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Die
ältere westfälische Linie
Sanitätsrat
d'Alquen - der Mülheimer Tondichter
Aus " Die
Vorzeit " von
Montanus (Vincenz
von
Zuccalmaglio)
3. Auflage,
II. Band,
Seite 263 ff.
Wohl
selten hat jemand mit so vielseitiger Bildung, mit
künstlerischer Begabung und
tiefem Fachwissen eine edlere Gesinnung und größere
Anspruchslosigkeit verbunden, als der schlichte Arzt Dr.
d'Alquen zu Mülheim am
Rhein. Als berufstreuer Arzt,
als Gelehrter
und als humaner Mensch war er gleich ausgezeichnet. Was sein Andenken
aber am längsten erhalten wird, waren seine
Tonschöpfungen.
Johann
Peter Cornelius d'Alquen war am 17. September 1800 zu Schloss Wasserlos
bei
Seligenstadt geboren. Sein Vater, der die Aufmerksamkeit des damaligen
Preußischen Ministers
Carl von Stein auf sich
gezogen hatte, wurde 1808 als Regierungsrat nach Arnsberg berufen. Hier
besuchte der Knabe, von acht Geschwistern der
älteste, die Schule, dann das Gymnasium zu Münster
und erhielt, noch nicht 17
Jahre alt, die Reife zur Hochschule, mit welcher er drei Jahre in
Gießen und 2
Jahre in Berlin zubrachte.
Neben
seinem Berufsfache der Arzneikunde hatte er die damit verwandten Fächer
der Naturlehre mit Eifer ergriffen und sich dem Studium der klassischen
Tonwerke, an welche
sich damals C.M.v.Weber und
Bernhard Klein angeschlossen, hingegeben.
Trotz der Frühreife, womit er den gewöhnlichen
Bildungsgang weit überflügelt
hatte, trat er, körperlich kräftig und geistig frisch
ins Berufsleben ein.
Im
Jahre 1824 ließ er sich zu Mülheim als Arzt nieder
und hat hier fast 40 Jahre hindurch
mit seltener Berufstreue ausgeharrt. Er hat in
dieser Zeit wohl keine Nacht
außerhalb
Mülheim zugebracht. Alle seine Reisen beschränkten
sich auf nachmittägliche
Fahrten zu ländlichem Krankenbesuche, den er häufig
zu botanischen Ausflügen
in Gesellschaft wissbegieriger Freunde
benutzte. Selbst die Aufführung seiner eigenen musikalischen
Werke in den
Orchestern zu Köln, Schlebusch und Burscheid vermachten ihn
nie auf die wenigen
Stunden seinem Berufskreise zu entlocken. Er gestand einem
Freunde, der
ihn bat, ein Konzert in Köln zu besuchen: dass
aller Tongenuss für ihn vereitelt sei, wenn ihm einfalle, dass
irgend ein Mülheimer
Kranker, der während der Abwesenheit nach ihm sende, auch nur
eine halbe Stunde
ohne Rat und Hilfe bleibe. Bei all dieser Zähigkeit aber, mit
welcher er aus lauterer
Gewissenhaftigkeit an der Scholle
haftete, ging er geistig doch nicht zurück. Wie
Schiller durch Göthes
Augen die Schweiz sah, so dass er den Teil mit richtigen Lokalfarben malen
kannte, so wusste d'Alquen im ganzen Vaterlande
durch Reisende,
die bei ihm
einkehrten, Bescheid. Es ging ihm damit wie dem Rat Deycks zu
Opladen,
der aus Berichten die Welt kennen gelernt hatte, so dass er über
manche
Verhältnisse fremder Länder besser Bescheid wusste
als ein Eingeborener.
Gleich bei seiner
Ansiedelung in Mülheim nachte er zwei Bekanntschaften, die ihn
für sein ganzes
Leben begleiteten. In dem Hause des Oberstlieutenants von Zuccalmaglio
lernte
er dessen Enkel Anton Wilh. von Zuccalmaglio (Wilhelm von
Waldbrühl) kennen,
der mit ihm gleichen Alters, gleicher Gesinnung und gleichen Bildungsstrebens ihm die
Texte zu seinen
Liedersätzen lieferte. Beider Freundschaft währte bis zum
Grabe.
