Die ältere westfälische Linie
Analyse einer Anzahl von Kompositionen des J. P. C. d’Alquen
Von dem Musikwissenschaftler Professor Paul Douliez (1980)

Johann Peter Cornelius d'Alquen  (1800- 1863)
Streichquartett, Klaviersonate, Klavierstücke, Lieder

Joseph Haydn hat das Streichquartett von seinen Jünglingsjahren an bis ins hohe Alter in über 70 Werken zur Höchstform der Wiener Klassik entwickelt.
Mozart bekannte, daß er erst von Haydn gelernt hat, wie man Quartette schreibt. Seit Haydn ist das Streichquartett Krönung und geistiger Mittelpunkt aller Instrumentalkomposition geblieben. Es ist alles andere als eine Reihe von Soli der 1. Violine mit "Begleitung" der drei anderen Instrumente, vielmehr handelt es sich um ein tönendes Gebilde, an dem jedes Instrument gleichen Anteil hat. Deshalb schreibt Goethe an Zelter: "Das Streichquartett ist die verständlichste aller Instrumentalgattungen. Man hört drei vernünftige Leute sich miteinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen."
Das Streichquartett - zu J. d'Alquens Zeiten nannte man es, wie ich sehe, pars pro toto gelegentlich auch "Violinquartett" - gilt, eben aus diesem seit Haydn als unerläßlich empfundenen Ausgleich der thematischen Verarbeitung in den vier Instrumenten, als Prüfstein für das handwerkliche Können eines Komponisten. Betrachten wir deshalb zunächst den

Entwurf eines Violinquartetts (1855)
Adagio - Allegro moderato . Adagio . Tempo di Minuetto .
Finale Allegretto
Nach Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert noch ein Streichquartett zu komponieren, welch heikles Unterfangen! Wohl deshalb bezeichnet J. d'Alquen sein Werk bescheiden als "Entwurf", Nicht weniger bescheiden überschrieben die großen Lehrmeister der instrumentalen Spieltechnik im 18. Jahrhundert ihre heute noch aktuellen musikpädagogischen Meisterwerke:
Joh. Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung, die Flöte (1697-1773)  travernière zu spielen (1752)
Carl Ph.E.Bach: Versuch über die wahre Art, das Klavier zu (1711-1788)  spielen (2 Bde, 1753)
Leopold Mozart: Versuch einer gründlichen Violinschule (1756) (1719-1787)

J. d'Alquens Komposition ist in Wirklichkeit kein "Versuch", sondern ein ausgewachsenes vierteiliges Streichquartett in klassischer Form mit Sonatensatz (Adagio - Allegro moderato), Adagio, Tempo di Minuetto und Finale Allegretto (in Rondoform).

Im einzelnen:
1) Adagio - Allegro moderato
Die 12 einleitenden Adagio-Takte bilden den schwächsten Punkt des Quartetts, wenn man sie nur unter dem Blickwinkel des thematischen Einfalls betrachtet. Mancher Musiker unserer Zeit wäre sicher geneigt, die Takte 6, 8, 11 und 12 leicht zu korrigieren. Man vergesse aber nicht, daß das Werk 1855 geschrieben wurde und derartige Adagio-Introduktionen, ein Relikt der Form der französischen Ouvertüre, in der 2. Hälfte des 18. und weit ins 19. Jahrhundert hinein üblich waren; sie dienten vor allem der Ankündigung und Festigung der Haupttonart. Beispiele: Haydn, Ouvertüre zu "L'Isola disabitata" (1799); W.A.Mozart, Quintett KV 452 (1784); Schubert, C-dur-Streichquartett (1813).

Das anschließende Allegro moderato offenbart nicht nur handwerkliche Beherrschung der Quartett-Komposition, sondern auch Einfallsreichtum und Originalität in der thematischen Entwicklung, mit überraschenden Modulationen und enhar-monischen Wendungen (z.B. S.5, 4.-5.Takt: ces = h).

Ein charakteristisches Motiv
 
wird durch alle Stimmen geführt:


Die Auflösung der Quart  (hier h statt b) verleiht diesem Motiv schon im Kern einen modulierenden Zug, eine Eigenheit, die den Komponisten als Vertreter der Tendenzen seiner Zeit (Erweiterung der funktionellen Harmonie) kennzeichnet und ihn, gemeinsam mit seinem ebenfalls vergessenen Altersgenossen, dem schwedischen Komponisten Franz Berwald (1796-1868) in die Nähe Franz Schuberts rückt.

