Die ältere westfälische Linie

Johann Peter Cornelius d'Alquen

Johann Peter Cornelius d'Alquen (Jean)
Dr. med. (1800- 1863)

Bei keinem der Kinder des Franz Adam D’Alquen können wir auf eine so geschlossene und umfangreiche Dokumentation zurückgreifen als bei Jean. Sein Leben, besonders seine Erfolge als Komponist, wurden bereits kurz nach seinem Tode in einer Biographie und bis auf die jüngste Zeit in wissenschaftlichen und journalistischen Artikeln gewürdigt.

Die genannte Biographie erschien 1864, ein Jahr nach seinem Tode. Sie war anonym verfaßt. Erst aus einem Werkeverzeichnis (1) konnte entschlüsselt werden, daß es sich um eine Veröffentlichung seines Freundes Vinzenz von Zuccalmaglio handelt, dessen Pseudonym Montanus war. Interessanterweise erschien diese Biographie (Abb.siehe unten ) auch in englischer Sprache. Sie ist im Besitz der Londoner D’Alquen/d’Alquen.
Vinzenz von Zuccalmaglio hat mit seiner Kurz- biographie dem Freund Jean d’Alquen ein Denkmal der innigen Freundschaft und Verehrung gesetzt. 
Er sieht den Verstorbenen im überhöhten Licht einer idealen Persönlichkeit: Jean ist das Muster an Pflichterfüllung, ärztlicher Hingabe an den Patienten, der zu jeder Zeit mit ihm rechnen kann, da Dr. d’Alquen nie verreist, nie Gesellschaften gibt, Mahlzeiten nur zu Hause einnimmt, vom Haus nur abwesend ist, um Krankenbesuche zu machen, wobei er die Gelegenheit zu gründlichen botanischen und zoologischen Studien wahrnimmt. (Eine zeitgenössische Kurzbiographie können Sie hier nachlesen.)





In der englischen Übersetzung wirkt diese Huldigung stilistisch z. T. befremdend. Es ist mit großer Sicherheit zu vermuten, daß das letzte Kind des Franz Adam, Karoline, die Urheberin der englischen Ausgabe ist. Sie wollte ihren Bruder Jean bei den englischen Nachkommen ihrer Brüder Franz und Fritz in bleibender Erinnerung erhalten. Ihr perfektes Englisch hatte sie während jahrelanger Aufenthalte bei ihren Brüdern Franz in Brighton und gelegentlich bei Fritz in London erworben. Aus Zuccalmaglios Biographie (2) beschränken wir uns im folgenden auf die reinen Fakten zur Lebensgeschichte. Wir verbinden sie mit solchen, die uns aus Josephines nachgelassenen Papieren (3) und sonstigen Quellen (4) bekannt geworden sind.











Johann/Jean Peter Cornelius Dalcken wurde am 18. September 1800 auf Schloß Wasserlos unweit von Seligenstadt auf der anderen Mainseite geboren und tags darauf getauft. Sein Vater Franz Adam D’Alquen schreibt ins Gebetbuch:






„Im Jahre 1800 In der Nacht vom 18t auf den 19 September um halb Ein Uhr ist gebohren Johannes Petrus Cornelius D’Alquen in Wasserlos. Am 19t September wurde er vom Pfarrer von Alzenau getauft und von seinem Großvater Johannes Cornelius Ubaghs aus der Taufe gehoben. Der Name Petrus wurde ihm wegen seinem väterlichen Großvater Petrus D’Alquen beigegeben.
        Wasserlos, am 19t Sept. 1800
        D’Alquen“


Der lateinische Taufeintrag im Taufregister der Pfarrei Alzenau lautet in deutscher Übersetzung:

Am 19. September [1800] wurde des hochgeehrten Herrn Franz Dalcken, Anwalt des Mainzer Kurfürsten, und seiner Ehefrau Helene, geborene Upags, legitimer Sohn Johann Peter Cornelius getauft. Aus der Taufe hob ihn Johann Peter Cornelius Upags, Vater der Wöchnerin, aus Maastrich an der Maas.


Die Mutter Helene Sybille wohnte auf Schloß Wasserlos bei ihrer Schwester, der Marquise Josepha du Chasteler. Der Vater war als Verwaltungsbeamter am Oberamt im etwa zwölf Kilometer entfernten Steinheim bei Höchst beschäftigt.
"Der Goldene Löwe" Spätestens im April 1802 übersiedelte die Mutter mit dem Säugling nach Seligenstadt. Ihre Schwester starb in Wasserlos im Mai dieses Jahres. Helene dürfte bei der Schwiegermutter Elisabeth, Witwe des Löwenwirts Peter Dalquen, bzw. ihrem Schwager Hermann Josef Dalquen Aufnahme gefunden haben, der das große Barockhaus Römergasse 10, den früheren „Goldenen Löwen“, geerbt hatte. Hier kamen am 28. April 1802 die Geschwister Josephina/Phina und 1804 Franz Adam Maria zur Welt.
Die Zeitläufte waren nicht dazu angetan, in eine überschaubare, ruhige Zukunft zu sehen. Die Franzosen hatten das linke Rheinufer besetzt. Mainz war nicht mehr die Haupt- und Residenzstadt des Kurfürsten. Er hatte sie ins nahegelegene, rechtsrheinische Aschaffenburg verlegen müssen. Sein Staat hatte große Gebiete an die Franzosen verloren. Schließlich löste sich das Erste Deutsche Reich auf. Die Reste des Kurfürstentums Mainz gingen 1803 im späteren Großherzogtum Hessen auf. Bis in den August 1802 war der Vater Franz Adam mehrfach in juristischen Angelegenheiten des Marquis in den Niederlanden, inzwischen der französischen Batavischen Republik unterwegs gewesen.
Im Oktober 1803 muß der Vater die Familie verlassen und sich auf Weisung des neuen Landesherrn, des Landgrafen Ludewig X., später Großherzogs von Hessen, in dessen neu erworbenes Herzogtum Westfalen verfügen, um hier die Klöster aufzulösen und in den Besitz des Landgrafen überzuführen.

1805 finden wir Franz Adam in Werl, wo er zum Rentmeister mit Ratscharakter bestellt ist. Hierher holte er die Familie nach. Das nächste Kind, die Tochter Ida Maria Josepha, wurde hier am 19. März 1806 geboren. Vermutlich wohnte die Familie im ehemaligen Kloster. 1808 oder 1809 übersiedelte sie nach Arnsberg, wo inzwischen der Regierungssitz errichtet worden war. Nach dem Sohn Franz Hermann Josef, im März 1808 noch in Werl geboren, kam das nächste Kind, Arnold Friedrich/Fritz Engelbert bereits im Oktober 1809 in Arnsberg zur Welt.

