Die ältere westfälische Linie
Gräfin Ida Pfaff von Pfaffenhofen


Ähnlich wie im Falle ihrer Kusine Ida de Bocarmé blieb der völlig mittellosen Josephine d’Alquen aus Gründen der Rationalität nicht viel anderes übrig, als die Einladung auf eine Monate dauernde Gastfreundschaft bei Ida von Pfaffenhofen anzunehmen. Josephine hatte nichts anderes und mehr zu bieten als ihre Persönlichkeit, ihre herausragende Musikalität und den großen Umfang an literarischer und philosophischer Bildung. Gebraucht wurde davon auf Oberwerth anscheinend wenig oder nichts, eher allerdings Josephines handwerkliches Geschick im Nähen, so daß sie mit der Zeit verstärkt das Gefühl entwickelte, nicht eigentlich gebraucht, sondern mißbraucht zu werden

So positiv ihre brieflichen Mitteilungen über den Aufenthalt auf der Insel Oberwerth vor Koblenz im Rhein, der Besitzung der Gräfin, zu Beginn des Aufenthalts wirken, um so negativer gegen das Ende, anscheinend in Mißmut, Verärgerung und Ablehnung. Josephine erkannte die Großzügigkeit der Gräfin an, sah aber andererseits keinen Ausweg aus den finanziellen Belastungen durch den langen Aufenthalt.

Die entstanden z. B. durch den Zwang, nach Koblenz überzusetzen, in die Stadt zu fahren, ihre Wäsche in der Wäscherei abzugeben, wieder nach Hause zu gelangen und dies alles zu wiederholen. Mit Ida de Bocarmé hatte sich Josephine  in dieser Hinsicht leichter getan: neben dem Reise- war ihr ein Taschengeld spendiert worden. Aber so weit zu gehen, verbot sich wohl bei der nicht verwandten Ida von Pfaffenhofen.
 
Ida war die ledige Tochter des Lütticher Stiftsherrn Grafen Franz Simon Pfaff von Pfaffenhofen (1753 - 1840). Er hatte sie adoptiert und so gesichert, daß sie seinen Namen und sein Vermögen erben konnte. Die Pfaff von Pfaffenhofen stammten aus Tirol und gehörten dem österreichisch-erbländischen Grafenstande an. Der Graf hatte einen Bruder, mit dessen Sohn die Familie im Mannestamm erlosch, nicht jedoch der Name. Ida heiratete den polenstämmigen Freiherrn von Chledowski, dessen Nachkommen seit 1884 den Namen Pfaffenhofen-Chledowski führen durften. Neben den Gütern Reissenberg und Rothenhaus in Österreich gehörten den Pfaffenhofen umfangreiche Besitzungen in Frankreich. Wegen dieser Güter hatten sie Prozesse mit der älteren Linie des Hauses Bourbon zu führen.

Josephine teilt in ihrem Nachlaß mit, daß sie über ihren Aufenthalt auf Oberwerth ein Tagebuch geschrieben habe, das allerdings nicht auffindbar ist. Der Zufall will es, daß der Freund ihres Bruders Johann Peter Cornelius, nämlich Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, ebenfalls zu Ida von Pfaffenhofen in engeren Kontakt geriet. In seinen Erinnerungen , Band III, S. 726 f schreibt er: „Keine geringe Gefahr bestand in diesen Tagen [der Ruhrepidemie], nach einer Insel entführt zu werden, und zwar nach keiner sehr fernen, sondern nach der Insel Niederwerth [sollte Oberwerth heißen], die im Rhein oberhalb Koblenz liegt. Dieselbe gehörte einer jungen Gräfin Pfaffenhofen, der Tochter eines hochgestellten katholischen Gliedes des Trierer Domkapitels, wenn nicht des Kurfürsten selber, die vor langen Jahren als die wünschenswerteste Eroberung des Oberrheins galt, da sie sowohl reich als unabhängig war und sich durch eine sorgfältige Erziehung auszeichnete. [...]

Die junge Dame, welche ebenfalls Besitzungen in Paris oder in Nähe dieser Stadt hatte, lebte öfter zeitweise dort und machte bei solcher Gelegenheit die Bekanntschaft mit einem jungen polnischen Flüchtlinge, dessen Vater in dem Aufstand von 1845 in Galizien von den Bauern erschlagen worden sein soll. Der junge Mann lebte in Paris als Musiklehrer, spielte sehr fertig Klavier, wußte sehr trefflich allerlei Weisen und Läufe aneinanderzureihen, ohne je etwas Gründliches gelernt, etwas Gediegenes geleistet zu haben.

Er war gerade der Mann, in einem Salon zu glänzen. Er bewarb sich um die Gunst der schönen Pfaffenhofen und kam bald als deren Gemahl, die Rheininsel, die allerdings ein schönes Landgut mit ehemaligem Kloster enthielt, in Besitz zu nehmen. Im Laufe der Monden und Jahre zeigte es sich, daß der Gatte namens Chlandowski [so!] auch bei den guten Eigenschaften seines Volkes einen Erbfehler - die Leidenschaft des Spiels - mit nach Deutschland gebracht hatte.

Er reiste viel zu den Bauern umher und verspreute dabei viel vom Besitz seiner Gattin. Jetzt besaß er freilich die Insel noch, aber wie ich von guter Seite erfuhr, war ihm von seiten tüchtiger Geldkräfte soviel darauf vorgeschossen, daß er stündlich außer Besitz gesetzt werden konnte. Seit Jahren hatte der etwas herabgekommene Abenteurer die weiten Räume des Inselgutes an Fremde, meist Engländer vermietet, für deren Bewirtung er dann eine wohl lohnende Küche führte.

Diese Wirtschaft hatte meine Tante Leonore Butte auf der Insel geführt, mit der Pfaffenhofen einst gut bekannt, dann befreundet. Diese suchte mich nun als Erzieher für die Jugend zu gewinnen, welche bereits auf dem Eiland heranwuchs. Die Gräfin selber kam mit ihrem Gemahl nach Königswinter, stellte mir die Jugend vor, suchte mich mit dieser auf die Insel hinüberzulocken. [...] Die Verhältnisse der Leute waren zu heruntergekommen, das Beispiel des Leichtsinns für die Kinder zu nahe gelegt. Dann scheuchte mich die Mutter des Eilandbesitzers ferner, welche den ganzen Tag tabakschmauchend an der Türe saß.“

Soweit die Erinnerungen Zuccalmaglios, der keine genauen Zeitangaben zu den Ereignissen macht. Sie dürften sich nicht lange nach Josephines Abschied von Oberwerth im Februar 1846, etwa 1850 bis 1855, zugetragen haben. Danach taucht der Name der Gräfin in Josephines schriftlichem Nachlaß nie mehr auf. 

Wie es der Zufall will, gerät der Name Pfaffenhofen-Chledowski noch einmal mit unserer Familie in Verbindung. Robert Kaiser, Sohn meiner Tante Käte Kaiser, geb. Dalquen, arbeitete ab 1950 mehrere Jahre bei einer französischen Dienststelle im Koblenzer Schloß mit dem letzten männlichen Nachkommen der Pfaffenhofen-Chledowski zusammen (gemäß einer brieflichen Mitteilung der Witwe Erika meines Vetters vom 17. 3. 1997).

www.dalquen.info