Das tragende Motiv wird zum Thema ausgeweitet, Nebenthemen gesellen sich hinzu; auf S.3 ab Takt 20 ein lyrisches Seitenthema, schmiegsam und liedhaft.

Der Satz hat klassische Sonatenform:
a)    Exposition: Der gesamte Themenkreis wird von der Tonika
zur Dominante geführt.
b)    Durchführung: Der gesamte Themenkreis wird moduliert und
von der Dominante zurück zur Tonika geleitet,
c)    Reprise: Teil a) wird variiert wiederholt.
d)    Coda + Schluß.

Die Grundstimmung ist lyrisch und von ungetrübter Musizierfreude durchzogen; der Satz wirkt aus seiner schwungvollen Anlage heraus.
 
Der Komponist selbst hat auf S.3 und 14 jeweils 6 Takte gestrichen und neu komponiert; beide Ersatz-Stellen befinden sich auf S.42.
S.12: die drei eingeklammerten Takte sind zweimal zu spielen: das 1. Mal in Moll, das 2. Mal in Dur:

  
2)  Adagio
d'Alquens Bedeutung ist in der musikalischen Lyrik, weniger in konfliktgeladener Dramatik zu suchen. Seine Musik ist Aussage eines poetischen, beschaulichen, schönheitsliebenden Naturells. In der Gestaltung seiner Melodie geht er eigene Wege. Ein Beispiel unter unzähligen, die originelle Wendung des liedhaften Hauptthemas dieses Adagio mit der tonartlich mehrdeutigen Abwechslung von "d" und "des":
 
Hier, ebenso wie im 1. Satz, zeigt sich der ausgereifte Quartett-Stil in der Verarbeitung des thematischen Motivs  Takte 9/10 - im Violoncellopart, dann ~ Takte 16/17 - auch in der Bratschenstimme. Später - T. 58 ff. - singt das Violoncello das vollständige Thema, das bald von den beiden Violinen übernommen wird.
Alles in allem eine romanzenhafte Kantilene mit bewegtem Mittelteil in variierter und durchkomponierter Liedform.

3.) Menuett mit Trio
Kein französisches Menuett à la Lully (von franz. menu, klein, zierlich, ein Tanz mit kleinen, zierlichen Schritten also), vielmehr ein Menuett im Sinne von J.Haydn, das vom Menuett zwar die dreigliedrige Taktart behält, sonst aber mehr Ausgelassenheit und Schwung besitzt und sich dem österreichischen Ländler zuneigt (Ländler, im "Landel", Österr. ob der Enns, heimisch).
Ein formschöner Satz mit geistreichen Imitationen und Repliken.

4.) Finale Allegretto
Die zweifache noten- und tonartgetreue Wiederkehr des Hauptthemas bestätigt die Rondoform dieses Satzes. Der Komponist stellt hier jedoch an die Spieltechnik der Ausführenden derart hohe Anforderungen, daß nur ein Ensemble allerersten Ranges den zugleich virtuosen, tändelnden und tänzerischen Charakter dieses glanzvollen Kabinettstücks zu demonstrieren vermag. Der Versuch drittrangiger Spieler dürfte nur stümperhaftes Feilen und Kratzen ergeben.

Auf S.37 wurden 4 Takte gestrichen; die hierfür einzusetzenden Takte findet man auf S.41.
Die Skizze auf S.43 gehört nicht zum Quartett.

 
Große Sonate in d-moll für das Pianoforte
Allegro . Larghetto cantabile . Scherzo Allegretto . Rondo Allegro vivace (Nr.6 der nachgelassenen Werke)

1) Allegro
Zwei kontrastierende Themen - ein rhythmisches und ein melodisches - bilden das Gerüst dieses klassischen Sonaten-Hauptsatzes; zwei ebenfalls kontrastierende Nebenthemen - das eine synkopisch bewegt, das andere ruhig fließend - ergänzen und bereichern den Gedankenkreis. Die thematische Gegensätzlichkeit verrät den Könner; aus ihr erwächst Bewegung, Differenzierung, Farbe, Leben.
Auf S.8 oben, ein bemerkenswerter enharmonischer Übergang: es-moll - H-dur.