Inzwischen war Jean neun Jahre alt geworden. Seine Spielgenossin war die siebenjährige Phina. Franz war fünf, Ida drei, Hermann ein Jahr alt, Fritz gerade erst geboren. Für die fünf Kinder war eine Erzieherin engagiert worden, sicher sofort mit dem Bezug einer großen Wohnung am Alten Markt 14, wovon zunächst die beiden älteren Geschwister profitierten.   

1811 bezog Jean das Gymnasium in Arnsberg. Phina, die keine weiterführende Schule besuchen konnte, Mädchen an Gymnasien gab es noch lange nicht, machte mit Jean zusammen dessen Hausaufgaben.

Als etwa Zehnjähriger stiehlt er seinem Vater Verhörprotokollformulare und erfindet lustige Verhöre. Eines davon hat im Nachlaß der Josephine überlebt (5). Phina bemerkt dazu, Jean sei ein hervorragender Mathematiker gewesen, überhaupt sehr talentiert, sehr fleißig; er habe eine Masse Wissen angehäuft, die für sechs gereicht hätte und immer noch üppig gewesen wäre.

Bald waren diese Formulare Schmierpapier geworden. Denn 1815 wurde das landgräflich-hessische Herzogtum Westfalen eine preußische Provinz, und die von der Familie, besonders von Franz Adam ungeliebten Preußen werden ihre eigenen Formulare mitgebracht haben. So dürfte also der Fomulardiebstahl, wenn es überhaupt einer war,  unerheblich gewesen sein.

Zum Ärger mit den und über die Preußen könnte gut passen, was Josephine in ihren Erinnerungen über die Spiele der Kinder schreibt: Im Lateinbuch ihrer Brüder gab es Texte über den altrömischen Sklavenbefreier Spartakus. Nach ihm nannten sie sich „Spartianer“, führten Gefechte gegen die imaginären Römer und hielten feurige republikanische Reden. Im Hintergrund mögen die Erzählungen des Vaters über die Revolutionsjahre, die französische Besetzung von Mainz und die Gründung der Mainzer Republik mitgewirkt haben.

Zu Unüberlegtheiten und Herausforderungen führten diese Impfungen mit dem Geist des politischen Fortschritts bei Jean nicht. Wir erfahren nichts von der Teilnahme in Burschenschaften. Da Phina ihm seine gesamten Briefe (6) zurückschickte, bleibt auch unklar, wie er zu seinem jüngeren Bruder Fritz und zu dessen Verurteilung zur Festungshaft stand. In diesem Zusammenhang erwähnt Zuccalmaglio (7) lediglich, er habe als Liberaler auf einen wichtigen niederrheinischen Adligen Einfluß genommen. Dabei kann es sich nur um seinen Kölner Patienten, den erzkonsevativen Grafen von Fürstenberg-Stammheim handeln, aus einer Familie, mit der die Eltern bereits in der Arnsberger Zeit gut bekannt waren. Vinzenz von Zuccalmaglio erwähnt in seinem Buch „Vorzeit“, daß Jean sich im vertrauten Freundeskreis heftig gegen die „politischen und kirchlichen Zurücktreiber“ geäußert habe. 

Nach sechsjährigem Besuch des Arnsberger Gymnasiums bestand Jean 1817 das Abitur. Als 17jähriger „zu jung und zart für ein wüßtes Universitätsleben“ (7 a), schickten ihn die Eltern zu einem medizinischen Vorbereitungsstudium nach Münster, wo er Kollegien in Pharmazie, chemischer Pharmakologie, Botanik und Naturgeschichte besuchte; ab dem 28. November 1818 studierte er Medizin in Gießen und ab dem 20. Mai 1821 Medizin in Berlin. Die Reisen zwischen Gießen und Arnsberg wurden zu Fuß bewältigt (8), etwa 110 km einfach. Am 15. März 1822 promovierte er in Berlin zum Doktor der Medizin über Gebärmutterkrebs. Seine lateinisch verfaßte Dissertation ist erhalten.
(Den Versuch einer Übersetzung finden Sie hier.)

Die Berliner Zeit war für Jeans große Begabung, die Musik, von entscheidender Bedeutung. Zu den führenden Komponisten der Zeit gehörte Prof. Carl Friedrich Zelter von der Königlichen Akademie der Künste. Bei ihm studierte Jean Komposition. Zelter hatte sich einen Namen als Erneuerer der Musik Johann Sebastian Bachs gemacht. Er war ein Freund Goethes, der ihn als Vertoner zahlreicher seiner Gedichte hoch schätzte. Zelter war u. a. auch Lehrer von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Über Zelter empfing Jean Anregungen im Sinne Schuberts und Schumanns.
Die andere musikalische Kapazität, der Jean in Berlin begegnete, war Bernhard Klein. Er war Lehrer für Harmonie und Kontrapunkt am Königlichen Institut für Kirchenmusik, danach Musikdirektor und Gesangslehrer an der Universität.

Über die musische Ausbildung im Elternhaus wissen wir nichts. Jean war bereits als Student ein sehr guter Violonist und ein meisterhafter Klavierspieler wie übrigens Josephine auch. Es bleibt rätselhaft, woher die hohe Musikalität aller  Kinder des Franz Adam und der Helene Sybille stammt. Mit Jeans Rückkehr ins Elternhaus am 27. August 1822 war die Studienzeit beendet.          

1823/24 hat er nach Phinas Darstellung einige Patienten in Arnsberg betreut. Seine Haupttätigkeit widmete er allerdings der Musik. In dieser Zeit entsteht eine Sammlung von 107 von ihm komponierter, handschriftlicher Lieder mit Klavierbegleitung, elf davon mit Datierungen aus diesen Jahren, die er 1831 binden ließ. 33 dieser Lieder sind Autoren zuzuordnen, so u. a. Walter Scott (sechsmal), Goethe, Ludwig Tieck und Shakespeare (je dreimal), Schiller, Gleim, Rückert und Herder (je einmal).

In die gleiche Zeit dürfte die Sammlung von 100 Liedern für zwei Sopran- und eine Altstimme fallen, die z. T. von Josephine arrangiert worden waren. Diese Sammlung ist gemäß einer Anmerkung der Josephine durch Veruntreuung verloren gegangen. In späteren Jahren hatte sie sie verliehen und nicht wieder zurückerhalten. Die Lieder waren für die drei Schwestern Phina, Ida und Karoline komponiert worden.

