des Aufruhrs beitrug. Das verbreitete Gedicht erzählt die
Geschichte eines Jungen, der mit einem
Päckchen Leinwand in die Stadt geschickt wird, es dort zu
verkaufen. Aber auch die Anrufung Rübezahls
nützt ihm nichts; er wird seine Leinwand nicht los. Wenn er
sie aber verkauft hätte: „ [...] Dann trat ich froh
ins kleine Zimmer und riefe:
Vater, Geld genug! Dann flucht' er nicht, dann sagt' er nimmer: Ich
web' euch nur ein Hungertuch! Dann lächelte die Mutter wieder
und tischt' uns auf ein
reichlich Mahl; dann jauchzten meine kleinen Brüder - O kam',
o kam' er!
Rübezahl! Rübezahl! - So rief der
dreizehnjähr'ge Knabe; so stand und rief er, matt und bleich.
Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe flog durch des Gnomen altes Reich. So
stand und paßt' er Stund' auf Stunde, bis daß es
dunkel ward
im Tal und er halblaut mit zuckendem Munde ausrief durch
Tränen noch einmal: Rübezahl! -
Dann ließ er still das buschige Fleckchen und zitterte und sagte:
Hu! Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen dem Jammer seiner
Heimat zu.
Oft ruht er aus auf moos'gen Steinen, matt von der Bürde, die
er trug. Ich
glaub', sein Vater webt dem Kleinen zum Hunger- bald das Leichentuch! -Rübezahl?!"
(Freiligrath's Werke, hg. v. Paul Zaunert, Leipzig/Wien [1912], S. 323 ff)
Wesentlich
schärfer ist das anonyme Kampflied der schlesischen Weber
„Das Blutgericht", in dem sie die Textilherren, die ihr Elend
verursachen, beim Namen nennen:
„ [...] Hier wird der Mensch langsam gequält, hier
ist die Folterkammer, hier werden Seufzer viel gezählt als
Zeugen von dem Jammer. - Die Herren Zwanziger die Henker sind,
die Dierig ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt, anstatt was zu
verbergen. - Ihr Schurken all, ihr Satansbrut, ihr höllischen Dämone, ihr
freßt der Armen Hab und Gut, und Fluch wird euch zum Lohne -
[...] -
Nun denke man sich diese Not und Elend dieser Armen. Zu Haus oft keinen
Bissen
Brot. Ist das nicht zum Erbarmen! [...]" ( 1848, Der Vorkampf deutscher
Einheit [...],
hg. v. Tim Klein, Ebenhausen u.a. 1914, S. 81 f)
Der Aufstand
eskalierte in der Zerstörung von Fabriken und Spinn- und Webmaschinen.
Preußisches Militär wurde eingesetzt. Es gab Tote.
Auch Heinrich Heine hatte sich
aus Paris zum Weberaufstand mit seinem Gedicht „Die
schlesischen Weber"
gemeldet: „ (...) Ein Fluch dem König, dem
König der Reichen, den unser Elend
nicht konnte erweichen, der den letzten Groschen von uns
erpreßt und uns wie Hunde
erschießen läßt - Wir weben! Wir weben!
[...] Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl
kracht, wir weben emsig Tag und Nacht - Alldeutschland wir weben dein
Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch, wir weben, wir weben!"
Das Gedicht
schreibt der Bonner Student Jung aus Arnsberg für Josephine ab
(5. 40). Sie schickt es kommentiert an Pfeil weiter und tritt
über dieses Thema mit ihm in eine
Diskussion ein (4. 13, Blatt 12). „Nach Ihrer [Pfeils]
Ansicht tragen die Demokraten die
Schuld - aber ich frage Sie: Haben die Demokraten den Hungertyphus
geschaffen? - Würden sie ohne diese schauderhaften
Bundesgenossen irgendeinen
Halt gefunden haben? Seien Sie aufrichtig und gestehen Sie,
daß eine
30jährige [...] Mißhandlung aus dem
fleißigen Protestanten und nüchternen Schlesier den heutigen
provoziert hat. [...] Das brutale Zusammenkartätschen kann das vorliegende
Bedürfnis nicht aus der Welt schießen."
Sie denkt
zurück an die Zeiten, als sie sich in Arnsberg kennenlernten,
und erinnert ihn an
seine damalige Haltung (4. 13, Blatt 15), daß er: „
[...] noch ganz in dem absolutistischen Preußentum" steckte,
„wo eine skeptische Miene gegenüber Ihrem
Götzen schon als Hochverrat empfunden wurde, von da ab aber
ein fremdes,
destruktives Element die Fugen der chinesischen Mauer auseinander zu treiben
begann. So hoffe ich, daß dieser kräftigende,
belebende Hauch dieser befreiten
Menschenbrust die letzten Schatten alter Gespenster vor sich herjagen und Ihre Befreiung vollenden wird!"
Sie
wird seine Befreiung nicht zustande bringen, aber sie wird die
Genugtuung erleben, daß Pfeil seine
unerschütterliche Autoritätsgläubigkeit und
Obrigkeitshörigkeit
auf Grund ihres Einflusses und der von ihr empfohlenen Literatur
überwindet.
Die Erkrankung
der Mutter zieht sich von März 1844 bis in den Juni hin (5. 9,
5. 64, 5. 98). Sie
schreibt an die Kusine Ida und teilt dies Pfeil mit.
„Gegenwärtig krank von einem vier Bogen langen Brief -
alle Schmerzen aufregenden Brief an die Kusine, die mich von
Arnsberg erlösen muß! - Ich will nicht mehr
existieren." Im Monat
darauf kommt Ida nach Arnsberg, nachdem sie Pfeil in Potsdam
begegnete.