Der Aufbau entspricht mutatis mutandis der Mozartschen Klaviersonate, d.h. daß die Exposition länger ist als Durchführung oder Reprise, am kürzesten der Epilog samt Pedal, Kadenz und Coda. Wie im klassischen Sonatensatz üblich, wird die gesamte Thematik in der Exposition von der Tonika zur Dominante hin entwickelt, in der Durchführung kontrapunktisch verarbeitet und von der Dominante zurück zur Tonika geleitet; die Reprise läßt nochmals - variiert, verkürzt - die Exposition vernehmen und führt über Epilog, Pedal und Kadenz den Schluß herbei.

In seiner Art für das Klavier zu schreiben, zeigt d'Alquen Verwandtschaft mit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert: für ihn, wie für die genannten Meister, ist das Klavier durch seine mehrstimmigen Möglichkeiten, ein Instrumentalensemble in Kleinstformat, allerdings ohne die Verschiedenheit der Klangfarben von Blas- und Streichinstrumenten. Klaviermusik ist demnach einer Schwarz-Weiß-Zeichnung vergleichbar, wenn auch mit vielen Schattierungen, während Orchestermusik der Farbigkeit eines Gemäldes entspricht.
Eine andere Pianistik haben Chopin, Schumann, Liszt und Brahms gepflegt, indem sie durch Chromatik, Pedalwirkung, Akzentverschiebung, Polyrhythmik versuchten, dem Instrument Farbigkeit und ein ihm eigenes Espressivo zu verleihen.

Errata
Ich habe mir nicht erlaubt, die Unterlagen zu retuschieren, diese enthalten aber mehrere Druckfehler:
S.4, unterste Linie, 2.Takt, linke Hand, vor der 1. Note fehlt ein Auflösungszeichen.
S.5,    obere Linie, 3.Takt, linke Hand, vor der 2. Note fehlt
ein Auflösungszeichen.
S.6,    4.Linie, l.Takt, rechte Hand, das B-Zeichen nicht vor g, sondern vor a.
S.7, 3.Linie, 3.Takt, nicht:
sondern:
 
S.8, 5.Linie, H.Takt, im Baß fis statt f.
S.10,    3.Linie, letzter Takt, rechte Hand, 2.Note: a statt ais
S.11,    oben, letzter Takt, rechte Hand, vorletzte Note,


S.11, 4.Linie, l.Takt, linke Hand, l.Note: B-Zeichen ist zu streichen.

2) Larghetto cantabile
Alles vom Adagio des Streichquartetts Gesagte, trifft auch auf diesen langsamen Satz zu. Besonders ausdrucksvoll die Moll-Wendung auf S.14.
 
3) Scherzo Allegretto
Kein himmelstürmendes Beethoven-Scherzo, vielmehr eine humorvolle, scherzhafte Plauderei, vor allem im Trio mit seinen lustigen Baß-Passagen. Erstaunlich, aus wie wenigen Noten dieses kleine Meisterwerk besteht.

4) Rondo Allegro vivace
Durch stark modulatorische Wendungen bedingt, hat der Satz nur zum Teil Rondo-Form. Die Bezeichnung "Tokkata" wäre hier zutreffender; streckenweise besitzt das Stück auch den Charakter eines Moto perpetuo. Keine bedeutende, jedoch effektvoll verarbeitete Thematik.
Virtuos gespielt, wird dieses Finale seine Wirkung nicht verfehlen.

Errata
S.24, unten, 2.Takt, 1.Schlag, linke Hand,

S.26, unten, I.Takt, letzte Gruppe, rechte Hand,

 

Klaviersonate in F-dur
Im Wesentlichen als Dur-Pendant der zuvor besprochenen d-moll-Sonate zu betrachten. Der 2. Satz ist höher zu werten als sein Gegenstück im d-moll-Werk; der 3. Satz jedoch erreicht nicht die Einmaligkeit des Menuetts mit Trio aus der d-moll-Sonate.
Trotz der mangelhaften Qualität des Tonbandes kann man die Komposition dank der virtuosen Interpretation von Erhard Michel voll erfassen. Unverständlich, weshalb die beiden Sonaten sich nicht längst im Repertoire eines jeden Pianisten befinden.