1824 übersiedelt Jean nach Mülheim, um sich hier als Arzt niederzulassen. Er ist das erste Kind, das das Elternhaus verläßt, ein Jahr vor der bedrückenden Zwangspensionierung des Vaters.

Die Familie hatte in Arnsberg die Bekanntschaft des Kölner Geheimen Medizinalrates Merrem und der Frau des Geheimrats Köster (9) gemacht. Deren Schwester, eine verheiratete Dumont-Schauenberg, lebte in Köln. Von diesen beiden Damen ging die Anregung aus, nach Mülheim zu ziehen. Hier arbeitete außer Dr. Brunner nur noch der Chirurg Pichler, der zugleich Bader war. Jean fand Aufnahme im Hause des Mülheimer Onkels der beiden Damen, des Obersten Heinrich von Zuccalmaglio, einst Oberbefehlshaber der bergischen Landestruppen. Hier verkehrten auch dessen Sohn Jakob Salentin von Zuccalmaglio und seine Enkel Vinzenz (10) und Anton Wilhelm von Zuccalmaglio. Letzterer schreibt in seinen Erinnerungen (11):

„Mein theuerster und innigster Umgang fesselte mich wieder an Mülheim. Im großelterlichen Hause hatte sich ein junger Arzt eingemiethet, dessen Bekanntschaft ich machte, der mir bald theuer wie wenige wurde. Hans D’Alquen aus einer belgischen nach Arnsberg übersiedelten Familie, hatte in Gießen wie in Berlin studiert, war einer der tüchtigsten Männer seiner Zunft, aber ein Mann, der sich mit diesem Kreise der Thätigkeit nicht begnügte, der seine Studien auch auf die neuen Sprachen ausdehnte, um besser alle Erscheinungen des Tages, in den verschiedenen europäischen Völkern zu fassen und sich anzueigenen. Durch ihn erhielt ich neue Anregung, das französische, das englische und das italienische wieder frisch anzugreifen, die Musterschriftsteller dieser Sprachen wieder zu lesen. Ein ferneres Feld, auf dem wir miteinander wandelten, war die Kräuterkunde, das angelegentlichste aber die Musik. D’Alquen spielte sehr geläufig Klavier, hatte eine solche Gabe des reinen Satzes, daß er auch als Musiker vom Fach sich eine schöne Bahn gebrochen haben würde. Seinen musikalischen Gedanken nach reihte er sich  Maria Weber an, aber mit seiner Gabe des Setzens oder Bauens stand er vollendeter da, konnte er für einen Schüler Mozarts gelten. Seine Lieder, deren er eine reiche Sammlung schuf, waren vollendet durch die schönen abgerundeten Weisen. Aber auch Größeres hatte er versucht, hatte sich Aufgaben für große Tonbühnen gestellt, so daß wir ein Singspiel zu unternehmen wagen durften. Ich schrieb natürlich nur das Buch. Ich hatte anfangs einen Stoff gewählt, der ein Kloster voraussetzte, aus welchem eine junge Schöne entführt werden sollte. Der Freund verwarf denselben und zwar, weil die mittelalterliche Einrichtung des Klosters der Neuzeit zu fern liege, nicht mehr begriffen werde. Ich gab beschämt nach, aber in welchem Maße hat mir das Schicksal Recht gegeben, wie bald hat sich die mittelalterliche Einrichtung wieder in die Neuzeit hineingeschmuggelt!“

Vinzenz von Zuccalmaglio erwähnt, daß Jean in den frühen Mülheimer Jahren bereits naturwissenschaftliche Sammlungen anlegte, so z. B. von Blütenpflanzen, Vogeleiern und Vögeln, Reptilien und Insekten. In seinem Hause hatte er eine optische Werkstatt und ein physikalisches Labor. Die Angelei entwickelte sich zu einem Hobby. Er bezog Gerät aus England und weihte später den Sohn Hermann in diese Kunst ein (XV. Bericht, S. 596).

In den Jahren vor seiner Verheiratung veröffentlichte Jean verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, so über den „Fall eines vollständigen Anencephalus“ (Hirnmißbildung bei abgeflachter Schädeldecke) (12), über „Hydrocephalus internus acutus“ (Wasserkopf) (13), „Paralysis vesicae urinariae“ (Harnblase); die „schmerzhafte Anschwellung der Leber bei einem Säugling“ (14), „Beiträge zu einer näheren Darstellung der Krankheits-Constitution des verflossenen Jahres 1825, zunächst in der Stadt und Umgebung von Mülheim am Rhein, mit verspäteter Berücksichtigung der letzten Jahreshälfte“ (16).

Eine „weite“ Reise unternahm Jean schließlich doch, und zwar kurz vor 1830 zu seinem Bruder Franz nach Brüssel. Nach Arnsberg ist er nie zurückgekehrt. Auch die Brüder in Brighton bzw. London hat er nicht besucht.

Theresia Häke (etwa 1860)Im Hause des Obersten von Zuccalmaglio verkehrte auch der Weinhändler Johann Georg Häke (auch Häcke und Haecke) (Anhang I). Jean verliebt sich in dessen jüngere Tochter Maria Anna Theresia Franziska (geboren am 7. Okt. 1803 in Burg an der Wupper, gestorben in Essen 21. XII. 1876). Häke war verwitwet. Seine Frau Ludovica war eine geb. Freiin von Wieds. Am 12. April 1831 heiratete das Paar in Mülheim. Trauzeuge war u. a. Jeans Bruder Friedrich. Ein anderer Trauzeuge war der Maler Josef Haecke, 28 Jahre alt, Bruder der Braut, aus Köln. Er wird in Anton Wilhelm von Zuccalmaglios Erinnerungen (17) mehrfach erwähnt. Von ihm stammt ein gutes Ölporträt seiner Schwester Therese (18) sowie ein weiteres in Graphit (19).

Vinzenz von Zuccalmaglio berichtet von der außerordentlich harmonischen Ehe, der sechs Kinder entsprossen: 1832 Karl, 1833 Hermann, 1835 Georg, 1836 die Zwillinge Johanna Ida Louise und Sophie Therese Josephine und schließlich 1842 Theodor.

