Die ältere westfälische Linie
Maria Josephina/Phina Ida Elisabetha d’Alquen
(1802 - 1869)







„Im Jahre 1802 den 28ten April Vor-
mittags zwischen 11 und 12 Uhr wird
Maria Josephine Ida Elisabetha
D’Alquen in Seligenstadt gebohren,
und nehmlichen Nachmittags von
dem hiesigen Hrn. Beneficiaten, Stadt-
kaplan Joachim Reus getauft,
und von ihrer väterlichen Großmut
ter Maria Elisabetha D‘Alquen namens
ihrer Tante Frau Marquise Maria
Josephina Du Chasteler,
welche damals tödtlich in Wasser-
burg krank lag, aus der Taufe ge-
hoben. Der Name Ida ward ihr
zum Andenken ihrer mütterlichen
Großmutter Ida Ubaghs beigelegt.

       Seligenstadt, d. 29. April 1802

                                   D’Alquen“

Die Seligenstädter Taufurkunde (Tf 6. 146) führt sie unter dem Namen „Dalquen“ auf.

Während ihr Bruder Johann Peter Cornelius 1800 noch auf dem Schloß Wasserlos des Marquis du Chasteler auf der Seligenstadt gegenüberliegenden Mainseite geboren worden war, wächst Phina im Hause ihrer vermögenden Großmutter in Seligenstadt auf, der verwitweten Löwenwirtin Maria Elisabeth Dalquen, geborene Stenger. Der Vater ist als kurfürstlicher Verwaltungsbeamter am Oberamt in Steinheim tätig. Im August 1802 reist er letztmals als Anwalt seines Schwagers, des Marquis du Chasteler, nach Utrecht.

Der Seligenstädter biedermeierlichen Beschaulichkeit und Ruhe sind Grenzen gesetzt. Der Kurstaat löst sich auf, die Tante auf Wasserlos, Schwester der Mutter, stirbt, auch die Seligenstädter Großmutter 1803. Im gleichen Jahr wurde Seligenstadt eine landgräflich hessische Stadt.

Der Vater reist ins landgräflich-hessische Herzogtum Westfalen, um hier die Klöster in den Besitz des neuen Landesherrn, des Landgrafen Ludwigs X., zu überführen. Die Übersiedlung der Familie dorthin dauert noch bis etwa 1805. In Werl wird 1806 die Schwester Ida geboren. 1804 war noch in Seligenstadt der Bruder Franz Adam Maria zur Welt gekommen.

Nun setzen die Erinnerungen der Josephine ein. Einzelheiten aus ihrem schriftlichen Nachlaß ermöglichen knappe Einblicke ins häusliche Leben. Eine Erzieherin wird engagiert, spätestens als die Familie 1808/09 endgültig nach Arnsberg übersiedelt. Dies hängt sicher mit der Vorbereitung des ältesten Sohnes Johann Peter Cornelius, zu Hause und im Freundeskreise Jean, auch Hans genannt, auf den Besuch des Arnsberger Gymnasiums zusammen. Josephine und die jüngeren Geschwister nehmen am häuslichen Unterricht teil. Josephine bewundert den älteren, hochbegabten Bruder.

Die Familie hält den Kontakt zu den anderen Familien der aus Hessen übergesiedelten Beamten aufrecht, so z. B. zur Familie Franzmahdes. Deren Tochter Kätchen ist Josephines engste Freundin. Sie tauschen Geschenke aus. Es ist üblich, zum Namenstag einen Kuchen zu bringen. Dies erwähnt Josephine erstmals für 1812 (8.75). Es ist für sie einer der glücklichsten Tage des Jahres.

Als Josephine neun Jahre alt ist, 1811, tritt ihr Bruder ins Gymnasium ein. Sie machen gemeinsam seine Hausaufgaben wie später mit den Brüdern Franz ab 1814, Hermann ab 1818 und Fritz ab 1819. Kein Wunder, wenn sie bekennt, daß sie „1820 durch und durch Pädagogin“ geworden sei (0 zu 1835, S. 5 f).

Zwischen 1814 und 1818, sie ist 12 bzw. 16 Jahre alt, ist Schiller Josephines ständige Lektüre (4. Nr.6/1). 1815 stößt sie auf ein Buch von H. König über die Mainzer „Clubisten“ (8.28, S.43; vgl. auch XVII. Bericht S. 730 ff). Sie fragt den Vater über seine stürmischen Studienjahre in Mainz aus. In den folgenden Jahre wird ihre politische Prägung immer deutlicher: Der Vater, seit dem Übergang des Herzogtums Westfalen an Preußen 1815 preußischer Beamter, war in der liberalen Atmosphäre des Mainzer Kurfürstentums aufgewachsen. Er gibt in diesen entscheidenden Jahren des deutschen Freiheitskampfes gegen die napoleonische Besetzung und der Erstarkung eines nationalen und demokratischen Bewußtseins der studentischen Jugend die entscheidenden Impulse an seine Kinder weiter. Hier wird gesät, was bei Josephine in Kürze als leidenschaftlicher Republikanismus und Antiklerikalismus aufgehen wird. Sie bekennt (8.58/2, S.74), daß sie schon mit 17 Jahren Republikanerin gewesen sei.

1820, mit 18 Jahren also, ist ihr klar, daß Erziehung als ein Mittel zur politischen Erneuerung dienen sollte. Der Entwurf eines Erziehungsplanes als eines Mittels zur Emanzipation nimmt Gestalt an (0 wie vor). Sie schreibt einen Aufsatz über Emanzipation (0. 1839, S. 5). Die Spiele der Latein lernenden Geschwister als „Spartianer“ in der Nachfolge des Spartakus (vgl. XVII. Bericht S. 730) erweisen sich als Einübungen eines modernen, links, revolutionär und umstürzlerisch orientierten Geistes. Ihr Bruder Fritz wäre beinahe daran zerbrochen. Ihr wird als Ventil nur der Briefwechsel mit Freunden, so dem gefährlichen, demagogischen Publizisten Dr. Arnold Ruge, bleiben.

Josephine ist die älteste Tochter der Familie. In regelmäßigen Abständen stellen sich Geschwister ein, 1819 als zehntes und letztes die Schwester Caroline. Acht Geschwister sind jünger als sie, und da keine schulischen Pflichten sie abhalten, dient sie der Mutter in allen häuslichen Aufgaben neben der Magd. Ein Haushalt von zwölf Personen und zusätzlich der Erzieherin und der Magd ist zu versorgen. Josephines Aufgabe ist auf Jahre hinaus die Betreuung der Geschwister. Sie ist bereits 17 Jahre alt, als das letzte Kind der Familie geboren wird.

In dieser Zeit der quälenden Selbstfindung und der häuslichen Inanspruchnahme, wenn nicht der Überforderung, fällt ihre erste Liebe. 1865, als 63jährige Frau und 15 Jahre nach dem Tod ihres Freundes Pfeil, fügt sie einem Brief an ihn aus dem Jahre 1840 (0.33) folgendes hinzu: „ Auf eine Jugendliebe (die von meinen 16ten bis 18ten Jahren spielte, wo eine förmliche Entsagungs[akte] aufgestellt wurde, die mein Leben mit langem Schmerz umwob, die mich in manche Bizzareien getrieben, bis die Freundschaft, die Beschäftigung mit ernsten Dingen, die Anmuthung der Krausischen Philosophie mich ausheilte und innerlich feststellte), auf diese Jugendliebe hatte ich mich gewöhnt, hochmüthig und als einen Tribut, den ich der Schwäche des Weibes gezollt, herabzusehen, weil ich sie vergessen! 1840! Merkwürdig tauchte sie in der Erinnerung auf mit all ihren süßen und bitteren Schmerzen - wäre mir doch vergönnt, von ihr zu reden d. h. [zu] schreiben - “

Das Bewußtsein diesem Mann mehr bedeutet zu haben als eine Person, auf deren Geistesrichtung man Einfluß nimmt (0.1837/38, S. 29), und ihm in mehr verbunden gewesen zu sein als in „herzlicher schwesterlicher Liebe und rückhaltlosem Vertrauen“ (ebenda), verläßt sie noch sechs Jahre vor ihrem Tode nicht. Dürefeld war Gutsbesitzer, zeigte sich ganz offen gegenüber ihren pädagogischen Ideen, spielte in Gedanken mit einem von ihr gestalteten Familienleben, hielt um sie an und erhält eine Abfuhr. Josephine ist zu unerfahren, zu wenig realistisch, zu unbetroffen. Sie begreift noch lange nicht, daß sie als Gutsherrin große Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten gehabt hätte. Sie spürt auch nicht die zurückgehaltene Leidenschaft Dürefelds für sie. Er zerbricht an dieser Ablehnung. Seine Landwirtschaft vernachlässigt er. Nach ein paar Jahren ist er wie eine unversorgte Pflanze verkümmert und verdorrt.

In bestimmender Weise lebt Dürefeld in ihr fort. Junge Leute ihres Bekanntenkreises in Arnsberg hatten sich zu einer lockeren, geselligen Vereinigung zusammengetan. Es ist eine fröhliche, ausgelassene, aber auch besinnliche Gruppe. Sie gründeten etwa 1825 den „Staat Katzenpfötchen“, und Josephine wird als Bürgerin unter dem Namen „Cynthia“ aufgenommen. Mitunterzeichner der Bürgerschaftsurkunde ist Dürefeld (Abb. 2, 0.102).

Nomen est omen! - In den „Elegien“ des Properz heißt es zu „Cynthia“: „Etwas sind doch die Geister; der Tod, er endet nicht alles [...]“ Was für Josephine weiterlebt, ist Dürefelds Vermittlung des Philosophen Krause und seiner Lehre. Sie wird mehr als Lebenslehre; ihr Wesen wird sich mit fortschreitendem Alter mehr damit verbinden.

Hermann Dürefeld hatte sich um eine Philosophiedozentur in Göttingen bemüht. Aber das zerschlug sich. So kehrte er zur Landwirtschaft zurück und hoffte, Josephine für sich zu gewinnen. Er gewann sie lediglich für Krauses Ideen. Wie nachhaltig der Einfluß der Begegnung mit diesem regelrechten, berufsmäßigen Philosophen und Krauses Philosophie auf sie war, drückt ihr lebenslanger Briefwechsel aus: die Selbstdisziplinierung zu logischer Konsequenz und Objektivität, das Bekenntnis zu ethischen Werten wie Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Hingabe und Opferbereitschaft. Schon früh deutet sich an, daß Josephine das Auseinanderklaffen des Lebens in Unabdinglichkeit und Kompromißbereitschaft erkennt. Sie wird sich schmerzhaft und leidensbereit für das erstere entscheiden und ihr Leben eher stolz und ungebeugt durchleiden als ihre Prinzipien zu verraten. In diesem Punkte ist sie die wahre Tochter ihres Vaters (vgl. XVIII. Bericht, S. 732 f).

1844 (6.5) erinnert sie sich dieses philosophischen Jugendkreises. Dürefeld stellte die Philosophen als die Wahrheitsforscher, als die „Augen der Menschheit“ dar. Und Josephine setzte etwas unpassend, aber schlagfertig fort: „Ja, die Philosophen die Augen, und die Monarchen? Vielleicht die Hühneraugen? - Es war ein sehr dummer Einfall“, wie sie selbstkritisch aus der Erinnerung bekennt.  

Ein ehemaliges Mitglied des Freundeskreises meint 1834 (3.39), es sei ein „ganz geistiges und herrliches Zusammenleben“ im Hauses d’Alquen vor 1825 gewesen. Die Geschwister waren einander herzlich zugetan. Albumblätter werden ausgetauscht (Abb. 3, 1.0). Sie haben etwa Postkartenformat, sind mit gezeichneten Blumen verziert und verraten starke Gefühle der Zuneigung, geben Ermahnungen für den rechten Lebenswandel und nähren die Hoffnung auf das große Lebensglück. Das Jahr 1825 ließ für das große Glück nicht viel Raum. Der Vater wurde zwangspensioniert und  sein Ruhegehalt empfindlich gekürzt.