Im Hause des
Kaufmannes Haeke wurde er eben so fürs Leben verbunden. Im
Frühlinge 1831 führte er dessen zweite Tochter Therese zum
Altar. Dieser Ehebund wurde nie durch die leichteste Wolke getrübt
und gab das herrlichste Musterbild eines schönen segenvollen
Familienlebens. Vier Sohne wuchsen freudig heran zu
selbstgewähltem Berufe. Jeden Abend pflegte er unter seinen
Kindern zuzubringen, belehrend und zu allem Guten ermunternd. Nie
besuchte oder gab er sogenannte Gesellschaften. Er hat wohl nie eine
Mahlzeit außerhalb seines Hauses genossen, ist nie einer
Einladung gefolgt. Und doch trug er die lebhafteste Teilnahme für
jedes Haus und die Gemeinde, jede Familie ehrte ihn als wohlmeinenden
Freund und Ratgeber. Gerade sein warmes Herz für die Menschheit
hieß ihn jede Stunde in der Weise aufs gewissenhafteste
verwenden, wie er's zum größten Nutzen vermachte. Das Leben
war ihm eine Summe kostbarer Augenblicke, deren er keinen unbenutzt
vorübergleiten ließ, sondern zur eigenen Belehrung und zur
Erfrischung Anderer verwandte.
In den alten Sprachen hatte
er treffliche Kenntnisse schon von den Schulen mitgebracht, und auf die
neueren
Sprachen verlegte er sich mit der ihm eigenen Tatkraft so, dass er die besten
italienischen, französischen, englischen und
spanischen Schriftsteller nicht nur in allen ihren
Eigentümlichkeiten und
Schönheiten erfasste, sondern sich
auch wie ein Eingeborner darin auszudrücken wusste. Er
begrüßte teilnehmend jede erhebliche
Erscheinung in der
Schriftstellerwelt, welcher Nation sie
auch angehören mochte.
Besonders
den Entdeckungen im Gebiete der Naturwissenschaften folgte er
versuchend und
weiter forschend, wobei er nicht selten zur Bereicherung der
Wissenschaft
beitrug. Seine botanischen und ornithologischen Forschungen und
Entdeckungen
hat er teilweise in den Verhandlungen des naturhistorischen Vereines
niedergelegt, teils in seinem Briefwechsel mit gelehrten Freunden
gemeinnützlich
gemacht. Auch die Mikroskopie
verdankt dem
bescheidenen Mülheimer Arzte einen wesentlichen Fortschritt:
durch Herstellung
eines bis dahin unbekannten Beleuchtungs-Apparates.
Seine
Arbeitsstube war zugleich eine Werkstätte für
physikalische Instrumente. Sogar
das Schleifen der optischen Gläser besorgte er selber, und
hatte eine große Freude
über Erfindungen, die zur Förderung seiner
Forschungen gereichten. Der große Berliner
Physiologe Dr. Johann Müller erkannte die Wichtigkeit der
d'Alquen’schen
Vorkehrungen für die Wissenschaft, und sandte einen der
bewährtesten Optiker
nach Mülheim, die Schleifung der Linsen und anderer
Gläser, die er bei d'Alquen
gesehen hatte, von diesem zu erlernen und für
die Wissenschaft zu verwerten.
Auch
für die Sternkunde, zu welcher er durch fleißige
mathematische Studien die beste
Grundlage besaß, war er tätig.
Mit selbstgefertigten oder doch wesentlich selbstverbesserten
Sehrohren durchforschte er die weiten
Räume des Himmels, beobachtete und berechnete den Gang der
zahllosen Sonnen und
Erden, und verfolgte und vermehrte die Entdeckungen in diesem Gebiete.
Aus
diesen unendlichen Räumen von kaum berechenbaren
Größen stieg er dann in die
Welt des Kleinen herab, leider mit einer Nachhaltigkeit, die ihm teuer
zu
stehen kam, denn bei einer mikroskopischen Untersuchung von
Pflanzenzellen
verletzte er im vorletzten Lebensjahre durch Überanstrengung
ein Gefäß des
Auges so, dass er diesen lieb gewonnen Forschungen für immer
entsagen musste. Da musste er
sich denn die Erscheinungen in seiner Fachwissenschaft
vorlesen lassen, und er nahm nebenbei die Tonkunst
wieder zum Gegenstande seines
reichen Geistes und Gemütes.
Wie er im Gebiete der Natur
und in jeder Wissenschaft vom Größten bis zum
Kleinsten herabstieg,
so war er in allen Gebieten der Kunst völlig heimisch
geworden. Alles Schöne
und Große, in
der Dichtung und im Tone, wo es nur immer aufgeblüht,
hatte er sich
angeeignet.
Schon
in der Jugend spielte er die Geige und das Fortepiano mit solcher
Meisterschaft, dass er es
hätte wagen dürfen, mit den besten Künstlern
des Tages aufzutreten. Mit seinen
glücklichen Tonsatzanlagen versuchte er sich zuerst im Liede.