Johann Peter Cornelius hatte sich neben naturwissenschaftlichen auch sprachliche Kenntnis angeeignet. Latein und Griechisch waren ihm von der Schule her vertraut. Französisch und Englisch soll er perfekt beherrscht haben; im Italienischen war er so bewandert, daß er Petrarca übersetzen konnte. Schließlich hatte er auch Spanischkenntnisse. Seine vielfältige Bildung befähigte ihn, seine Kinder selbst zu unterrichten (20), bis sie ins Gymnasium eintreten konnten. Er nahm keinen Einfluß auf ihre Berufswahl.

Besonders erwähnenswert sind seine Kenntnisse auf optischem Gebiet. Er hatte Fernrohre und Mikroskope in England gekauft. Zu letzteren erfand und baute er einen Beleuchtungsapparat, den er ausführlich 1853 beschrieb (21). Sein langjähriger Kölner Freund, der Geheime Medizinalrat Dr. Fischer, vermittelte die Bekanntschaft zu dem Berliner Physiologen Dr. Joh. Müller. Der schickte einen Optiker zu Dr. d’Alquen, damit er bei ihm das Schleifen von Mikroskoplinsen erlerne. In der gleichen Zeitschrift (15) hatt er 1853 über die „Vogel-Fauna der Gegend um Mülheim am Rhein“ geschrieben.

Die ausgedehnten Tätigkeiten neben seiner Praxis und dem Unterricht mit seinen Kindern mögen bereits 1836 Josephine zu der Bemerkung veranlaßt haben: „Jean hat sich ganz aus dem Kreis der Familie herausgeschäält.“ (22)

Zu seinen „Liebhabereien“ kommt als die am intensivsten und erfolgreichsten geübte, die Musik, noch hinzu. Abgesehen von seiner virtuosen Beherrschung des „Pianofortes“, des Klaviers, war es ganz besonders die Liedkomposition, der er sich widmete.

A. W. von Zuccalmaglio kehrte 1840 nach achtjähriger Hauslehrertätigkeit bei den Fürsten Gontschakow und Paskiewitsch, den russischen Statthaltern in Polen, aus Warschau zurück (23) nach Mülheim. Zuccalmaglio war vor und nach seinem Auslandsaufenthalt einer der bedeutendsten Volksliedersammler seiner Zeit. Jean vertonte etliche seiner Textbearbeitungen. Das meiste davon erschien ohne Nennung von Jeans Namen. Vieles von Zuccalmaglios Liedern wurde sogenanntes „Volksgut“, d. h. die Texte und Melodien waren so eingängig, daß sie vom Volk gesungen wurden, ohne daß man wußte, von wem sie stammten. Im „Zupfgeigenhansel“, dem Liederbuch der „bewegten Jugend“ kurz vor 1900 finde ich in der 164. Auflage von 1940 noch folgende Lieder von A. W. v. Zuccalamglio: „Mein Schatz, der ist auf die Wanderschaft hin, ich weiß aber nicht, was ich so traurig bin...“ (S. 48); dann „Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehn  wir nach Haus...“ (S. 53); und „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht...“ (S. 78 f).

Das bekannte Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“, dessen Text von Zuccalmaglio stammt, soll nach Mitteilung von Else Yeo (s. Lit.-Verz.) von J. P. C. d’Alquen vertont worden sein.

Für seine „Schatzkammer“ hatte A.W. v. Zuccalmaglio eine ganze Reihe von Melodieaufträgen erteilt. Auch Johann Peter Cornelius war hier beteiligt. Bei seiner Rückkehr 1840 hatte sich Zuccalmaglio in Berlin mit Felix Mendelssohn- Bartholdy und dessen Schwester befreundet. Seither arbeitete er eng mit ihm zusammen als einer der „Davidsbündler“. Auch von hier ist Einfluß auf Dr. d’Alquen ausgegangen.

Um diese Zeit veröffentlichte Jean seine ersten Kompositionen, so bei Busse in Braunschweig im „Arion“, später in Stuttgart bei Göppert, hier auch bereits Klaviersonaten, Saitenquartette und Opernszenen.

Um 1840 entdeckt Dr. d’Alquen in Köln eine herausragende Gesangbegabung. Es ist der Bassist Carl Formes. Jean schult ihn in der Rolle des „Sarastro“, in der Formes in Köln große Erfolge erzielt (24).

Im August des darauffolgenden Jahres unterbricht Josephine die Reise zur Cousine (25), der Gräfin von Bocarmé, geborene Marquise du Chasteler, auf Schloß Bitremont in Bury in Belgien. Jean nahm die Wechsel der Cousine entgegen, das Reisegeld für seine Schwester Josephine. Sie hätte aus eigenen Mitteln solche Reisen niemals finanzieren können. Sie war damals in einer schwierigen seelischen Verfassung und schrieb an ihren Freund Pfeil, daß Jeans, seine Frau und seine Kinder sie „auf das liebevollste zu Erheitern suchten.“ (26) Mehr und Persönlicheres erfahren  wir aus diesem Brief nicht. Sie hatte auch ursprünglich nur einen eintägigen Aufenthalt vorgesehen. Das Verhältnis Josephines zur Familie ihres Bruders Jean war bei weitem nicht so herzlich und anteilnehmend wie zu denen ihrer englischen Brüder Franz und Fritz. Ihre kleinen Neffen, Söhne Jeans, erfahren nicht einmal eine namentliche Erwähnung.

Zwei bedeutende musikalische Ereignisse der folgenden Jahre, bei denen sich Dr. d‘Alquen engagiert hatte, sind 1847 das 1. Gesangsfest des Bergischen Sängerbundes in Lennep. Montanus, d. i. Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, organisierte es. Einige Festbeiträge stammen von ihm und Wilhelm von Waldbröhl, d. i. Vinzenz von Zuccalmaglio, Bruder des Montanus (27). Und 1852 komponierte Jean für den gleichen Sängerbund das umfangreiche Tonwek für Männerstimmen „Die Lehen von St. Goar“.

In diesen fünfziger Jahren hatte Josephine mehrfach brieflichen Kontakt zu ihrem Bruder Jean. Sie überläßt ihm eines ihrer „Blauen Bücher“ mit kritischen Kommentaren insbesondere zu dem Roman „Die Ritter vom Geist“ von Karl Gutzkow (28). Jean schreibt ihr ironisch zurück, sie möge sich in acht nehmen, daß ihr der Ritter nicht einmal nachts erscheine, da sie sich so ablehnend zu dem Roman geäußert habe. In ein zweites „Blaues Buch“, das sie auch ihrem Bruder sandte, waren seine sämtlichen Briefe an sie eingeheftet. Dieses Buch hat er nicht erhalten.