1826 meldet sich brieflich nach vielen Jahren der Ungewißheit die Gräfin Ida de Bocarmé aus Belgien (s. Anhang). Es ist Josephines Kusine, die Tochter des inzwischen von Wasserlos verzogenen und wiederverheirateten Marquis du Chasteler. Ida erkundigt sich nach ihrer Tante, Josephines Mutter (2.41), und der Familie. Sie war an ihren Cousin verheiratet worden, Besitzer des Schlosses Bitremont und der Herrschaft Bury bei Mons in Belgien. Der Gatte lebte getrennt von ihr in Amerika. Sie hat ihren Sohn Hyppolite und die Töchter bei sich. Sie hatte 2 Töchter, die sie überlebten, eine dritte Tochter starb früh.

Umgehend wird Josephine nach Bury eingeladen. Sie reist über Mülheim, wo ihr Bruder Johann Peter Cornelius das inzwischen von der Kusine übersandte Reise- und Taschengeld empfangen hat. Josephine hält sich in den Monaten März und April 1827 in Bury auf. Einiges deutet darauf hin, daß sie ihren jüngeren Bruder Hermann mitgenommen hat (3.81). Ihre Erlebnisse in Bury faßt sie 1840 mit Zusätzen von 1860 in einem sehr anschaulichen Bericht zusammen (1.0). Anscheinend ist Josephine das Vorzeigeobjekt ihrer Kusine: eine perfekte Klavierspielerin, die man bedenkenlos in jeder Gesellschaft präsentieren kann. Die Erwartungen, die man an sie als Gegenleistung für die Gastfreundschaft hegt, beschränken sich auf eine tägliche Konversationsstunde mit den Kindern in Deutsch und auf das Vorlesen deutscher Literatur, wovon die Bibliothek auf Bury wenig zu bieten hat, weswegen man bei Goethes „Faust“ bleibt.

Zu Spannungen mit der Kusine kommt es in Zusammenhang mit einem Nachbarn der Gräfin, einem Baron du Chatel. Josephine schreibt (1.0, S. 8 f): „ [...] Musik war das einzige, was ich dort hatte - aber mitunter - welche Musik?! Ich war damals eine solche musikalische Enthusiastin, daß ich bei diesem kläglichen Musikmachen  gar nicht an Musik denken durfte, wenn ich sie ertragen sollte; doch hatte ich es durchgesetzt, daß ich zu keiner Soirée gezwungen würde, als wenn Musik die Unterhaltung ausmachte; da durfte ich nicht fehlen; denn in einem unserem Hause befreundeten Zirkel hatte ich mich zur Direktrize aufgeschwungen, die den Abend begleitend am Piano verbrachte. Ich mußte den andern alles einstudiren, und es war da ein junger verheirateter Vetter, der hätte von Morgen bis Abend gesungen, wenn ich ihn nicht auf Stunden beschränkt hätte. Ich ertrug sie mit enormer Geduld, dafür prießen sie mich aller Arten als musikalisches Genie! Wie ich nun so an diesem musikalischen Himmel zu glänzen begann, mußte ich viel von einem jungen Mann reden hören, der sich gewißermaßen als musikalischer Areopagit unter seinen Standesgenossen aufgeworfen hatte. ‘Wenn der erst käme!’ - Wie man ihm von den neuen Wunder erzählte, meinte er: er glaube nicht dran, bis er sich selbst überzeugt. Nachdem er sich etwas hatte erwarten lassen, erschien denn der Tag, an dem sich die beiden musikalischen Größen begegnen und meßen sollten! Am Morgen gab er seine Karte ab - am Nachmittag erschien zuerst ein Fagott - ein Stoß Noten und dann Mr. le Baron du Chatel. Eine stämmige flämländische Figur, blondes [Haar], rundes Gesicht mit unbedeutenden Zügen. Das war der Held meiner Geschichte! - Weß musikalischen Geistes er war, hatten mir seine Noten leider schon verrathen, die Wichtigkeit, mit der er unser Spiel einleitete, konnte mir daher nicht mehr imponieren. Wir spielten denn - variationen a la Jelinek für Fagott mit sehr leichter Clavierbegleitung. Mein Mitspieler strengte sich entsetzlich an - er arbeitete, daß der Schweiß über sein dickes, blaßes Gesicht rann - zuletzt geriet er in eine art flamländische Begeisterung! - Die Kusine konnte kaum das Ende von diesem Tournier erwarten, mehr wie einmal raunte sie mir zu: ‘Nun? Wie spielt er?’ Ich aber schwieg unerbittlich und - spielte - wie die Kembelsche Schachmaschine! - Endlich hatten wir uns durchgearbeitet; Er war außer sich vor Vergnügen - und überhäufte meine Cousine mit den schmeichelhaftesten Redensarten, die sie mir übersetzen sollte: ‘O die Deutschen! Die Deutschen! Das sind Musiker.’ So ausgezeichnet wäre ihm noch nie begleitet worden! Sehr häufig habe er es schon mit Clavierspielern von Renomée versucht, aber er habe immer mit ihnen zu hapern gehabt - Und hier! So prima vista die schönste Harmonie - - ! Er war ganz glücklich! -

Nachdem die Cousine den einen Theil gehört, wandte sie sich zum Andern: ‘Verstehst du, was er sagt?’ - ‘Recht gut, liebe C[ousine]! Ich habe mir allerdings ein Verdienst - nicht um die Musik - aber um ihn erworben; es war das einzige, was mich bei diesem kinderleichten, dummen Zeug unterhielt! Denken Sie, daß er gar nichts von Takt weiß, immer ad libitum spielt, wie es ihm gerade bequem ist, eine Paßage schnell oder langsam zu machen. Da bin ich ihm denn mit meiner Begleitung so künstlich nachgeschlichen, daß er seine eigene Ungeschicklichkeit nicht merkte; sagen Sie ihm das!’ - ‘Das laß ich bleiben!’  

(Ich muß nur sagen, daß diese art Conversation mit meiner Cousine, die ich, wo ich nur konnte, mit meinen moquanten deutschen Zwischenreden aus ihrer vornehmen Gravität zu bringen suchte, mich etwas für die Langeweile entschädigte, die mir gemacht wurde.)

Meine deutsche Entgegnung hielt der Hr. Baron für eine bescheidene Ablehnung seines Lobes und ließ nicht ab, es immer wieder zu betheuern, zuletzt bat er, sein Waldhorn und seine Clarinette schicken zu dürfen. Die Flöte würde er selbst bringen. Umgeben von seinen Instrumenten saß ich wie die H[eilige] Cecilia! Nun kam er sehr oft, wir spielten immer mit demselben glänzenden Erfolg. Sein glücklichster Traum war erfüllt! Was er bisher vergebens gesucht: eine Begleitung zu seinem genialen Spiel! - in mir hatte er sie gefunden!!!

Ich hatte dafür in kurzer Zeit einen ehrfurchtsvollen Verehrer gefunden und lächelte manchmal, wenn er sich im Theater in einer Logenecke gut versteckt glaubte und den ganzen Abend sein Musikalisches Wunder nicht aus den Augen ließ. - Doch war mir dergleichen nicht so neu, daß ich besonderes Gewicht darauf gelegt hätte, ich moquirte mich auch nicht - ich glaube, ich fand es bloß in der Ordnung! -

Im Hause, wo man anfing, meine Eroberung etwas ernster zu betrachten, hörte ich, daß außer seinem Musiksparren nicht viel an ihm auszusetzen sey. Er hatte Vermögen, war ganz unabhängig, galt unter seinen Standesgenossen für besonders ehrenhaft und solide, so daß ihn die Väter ihren Söhnen als Muster prießen und töchtervolle Häuser seine Freundschaft suchten. Er wußte selbst recht gut um alle diese Vorzüge und trat mit vielem Selbstbewußtsein auf. - Meiner Cousine gefiel die Idee, den spekulirenden Müttern diese hübsche Baronie wegzufischen. Wie sie die Sache für eine Besprechung reif glaubte, sagte sie mir, ich hätte eine Eroberung gemacht! Ich entgegnete, das wüßt’ ich! Sie meinte, die Sache verdiene nicht, so wegwerfend behandelt zu werden. Ich solle sie ein wenig ernst nehmen. Von allen jungen Damen, die ich bei ihr kennengelernt, würde sich keine einen Augenblick besinnen, Baronin du Chatel zu werden. Die roman-ideen von Liebe etc. etc. solle ich mir doch ja vergehen lassen, - ein Mädchen ohne Vermögen habe gar keine Wahl, für mich sey es ein ungeheurres Glück etc. etc. Ich hielt mich noch immer guter Laune und meinte ganz demüthig: eine Wahl habe jede: Gar nicht wählen zu wollen! Und ich dächte, ich hätte ihr ja schon gesagt, daß ich nicht heirathen wolle. Aber rasch war mein Zorn oben, wie ich hörte: ‘solches Geschwätz ließe sie sich gefallen, solange man keine Aussicht dazu habe’. Ich stand auf, sah sie fest an und weiß nicht, wie mir die Worte kamen: ‘Madame, von heute an spiele ich im Tackt!’ Sie war verblüfft und stotterte: ‘Daß thust du nicht!’ Ich aber ging mit der Behauptung: ‘Ich thue es!’ zur Thüre hinaus.

Ich hatte sehr bald Gelegenheit, mein Wort zu halten, und mit einer unverzeihlichen Grobheit lies ich den Unschuldigen die Beleidigung meiner Cousine entgelten. Kein Funken Gutmüthigkeit regte sich bei dem bestürzten Gesicht, mit dem er mich fragend ansah. - Im Gegentheil, ich erwiederte es mit einer unzweideutigen wegwerfenden Miene, wie sie kaum einer hochgeborenen Prinzeßin gegen einen anmaßenden Untergebenen zustehn mag; und das geschah einem Mann, der mir nichts als die größte Hochachtung bewiesen, der vielleicht gar nicht daran dachte, mich zu seiner Frau zu machen (denn es ist ja noch ein himmelweiter Schritt vom Verlieben zum Heyrathen!). Er war aber keiner, der sich so etwas zweymal biethen ließ. Wie er sich überzeugt, daß es keine Laune, kein Versehen, sondern die unerklärbare Absicht zu beleidigen sey, schwoll er auf von Zorn; er verschwand aus dem Hause, aus der Stadt - ich sah ihn nie wieder - und mit ihm verlor ich jede Gelegenheit, mich in der irregulären Begleitung zu vervollkommnen! -

Meine Cousine erwähnte die Sache mit keiner Silbe; auch konnte ich nach der Zeit so viele Eroberungen machen, wie ich wollte, - keine weckte wieder ihre Spekulation!“

Während des Aufenthaltes auf Bury erhielt Josephine Post aus Arnsberg. Es ist der erschütternde, detaillierte Bericht der Familie Brisken vom Krebstod ihres Sohnes Anton, einem Freund der Josephine, der sie als „höchstes Erdengut“ (3.81) bezeichnet hatte. Dem Brief lagen einige Erinnerungsstücke bei, z. B. ein Büschel Haare des Verstorbenen, nur für Phina bestimmt, die Abschrift eines Gedichts von ihm, seines Schwanengesanges, ein Streifen des Bandes seiner Verbindung „Teutonia“, E. T. A. Hoffmanns „Nachstücke“, der Lieblingsschriftsteller des Toten. Aus der Intimität des ungewöhnlichen Briefes mit seinen Beilagen dürfen wir vermuten, daß die Verbindung zu Anton Brisken eine mehr als freundschaftliche gewesen ist.

Um diese Zeit betätigt sich Josephine auch als Liedkomponistin. Kurz vor 1830 dürfte sie etwa 30 Lieder mit ihren Brüdern Johann Peter Cornelius und Franz Maria noch in Arnsberg zusammengetragen haben. In 20 veröffentlichten Heften zu je fünf Liedern ist Dr. [J. P. C.] d’Alquen mit 23, Friedrich d’Alquen mit drei, Franz Maria mit zwei und Josephine mit den beiden Liedern vertreten: „Der kleine Savojarde“ im fünften und „Der Liebeskranke“ im siebten Heft (s. Rolf d’Alquen, Der kompositorische Nachlaß des J. P. C. d’Alquen, 2. Anhang, S. 2 f). Diese Hefte sind etwa 1835 bis 1839 verlegt worden. Es existieren nur noch Kopien davon.