Obgleich er in
seiner Bescheidenheit seine Werke dem Markte der
Öffentlichkeit geflissentlich
entzog,
so gelangte doch manches seiner
schönen geistig- und gemütvollen Lieder in Sammlungen
deutscher Gesänge. Viele begegnen uns als Volkslieder in den
Tälern der Heimat.
Auch seine Klaviersonaten, Saitenquartette, Opernszenen und Operetten,
sowie
mehrere Oratorien fanden den Beifall der Kenner und Freunde klassischer
Tonwerke. Mehrere
Ouvertüren und eine große
Sinfonie für das Orchester wurden in England mit großem Erfolge
aufgeführt.
Er vermied schon wegen seines
ärztlichen Berufes für einen
Tonsetzer zu gelten.
Alle
seine Tonschöpfungen für die Kirche wie für die Stube
und den Konzertsaal, für Gesang und Orchester gab er nur unter der
Bedingung zur Aufführung ab, dass er nicht als Verfasser genannt
werde.
Seine Tonwerke werden von heutigen
bewahrten Fachmännern
verschieden beurteilt.
Während
die Anhänger der klassischen Musik ihm unbedingtes Lob
spenden, und seine
Klaviersonaten und Lieder dem besten, was in neuerer
Zeit geschrieben wurde, gleich
stellen,
finden Andere, dass er allzu beharrlich an Mozart'scher Einfachheit
festgehalten und sich nicht habe fortreißen lassen von dem
Entwickelungsgange
der Neuzeit. Alle aber stimmen darin überein,
dass der Reichtum an
ursprünglichen Melodien,
und die gediegenste
Durcharbeitung unsern d'Alquen unter den neueren Tonsetzern
würdig auszeichnet,
und dass selbst seine kleinsten Werke von wirklichem Interesse sind. Die
Ausstellung, dass er, die
neuere melodielose Richtung verschmähend, zu
beharrlich an der Art
klassischer Tonmeister festgehalten habe, dürfte für
die Folge seinen
musikalischen Werken allgemeine
Aufnahme sichern, weil eine Rückkehr zur
klassischen Musik
unausbleiblich und jetzt schon bemerkbar wird.
Die Lieder, Klaviersonaten und Streichquartette,
namentlich auch die höchst originelle Kinderoper, die bei Arnold
zu Elberfeld in Druck erschienen sind, erfreuten sich einer
günstigen Aufnahme, die auf Herausgabe sämtlicher Werke
unseres Mülheimer Tonmeisters schließen lässt, was ihre
Ursprünglichkeit und wirklicher Wert längst verdient
hätte.
In
staatsbürgerlicher wie in religiöser Hinsicht
gehörte Dr. d'Alquen zu den
Freisinnigen im besten Sinne des Wortes. Sein Herz war allem
Großen und Edlen
zugewandt, und darum hing er mit wärmster Liebe am Vaterlande.
An der Entwicklung
des deutschen Volkes nahm er den lebhaftesten Anteil
und sprach sich mit ehrlicher Offenheit darüber aus. Sein Herz
blutete, wenn
der vaterländische Himmel sich verdunkelte;
sein Auge strahlte Freude, wenn die Sonne einer schöneren
Zukunft aufzugehen
schien. Die Hingabe für das Wohl der
Menschheit, für das Vaterland war ihm Hauptgebot der Religion,
die sein ganzes
Wesen durchdrang und alle seine Handlungen
leitete.
Es war ein Hochgenuss, ihn
im Kreise vertrauter, ihm geistig ebenbürtiger Freunde, worunter Wilhelm v.
Waldbrühl, Franz Heuser von Köln, und der edle
Pastor Georg Krebs zu Gladbach, sich darüber aussprechen zu
hören. Wie seine
Schreibweise, so war auch seine Rede höchst gewandt und
schön, durch die
stattliche Wohlgestalt gehoben. Briefe und
Unterhaltung waren stets mit
heiterem Humor gewürzt, der oft zu derben, treffenden
Scherzen, nie aber zu
unlauteren Zweideutigkeiten sich verlor. Sein Wesen war Geist,
Reinheit,
Freundlichkeit und Güte. Nur eine Menschensorte ließ
ihn den Gleichmut
verlieren und verwandelte seine Reden in sprühende Zornblitze.
Dann
kannte seine sittliche Entrüstung keine
Nachsicht. Es waren dies die politischen und kirchlichen
Zurücktreiber. Wenn er
sich darüber ausließ, so gewahrte man erst recht, wie nah ihm das Wohl
der Menschheit, welcher er diente, am Herzen
lag, und da begriff man auch, was im 23. Kapitel
Mathäi gesprochen ist.
Nur die Menschen suchte,
nur ihrem Wohle
diente er und trat alle goldenen Kälber unter die
Füße.