Im gleichen Zeitraum schickt Bruder Fritz aus London ein Mikroskop, mit dem Jean viel arbeitet. 1853 und 1856 veröffentlicht er zwei Artikel „Zur Mikroskopie“ und seine Experimente (30) und über die Vogelwelt in der Gegend um Mülheim (31).

Aber auch die Lyrik beschäftigt ihn. Einer seiner Biografen berichtet (32), ihm lägen drei Bändchen handschriftlicher Gedichte von Dr. d’Alquen vor. Das erste habe als Motto: „Ich sage nicht, daß sie unsterblich sind. Pfeffel“, das zweite „Dichten ist ein lustiges Handwerk. Goethe“. Das Motto des dritten wird nicht erwähnt. Über den Verbleib der Gedichtbändchen, die 1860 vorlagen, ist leider nichts bekannt. So erfahren wir nicht, ob d’Alquen auch eigene Poesie vertont hat.

Es war Dr. d’Alquen sehr peinlich, seinen Namen auf Kompositionen oder Partituren abgedruckt zu sehen. Er argumentierte, seinen Beruf als Arzt bringe seine Tätigkeit als Komponist in ein schiefes Licht. Daher schickte er 1860 eine Sinfonie, die er schließlich nicht gut anonym veröffentlichen konnte, seinem Bruder Franz, dem Musikdirektor, nach Brighton, wo sie mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Über eine englische Pressebesprechung kam die Sache aber auf. Eine Kölner Zeitung machte das Ereignis im gleichen Jahre noch bekannt. Über den Verbleib der Partitur dieser Sinfonie ist nichts bekannt.

Ein Musikkritiker enthielt sich nicht der Andeutung eines zarten Plagiats: Er hatte eine Stelle herausgehört, die ihm von Beethoven übernommen schien. Dr. d’Alquen darauf angesprochen, gab dies unumwunden zu und meinte, es sei ganz unbewußt geschehen, und selbstverständlich werde er die Stelle ändern (wie 32). Andererseits, so meinten Freunde, könne man dies aber auch als Huldigung an Beethoven sehen.

Im Oktober 1861 ernannte König Wilhelm von Preußen, der spätere deutsche Kaiser, auf Antrag des Kölner Regierungspräsidenten Dr. J. P. C. d’Alquen zum Sanitätsrat. Der preußische Kultusminister von Bethmann-Hollweg befürwortete den Antrag vom 1. Oktober wie folgt: „Die Regierung zu Coeln hat darauf angetragen, daß dem practischen Arzte Dr. d’Alquen in Mülheim a/Rhein der Character als Sanitäths-Rath verliehen werden möge. - Derselbe, gegenwärtig 61 Jahr alt, ist seit 1822, in welchem Jahr er die Approbation als Arzt erhalten hat, in Mülheim ansäßig. Seinen ärztlichen Beistand läßt er Armen und Reichen in höchst uneigennütziger Weise zu Theil werden. Mit besonderer Vorliebe widmet er sich wissenschaftlichen Studien und genießt als Gelehrter in allen Zweigen der Naturwissenschaften einen wohlbegründeten Ruf. Seine verschiedenen, reichhaltigen Sammlungen stehen dem gebildeten Publikum jederzeit zu Gebot und werden von den Schulen der Stadt mit dem besten Erfolge als Lehrmittel benutzt. - Diese nutzbringende Tätigkeit eines Mannes, der voll practischer Gesinnung auch dem Staate und der Gemeinde bei allen vorkommenden Gelegenheiten seine Dienste gewidmet hat, dürfte einer äußeren Anerkennung würdig sein. Ich erlaube mir daher, den Antrag der Regierung ehrerbietigst zu befürworten und Ew. Königlichen Majestät allerunterthänigst zu bitten: dem p Dr. d’Alquen den Charakter als Sanitätsrath durch Vollziehung des beigeschlossenen Patents in Gnaden verleihen zu wollen. Berlin, den 30ten September 1861.“

Der König, der gerade in Baden-Baden zur Kur weilt, „vollzieht Allerhöchst“ den Antrag am 3. Oktober. Am 4. Oktober geht der Antrag als genehmigt ab.

Interessanterweise wird in dem Antrag mit keinem Wort auf d’Alquens musikalische Leistungen eingegangen, woraus zu schließen ist, daß man sie nicht für so bemerkenswert einschätzte oder daß es, wie Johann Peter Cornelius selbst deutlich empfand, als rufschädigend erachtet werden konnte, wenn sich ein Arzt so intensiv wie er und so umfassend nebenher als Musiker betätigte. Es könnte auch sein, daß der Anreger solcher Ehrung nicht im Kreise seiner Musikfreunde zu suchen ist, sondern im Kreis der Politiker, mit denen Jean zu tun hatte, z. B. dem Grafen von Fürstenberg-Stammheim.

In versteckter Form ist in der Begründung auf etwas angespielt, das Vinzenz von Zuccalmaglio in seinem Nachruf betonen wird. Dr. d’Alquen stellte selbst nie Honorarforderungen aus. Gewinnstreben sei ihm peinlich gewesen. Zuccalmaglio meint dazu (34), hätte es nicht eine liebenswürdige Dame gegeben, der Name wird nicht genannt, die die Ausstellung von Rechnungen für Behandlungen und Rezepte übernommen habe, wäre die finanzielle Situation für die Familie recht kritisch geworden. d’Alquen habe nie Geld- oder Sachgeschenke angenommen, außer Pflanzen. Ein einziges Mal hätten seine Freunde ihn mit einem Geschenk überrascht, das er angenommen habe, ein neues Pianoforte zu seinem 60. Geburtstag.

Am 20. Dezember 1859 wurde Dr. d’Alquen zu seinem alten Patienten, dem Grafen von Fürstenberg-Stammheim, nach Köln gerufen. Er starb in d’Alquens Armen. Der Graf, der dem erzkonservativen, antirevolutionären, katholischen Flügel des preußischen Herrenhauses angehörte, hielt seinem liberalen Hausarzt, dem Bruder eines zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilten Revolutionärs, über Jahrzehnte die Treue. Die politischen Standpunkte der beiden waren wohl unverrückbar fest. Wenn wir Jean richtig einschätzen, hat er  gegenüber seinem Patienten keinen Hehl aus seiner Gesinnung gemacht. Weiter dürfte sein Einfluß nicht gegangen sein. Die Verbindung zur Familie Fürstenberg geht noch auf Jeans Vater zurück. Die Fürstenberg waren in der Arnsberger Umgebung begütert. Fritz hatte in der Familie Klavierunterricht erteilt.