Das Jahr 1830 bringt das Wiedersehen mit dem Bruder Franz Adam Maria. Die Pariser Juli-Revolution brachte einen neuen König an die Spitze Frankreichs. Josephine wird vertraut gemacht mit den kommunistischen Ideen des Charles Fourier. Doch dessen Radikalismus lehnt sie ab. Im August kommt es zu einem Aufruhr in Brüssel. Das heutige Belgien erklärt seine Unabhängigkeit und verläßt den Staatsverbund mit den Niederlanden. Wohl wegen der Unsicherheit der politischen Verhältnisse verläßt Franz Brüssel und sucht zunächst - wie im Vorjahr - seine Verwandten in Arnsberg auf. Am 14. August 1830, zehn Tage vor dem Ausbruch der Unruhen in Brüssel, gibt er in Arnsberg ein Konzert. Vermutlich kehrt er nicht nach Brüssel zurück, sondern übersiedelt zunächst nach London.

Das knappe Jahrzehnt zwischen 1830 und 1838 wirft Josephine von einem Extrem ins andere. Rückblickend meint sie (0. 1837/38, S. 16) über diese Zeit, danach habe eine neue Phase der Lebensanschauung begonnen, besser „Lebensphase“, „denn Leben und Schauung werden eins“.

Um 1831 war es für die inzwischen knapp 30jährige zu einer Art Verlobung gekommen. 1853 (3.41) erinnert sie der Barmer Polizeiinspektor Perigorius daran, daß sie damals von ihm ihren Ring zurückgefordert habe. Josephine hat dieses Ereignis völlig verdrängt. Sie erinnert sich nicht daran.

Sie scheint sich mit dem Schicksal, unverheiratet zu bleiben, abgefunden zu haben. Dies bedeutet nach außen, nach wie vor für die Familie dazusein, und nach innen ihre Position zu klären.

Freiheit, Gedankenfreiheit, geistige Unabhängigkeit ist das eine Thema. Sie schreibt (0. 1834/39, S. 9): „ Ein gewisser protestantischer Staat [sie meint wohl Preußen] vergißt in seinem Eifer gegen Katholicismus das Christliche Gleichnis vom Splitter und Balken! Ist seine Politik nicht echt katholisch? Giebt’s da nicht Inquisitoren und Kerker für Andersdenkende, wie die katholische Kirche sie zurückwünscht? Beide machen die Forderung: das Selbstdenken zu suspendiren, Verehrung a priori und blinder unerschütterlicher Glaube an die Unfehlbarkeit?[...]“

Ein anderes, von ihr immer wieder äußerst engagiert vorgetragenes Thema ist die Frauenemanzipation. „Der geschätzten Redactrice der [nicht genannten] Frauenzeitung“ (0. 1837/38, S. 10 f )schreibt sie: „Die Ankündigung der Frauenzeitung hat ohne Zweifel überall, wo Sinn für weibliche Bildung herrscht, das lebhafteste Interesse erregt, und sicher ist Ihrem schönen Unternehmen die ausgedehnteste Theilnahme entgegen gekommen. Ich, wenigstens, fühlte dabey etwas von einem halb vergessenen Enthusiasmus in mir sich regen, der sich ohngefähr in folgender Weise an eine Freundin aussprach:

‘Wenn du dich wunderst, von der verschollenen Klausnerin Schriftzüge zu sehn, so wunderst du dich vielleicht noch mehr, von ihr zur Theilnahme an einem schönen Werk aufgefordert zu werden. Seit Neujahr erscheint in Jena eine Frauenzeitung, über die ich nichts sage, da der Prospectus beiliegt. - Überall zeigt sich das Streben der Frauen, einen höheren geistigen Standpunkt einzunehmen, überhaupt geistige Unabhängigkeit zu erringen! Es gehört dieses Streben zu einem wesendlichen Theil der Entwicklung der Menschheit; denn nur bei der harmonischen Ausbildung der einzelnen Theile läßt sich ein Vorschreiten des Ganzen denken. Wenn nun gleich in diesem Winkel Deutschlands die Impulse, welche die Welt bewegen, nur noch schwache Kreise ziehn, so darf ich doch voraussetzen, dass es hier außer mir noch einige Weiblichkeiten giebt, welche mit Interesse ein Blatt lesen werden, dass sich zum Organ der erwähnten Bestrebungen aufwirft. [...]

Die ersten drey [Nummern] der Frauenzeitung liegen nun hier vor mir. Meine hochfliegende unbestimmte Erwartung ist getäuscht“. Josephine findet nichts als „Modegeplauder“!

1835 bricht ein furchtbarer Schlag auf die Familie nieder. Seit November 1834 ist Bruder Fritz als zweiter Richter am Justizamt in Hovestadt tätig. Da holt im Mai 1835 den Ahnungslosen die staatliche Schnüffelei nach ehemaligen Studenten ein, die sich während der Studienzeit in ihren Verbindungen an staatsgefährdenden Umtrieben beteiligt haben könnten. Der Richter Friedrich d’Alquen wird verhaftet; die „Inmarschsetzung“ nach Berlin erfolgt umgehend. Nach einigen Verhören und ohne ordentliches Gerichtsverfahren wird er zu 15 Jahren Festungshaft in Magdeburg verurteilt. Der Vater ist inzwischen 74 Jahre alt. Man verheimlicht ihm längere Zeit die Aburteilung seines Sohnes aus Angst um seine Gesundheit. Josephine schreibt hierüber (7. 1, S. 14): „Fritz seine vierzehnmonatliche Gefangenschaft war für mich eine Zeit ununterbrochener Gemüthsalterationen, die ich mit Zerstörung meiner Gesundheit, namentlich mit jahrelangem Gesichtsschmerz und öfter rasendem Kopfleiden nachbüßen mußte.“

Die Entlassung des Bruders aus der Festungshaft diente lediglich „zur vielleichtigen Wiederherstellung seiner Gesundheit“, damit die Haft fortgesetzt werden könne. Ein höchst unterwürfiges Gnadengesuch an den preußischen König, das Josephine für die Mutter aufsetzt, dem Vater wird es verheimlicht, wird ebenso abgelehnt wie ein zweites, das sie unterschreibt. Als nun der lungenkranke Sohn zu Hause auftaucht, erfährt der Vater schließlich doch, daß die Verfolgungen durch den verhaßten preußischen Staat einen neuen, grausamen Höhepunkt erreicht haben. Die Familie ist gebrandmarkt. Noch nach knapp 20 Jahren soll es die dann längst verwitwete Mutter zu spüren bekommen.         

Josephine ist verzweifelt. Sie rechnet sich „nun einmal gerne zu den Paradiesvögeln, die keine Füße für diese kothige Erde haben“ (4. Briefbuch, Nr. 160). Zum 85sten Geburtstag der ehemaligen Erzieherin Fräulein Feuser 1836 (wie vor, Nr. 180) schreibt sie ihr: „Mein armer liebster Bruder Fritz sitzt seit dem 11ten May [1835] in Berlin in Haft und auch im schändlichen Kerker. Der 74jährige Vater darf davon nichts erfahren, da die Nachricht ihm leicht das Leben kosten kann.“ 

Krankheitshalber wenigstens ist der Bruder nun wieder zu Hause. Der ausgebildete Volljurist erhält selbstverständlich keine Bezüge mehr. Er ist aus dem Staatsdienst ausgeschieden. Es ist aussichtslos zu erwarten, daß er nach dieser Verurteilung jemals wieder in den Staatsdienst aufgenommen werden kann. Regelmäßig muß sich der Sohn des Regierungsrats bei der Polizei melden. Seine ärztlichen Betreuer sorgen für die unbeanstandete Fortsetzung seines Krankenstandes. Alte Freunde bleiben ihm treu. Neue Freundschaften werden geschlossen, eine mit dem an der Regierung von Arnsberg tätigen Regierungs- und Forstreferendar Hermann Pfeil.

Hermann Pfeil



Bleistiftportrait von Hermann Pfeil

In Pfeils Handschrift unten links: "Neustadt [...] 24. Juni [18]38"
und unten rechts: "Zum Andenken an Ihren Verehrer."
Unter der linke Achsel: "Scheffter" [der Autor]

Soweit sich dieser Zustand nicht verändert, kehrt eine relative Ruhe in die Familie ein. Die Beunruhigung wegen der ungewissen Zukunft des Sohnes jedoch bleibt. Josephine beschäftigt sich in dieser Zeit intensiv mit Literatur. Das „Junge Deutschland“ ist eine aktuelle Literaturbewegung. Gutzkow gehört dazu. Heinrich Heine und Börne stehen ihr nahe. 1835 verbietet Preußen die Schriften dieser Autoren, die den absolutistischen Staat, die Orthodoxie der Kirche, die gesellschaftlichen Konventionen ablehnen. Sie vertreten die Gedanken- und Meinungsfreiheit, den Sozialismus, die Frauenemanzipation, eine neue Definition der Geschlechterbezieungen, die auf Vernunft gegründete Ethik. Das alles wirkt wie eine Offenbarung für Josephine. So ist es in ihr längst angelegt. Die Autoren dieser Gruppe werden Josephine in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen: Heinrich Heine, der bereits seit 1831 in Paris lebt, Ludwig Börne, der 1835 dorthin übersiedelt, die Gräfin Hahn-Hahn mit ihren aufregenden Frauenromanen, Karl Gutzkow, der zu drei Jahren Gefängnishaft verurteilt wird und mit gesellschaftskritischen Romanen hervortritt.

Josephine hinkt ihrer Zeit nicht hinterher. Arnsberg hat zwei Leihbüchereien. Interessierte Leser tauschen Bücher aus. Unter der Hand werden verbotene Bücher weitergereicht. Sie hat Zugang zu erstaunlich vielen Zeitungen und Zeitschriften. Der journalistische Stil, das knappe Feuilleton, die scharfe, satirische Kritik reizen sie. Ihr bisheriges Leben mit acht jüngeren Geschwistern ließ für die literarische Beschäftigung wenig Muße.

Die Kusine Ida de Bocarmé hat im Jahre 1836 eine ausgedehnte Reise durch Frankreich, Italien und Deutschland gemacht und Josephine ausführlich berichtet. Josephine versucht zurückhaltend und vorsichtig (0. 4, S. 14 f), ihr brieflich das „Junge Deutschland“ nahezubringen: „Von Heine habe ich zwar zu meinem Leidwesen nicht viel gelesen, er ist, wie Sie von ihm selbst vielleicht schon wissen (denn unsere jungen Schriftsteller verschweigen ja heut zu Tage dem Publikum nichts mehr) in Pr[eußen] verbothen und verkezert; doch was ich von ihm kenne, läßt mich ihn ebenfalls recht gern haben; aber - Französisch möcht ich H[eine] doch nicht nennen! Abgesehen davon das seit 20 Jahren deutsche und französische Nationen ihre [...] Gegensätze verloren und sich zu durchdringen streben, ist Heine deutsch! Er gehört, wenn auch nicht durch leiblichen Verband, doch in geistiger Hinsicht der neueren Schule an, die unter dem Namen „junges Deutschland“ vor einiger Zeit Aufsehn - - - - zu erregen anfing. Diese Herren wollen keine Autorität anerkennen, die nicht vor dem Richterstuhl der Vernunft Probe hält. [...] so kämpfen diese jungen Titanen fast gegen alles bestehende; aber nicht, wie man ihnen fälschlich Schuld giebt, es zu vernichten, sondern dasselbe vernunftgemäß zu gestalten und weiter zu bilden [...].“  