La Melancolie, Grand Waltz
for the Pianoforte, Composed and Dedicated to F.M.d'Alquen by his Brother.
Ein Versuch in der Nachfolge von Chopin, dessen Pianistik jedoch nicht d'Alquens Klavier-Verständnis entspricht. Dieses kleine Werk bleibt unter dem Niveau der bisher analysierten Kompositionen.

Blätter vom Weihnachtsbaume
10 Kinderstücke. Heft 1 mit 5 Stücken Andante . Barcarole . Marsch . Siciliano . Unter der Linde
(Nr.7 der nachgelassenen Werke)
Man müßte natürlich auch die fünf fehlenden Sätze kennen, um den ganzen Bogen der kleinen Stücke zu überschauen; sie gemahnen mehr an Schumanns "Album für die Jugend" als an dessen "Kinderszenen".
 
Diese Kinderstücke wurden nicht geschrieben, um von Kindern gespielt zu werden: so einfach sie auch scheinen mögen, viele vorgeschriebenen Intervalle kann die Kinderhand nicht greifen, schon die Oktaven (passim) nicht, weniger noch die None im 3.Takt von Nr.2. Die fünf vorliegenden Stücke können auch nicht, wie Schumanns "Kinderszenen" als psychologische Studie über die Kinderwelt gedacht sein, dafür sind sie zu vordergründig, zu einfach. So kann das Ziel des Komponisten nur gewesen sein, diese eingängigen Miniaturen Kindern vorzuspielen.
Ein feiner Zug: im Siciliano ertönt wahrhaftig ein Neapolitanischer Sextakkord (vorletzter Takt, letzter Akkord).

Die Vögel
Kindersingspiel . Text: Wilhelm von Waldbrühl Ouvertüre . 3 Arien . Duett . Finale
(Nr.l der nachgelassenen Werke)
Dieses feinsinnige Stück verdient, auch gegenwärtig noch aufgeführt zu werden, sowohl vom Text als auch von der Musik her. Sprache und Tendenz sind keineswegs veraltet, und die "Moral der Geschicht" besitzt sogar heute mehr denn je Aktualität: "Keiner ist mit seinem Los zufrieden", denn - wie es im Finale heißt:

"Was sich so nah, so rosig zeigt, 
bleibt uns doch ewig unerreicht."

Die formvollendete Ouvertüre, mit dem feierlichen Adagio sostenuto und dem hurtigen, heiteren Allegro, schreit förmlich nach einer Orchestrierung für je 1 Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, dazu eine Streichergruppe von ca. 6 ersten Violinen, 4 zweiten Violinen, 2 Bratschen, 1 Violoncello und 1 Kontrabass.
 
Der abrupte tonartliche Übergang von der Ouvertüre zur 1. Arie (von C- nach A-dur) mag befremden. Gegen dieses Verfahren ist jedoch nichts einzuwenden, da es aufrüttelnd wirkt und so die Aufmerksamkeit des Publikums auf das nunmehr beginnende Bühnengeschehen fixiert; übrigens besitzen die Tonarten C- und A-dur eine gemeinsame Note: e.
Selbstverständlich wäre auch das begleitende Klavier in den Arien, dem Duett und dem Finale durch das o.g. kleine Orchester zu ersetzen.
Die Singstimmen bewegen sich zwischen cl und a2; dieser Umfang von 1 Oktave + 1 Quint kann von jeder Kinderstimme, ob Sopran oder Alt, bewältigt werden.
Die drei Arien und das Duett bilden eine lyrische Reihung teils tanzliedartiger, teils romanzenhafter Weisen; das bewegte Finale gebärdet sich, nicht ohne Ironie, wie ein authentisches Bühnendrama.
Das Stück wäre eine Bereicherung des Repertoires eines jeden Kindertheaters (Spieldauer etwa 1/2 Stunde).