Ida hat eine Sorge weniger: sie hat ihre Tochter Ida an den
„spanischen Grafen Pizarro, Urenkel des
spanischen Conquistadors" verheiratet; das Paar wird nach
Havanna abreisen (5. 18). Über das Zusammentreffen Idas mit
Pfeil erfahren wir
nichts Weiteres. Fritz will im September kommen, doch erst nach der Hochzeit seiner Jugendliebe
Fanny (5. 18).
Fritz
trifft im August ein, und „wenn ich dem hinzufüge,
daß er drei Wochen hier war, so habe ich alles gesagt" (4.
2). Eine weitere bittere Enttäuschung trifft sie Ende Oktober: Pfeil, der die
Reise zu seinem neuen Dienstort Saarbrücken in
Amsberg
unterbricht, arrangiert seinen Aufenthalt so, daß er
Josephine nicht allein
trifft, sondern in einer großen Gesellschaft (7. 39). Sie hat
das deutliche Gefühl der Ablehnung, des Endes einer
Liebe (5. 106). Erst vier Wochen später erklärt
er die Umstände, warum sie sich in Amsberg nicht anders
begegnen konnten
(5.32).
Josephine
plant die Veröffentlichung eines Notschreis zu ihrer Lage und
bittet Professor
v. Leonhardi in Heidelberg um ein Urteil hierzu (6. 40). Sie hat es zu
Hause
nicht mehr ausgehalten und ist für ein paar Wochen zu der
verwitweten Regierungsrätin Franzmahdes nach
Meschede übergesiedelt. Und hier entwirft sie diesen Aufruf:
„An jene Menschenfreunde, die von Gott nicht bloß
mit Glücksgütern, sondern auch mit einem
fühlenden Herzen gesegnet sind, die das Bedürfnis haben,
die Leiden ihrer Mitmenschen zu lindern: an diese wendet sich eine
Unglückliche,
eine in ihrem ganzen Seyn Gestörte und Verwundete, die sich
durch Leblosigkeit
ganz vernichtet fühlt, mit der Bitte: sie aufzunehmen, ihr
etwas Liebe und Theilnahme zu schenken, damit sie aus
diesem Gefühl des Elends erlöst werde, wofür sie
ihr ganzes Leben dem Danke ihrer Wohlthäter verspricht! [...]"
Diesem
Akt der Selbstdemütigung folgen weitere. Sie sucht verzweifelt
Stellungen als
Gouvernante oder Haushälterin, so beim Oberforstmeister von
Löw in Wetzlar
(5. 25), wofür sie sich schließlich nicht
entscheiden kann. In diesem Widerstreit von
Enttäuschungen, von Hoffnungen und Zurückweisungen
endet das Jahr
1844.
Im Februar
des neuen Jahres 1845 meldet sich Professor v. Leonhardi, um Josephine zwei
praktische Vorschläge zu machen (6. 12): 1. sie könne
eine Kindergärtnerinnenausbildung bei Friedrich
Fröbel machen, 2. sie könne als Kindermädchen
und Mamsell bei einer befreundeten, norddeutschen Professorenfamilie arbeiten;
gefordert würde nähen, plätten, feine
Wäsche besorgen, Kleider machen,
ordentlich bürgerlich kochen und servieren. Eine unheizbare
Schlafkammer stehe zur Verfügung. Dies Angebot mache
man aus Mitgefühl für ihr Geschick und um ein geistig
gebildetes und denkendes Wesen um sich zu haben.
Sie antwortet
umgehend (6. 12, 2, S. 7). Nach einer vorsichtigen und sehr
zurückhaltenden, aus
Voreingenommenheit resultierenden Abwehr gegen Norddeutsche wird sie
sehr deutlich: „ [...] statt menschlich-schöne
durchbildete Natur, eine durch
Bildung hochgeschraubte Unnatur, mit Prätension Sittlich -
expresse Moral,
expresses Christenthum - das Ich stets auf beredter Zunge schwebend
-gespannte Verwendung aller pekuniären Kräfte auf die
Außenseite des Lebens [...]", - so sieht sie die
Norddeutschen. Sie fährt fort: ,, Sie müssen mir
verzeihen, aber
diese Mamsell, diese Schlafkammer [...] und dieses splendite Offeriren
von Idealität
[...], nein, obgleich ich alles das in Rede stehende kann - kann ich es
doch
nicht so [...]". Und zu dem anderen Angebot, der Ausbildung als
Kindergärtnerin,
„fehlt mir wohl die Elastizität, wie Sie sagen, um
solchem Beruf genügen zu
können. Es ist fast traurig, wenn der Mensch keine Illusionen
mehr über sich
hat".
Weder wird
Leonhardi seine Idee aufgeben, Josephine für Fröbel
zu gewinnen, noch Josephine
die Illusion, doch noch mit Fröbel zusammenzuarbeiten, und
wenn es nur als Propagandistin seiner Ideen wäre oder ihm
täglich diese und jene Suppe zu
kochen (6. 42). Die Amsberger Freunde von der Recke, die nach Berlin übergesiedelt sind,
raten Josephine zur Vorsicht; sie solle die finanzielle Seite der Angelegenheit
genau prüfen. 300 Taler braucht sie während der
Ausbildung;
Reckes sind bereit, ihr 50 Taler dazu zu stiften. Fritz aus London will
auch etwas
geben, und dann soll das Ministerium in Berlin um einen
Zuschuß angegangen werden (6. 64). Fröbel s