Josephine kritisiert scharf die staatliche Zensur dieser jungen Autoren. Genauso scharf setzt sie sich mit der Ausbildung an den Universitäten auseinander, schließlich hatte sie drei Brüder dabei beobachten können: „Vollends auf unseren deutschen Hochschulen beweißt Alles, das Erziehung ohne entsprechende Institutionen wenig zur allgemeinen Charakterbildung hilft. Die jungen Leute stehn, solange sie die Hörsääle besuchen, gegen einander auf einem Fuß der vollkommensten Gleichheit; sie sind kühn, romantisch, bis zum Wahnsinn für die Freyheit begeistert; sie verlassen die Universität; keine politische Laufbahn fördert die dort angenommene Geistesrichtung weiter; sie tauchen in Dunkelheit unter - oder werden mit Gewalt in Dunkelheit gesetzt, könnte man beifügen, wenn man die viele hundert in den Bundesstaaten eingezogene junge Männer betrachtet. - Wer wagt zu behaupten, daß der kurze Silberblick der Freyheit, wie er unseren Studirenden wird, sie ohne Folge für eine bessere Zeit angestrahlt habe? Nicht ewig wird der Fluch auf Deutschland haften, daß es - an Geist und Erkenntnis vorgeschritten - sich in veralteten Institutionen krüpelhaft fortschleppen muß. Auch hier werden sie - sie müssen fallen, wenn der neue Geist erstarkt ist! - und doch! - wäre England! Wäre Frankreich nicht! Was bliebe uns für Hoffnung? - Rühren sich nicht schon die „eisernen Hände“ wie ich irgendwo gesagt, um den schiklichen Augenblik zu ergreifen, diese - „Pflanzschulen des Hochverrates!“ zu organisiren? Sie zu Schulen des Servilismus - der Beamten-Schufterey umzugestalten? - “

1837 liest sie Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ von 1809. Sie bemerkt hierzu: „Würde er jetzt etwas ähnliches öffentlich sagen, es würde ihm bald Spandau oder Köpenik als Kanzel angewiesen werden.“

Josephine sammelt „Anecdoten“ für eine Arnsberger Chronique Scandaleuse, z. B.: „Betty hatte sich malen lassen; über die Ähnlichkeit entspann sich folgendes Gespräch:
Betty:
‘Ich gebe zu der Obere Theil des Gesichts gleicht, aber der Untere jar nich! Jott! Wenn ich so häßlich wäre, dann wüßte ich jar nich, wie Karl sich hätte in mich verlieben können.’
Eine Freundin:
‘Hat er sich denn bloß in dein Gesicht verliebt?’
Betty:
(verwundert) ‘ I worin denn?’
Die Freundin:
‘Nun, ich dachte, es gäbe noch andere Eigenschaften zum Lieben?’
Betty:
(naiv) „Die hab’ ich nich!“  (0. 4, S. 5) Oder:
„Junger Herr: ‘Wie ich höre, wird das zweite Tableau heute Abend Glaube, Lie- (Wolf)be und Hoffnung zum Gegenstand nehmen! Und Sie, mein Fräulein, machen die Hoffnung? - 
Fräulein: ‘Fy donc! wie können Sie reden! Die Hoffnung wird doch sicherlich (Malchen) durch eine Frau vorgestellt werden! ich - (mit einem Knix) ich mache die Liebe.“ (0.4, S.9)

Also hatte sie den Humor trotz aller häuslichen Widrigkeiten doch noch nicht verloren.

Am 12. April 1838, dreizehn Jahre nach der erzwungenen Pensionierung, drei Jahre nach der Aburteilung seines Sohnes und dessen unehrenhafter Entfernung aus dem Dienst, stirbt der Vater, an dem Josephine mit großer Liebe und Verehrung gehangen hat. Im Sommer des gleichen Jahres macht sie eine Bekanntschaft, die die große Liebe ihres Lebens werden soll. 

Der Referendar Hermann Pfeil (s.o.) aus Brandenburg hatte bei der Regierung in Arnsberg den zweiten Ausbildungsabschnitt abzuleisten. Über den Beginn der Freundschaft schreibt Josephine: „Pfeil, seit dem Sommer 1838 in Arnsberg, war mit meinem Bruder Fritz befreundet. Dieser brachte mir oft Bücher von ihm aus dem Lesezirkel, über deren Inhalt sie sich diskutiert hatten. Fritz theilte mir diese Differenzen mit; obgleich ich nun fast immer auf Fritz seiner Seite stand, interessierten mich doch die eigenthümlichen Auffassungen seines Gegners so weit, daß ich sie mir - nach meiner Weise still für mich - schriftlich zurecht oder wiederlegte. - Persönlich blieb er mir ganz fremd. Er besuchte uns erst, als ich ihm Briefe zugeschickt, die ich für ihn von Fritz [1839]aus London mitgebracht hatte. - Aus diesem Besuch und (bei dem er gleich bat, mir die Bücher des Lesezirkels, wie früher Fritz - mittheilen zu dürfen - die er erst alle vier Wochen und dann alle 14 Tage selbst brachte) entspann sich eine freundschaftliche - wenn auch mitunter scharfe Controverse [...]“ (0.5).

In einem ihrer „Blauen Bücher“ [1838?] gesteht sie: „ Ich hatte schon früh mit dem Leben abgeschlossen; nach dem Tode aller Jugendgeliebten hatte ich schon mit 18 Jahren [also 1820] das beschränkte Leben einer nur ihren häuslichen Pflichten lebenden Einsiedlerin geführt. Ich war so unbemerkt 36 Jahre alt geworden, als ich den 28jährigen Pfeil kennenlernte und das Leben [...] von vorne anfangen mußte“  (4).

Die Brücke, die die beiden zunächst verbindet, ist die Literatur. Josephine liest den verfemten Börne und notiert über ihn im März 1839 (0.9): „Zum ersten mal etwas von Börne gelesen! über Börne hatte ich vorher schon genug gesehen und wie hämisch und cliquenhaft unsere Tageskritik ist, wurde mir dabey aufs neue klar. Ich bin überzeugt, Börne ist nicht bloß geistreicher Schriftsteller wie etwa Heine, sondern ein durchaus edler Mensch, welcher überall das Gute um des Guten willen wollte. Daß gerade diese in der Welt am meisten gehaßt werden, spricht er selbst aus [...]“

Josephine legt ihre Gedanken schriftlich fest, schickt Pfeil ihre Briefchen durch die Magd in die Wohnung oder sie gibt sie ihrem Bruder mit, und Pfeil antwortet gleich auf dem Original. So versucht er, ihr Börne auszureden, indem er Urteile von Börne über die Frau zitiert (0. 9): „Es ist schwer zu entscheiden, welches ein verdriesslicheres Geschäft sei, Lichter zu putzen, oder Weiber durch Gründe zu belehren. Alle zwei Minuten muss die Arbeit wiederholt werden, und wird man ungeduldig, löscht man das kleine Licht gar aus. [...] Das größte häusliche Unglück, das einem Mann begegnen kann, ist, wenn seine Frau einmal gegen ihn Recht hat, nachdem er es ihr abgestritten. Dieses einzige kleine Recht dient ihr wie ein Fläschchen Rosenöl, damit macht sie 20 Jahre alle ihre Geräte und Gerede wohlriechend. [...] Der Eigensinn einer Frau ist auf ganz wunderliche Art befestigt. Der Graben ist hinter dem Wall, und hat man die steilsten Einwendungen bestiegen und glaubt, jetzt wäre Alles geschehen, so entdeckt man erst, dass das schwerste noch zu tun sei. [...] Eine Geliebte ist Milch, eine Braut Butter, eine Frau Käse. [...] Schwärmen Sie noch für B[örne]?“

Im April darauf liest Josephine erstmals George Sand: „Valentine“ und „Rose und Blanche“. Besonders die zeit-, gesellschafts- und sozialkritischen Äußerungen kommentiert sie ausführlich (0. 10), so zu „Rose und Blanche“: „Den Anti-Sandisten verdenke ich es nicht, wenn Mancher den Mangel an Delicatesse rügt; wer fühlte sich nicht unangenehm berührt, eine Frau mit den Manieren eines Wüstlings (ja mit den Gebräuchen des Bordells könnte man sagen) so vertraut zu finden, wie sich George Sand den Anschein gibt? Aber - könnte man vielleicht fragen, wäre Schwester Olympia an den Orten menschlichen Elends wohl so willkommen, wohl so eine praktische, so hülfreiche Person, wenn sie voll weiblicher Delicatesse beständig die Augen niederschlüge und das Gesicht verwendete? - Oder - um weiter zu fragen! Darf man von einem Schriftsteller Delicatesse fordern, der sich die Socialen Gebrechen zum Vorwurf gemacht? Überhaupt, sollte uns in unseren engeren Verhältnissen nicht der Standpunkt fehlen, diese Frau und ihre Moral zu beurtheilen?“ (0. 11)

Das Jahr 1839 bringt eine entscheidende Wende für Josephines Bruder Fritz. Die Anträge auf Erleichterung seines Sträflingsschicksals haben endlich Wirkung gezeigt, wenn auch nicht die erwartete, die Niederschlagung seiner Verurteilung. Immerhin wird ihm erlaubt aus dem „preußischen Staatsverbande auszutreten“ und unter Aufgabe seiner Staatsangehörigkeit nach England auszuwandern. Niemand konnte ahnen, daß König Friedrich Wilhelm III. ein Jahr später sterben und sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. bei seiner Thronbesteigung eine umfassende Amnestie auch für die Verurteilten wie Fritz erlassen würde.

Josephine begleitet ihren Bruder nach England. Ein zweiter Grund für ihre Reise ist aber, die siebzehnjährige Schwester Caroline, die seit vier Jahren im Hause ihres Bruder Franz in London gelebt hat, zurückzuholen. 

Josephine gibt von dieser Reise einen sehr anschaulichen Bericht vom 20. August 1839. Er ist für ihre Freundin Jutta Freiin von Gerte in Arnsberg bestimmt; der Entwurf ist erhalten (0. 6). Mit der Postkutsche fahren die Geschwister  nach Köln. Sicher wird der Bruder Johann Peter Cornelius in Mülheim besucht. Am 25. Juni schiffen sie sich nachmittags nach Rotterdam ein. Am 26. Juni abends sind sie dort und logieren im Hotel de l’Europe. Wegen des Regens können sie die Stadt nicht besichtigen. Am 27. Juni fahren sie mit erheblicher Verspätung wegen des starken Windes auf der „Ocean“ ab. Josephine wird schwer seekrank. Erst am Tage darauf gegen 16 Uhr „fühlte ich mich neu belebt und gestärkt“.

„Die Küsten von England sind das reitzendste was man erblicken kann; sanft gehügelt durchaus mit dem schönsten Grün überzogen wechselt die Ansicht beständig; herrliche Baumgruppen, halb versteckte Landhäuser, freundliche Dörfer, majestätische Schlösser. Alles von der mannichfaltigsten oft wunderlichsten Bauart. - In die Themse eingelaufen häufen sich die Gegenstände: erst präsentiert sich Wollwich, wo das berühmte Artillerie-Arsenal Grossbritaniens, dann Greenwich mit seinem imposanten Matrosen-Hospital, darauf breitet sich - London aus, man durchfährt einen unermesslichen Wald von Masten und Flaggen aus allen Zonen der Welt - alle Zungen sind vom Staunen gefesselt. ‘Tower’, ‘St.Paul’ usw. usw. hört man hier und da hervorbrechen - dann noch eine Weile und man ist mitten im Gewühl der ersten Stadt der Welt. An Land gestiegen, nahmen wir einen Wagen und durchfuhren London von einem Ende bis zum anderen. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, London warf sich gerade in den abendlichen Schmuk der Gasbeleuchtung und wir hatten im Fluge genug zu bewundern; endlich wurde die Häusermasse dünner, Gärten und Grasplätze legten sich dazwischen - wir hielten vor No. 6 Camden Terrace. Heraus sprangen Franz und Caroline, mit welcher Empfindung ich die letzte umarmte, will ich hier nicht erwähnen. Wir wurden in ein hell erleuchtetes Zimmer geführt; dort fanden wir Mathilde, neben ihr an der Erde liegend den kleinen Engel schlafend (dieser ist das treueste Abbild von Carl Mues [der mütterliche Großvater]) sodann noch Mazejowski und - ‘ich sorge niemals: ich sorge’ etc. einen jungen Hannoveraner Hausmann, den ersten Violoncellisten Londons! Nach der ersten Begrüßung wurde weiter musiziert, wovon ich natürlich nicht viel profitiren konnte - denn noch nach 2 - 3 Tagen schwankte der Boden unter mir wie auf hoher See! Dies war Sonntag! Erst am Dienstag konnte ich Franz bewegen unsere Sachen auf dem Zollamt abzuholen und siehe da, sie waren fort! - gar nicht mit uns von Rotterdem gekommen. 14 Tage dauerte diese Ungewissheit bis sie, durch die gütige Bemühung [von] Hn. Dr. Hüser, in Rotterdam aufgefunden und hergeschickt wurden. (Zwey Mouslin Kleider, zwey paar Strümpfe und Handschuh hatte Franz unterdessen gekauft um der ersten Verlegenheit abzuhelfen, aber die Wäsche entbehrte ich am meisten.) Meine - rosenfarbene Laune erlassen Sie mir zu schildern. Hier mögen kurz die wenigen Ausflüge folgen die ich aus unserer einsamen Vorstadt und vergittertem Hause gemacht.