1861 oder 1862 besuchte A. W. v. Zuccalmaglio seinen Freund in Mülheim: „Er war sehr stille geworden, saß gewöhnlich in der Stube oder draußen im Sonnenschein, freute sich seiner Blumen. War ich eine Zeitlang bei ihm, kehrte seine alte Lebendigkeit wieder, tummelten wir uns in den Feldern, in welchen wir uns nicht ohne Erfolg bewegt hatten: Sternenkunde, deutsches Schriftentum oder redeten vom Gedeihen des Vaterlandes. Der Freund setzte sich dann auch wohl an das schöne Pianino, welches er von seinen Mülheimer Verehrern geschenkt bekommen, und überraschte mich mit neuen Tondichtungen [...]. Als ich ihn zum letzten Male sprach, sagte er mir: ‘Jetzt setze ich keine Lieder mehr!’

Ich suchte ihm seine Trauer auszureden, mit welcher er dieses Gefühl ausdrückte. [...]“ Und von einem späteren Besuch teilt er mit: „Jetzt aber sah ich ihn entstellt, dem Tode nahe vor mir liegen. Er schlief. Da er so lange nicht geschlafen, wäre es grausam gewesen, ihn wecken zu wollen. Ich war durch seinen Anblick auch so erschüttert, sodaß ich mich entfernte, ohne ihn gesprochen zu haben. [...] Wie an einem älteren Bruder habe ich an diesem Manne gehangen, nichts unternommen oder vollendet, ohne es mit ihm zu besprechen. Mit einem solchen Manne schwindet das halbe Leben mit hinunter.“ (35)

Im Frühjahr 1863 besuchte A. W. v. Zuccalmaglio seinen Freund J. P. C. d’Alquen ein letztes Mal. In seinen Lebenserinnerungen (36) schildert er seine „größte Sorge“ um ihn: „Er teilte mir mit, daß er nicht lange mehr leben werde, daß er an einem Herzleiden sieche. Ich hielt dies für eine Übertreibung, für Schwarzseherei, bedauerte nur ein anderes Leiden dieses in jeder Hinsicht tüchtigen Mannes. Er hatte sich in letzter Zeit vielfach mit Sternkunde, viel mit der Natur im Reiche des Winzigen beschäftigt [...]. Durch diese Beobachtungen scheint er dem Auge zu viel zugemutet zu haben, sodaß bei einer Untersuchung plötzlich ein Blutgefäß im Auge brach und das Sehen trübte. Trotz aller Mühe konnte er später nur mit großer Mühe lesen und schrieb undeutlich und ungern“. Auch das Komponieren wurde ihm unmöglich. Das Herzleiden verstärkte sich, und so starb er am 27. November 1863 im Kreise seiner Familie und Freunde.

Am 2. Dezember 1863 wurde er auf dem zu Liebfrauen gehörenden Friedhof in Mülheim beigesetzt. Sein Freund Vinzenz von Zuccalmaglio schreibt über diese Ereignisse: „Als Arzt sich seines Zustandes bewußt, sprach er es schon im Frühjahre vor Freunden aus, daß er den nächsten Winter nicht überleben werde. Er sah den Tag seines Hinscheidens vorher und bestimmte mit Ruhe die Stunde seines Begräbnisses so, daß alle seine Freunde, gleichviel welchem Bekenntnisse sie angehörten, ihm das letzte Geleit geben konnten, ohne den fremden Gottesdienst besuchen oder vom Zuge abbrechen zu müssen [...]. Noch in der letzten Stunde seines Lebens hörte man ihn Mozart’sche Melodien leise vor sich hin flüstern [...]. Die allgemeinste Betheiligung der Stadt Mülheim und der umwohnenden ländlichen Bevölkerung am Leichengeleite, wie dort noch nie vorgekommen, bekundete die Liebe und Anhänglichkeit für den Verlebten. Arme und Reiche jedes Standes, Juden, Katholiken und Protestanten, alle wollten ihm die letzte Ehre erzeigen, und trotz der Winterzeit hatten liebende Hände von allen Seiten so viele Blumenspenden mitgebracht, daß Sarg und Wagen und Grab mit Sträußen und Kränzen bedeckt wurden und der verlebte Sänger buchstäblich in Rosen gebettet liegt“. (37)


„Da Dr. d’Alquen begraben lag,“ erinnert sich A. W. v. Zuccalmaglio (Erinnerungen, III, S. 818), „fehlte mir die Lust der botanischen Sammlung. [...]. D’Alquens Vögel wanderten an Freunde - aber seine botanische Sammlung auf den Düngerhaufen, damit das Papier, in welches sie eingelegt gewesen, zu Düten benutzt werden konnte.“

Die Sterbeurkunde (hier klicken) ist  von  seinem  zweiten  Sohn,  Franz  Georg  Carl d’Alquen, 31 Jahre alt, unterzeichnet. Seine Witwe überlebte ihn dreizehn Jahre. Sie starb am 21. Dezember 1876 73 Jahre alt an Altersschwäche in Essen, wo sie bei ihrem Sohn Hermann gelebt hatte. Die Gräber sind längst aufgelassen worden. 

Erinnernswert sind noch folgende Bemerkungen Vinzenz von Zuccalmaglios (38): Jean d‘Alquen habe über eine schöne Sprache verfügt; er sei eine stattliche Erscheinung gewesen, scharfsinnig, humorvoll, gerade, großzügig. Er sei für eine Universitätsprofessur vorgeschlagen worden, die er jedoch abgelehnt habe. Er habe körperliche, „geistige und sittliche“ (39) Gebrechen gleichermaßen behandelt und keine Scheu vor ansteckenden Krankheiten gehabt.

Im Jahr nach seinem Tode erfährt Dr. d’Alquen eine besondere Ehrung: Am 27. Juli 1864 wird in der Mülheimer Schützenhalle vor tausend Zuhörern ein d’Alquen-Gedächtnis-Konzert gegeben. Was zu seinen Lebzeiten wegen seiner Bescheidenheit undenkbar gewesen wäre, nun konnte es durchgeführt werden. Dies blieb übrigens das einzige öffentliche Konzert, das ausschließlich seinen Werken gewidmet war (40).

Gleichfalls 1864 erschien besagte „anonyme“ Biographie bei Samuel Lucas in Elberfeld. Den Freunden wird Vinzenz von Zuccalmaglio als Autor nicht verborgen geblieben sein. Sie wurde 1881 unter seinen „kleineren Schriften“ nun mit seinem Namen aufgeführt und gekürzt in seiner Erinnerungsschrift „Die Vorzeit“ nochmals veröffentlicht.