Arme
und Reiche behandelte er mit gleicher Aufmerksamkeit. Ihm, dem sittlich
vollendeten
Menschen trat nur der Mensch entgegen. Geld war ihm
etwas Unheimliches, Peinliches. Es gereichte zum
größten Glücke seines Lebens, dass
eine ihm nahestehende Person ihn allem Rechnungswesen in
Geldsachen enthob.
Sein ganzer Ehrgeiz, sein Wunsch und ernster Wille war nur, als
ehrlicher Mann
und als berufstreuer Arzt zu gelten.
Auf
seine medizinischen Schriften legte er viel höheren Wert, und
verwandte größere
Zeit darauf, als auf seine Tonschöpfungen, die er nur als
Erholung betrachtete.
Ein organischer Herzfehler
warf ihn im Sommer 1863 auf ein langes, schmerzhaftes Krankenlager. Freitag
Abends, 27. November 1863, schloss er seine
irdische Laufbahn, nachdem
er fünf
Tage vorher den Tag seiner Auflösung vorhergesagt, und auch
Tag und
Stunde des Begräbnisses bestimmt hatte. Seine letzten Tage
waren eine überzeugende
Probe auf die Reinheit und Wahrhaftigkeit seines ganzen Lebens und
Strebens.
Er trug die feste
Überzeugung von bewusster seelischer Fortdauer und vom
Wiedersehen
im ewigen Jenseits.
Schon
in jüngeren Jahren suchte er zweifelnden Freunden diese
Überzeugung in sokratischen Gesprächen mitzuteilen,
und verwandte da all sein
reiches Wissen, die Schärfe seines Geistes. Die Treue dieser
Überzeugung, frei
von historischem Schmutze und den
Schlacken
lohnsüchtiger Eigenliebe hat er bis zum letzten Atemzuge
festgehalten, und
die völlige Unabhängigkeit der Gesinnung wie je ein
Weiser bewahrt.
Als er in der letzten
Stunde seine Söhne zum Guten ermahnend segnete, und von seinem
Freund van Hees
Abschied nahm, da geschah dies Alles in einer Verklärung, die
seine Angehörigen
damit bezeichneten: Es sei gewesen, als ob es für den Menschen
keine größere
Freude gebe, als zu sterben. Als er im letzten Augenblicke des Lebens mit
geschlossenen Augen eine Melodie
leise aber vernehmbar hinflüsterte, wähnte
die ihn pflegende Gattin, er phantasiere,
und ergriff ihn bei der Hand. Da öffnete er zum letzten Male
die Augen und
sprach: „O Therese, wie mich der Gedanke erfreut,
dass irgend eines meiner Lieder auch nach meinem Tode noch gesungen
werde. Sei
getrost, meine Teure, wir werden bald wieder vereinigt sein!" Darauf
schlossen sich Augen und Lippen für immer.
So schloss dies reine,
reiche Leben wie ein harmonisches Lied, dessen Tonweise sich Mancher aneignen
möge!
Die allgemeine Beteiligung
der Stadt und der ländlichen Bevölkerung am
Leichengeleite, wie dort noch nie
vorgekommen, bekundete die Liebe und Anhänglichkeit
für den
Verlebten. Arme und Reiche jedes Standes, jeden Bekenntnisses, alle
wollten ihm die letzte Ehre erzeigen und Sarg und Grab
waren zur
Winterzeit mit Blumen bestreut, als ob es
im Sommer gewesen.
Im Juli des darauffolgenden
Jahres wurde in der geräumigen Schützenhalle durch seine Freunde ein Konzert
veranstaltet, in welchem von ihm gesetzte
Tonstücke für Einzelgesang, Chor und
Orchester zum Vortrage kamen. Auch
das bewährte Kölner Geigenquartett trat
dabei mitwirkend auf.
Als dort während einer Pause Herr Franz Heuser aus
Köln neben
dem unbekannten Pastor Stieger aus Mühlheim saß, der
sich
mit einem Freunde Heuser's über den Verklärten
aussprach, da
fragte jener den Pastor: ob er den Tondichter auch gekannt habe? "Ja!"
erwiederte dieser: "Ich habe ihn sehr wohl gekannt, habe sogar, wie
mein heiliges Amt erfordert, ihm die letzten kirchlichen Spenden
gebracht; jedoch wo ich Trost und Erbauung zu bringen kam, hab' ich
diese in reicherem Maße genossen, als ich zu bringen
vermochte.
Ja, ich muss in Wahrheit gestehen, dass ich noch nie in meinem Leben so
erbaut worden bin, als von diesem sterbenden Mann."
Diese Worte des würdigen katholischen Priesters mögen
Zeugnis
geben von der Geistigkeit und dem Wesen und Werte des
Verklärten.
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