Errata
S.2 unten, l.Takt, rechte Hand: es gehört ein b vor e (l.Note), S.3, Linie 5, l.Takt, rechte Hand, 5.Note: nicht e, sondern d. S.8, Linie 2, 2.Takt, rechte Hand, 2.Note: h statt a. S.8, Linie 3, 4.Takt, rechte Hand, vor die 2.Note der 2.Stimme gehört ein Auflösungszeichen.
S.8, unten, 3.Takt, rechte Hand, vor die 5.Note gehört ein Auflösungszeichen.
S.12, 3.Linie, I.Takt, Gesang: vor die 4.Note gehört ein Kreuz,
S.15, oben, Takt 4, letzte Note im Gesang, Viertelnote statt Achtel.
S.19, 2.Linie, Takt 2, 2.Stimme + rechte Hand: as statt a.
S.21,    oben, 5.Takt, rechte Hand, im Akkord fis und es, statt fes und eis.
S.22,    2.Linie, letzter Takt, rechte Hand: es statt e.
S.22, unten, letzter Takt, 1.Akkord: es statt e.
S.26, 2.Linie, 5.Takt, rechte Hand, letzter Akkord: Auflösungszeichen vor e, nicht vor b.
S.31, oben, letzter Takt, rechte Hand, letzte Note: c statt a,

Odeon
Quartett- und Chor-Gesang ohne Begleitung darin von J. d'Alquen (Texte von W.v.Waldbrühl): Lebensstoffe . Hohn den Höhnern . Vogelscheuche (unvollständig) .
4stimmige, heitere Männerchöre. Auffallend die souveräne Handhabung der diffizilen Komponiertechnik für vierstimmigen Männerchor. Die Schwierigkeit liegt in der Beschränkung des Tonumfangs, da der gesamte Chor ein Intervall von 2 Oktaven und 1 Quarte kaum überschreiten kann.
Schade, daß das letzte Lied unvollständig ist; mit dem 7.Takt beginnt eine interessante enharmohische Progression, deren Verlauf man nach dem 11.Takt nicht mehr verfolgen kann, da S.163 fehlt.

Pfennig-Magazin für Gesang und Gitarre (1835-39)
Barcarole . Wunsch . Rastloses Treiben . östliche Romanze . Lied . Die Geschenke . Der Jüngling an die Rose . Lied der Hunde . Gesang der Schwalben
Der Typus dieser Komposition stellt einen Mittelwert zwischen der volksliedhaften Weise und der im 19. Jahrhundert gepflegten bürgerlichen Salon-Romanze dar. Die Barcarole und das Lied auf Text von Platen waren sicher bis zum Anfang unseres Jahrhunderts sehr populär. Heute ist die Zeit nicht danach, dieses Genre zu neuem Leben zu erwecken. Aber man weiß nie; eine entsprechende Nostalgie-Welle würde genügen...
 
Acht Lieder für eine Singstimme und Klavier
Serbische Romanze, Die Flucht, Des Kriegers Abendlied, Minnelied, Täuschung, Schlußlied, DerBeschwingte, Das Vögelein
(Nr.3 der nachgelassenen Werke)
Teils wertvolle Texte von Walter Scott, Herder, L.Tieck, v.Platen, Klinger.
Die "Serbische Romanze" ist identisch mit der "östlichen Romanze" aus der zuvor kommentierten Sammlung. Die Adjektive "serbisch", "östlich" beziehen sich nur auf den Text; die Musik ist weder serbisch noch östlich gefärbt, etwa durch die Benutzung modaler Wendungen oder Harmonien. Was vorher Über die volksliedartige Weise und die bürgerliche Romanze gesagt wurde, trifft auch hier zu.
Schöne Beispiele der Gattung: "Schlußlied" (Tieck nach Shakespeare) und "Das Vögelein" (nach dem Böhmischen von Klinger).

Zehn Lieder
Verehrung . Des Narren Lied . Muttertändelei . Wäre ich... .Altes Kriegerlied . Der Kuß . Schlummerliedchen . Die
Seufzer . Das Lied der Meise . Im Mondlicht
(Nr.4 der nachgelassenen Werke)
Texte von oder nach Shakespeare, Walter Scott, Simrock, Rückert u.a.
Musikalische Perlen: Des Narren Lied . Das Lied der Meise . Im Mondlicht (für eine Baß-Stimme).