Die erste Woche [lief] ich in Begleitung von Franz, Hüser und Fritz eines Morgens durch viele schöne Strassen; fuhren bis mitten in die Citty; liefen wieder einige lange Strassen durch; besahen von außen eine Säule (zum Gedächtnis des grossen Brandes von London errichtet) nahmen unterwegs ein Frühstück; liefen durch die St. Pauls Kirche; machten einen langen Weg zum Tunnel; von da einige Meilen außerhalb London nach Deptford um mit der Eisenbahn zurück zu fahren; gingen über die pompöse London Bridge, stiegen wieder in einen Omnibus und kamen nach einer Abwesenheit von 5 Stunden nach Hause. Ein ander Mal durcheilten wir die Sääle des brittischen Museums - außer den Ägiptsichen Denkmälern und Mumien und allenfalls den Büsten berühmter Engländer enthielt es nichts was man nicht auch an anderen Orten fände.- Zeitters Pianofortefabrik wurde besucht wo uns Franz einen ausgezeichneten Schüler von 18 Jahren hören lies unstreitig der beste Clavierspieler den ich noch gehört. - Das Panorama Londons auf dem Coliseum ist unstreitig das Wunderbarste was die Kunst in dieser Art geschaffen hat. - Nun kommt noch das Wachs-Kabinet der Mme. Thusaudt - der Zoologische Garten - Regents Park - eine National Gallerie für nützliche Wissenschaften und ich bin für diesmal fertig; indem ich das einzelne dieser Orte für die baldige mündliche Unterhaltung spare. Ein dinner und grand Soirée Musical welche Franz uns zu Ehren gegeben und wovon ich das Programm mitbringe, darf ebenfalls nicht vergessen werden. Ich denke, die gute Mutter wird sich über all die Herrlichkeiten freuen. - Lieb wäre es mir, wenn wir für die paar Wintermonate - vielleicht durch Hermanns Vermittlung - ein erträgliches Piano miethen könnten. Was Carl betrifft so werde ich mündlich Alles mit ihm besprechen können. Verzeihen Sie das Einfliken dieser Familienangelegenheiten. Caroline hat Sie nach Ihrem liebenswürdigen Briefe ganz lieb gewonnen und grüsst Sie herzlich. [ ... ] Bitte empfehlen Sie uns gelegentlich Frau von Bernuth, sie wird sich über Carolines Fortschritte im Gesang freuen. Leben Sie wohl, liebste Freundin! Wie wird sich freuen Sie zu sehen Ihre Phina!“

Anfang September 1839 (7. 39) sind die beiden Schwestern wieder zu Hause. Fritz hat Briefe an seinen Freund Hermann Pfeil mitgegeben. Nach deren Empfang bittet Pfeil Josephine, ihr die früher für Fritz aus dem Lesezirkel besorgten Bücher bringen zu dürfen. Einmal im Monat darf der junge Referendar einen Hausbesuch machen. Ab Januar 1840 verkürzt sich die Frist auf vierzehn Tage. Pfeil wird nunmehr als Hausfreund bezeichnet. Häufigere und andere Besuche lassen die Etikette nicht zu.

Bereits im Herbst 1839 war Pfeil gebeten worden, für Fritz in England eine Liste medizinischer Literatur zusammenzustellen. Diese Liste gehörte zu den ersten Dokumenten des Geliebten. Josephine ist dieser Zettel in seiner Handschrift so wichtig, daß sie ihn behält und eine Abschrift nach London schickt. Elf Jahre später, im Jahr nach Pfeils Tod, erinnert sie sich an den Anfang ihrer Beziehung (9. 30): „Als ich Pfeil kennenlernte, hatte ich über zehn Jahre ohne allen schriftlichen Verkehr sowohl mit anderen als mir selbst gelebt und auch früher außer kindischen Studentenbriefen, wie wir sie später tauften, nicht geschrieben.“  Aber nun bricht es aus ihr heraus. In den bevorstehenden zehn Jahren wird kein Tag vergehen, ohne zur Feder zu greifen und in kleinster Schrift dünnes, feines Papier von Rand zu Rand zu füllen, sogar jeden Winkel der selbst gefalteten Umschläge innen zu nutzen. Schreiben und lesen, nachdenken und notieren, verwerfen und streichen, doch nur selten so, daß man die Streichung nicht mehr entziffern kann, Abgelegtes zu späterem Zeitpunkt wieder hervorholen, kommentieren, selbstkritisch ergänzen, exzerpieren, sammeln, ordnen, mit Nadel und Faden zu Geheften binden, zur Lektüre an andere schicken, bündelweise vernichten und vorsichtshalber doch wieder manches davon vorher kopieren. Ihr Stil wird immer gewandter, wortreicher, präziser; die Gedankenführung ist immer klar, durchschaubar, logisch, nie sprunghaft, und wenn doch, dann als Stilmittel gewollt. Sie ist sehr gründlich und objektiv, schreibt nur über das, was sie weiß und versteht. Aber sie kann auch ausfällig und verletzend sein, nachtragend und ablehnend, und dann mit unerhörter Verstandesschärfe, rücksichtslos und ohne Verzeihen, danach aber auch wieder sehr reuevoll, einsichtig und um Verzeihung besorgt. Sie offenbart sich, besonders Pfeil gegenüber, rückhaltlos.

Die Gegensätze zwischen Josephine und Pfeil werden im Jahre 1840 bereits deutlich. Einmal ist es die Literatur, dann auch die Politik. Dabei offenbart sich Pfeils konservativ reaktionäre, königstreue Gesinnung. Autoren wie die des „Jungen Deutschland“ sind ihm verdächtig; Josephine schätzt sie hoch ein (0. 11, S 3 f). Nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. meint sie (0. 36): „Alles, was er bis jetzt gethan hat, zeugt von einer tüchtigen Gesinnung , aber - nirgend von zeitgemäßem Vorschreiten - keine Garantie für vernünftige Freiheit. Er will ein guter König sein im alten Styl! Das ist alles!“ 

In der Mitte dieses Jahres schickt sie Pfeil sozusagen einen Rechenschaftsbericht über ihre ersten Liebesbegegnungen (1. 0). Ihre Ablehnung Gottfried Hermann Dürefelds begründet sie diesmal bescheiden und wahrscheinlich zutreffend, „weil ich dachte, daß keine leidenschaftliche Neigung ihn bestimmte, so könnte er leicht eine verständigere und geschicktere Frau finden, als ich geworden wäre.“ Aber gesagt hat sie dies Dürefeld nicht. Besonders genüßlich stellt sie die Affäre mit dem musikliebenden Baron du Chatel in Bury bei Ihrer Kusine dar.

Zu Pfeils Geburtstag Ende November 1840 schenkt sie ihm einen Ring mit einem „gemalten Auge“ (0. 34). Genau zehn Jahre später schickt Pfeils Schwester Clotilde diesen Ring zurück. Pfeil ist tot. 

Seit Dezember 1840 darf Pfeil alle acht Tage das Haus d’Alquen besuchen. Die Häufigkeit der Besuche und der in Arnsberg gewechselten Briefe täuschen nicht darüber hinweg, daß Josephine in ihrer Überschwenglichkeit und Pfeil in seiner Distanziertheit sich auseinanderzuleben beginnen. Die siebzehn Jahre jüngere Schwester Caroline ist bewußt oder unbewußt mit schuld daran. Sie empfindet viel für  Pfeil und scheint dies der Schwester gegenüber auszuspielen (2. 38).

Josephine beschreibt die schweren Selbstzweifel ihrer Schwester. Sie hatte in England, als Josephine sie abholte, bekannt: „Mich kann niemand lieben“. Sie habe einen „unglücklichen Charakter“. Mit Blick auf Caroline bemerkt Pfeil wenig feinfühlend (0. 47) und Josephine zitierend und analysierend: „Sie hatten ihr Leben abgeschlossen, wie Sie mich kennenlernten, Ihre Jugend lag hinter Ihnen [...].“ Zugleich versucht er eine Beschwichtigung. Und das wenige Tage, bevor er dem Tod buchstäblich ins Auge sieht.

Pfeil läßt sich am 7. Februar 1841 auf ein Duell ein. Er wird am Kopf verletzt und verliert viel Blut. Tags darauf erfährt es Josephine und teilt es Caroline mit. Caroline geht auf einen Ball; Josephine zieht es sofort zu Pfeil. Am Tage vorher hatte sie ihm noch auf den Brief geantwortet, der einer Absage ihrer Liebe gleichkam: „[...] Ihr Herz war bei dieser Angelegenheit nicht betheiligt, es war nur eine Aufgabe, die Sie sich gestellt haben. Sie glauben, sie zu Ihrer Zufriedenheit gelöst [...]“. Doch nun ist alles anders. Drei Tage hintereinander besucht sie den Bettlägerigen. Und am 16. Februar ist er schon wieder bei ihr. Das beide bewegende Thema ihrer Beziehung wird nicht mehr berührt: Es ist für Pfeil endgültig abgeschlossen, für Josephine offen. Ende Februar 1841 ist sie wieder in Bury, und Pfeil hat im März und April eine vierwöchige Dienstreise zu machen. Danach, im Mai 1841, greift das Schicksal in die Liebesprobleme der beiden ein: Pfeil wird nach Potsdam versetzt (7. 39).

Davon war im April noch nichts zu vermuten. Die häuslichen Besuche waren fortgesetzt worden. Josephine hatte Pfeil gebeten, seinen Freund Hegel, Sohn des Philosophen, der ebenfalls als Referendar in Arnsberg tätig ist, mitzubringen (0. 71). Aber nun, vier Wochen später, werden die beiden von Trennungsschmerz gepackt. Caroline übergießt Josephine mit Haß und Verachtung (2. 4), obwohl Josephine meint, ihr nur unermüdliche Sorge und Liebe entgegengebracht zu haben. Josephine hält es zu Hause nicht aus. Sie schleicht sich in Pfeils verlassene Wohnung. Sie ist leer, aufgeräumt; die Tapeten sind heruntergerissen. Sie nimmt ein paar herumliegende Papiere an sich, die sie Caroline bringt. Sie spricht sich mit ihrer Schwester aus. Anscheinend söhnen sie sich aus. Aber Josephine will ihrer Schwester niemals ihr Innerstes offenbaren. „Ich will, ich kenne kein anderes Glück als nur dich“. Dies schreibt sie Pfeil voller Liebes- und Selbstzweifel (2. 4), wobei das „Du“ keiner gegenseitigen Abmachung entsprach. Josephine erbittet sich ein Bild des Geliebten (2. 10), und prompt überbringt es ihr Hegel mit einem Brief von Pfeil (siehe Abbildung weiter oben). Erst bei öfterem Betrachten gefällt es ihr.

Nach außen hin entspannt sich die Lage, als Franz aus London um die Mitte des Jahres mit seiner Familie in Arnsberg weilt. Aber sie sehen sich nur ein paar Tage. Am 25. Juli 1841 gibt Franz dort ein Konzert. U. a. spielt er seine „Grande valse phantastique“, ein Rondo in Walzerform, und Josephine zuliebe ihr Lieblingskonzert von Hummel. Einige Duette von Mendelssohn erklingen. Caroline ist als Sängerin beteiligt. Sie und ihr Bruder Hermann regen sich auf, weil Franz die Arnsberger Notabilitäten „so etwas in Bagatell“ behandelt (2. 17).

In Mülheim, wo Josephine drei Tage bei Johann Peter Cornelius verbringt, wartet bereits wieder Reisegeld nach Bury (2. 16). Ida de Bocarmés Schwiegermutter ist tot. Ida hat ihrem Sohn das Gut übergeben. Die achtzehnjährige Tochter hat eine reiche Partie ausgeschlagen (2. 22): Gründe genug, sich mit Josephine auszusprechen. Sie hat vor Antritt der Reise noch die erfreuliche Nachricht erhalten, daß die Gehaltsrückstände des Vaters in eine Rente für die Mutter umgewandelt werden, die die beiden Töchter erben, falls die Mutter stirbt, bevor die Rente aufgebraucht ist (2. 20).