1869 stirbt Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, „Wilhelm von Waldbröhl“, Freund und Anreger Jean d’Alquens. Die beiden waren sehr großzügig miteinander umgegangen: Zuccalmaglio überließ Jean Texte; Jean vertonte sie. Ihre Namen wurden oft nicht genannt. So erklärt es sich, daß vieles unter Jeans Liedern ohne Erwähnung des Autors blieb und daß manches Lied gesungen wurde und vielleicht noch wird, das von Dr. d’Alquen stammt, und niemand weiß es. A. W. v. Zuccalmaglio wird als der Vermittler zwischen den alten, verklingenden Traditionen und den neuen Bedingungen der bürgerlichen Musikpflege bezeichnet (41). Hierbei habe ihn Dr. d’Alquen unterstützt, der Zuccalmaglios Volkslieder besonders für Chöre bearbeitet habe. August Wilhelm von Zuccalmaglios Texte wurden auch von Mendelssohn-Bartholdy, Loewe und am nachhaltigsten von Brahms übernommen.

1880 erscheint zum 50jährigen Bestehen der Mülheimer Realschule eine Festschrift, in der der Direktor Dr. Cramer einen Artikel über Dr. J. P. C. d’Alquen veröffentlicht.

1880 erfolgte die erste Erwähnung des Dr. d’Alquen in einem Lexikon mit einigen wenigen, z. T. falschen Angaben, die spätere Autoren ungeprüft übernahmen. Es ist die „Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique par F. J. Fétio, Paris 1880“, 1. Band, S. 76 f. Hier ist auch Jeans Bruder Franz d’Alquen in Brighton und London erwähnt.

Etwa 1906 übernimmt das „Musikalische Conversationslexikon [...]“ die o. e. Angaben.

1926 erscheint am 12. August in der „Rheinischen Volkswacht“ ein Artikel über d’Alquen, den „Mülheimer Tondichter“.

1930, 1935 und 1937 wird in Leichlingen das „alte deutsche Volksspiel: Das Maifest“ nach Texten der Gebrüder Zuccalmaglio und in der Vertonung von d’Alquen und Ferdinand Lützenkirchen für Männerchor und Bläser aufgeführt.

1936 überträgt der Reichssender Köln am 29. Juni von 17.05 Uhr bis 17.25 Uhr Lieder von Peter Cornelius d’Alquen. Die Einführung verfaßte Dr. Heinz Freiberger.

1938 hört man über den Deutschlandsender Lieder und Kammermusikwerke von J. P. C. d’Alquen, dazu einen Vortrag von Dr. H. Westkamp. Die Deutsche Grammophongesellschaft bietet im gleichen Jahr die „Große Sonate in d-moll“ als Schallplatte an. Inspirator der Sendung und des Drucks der Schallplatte war Rolf d’Alquen.

Am 1. August 1939 bringen Radio Bremen und der Deutschlandsender fünf Lieder und die Sonate in F-Dur zu Gehör. Diese Sendung nannte sich: „Einer der vergessen ist - Johann Peter Cornelius d’Alquen“.

Bis ins Jahr 1972 dauert nun das Vergessen an. Im Rheinischen Merkur (42) erscheint von Andreas von Imhoff eine ausführliche bibliographische Würdigung und Aufzählung der Werke.

1982 macht sich Rolf d’Alquen daran, sämtliche Werke seines Urgroßvaters aufzuspüren. Die von Imhoff genannten können ergänzt werden durch verstreut in Familienbesitz Befindliches. Wie schon erwähnt, stiftet Rolf d’Alquen das gesamte Material der Universität Köln, den „Kompositorischen Nachlaß des Johann Peter Cornelius d’Alquen“.

1983 bedankt sich die Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikpflege e. V. in ihren Mitteilungen Nr. 67, November 83, S. 139 ff, für die Überlassung einer Kopie der Arbeit von Rolf d’Alquen.

Endlich kommt es am 8. Juni 1985 im Hause von Gunter d’Alquen, einem weiteren Urenkel des Arztes und Komponisten, in Mönchengladbach wieder zu einer akkustischen „Begegnung mit J. P. C. d’Alquen“.

Am 13. Juni 1987 befaßt sich eine Fachtagung in Burscheid anläßlich des 175jährigen Bestehens der Musicalischen Academie von 1812 mit dem „Aufbruch einer bürgerlichen Musikkultur im Bergischen Land“. Das letzte Referat hält Wolfram Goertz über J. P. C. d’Alquen. Der Abend bringt ein Kammerkonzert mit Liedern von Brahms, d’Alquen, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Carl Maria von Weber und das Streichquartett Nr. 11 (1855) von d’Alquen.

Schließlich wurde im August 1988 in Bergisch-Gladbach das Kindersingspiel von W. v. Waldbröhl (A. W. v. Zuccalmaglio) in der Vertonung von J. P. C. d’Alquen (43) und der Bearbeitung von Frau Else Yeo aufgeführt.

Am 2. September 2007 wurde im Schlosspark von Wasserlos ein Konzert mit dem Titel „Hochzeitsbraten…“ heitere Szenen und Lieder von Mozart, Schubert, d’Alquen und anderen auf der Parkbühne im Schlosspark zur Aufführung gebracht.

"Das Programm stellte Bezüge zu der wechselhaften und teils noch im Dunkeln liegende Geschichte Wasserlos her, bei der die Musik eine bemerkenswerte Rolle spielte. So hatte einer der prominentesten Bewohner des Anwesens, der spätere Herzog Ludwig von Württemberg, persönlichen Kontakt zu Wolfgang Amadeus Mozart, der ihm ein - leider verschollenes - Flötensolo (KV 33 a) komponierte und widmete. Bislang im Verborgenen geblieben waren auch zahlreiche Kompositionen, meist kurze Vertonungen von Texten und Gedichten, von Jean d`Alquen, der am 18. September 1800 auf Schloß Wasserlos geboren wurde. " (Zitat Pressedienst Alzenau)

Am 11. November 2007 fand im Rahmen des Bergischen Musikfenster 2007 ein Konzert mit dem Titel: Biedermeier mit d'Alquens statt. Dort wurden von J.P.C. d'Alquen "Die Vögel", "Gesang der Schwalben", "Das Vögelein", "Verehrung", "Der Kuss" und vermutlich erstmals "Das Lied der Hunde" aufgeführt. Das Konzert kann auf unserer Videoseite angesehen werden. Ingo d'Alquen hielt eine kurze Ansprache.
Es kam zu diesem Konzert, weil Heiner d'Alquen, der ein Schüler von Carmen Daniela war, diese auf unsere musikalischen Vorfahren angesprochen hatte. Nachdem ihr Interesse geweckt war, konnte dann unser Musikarchiv die benötigten Noten zur Verfügung stellen, und es wurde ein rundum gelungener Abend.
 