Erratum
S.4, letzte Linie, l.Takt, l.Note, rechte Hand: Kreuz vor h streichen.
 
Zehn Lieder
Grablied . Marschall Vorwärts . Ständchen . Persisches Lied . Lied . Lied . Liebeslied . Mailied . An Sie . Das
Lied vom Rhein
(Nr.5 der nachgelassenen Werke)
Texte u.a. von oder nach de la Motte-Fouqué, Th.Moore, Robert Burns, Kerner.
Das "Persiche Lied" enthält keine musikalischen Orientalismen; im Text gemahnt nur das Wort "Bulbül" (Nachtigall) an den Orient; ansonsten hat auch das dichterische Thema keinen exotischen Inhalt.
Hervorheben möchte ich Nr.6 "Lied" (befindet sich auch im Pfennig-Magazin, an 5.Stelle), Nr.7 "Liebeslied" und besonders Nr.10 "Das Lied vom Rhein", das sich in jedem deutschen Kommersbuch befinden müßte.

Erratum
S.12, letzter Takt, rechte Hand, l.Note: nicht fis, sondern g.

Lieder für eine Singstimme
Handschrift. (1840/43) 4 Lieder . 1 Romanze . 2 Lieder . 1 Klavierstück
Die Blätter sind oben abgeschnitten, so daß man die Titel der Lieder meistens nicht lesen kann.
Im 2. Lied, "Frühlings Abschied" eine interessante Modulation (Takte 14/15) von E- nach As-dur; 6 Takte weiter: zurück von As nach E.
Auch der Mittelteil dieses Liedes, mit einer ausdrucksvollen Moll-Trübung und einer weiteren Modulation von Fis-dur nach G-dur, läßt aufhorchen. Mit seiner tonalen, zwischen Dur und Moll zögernden Mehrdeutigkeit, ist dieses Werk auf der Höhe Schubertscher Liedkunst anzusiedeln.
Zum Klavierstück am Schluß dieses Bandes s. Kommentar zu "La Melancolie".
 
107 Lieder (Handschrift 1831)
Mehrere dieser Lieder befinden sich in den schon kommentierten Sammlungen, so "Minnelied", "Vögelein", "Altes Soldatenlied", "Muttertändelei", "Des Narren Lied" u.v.a.
Zahlreiche Vertonungen französischer und englischer Texte; herausragend: Nr.2 2 "Altes Soldatenlied" ("Mon coeur volage"), Nr.26 "Song" ("If, as the light of day"), Nr.64 "L'amour avait recu l'hommage", Nr.8 9 "Römance" und Nr.90 "Le calme de la nuit" (4stimmiger Männergesang).
Von den deutschen Liedern sind Nr.6 "Verwandlungen", Nr.29 "Die Heideblumen", Nr.46 "Tristan" (aus dem Jahre 1824!), Nr.51 "Der Augenblick" und Nr.73 "aus Goethes Faust" besonders hervorzuheben.
Im Lied Nr.24 hat der Komponist die Takte 19-23 gestrichen und neu gestaltet; die endgültige Version befindet sich auf der nächsten Seite unten.

Summa
Die kompositorische Hinterlassenschaft von Johann d'Alquen zeigt in Melodiebildung, Harmonie, Kontrapunkt und Rhythmus professionelle Beherrschung der tonalen Musik und ihrer Formenwelt. Im Zeichen der Tendenzen seiner Zeit- Überwindung der Kadenz, Enharmonik und Chromatik- schrieb er eine stattliche Reihe vokaler und instrumentaler Kompositionen von schmiegsamer Liedhaftigkeit. Seine Themen stehen meistens verwandtschaftlich zueinander, seltener konfliktartig gegeneinander. Die Grundstimmung seiner Tondichtungen verweilt bevorzugt im Bereich des Idyllischen, der geistvollen Wechselrede, der ungetrübten Musizierfreude, jeder Tragik abhold.
 
Musikgeschichtlich betrachtet, ist Johann d'Alquen als Liedkomponist, aber auch mit dem Streichquartett und den Klaviersonaten, in der Nachfolge von C.M.V.Weber und Franz Schubert als Gleicher unter Gleichen zwischen Carl Loewe (1796-1869) und Franz Berwald (1796-1868) einzureihen.

www.dalquen.info