Von Bury aus schreibt Josephine an Pfeil von Ende August bis in den September   lange Erzählbriefe (2. 28): Sie habe bei Jean und Familie in Mülheim Trost gefunden, habe aber die Reise teilnahmslos hinter sich gebracht; drei Tage sei sie bei ihrem Bruder geblieben; dann sei sie mit der Bahn über Aachen und Lüttich nach Brüssel gefahren. Hier habe sie bei einem alten Freund, Dr. Perkins, übernachtet. Seine Frau sei gerade von England gekommen, wo sie Fritz in London getroffen habe, dem es gut gehe und der viel Geld verdiene. In Leuze hat sie der Wagen der Kusine erwartet. Ida habe sie mit herzlicher Natürlichkeit empfangen. Sie hat die Kinder Eugenie, Ida und den jungen Schloßherrn Hyppolite kennengelernt, der gütigste Mensch, ein sehr tätiger Landwirt. Das Gut sei fast zwanzig Jahre verwildert und wirke ausgestohlen. Das Schloß beschreibt sie als groß, im mittleren Teil sehr alt mit vier festen Türmen (Abb. s. Anhang), einer großen Terrasse, Graben, Garten mit Spalierobst an den Mauern, einem Park mit langen Alleen. Sie lädt Pfeil nachdrücklich ein, sie zu besuchen.  

Noch ausführlicher ist ihr Brief vom 27. Oktober 1841 (2. 32), der bis zum 10. November fortgesetzt wird: Sie hat das Gefühl, Pfeil gequält zu haben und will sich ihr „dummes Aussprechen“ abgewöhnen. Während sie vermutet, daß Pfeil bedeutende Eindrücke erhalte und sich entwickle, gebe es bei ihr nur Stillstand und Einkehr. Sie hat dem Drängen der Kusine nachgegeben und versprochen, sie in Paris zu besuchen. Gräfin Ida von Pfaffenhofen (s. Anhang), die bei der Kusine lebt, hat es ihr schmackhaft gemacht. Josephine will in ein paar Tagen nach England reisen und im März nach Paris nachkommen, um die Kusine im April nach Bury zurückzubegleiten. Sie beschäftigt sich wieder mit der Philosophie Krauses, den sie ausführlich zitiert. Sie kommt auf das beste philosophische System zu sprechen. Einfachheit scheint ihr ein vielversprechendes Entwicklungsprinzip in der Philosophie wie in der Technik, hier die Ablösung der Dampfkraft durch die Elektrizität. Sie berührt ohne Vorwürfe Pfeils Saumseligkeit und sein zurückhaltendes Eingehen auf ihre Briefe.

Am 15. November 1841 reist Phina zunächst zu ihrem Bruder Fritz nach London. Sie übernachtet in Courtray, reist tags darauf mit der Bahn nach Ostende und geht um Mitternacht an Bord der „Earl of Liverpool“. Spät abends am nächsten Tag ist sie in London, wohnt einige Tage im Hotel, bis Fritz sie in seiner neuen Wohnung 4 - 5 New Cavendish Str., Portland Plane, unterbringen kann. Ungeschickterweise erwähnt er einen Brief von Pfeil. Er verweigert ihr, sicher in Vorahnung ihrer verzweifelten Reaktion,  die Herausgabe bis zu ihrer Weiterreise, und als sie nun endlich unterwegs den Brief liest, ist sie erschüttert: Es ist Pfeils Schilderung des Endes ihrer Liebesbeziehung. So kommt sie in Brighton an (2. 36).

Pfeil schreibt in diesem Brief an Friedrich d’Alquen (2. 35): „ [...] Sie werden schon aus manchem wahrgenommen haben, daß unsere [seine und Phinas] Bekanntschaft einen Weg genommen hat, den Sie früher, so wie Sie Ihre Schwester kannten, nicht vermuthet hätten [...]. Wenn ich mir auch bewußt bin, während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft durchaus Nichts gethan zu haben, was ich nicht für recht und vernünftig hielt und noch halte, ebenso wenig wie Phina je etwas Unrechtes, Tadelnswerthes gethan hat, so werde ich doch immer im Innersten ergriffen, wenn ich daran denke, daß jene Zeit wohl einen heftigen, nachwirkenden Eindruck auf sie gemacht, in ihr innerstes Leben ungewöhnlich eingegriffen hat. Wünschen kann ich weiter nichts, als daß die Zeit die mildernde Lösung geben mag [...]“.

In einem Briefentwurf an Pfeil vor Weihnachten heißt es: „Mein Empfinden war ein kranker Hunger und Sie nicht mein Ernährer - meine Nahrung“ (2. 37). So klingt das Katastrophenjahr 1841 aus.

Bis Ende Februar 1842 hält sich Josephine bei ihrem Bruder Franz in Brighton, 45 Temple Street, Norfolk Square, auf. Die wahrscheinlich nie ernst gemeinte Zusage, die Kusine in Paris zu besuchen, wird nun abgeschwächt durch die Absicht, Pfeil besuchen zu wollen (3. 13). Eine Einladung zu Fritz nach London kommt ihr wie ein Wink des Schicksals vor: Sie würde sich von Brighton lösen können und von London nach Berlin reisen: „Ich möchte Sie noch einmal sehn und dann sterben“, schreibt sie an Pfeil (3. 13). Und auf die wiederholte Einladung der Gräfin Bocarmé, wenn nicht im Frühjahr so doch im Sommer nach Paris zu kommen, reagiert sie: „Ja, wenn ich lebe!“ (3. 13). Ida läßt sich nicht überreden, statt Josephine die Schwester Caroline einzuladen; sie hält sie für ein von Josephine verzogenes Kind. Als Hauptgrund vermutet aber Josephine, die Gräfin sehe Caroline in Paris als Nebenbuhlerin für ihre Tochter an (3. 13).

Ihre gestörte Beziehung zu Pfeil spielt sie herunter. Bevor sie Brighton verläßt, teilt sie ihm mit, daß sein Brief an Fritz sie „nicht weiter“ verletzt habe (3. 10). Im folgenden Brief kündigt sie ihre Rückkehr nach Arnsberg an. Sie legt einen kleinen Zettel bei: „Ich küsse und umarme Sie!“ (3. 9)  Sie werde zu Hause dringend gebraucht; Caroline habe die Bleichsucht, und ihre Mutter sei ganz zusammengefallen.

Der März beschert ihr einen Brief von Pfeil (3. 12). Sachlich teilt er ihr mit, daß er sein Examen bestanden habe. Seine Arbeit über Montesquieu sei gelobt und die über das preußische Schulwesen vorzüglich beurteilt worden. Zurückhaltend, aber erstmals deutlich stellt er seine Zuneigung zu Josephine dar (3. 12). Er kann eine „gewisse Unruhe nicht verscheuchen“ wegen seines damaligen Briefes an Fritz (3. 8). Josephine ist überglücklich und antwortet sofort (3. 15): „Wie hätte ich [diesen Brief] ohne tiefe Bewegung lesen können? Sie standen einmal wieder in Ihrem besten geistigen Feyerkleide vor mir; ich fühlte, daß Sie sich zur Aufgabe gemacht, mein ungestümes, aus dem gewöhnlichen Gleiße gewichenes Wesen durch Ihre Güte zu überwältigen. Ohne den leisesten Vorwurf zeigen Sie mir ein - ich fühle es für immer - getrübtes Glück, welches, wenn ich es mir zu erhalten gewußt hätte, alle meine Wünsche ausgefüllt hätte. - Diese fluchwürdige, alles menschlich Schöne zerstörende Leidenschaft! - Wie kann ich jemals mein fürchterliches Betragen aus dieser Zeit vergessen?“  Scham, Reue, Ergebung, Verzicht. Sie stellt Pfeil dar, daß sie ihm eine liebe Frau wünscht und schließt: „Ich hoffe, lieber Freund, Sie sind so schläfrig, daß Sie nicht mehr wissen, was Sie gelesen haben. Denn sonst hätte ich kaum den Mut, Ihnen ‘Gute Nacht!’ zu wünschen!“ Es ist ein ungewöhnlich langer Brief. Sie erwähnt ihre Kusine in Paris, die wegen der freien Verfügung über ihr Vermögen [vermutlich aus dem Erbe ihres Vaters] einen erfolgreichen Prozeß geführt hat. Sie beschreibt den Besuch bei Fritz in London, wo sie das preußische Königspaar vergeblich zu sehen hoffte. Ihr Brief offenbart Niedergeschlagenheit: „ [...] wo mich nichts als ein Blick in Dein [!] tiefes mildes Auge hätte heilen können. Es war ein Augenblick! Ich preßte die Hände aufs Herz und stieß den Schmerz in Empfindungslosigkeit zurück“ (3. 15).

An die Kusine Ida de Bocarmé schreibt sie: „Geben Sie mich auf, liebe Cousine! Mir ist nicht zu helfen! Und wissen Sie, warum? Weil ich meine Sclaverei, mein sogenanntes Glück nicht für alles, was Ihr Glück nennt, tauschen möchte!“ (3. 46) Ihre politischen Interessen sind vor ihrer Leidenschaft wie Spreu zerstoben. Weise und einsichtsvoll fügt sie der Briefkopie für sich hinzu: „Das menschliche Herz ist ein eigensinniges Ding! Es zieht den Schmerz um ein versagtes Glück jeder anderen Weise, glücklich zu sein, vor! Ist das Köstlichste nicht überaus selten? Darum kann das herrlichste Geschenk der Gottheit, die Liebe, nur wenige Auserwählte beglücken! Doch die, die um sie weinen, sind immer noch beneidenswerter als jene, die sie nicht kannten!“

Sie hat das Arnsberger hämische, schadenfrohe und auch mitleidige Geschwätz durchzustehen (3. 14, 3. 15). Aber es stört sie nicht. Sie verläßt das Haus sowieso nur zu wenigen Besuchen bei lieben Freunden, so der Familie von der Recke.

Überglücklich teilt sie Pfeil mit, daß sie für einige Trios von einem Musikalienverlag ein Honorar erhalten hat (3. 19). Sie hat die Bezahlung in der Form erbeten, daß sie alle bisher erschienenen Werke von Börne zugeschickt bekommt. Doch im nächsten Brief an Pfeil fällt sie in ihre Resignation zurück: „ [...] Wenn man nichts sein kann in der Welt, so ist es immer noch etwas, unglücklich zu sein; es ist doch ein Gefühl des Lebens [...]“

Pfeil antwortet ihr im September (3. 34), er fühle eine starke Bindung an sie, die er lösen wollte, aber er gebe auf. Er habe Sehnsucht, sie sofort wiederzusehen. Josephine schickt ihm ihr zweites „Blaues Buch“ zur Vernichtung (3. 56). Darin sei enthalten die „detaillierte Geschichte meiner zwanzigjährigen fürchterlichen Leiden und mein Verhältnis zu meiner Schwester [Caroline]“. Nicht nur Caroline quält sie mit ihrem aufwendigen Lebensstil. Auch der jüngere Bruder Hermann mute ihr Unangenehmes zu: er tue nichts, habe lebensferne Illusionen, ertrotze von der Mutter alles, er spiele die dominierende Rolle im Hause. Er mache Schulden, was häufig zu unehrenhaften Auftritten mit Gläubigern führe, die Geld von der Mutter haben wollten. Quälend sei „der unehrenhafte Anstrich, den er unserem Hause mittheilt“ (4. 7).

Im nächsten Brief (3. 60) gesteht sie ihm, daß sie fünfzig Taler gespart habe, um ihn in Potsdam zu besuchen. Aber der schlechte Gesundheitszustand der Mutter mache dies unmöglich.

Josephine flieht in die Einsamkeit des nahegelegenen Waldes, in das „Eichgehölz“ (Abb. 6, 3. 77). Sie bereitet das Essen für Mutter und Schwester, aber sie ißt nicht mit ihnen. Die Ruhe im Wald, wo sie stundenlang verweilt, ist ihr wichtiger. Sie nimmt Papier, Tinte und Feder mit. Es ist November geworden, Jagdzeit. Sie wird fast von einer verirrten Gewehrkugel getroffen, empfindet aber keine Furcht, eher als ob etwas Erwartetes, Eile Forderndes über sie gekommen sei: „Du mußt ja erst geschwind Pfeil seine Sachen schicken!“ Sie steht auf, setzt sich wieder. „Ja, ich lebe provisorisch!“ (3. 77)

Das "Eichgehölz"
Abb: Das "Eichgehölz" im Arnsberger Wald (aus Mielert, s.d. Bd. 4) wohin sich Josephine vor ihrer Familie zurückzog und wo sie Sammlung für literarische Arbeiten fand.

Im gleichen November trifft Franky ein, der Sohn ihres Bruders Franz aus Brighton, ihr Liebling, dem sie all ihre Zuneigung geben kann, während die Auseinandersetzungen mit der Schwester immer heftiger werden (4. 13, Nr. 7). Franky ist ihr ein Trost: „Kinder gehören mit zu den Träumen, die die Menschen jung erhalten“ (4. 1, Nr. 14). Sie hat noch andere Träume, Pfeil: „Sie sind mein Traum! Der Gedanke, die Seele meiner Seele!“ (4. 1)

Aus ihrem Brief vom 19. bis 23. April 1843 an Pfeil (4. 2) erfahren wir manches über die Familie, z. B. daß ihr jüngster Bruder Carl nach Paderborn übergesiedelt sei: „Seine Stimme hat ihn dahin gebracht. Er ist Solobassist am Dom“. Die Kinder hatten nie Musikunterricht außer bei einem sehr mittelmäßigen Klavierlehrer, der die drei Ältesten ein „paar Jahre dumm machte“. Die Musik „war wie eine Sprache, die im Hause gesprochen wurde, und wie ein Kleines den Mund auftun konnte, plapperte es mit“. Fritz halte sich in Brighton auf, um seine Krankheit und Hypochondrie auszukurieren. Als „Nachkur [werde er] vaterländische Luft brauchen“. Es wäre die erste Reise des Exilierten nach Preußen. Seit Januar sei Fritz in London Mitglied und einziger Korrespondent der k. u. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien, was ihn zugleich mit den ersten Ärzten in England in Verbindung gebracht habe. Mit seinem deutschen Jurastudium konnte er in England nichts anfangen. Nun kam anscheinend sein Zweitstudium zur Geltung. Franz will sich dieser Reise nach Arnsberg anschließen, und Caroline will Fritz nach London begleiten. Hermann werde im September ausziehen. Damit schrumpfe der Haushalt auf zwei Personen zusammen.  

Den Brief vom 25. April 1843 siegelt Josephine mit einem Familienwappenpetschaft: der obere Teil des Wappens ist stark zerdrückt, doch erkennt man den Löwen, in der unteren Hälfte schwimmen die drei Entlein wie auf dem Wappengrabstein Johann Leonhard Dalkens von 1736. Zum Brief vom 1. Juli (4. 2) verwendet sie einen Siegelring mit dem gleichen Wappen: der Löwe in Rot, die Vögel in Blau gemäß der gut erkennbaren Schraffur. Beides stammt aus dem Besitz ihres Vaters.

Josephine schreibt unentwegt an Pfeil, allein im Juli 1843 fünf lange Briefe. Aber seit neun Wochen schweigt er. Daran muß sie sich nun gewöhnen. Sie erzählt ihm (4. 2, 20. - 24. 6.), daß sie ihre Brüder aus England für vier bis sechs Wochen erwarte. Am 27. Juni treffen Franz und Franky ein, Fritz tags darauf. Sie wohnen außerhalb, aber „von Fritz haben wir fast alle nichts“, denn eine uralte Liebesgeschichte mit Fanny Grewe ist wieder aufgebrochen, und Josephine meint, es seien „nur wenig so geschaffen, sich unglücklich zu machen wie Fanny und Fritz. [...] Franz protegiert die Fanny“.  

Endlich antwortet Pfeil am 24. Juni (4. 2). Da ihm die Beteiligten aus seiner Arnsberger Zeit noch bekannt sind, will er sich in die Liebesaffäre einschalten, die er für eine Krankheit hält. Schließlich verlobt sich Fanny mit einem Siegener. Wir erfahren nichts darüber, wie es Fritz aufnimmt.

Josephine spürt etwas Zwanghaftes aus Pfeils Briefen (4. 2, 28./30.9.) und schreibt ihm: „Sie finden es gewiß wünschenswert, daß unsere Korrespondenz hier abbricht“ (4. 2, 29. 9.). Bis zum Ende November schweigt Pfeil. Dazwischen meint sie, daß sie sich nichts mehr zu sagen haben. Sie fühlt sich Pfeil gegenüber schuldig. „Ich muß durchaus machen, daß ich aus diesem widerlichen Nest fortkomme [...], womöglich vor dem Winter noch“ (4. 2, 9./10. Okt.). Am 3. November will sie einen Schlußstrich ziehen: „Ich befehle Ihnen jetzt, mir nicht zu schreiben“ (4. 2). Und fünf Tage darauf: „Pfeil, warum quälen Sie mich?“ Endlich trifft Post von Pfeil ein, datiert vom 20. November, von der Post abgestempelt am 29. November (4. 2). Er ist erschüttert über die neu eingetretene Entwicklung, zeigt ehrliche Anteilnahme an ihrem freudlosen Dasein und gibt sich schuldbewußt. Und Josephine bemerkt am Rand seines Briefes: „So elend, so elend! O Gott, womit habe ich verdient, so elend zu seyn. [...] keinen November laß mich mehr erleiden!“ Es ist  Pfeils Geburtsmonat.

Das Jahresende klingt aus in Sorgen um das Gnadengehalt für ihre Mutter, wozu sie nochmals wie vor drei Jahren Herrn von Pachelbels Hilfe in Berlin erbitten muß. Ein entsprechendes Gesuch an den König ist dem vorausgegangen. Die andere Sorge ist Pfeil. Eine Stunde vor Mitternacht am 31. 12. 1843 schreibt sie ihm (5. 1): „Sogleich, d. h. in 60 Minuten wird sich wieder ein Jahr, vielleicht das traurigste, leerste meines ganzen Lebens - vollendet losreißen und zu den tausend und tausend hinweggeschwundenen versammeln! [...]“ Auf Pfeil warten schwere Vorwürfe. Sie fordert ihre Briefe von ihm zurück.

Im Jahr 1844 unternimmt Josephine erste Versuche, sich trotz des Verantwortungsgefühls für ihre gerade wieder einmal genesene Mutter vom Haus zu lösen. Sie hat eine Frankfurter Freundin, Minna Kirchner, der sie sich anvertraut. Diese Freundin unterhält Kontakte zu dem Heidelberger Philosophie-Profressor und Krause-Herausgeber Freiherrn von Leonhardi, Schwiegersohn Krauses, und der wiederum hat sehr enge Verbindungen zu dem Pädagogen Friedrich Fröbel (6. 17). Sich selbst analysierend, kommt Josephine zu dem Ergebnis: „Ich habe Gaben, aber keinen Muth. [...] Das sagt mir meine Cousine, mein Bruder Franz, [sie] schlagen mir Stellungen fürs Leben vor. Sie kennen die Gaben, begreifen aber nicht, daß Muth dazu gehört, sie in Bewegung zu setzen. So sagt mir Franz: ‘Du weißt und kannst mehr in deinem kleinen Finger als Caroline in ihrer ganzen Person und willst nur Caroline vorschlagen für etwas, was du nicht unternehmen zu können glaubst’. Ich: ‘Wäre es wirklich so, ich würde demnach Caroline aus Ehrlichkeit der Welt vorschlagen, weil sie ihr nagelgroßes Wissen und Können für die Welt breitzuschlagen versteht, womit der Welt einzig gedient ist’ “.

Wieder einmal will Ida von Bocarmé helfen (5. 90). Sie schickt Josephine die Skizze eines Romans, an dem sie sich beteiligen soll. Sie lehnt ab. Das Werk kommt ihr als Verherrlichung des Katholizismus vor. Sie wundert sich, daß Ida trotz ihrer zehnjährigen Abwesenheit auf Java keine geistige Unabhängigkeit erworben hat. Die Gräfin indessen fühlt sich wohl in ihrer Welt, „immer behaglicher in ihrem Paris; in ihrem Salon sieht sie ausgezeichnete Literaten, Künstler; bedeutende Männer und Frauen um sich. Den unbefangenen Verkehr, wo jeder das gilt, für das er sich geltend zu machen weiß, macht sie nach den traurigen Erfahrungen, die sie in dieser Beziehung in Deutschland und bei ihrer steifen, landjunkernden Verwandtschaft in Belgien hat machen müssen, überglücklich. Sie ist ganz ärgerlich auf mich, daß ich kein Französisch spreche - sie meint, ich solle in aller Geschwindigkeit so und so viele Haupt- und Zeitwörter auswendig lernen und übersetzen usw. Mit etwas gutem Willen gäbe die Praxis das übrige! - Versteht sich alles, nur um ihr Eldorado mit mir theilen zu können! Dazu fehlt mir der Muth!“ (5. 10)

Im gleichen Brief an Pfeil erwähnt sie Fritz in London: „Seine medizinischen Arbeiten finden Beachtung und erwerben ihm nützliche Freunde“. Auch politisch sei er sehr engagiert als Anhänger Daniel O’Connors [1774 - 1847, des irischen Politikers, der für die Katholiken-Emanzipation und die Trennung des britischen und irischen Parlaments kämpfte]: „Ein fremdes Land hat ihm gegeben, was das Vaterland in ihm geächtet: - den Lebensathem des Geistes, der Vernunft: Das ist Freiheit!“

Wie Fritz die Emanzipation der unterdrückten irischen Katholiken am Herzen liegt, so Josephine die Emanzipation der Frau. Im Nachgang zur Lektüre des verhaßten Sternberg bricht sie aus: „ [...] sagt denn mal ehrlich, warum sind die Frauen, die ihr genial nennt, die sich etwas über das Niveau der gewöhnlichen Stagnation erheben, in der Regel unglüklich? Weil die Welt - die Gesellschaft zu roh, zu bornirt, zu boshaft dumm ist, um solchen Frauen Glük, Stellung, Erziehung zu geben! Und wenn sie sich nun um diese drey Güter, die eins das andere bedingen, wenn sie sich um ihr bestes Selbst betrogen sehen, dann sollen sie noch die Empörung über das, was sie gehemmt, verstümmelt, verdorben, in sich verschließen, damit die Gemüthsruhe der Welt nicht gestört, damit diese ja fein im alten Gleise bleibe!“ (5. 61)

Der junge Wilhelm von der Nahmen, Sohn des Hauswirts ihrer neuen Wohnung, ist begeisterter Bewunderer von Karl Marx. Dieser Student, den Josephine als Kommunisten und Sozialisten charakterisiert, später Arzt in Rheydt, trifft sich öfter zu Gesprächen mit ihr. Er nennt sie „schlau“, wogegen sie sich wehrt (6. 101): „Ich bin gerade das Gegentheil, was man im gewöhnlichen Leben schlau nennt [...]. Aber ich habe Augen für kleine Erscheinungen, d. h. ich verbinde dieselbe[n] mit Gedanken, sehe sie im Zusammenhang entweder der ganzen Person oder irgendeiner Sache. Es ist dies eine Sensibilität, die Gefühligkeit des Denkens, und der Gegensatz von dem, was ich roh nenne. Sie tadeln, daß ich zu viel über mich schreibe und denke. Sie wissen bloß nicht, durch welche entsetzliche Roheit dieser Sensibilität gegenüber ich - mit Rahel [Varnhagen von Ense, eine emanzipierte Literatin ihrer Zeit] zu sprechen - dazu geprügelt worden bin, mich bis in kleinste Erscheinungen hin zu anatomisiren, auf alles und jedes durch mich zu antworten [...]. Und diese ganze Welt, alles was mich im Innern beglükte, was ich mit Ringen und Kämpfen Wohltätiges für andere in Jahren aufgebaut, vernichtet, [das] zertritt eine fremde Roheit, die ihre Freude, ihre Befriedigung des Neides, der leeren Anmaßung, Rache, Eitelkeit [hat], die sich beleidigt fand durch dieses fremde Leben - - - o Gott wie oft will ich [aus] diesem Abgrund meiner Schmerzen - aufschreyen aus der Öde, die diese Roheit [in] mir geschaffen“.

Diese Roheit, der sie nicht gewachsen ist, entspringt aus dem Haß ihrer Schwester Caroline. Vielfältig sind in ihrer Korrespondenz die Hinweise auf das auszeh­rende Mißverhältnis (z. B. 2. 23), gegen das es keine Wehr, kein Sichdurchsetzen gibt. Josephine bleibt zurückgewiesen in einer Öde der Resignation und Hilflosig­keit. Was ihr bleibt, ist ihr nicht beheizbarer Dachverschlag, ihre Literatur und vor allem ihr umfangreicher Briefverkehr, besonders der mit Pfeil. Eine schriftliche Abrechnung mit ihrer Familie beginnt sie; anscheinend ist sie über die Einleitung (5. 56) nicht hinausgekommen oder sie hat den Rest vernichtet.

Im Juni 1844 bricht der Vulkan des schlesischen Weberaufstands aus. Das Beben hatte sich schon lange vorher angekündigt. Die Verelendung der schlesischen Weber war unbeschreiblich, d. h. eine Beschreibung wurde versucht: Bettina von Arnim, Schwester des Romantikers Klemens Brentano und Goethe-Freundin, sammelte seit 1844 Dokumente darüber. Sie beabsichtigte die Herausgabe ei­nes „Armenbuches", unterließ es aber aus Sicherheitsgründen und wegen der Verdächtigung, sie sei Sozialrevolutionärin.

Der unerschrockene Dichter Freiligrath veröffentlichte im März 1844 eine brisante Anklage „Aus dem schlesischen Gebirge", die wesentlich zum Ausbruch des Aufruhrs beitrug. Das verbreitete Gedicht erzählt die Geschichte eines Jungen, der mit einem Päckchen Leinwand in die Stadt geschickt wird, es dort zu verkau­fen. Aber auch die Anrufung Rübezahls nützt ihm nichts; er wird seine Leinwand nicht los. Wenn er sie aber verkauft hätte: „ [...] Dann trat ich froh ins kleine Zim­mer und riefe: Vater, Geld genug! Dann flucht' er nicht, dann sagt' er nimmer: Ich web' euch nur ein Hungertuch! Dann lächelte die Mutter wieder und tischt' uns auf ein reichlich Mahl; dann jauchzten meine kleinen Brüder - O kam', o kam' er! Rübezahl! Rübezahl! - So rief der dreizehnjähr'ge Knabe; so stand und rief er, matt und bleich. Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe flog durch des Gnomen altes Reich. So stand und paßt' er Stund' auf Stunde, bis daß es dunkel ward im Tal und er halblaut mit zuckendem Munde ausrief durch Tränen noch einmal: Rübezahl! - Dann ließ er still das buschige Fleckchen und zitterte und sagte: Hu! Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen dem Jammer seiner Hei­mat zu. Oft ruht er aus auf moos'gen Steinen, matt von der Bürde, die er trug. Ich glaub', sein Vater webt dem Kleinen zum Hunger- bald das Leichentuch! -Rübezahl?!" (Freiligrath's Werke, hg. v. Paul Zaunert, Leipzig/Wien [1912], S. 323 ff)

Wesentlich schärfer ist das anonyme Kampflied der schlesischen Weber „Das Blutgericht", in dem sie die Textilherren, die ihr Elend verursachen, beim Namen nennen: „ [...] Hier wird der Mensch langsam gequält, hier ist die Folterkammer, hier werden Seufzer viel gezählt als Zeugen von dem Jammer. - Die Herren Zwanziger die Henker sind, die Dierig ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt, anstatt was zu verbergen. - Ihr Schurken all, ihr Satansbrut, ihr höllischen Dämone, ihr freßt der Armen Hab und Gut, und Fluch wird euch zum Lohne - [...] - Nun denke man sich diese Not und Elend dieser Armen. Zu Haus oft keinen Bis­sen Brot. Ist das nicht zum Erbarmen! [...]" ( 1848, Der Vorkampf deutscher Einheit [...], hg. v. Tim Klein, Ebenhausen u.a. 1914, S. 81 f)

Der Aufstand eskalierte in der Zerstörung von Fabriken und Spinn- und Webmaschinen. Preußisches Militär wurde eingesetzt. Es gab Tote. Auch Heinrich Heine hatte sich aus Paris zum Weberaufstand mit seinem Gedicht „Die schlesischen Weber" gemeldet: „ (...) Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, den un­ser Elend nicht konnte erweichen, der den letzten Groschen von uns erpreßt und uns wie Hunde erschießen läßt - Wir weben! Wir weben! [...] Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, wir weben emsig Tag und Nacht - Alldeutschland wir we­ben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch, wir weben, wir weben!"

Das Gedicht schreibt der Bonner Student Jung aus Arnsberg für Josephine ab (5. 40). Sie schickt es kommentiert an Pfeil weiter und tritt über dieses Thema mit ihm in eine Diskussion ein (4. 13, Blatt 12). „Nach Ihrer [Pfeils] Ansicht tragen die De­mokraten die Schuld - aber ich frage Sie: Haben die Demokraten den Hunger­typhus geschaffen? - Würden sie ohne diese schauderhaften Bundesgenossen irgendeinen Halt gefunden haben? Seien Sie aufrichtig und gestehen Sie, daß eine 30jährige [...] Mißhandlung aus dem fleißigen Protestanten und nüchternen Schlesier den heutigen provoziert hat. [...] Das brutale Zusammenkartätschen kann das vorliegende Bedürfnis nicht aus der Welt schießen."

Sie denkt zurück an die Zeiten, als sie sich in Arnsberg kennenlernten, und erinnert ihn an seine damalige Haltung (4. 13, Blatt 15), daß er: „ [...] noch ganz in dem absolutistischen Preußentum" steckte, „wo eine skeptische Miene gegen­über Ihrem Götzen schon als Hochverrat empfunden wurde, von da ab aber ein fremdes, destruktives Element die Fugen der chinesischen Mauer auseinander zu treiben begann. So hoffe ich, daß dieser kräftigende, belebende Hauch dieser befreiten Menschenbrust die letzten Schatten alter Gespenster vor sich herjagen und Ihre Befreiung vollenden wird!"

Sie wird seine Befreiung nicht zustande bringen, aber sie wird die Genugtuung erleben, daß Pfeil seine unerschütterliche Autoritätsgläubigkeit und Obrigkeits­hörigkeit auf Grund ihres Einflusses und der von ihr empfohlenen Literatur über­windet.

Die Erkrankung der Mutter zieht sich von März 1844 bis in den Juni hin (5. 9, 5. 64, 5. 98). Sie schreibt an die Kusine Ida und teilt dies Pfeil mit. „Gegenwärtig krank von einem vier Bogen langen Brief - alle Schmerzen aufregenden Brief an die Kusine, die mich von Arnsberg erlösen muß! - Ich will nicht mehr existieren." Im Monat darauf kommt Ida nach Arnsberg, nachdem sie Pfeil in Potsdam begeg­nete. Ida hat eine Sorge weniger: sie hat ihre Tochter Ida an den „spanischen Grafen Pizarro, Urenkel des spanischen Conquistadors" verheiratet; das Paar wird nach Havanna abreisen (5. 18). Über das Zusammentreffen Idas mit Pfeil erfahren wir nichts Weiteres. Fritz will im September kommen, doch erst nach der Hochzeit seiner Jugendliebe Fanny (5. 18).

Fritz trifft im August ein, und „wenn ich dem hinzufüge, daß er drei Wochen hier war, so habe ich alles gesagt" (4. 2). Eine weitere bittere Enttäuschung trifft sie Ende Oktober: Pfeil, der die Reise zu seinem neuen Dienstort Saarbrücken in

Amsberg unterbricht, arrangiert seinen Aufenthalt so, daß er Josephine nicht allein trifft, sondern in einer großen Gesellschaft (7. 39). Sie hat das deutliche Ge­fühl der Ablehnung, des Endes einer Liebe (5. 106). Erst vier Wochen später er­klärt er die Umstände, warum sie sich in Amsberg nicht anders begegnen konn­ten (5.32).

Josephine plant die Veröffentlichung eines Notschreis zu ihrer Lage und bittet Professor v. Leonhardi in Heidelberg um ein Urteil hierzu (6. 40). Sie hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten und ist für ein paar Wochen zu der verwitweten Regierungsrätin Franzmahdes nach Meschede übergesiedelt. Und hier entwirft sie diesen Aufruf: „An jene Menschenfreunde, die von Gott nicht bloß mit Glücksgü­tern, sondern auch mit einem fühlenden Herzen gesegnet sind, die das Bedürfnis haben, die Leiden ihrer Mitmenschen zu lindern: an diese wendet sich eine Un­glückliche, eine in ihrem ganzen Seyn Gestörte und Verwundete, die sich durch Leblosigkeit ganz vernichtet fühlt, mit der Bitte: sie aufzunehmen, ihr etwas Liebe und Theilnahme zu schenken, damit sie aus diesem Gefühl des Elends erlöst werde, wofür sie ihr ganzes Leben dem Danke ihrer Wohlthäter verspricht! [...]"

Diesem Akt der Selbstdemütigung folgen weitere. Sie sucht verzweifelt Stellungen als Gouvernante oder Haushälterin, so beim Oberforstmeister von Löw in Wetzlar (5. 25), wofür sie sich schließlich nicht entscheiden kann. In diesem Wi­derstreit von Enttäuschungen, von Hoffnungen und Zurückweisungen endet das Jahr 1844.

Im Februar des neuen Jahres 1845 meldet sich Professor v. Leonhardi, um Josephine zwei praktische Vorschläge zu machen (6. 12): 1. sie könne eine Kinder­gärtnerinnenausbildung bei Friedrich Fröbel machen, 2. sie könne als Kinder­mädchen und Mamsell bei einer befreundeten, norddeutschen Professorenfa­milie arbeiten; gefordert würde nähen, plätten, feine Wäsche besorgen, Kleider machen, ordentlich bürgerlich kochen und servieren. Eine unheizbare Schlaf­kammer stehe zur Verfügung. Dies Angebot mache man aus Mitgefühl für ihr Geschick und um ein geistig gebildetes und denkendes Wesen um sich zu ha­ben.

Sie antwortet umgehend (6. 12, 2, S. 7). Nach einer vorsichtigen und sehr zurückhaltenden, aus Voreingenommenheit resultierenden Abwehr gegen Norddeut­sche wird sie sehr deutlich: „ [...] statt menschlich-schöne durchbildete Natur, eine durch Bildung hochgeschraubte Unnatur, mit Prätension Sittlich - expresse Moral, expresses Christenthum - das Ich stets auf beredter Zunge schwebend -gespannte Verwendung aller pekuniären Kräfte auf die Außenseite des Lebens [...]", - so sieht sie die Norddeutschen. Sie fährt fort: ,, Sie müssen mir verzeihen, aber diese Mamsell, diese Schlafkammer [...] und dieses splendite Offeriren von Idealität [...], nein, obgleich ich alles das in Rede stehende kann - kann ich es doch nicht so [...]". Und zu dem anderen Angebot, der Ausbildung als Kinder­gärtnerin, „fehlt mir wohl die Elastizität, wie Sie sagen, um solchem Beruf genü­gen zu können. Es ist fast traurig, wenn der Mensch keine Illusionen mehr über sich hat".

Weder wird Leonhardi seine Idee aufgeben, Josephine für Fröbel zu gewinnen, noch Josephine die Illusion, doch noch mit Fröbel zusammenzuarbeiten, und wenn es nur als Propagandistin seiner Ideen wäre oder ihm täglich diese und jene Suppe zu kochen (6. 42). Die Amsberger Freunde von der Recke, die nach Berlin übergesiedelt sind, raten Josephine zur Vorsicht; sie solle die finanzielle Seite der Angelegenheit genau prüfen. 300 Taler braucht sie während der Aus­bildung; Reckes sind bereit, ihr 50 Taler dazu zu stiften. Fritz aus London will auch etwas geben, und dann soll das Ministerium in Berlin um einen Zuschuß angegangen werden (6. 64). Fröbel s