Soweit meine Unterlagen über Wiederaufführungen seiner Werke.

Der Umfang des musikalischen Schaffens des Dr. d’Alquen ist nicht einfach anzugeben. Imhoff (s. Lit.-Verz.) kommt in seiner Zusammenstellung von 1975 auf 25 Nummern. Bei den meisten handelt es sich um Liedersammlungen, so z. B. Nr. 8 (8 Lieder), Nr. 9 (10 Lieder), Nr. 10 (10 Lieder), Nr. 11 (107 Lieder) usw. An Instrumentalwerken führt Imhoff fünf Nummern auf, z. B. Nr. 22 die „Große Sonate in d-moll für Klavier“, die 1939 von der Deutschen Grammophongesellschaft verlegt wurde. Rolf d’Alquen konnte diese Liste um fünf Nummern ergänzen, Kompositionen, die nach 1972 entdeckt wurden.

Zwei davon, die Nr. 26 (F-Dur Sonate für das Pianoforte), am 1. August 1939 im Rundfunk dargeboten, und Nr. 27 „Entwurf eines Violinquartetts für meinen Neffen Franky d’Alquen“, Sohn seines Bruders Franz in Brighton, lagen u. a. Prof. Douliez zur Begutachtung vor. Einige der im Druck veröffentlichten Werke, z. B. Nr. 3 bei Imhoff, das Chorwerk „Loreley“ mit Orchesterbegleitung, konnten nicht mehr aufgefunden werden. Andere Werke, z. B. die hundert Lieder für drei Frauenstimmen, sind verloren gegangen wie wahrscheinlich eine größere Zahl weiterer Werke. Da Dr. d’Alquen nur ganz wenig vor seinem Tode selbst veröffentlichte und da er kein Werkeverzeichnis angelegt hatte, bleibt unerfindlich, was genau in die Hände seiner Nachkommen, seiner Freunde und der Musikvereine, für die er komponierte, gelangte.

Die Kritik über seine musikalische Bedeutung ist zwiespältig. Aber Kritik ist immer zeitgebunden. Immerhin wurde anerkennt, daß seine Lieder und Klaviersonaten zum zeitgenössisch Besten gehörten. Er habe zu sehr an Mozarts Muster festgehalten; aber sein Melodienreichtum, seine gediegenste Durcharbeitung werden hochgelobt. Manche seiner Lieder seien echtes Volksgut geworden. Besonders hervorgehoben werden seine Mülheimer Schützenlieder und seine kirchlichen Gesänge. Er hatte auch eine katholische Singmesse komponiert. Einige seiner Werke sind auf Schallplatten und Tonbändern festgehalten worden. Wenigstens dies Wenige steht uns heute als Nachklang eines ungewöhnlich reichen Schaffens zur Verfügung.

Der kompositorische "Nachlass des Arztes und Komponisten Johann Peter Cornelius d'Alquen" befindet sich im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln, Albertus-Magnus-Platz 1, 50923 Köln
Tel. 0221 / 470 3476 Fax 0221 / 470 4964
Öffnungszeiten: Im Semester Mo-Do 10-18, Fr 10-14 h, sonst Mo-Do  10-13 und 14-17, Fr 10-14 h.
Bei Archivbenutzung Voranmeldung erbeten.

Ein Verzeichnis seiner musikalischen Werke finden Sie hier.
Einige seiner Noten können hier als PDF- Dateien heruntergeladen werden.
Einige seiner Kompositionen können auch als MP3- Dateien hier heruntergeladen werden.

Aus den Verhandlungen des naturhistorischen Vereins von 1856 haben wir erstmals einen Text von Dr. med. Johann Peter Cornelius d'Alquen "Zur Mikroskopie" veröffentlicht. Der Artikel ist 12 Seiten lang und kann als PDF- Datei (ca. 5 MB)
HIER heruntergeladen werden (mit der rechten Maustaste und "Ziel speichern unter..." wählen.)

Anmerkungen
(1) Vinzenz v. Zuccalmaglio, Kleinere Schriften, 1864
(2) s. Lit.-Verzeichnis, im folgenden zitiert als VZucc mit Seitenzahl
(3) zitiert nach der Nummer der Mappe und der Nummer des betreffenden Stückes darin, z. B. 8.15: 8.Mappe, 15. Stück
(4) s. Lit.-Verzeichnis
(5) 1.17
(6) 6.98
(7) VZucc, 17
(7 a) 9.83
(8) VZucc, 5
(9) Bendel, 322
(10) VZucc, 7
(11) Anton Wilhelm v. Zuccalmaglio, Lebenserinnerungern (im folgenden zitiert als AWZucc),  167 f
(12)  in: Harless Neues Jahrbuch der teutschen Medizin [...], Bd. 10, Stück 1, 1825, Art. 6, S. 77 - 79
(13) wie vor
(14) wie vor
(15) Verhandlungen des naturhistorischen Vereines der preußischen Rheinlande und Westphalens, hg. V. Prof. Dr. Busge, 10. Jg., 1853
(16) wie Anm. 12, Band 12, Stück 3, 1826, S. 117 - 139
(17) hg. V. Else Yeo, S. 34, 80 ff, 128
(18) im Besitz von Alex d’Alquen, Hoinkhausen
(19) im Besitz von Gunter d’Alquen, Mönchengladbach
(20) Jansen, 141; Becker; bes. Brendel, 323 f
(21) Verhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins, XIII. Jg., 1856,             S. 87 ff
(22) in einem Brief an die ehemalige Erzieherin Frl. Feuser
(23) Jansen, 141
(24) Paffrath
(25) 2.28
(26) dito
(27) Else Yeo, briefl. Mitteilung an Rolf d’Alquen vom 19. Febr. 1982
(28) 3.6 und 6.98
(29) Cramer, 2
(30) wie Anm.21, Jg. 1856
(31) dito 1853
(32) Cramer, 2
(33) Abschrift aus Rep. 89 H XII - Gen. 2 d, Mappe II (zu G. St. A. II            748/40)
(34) VZucc 20
(35) AWZucc III, 802
(36) dito, S. 793
(37) VZucc 24 ff
(38) VZucc 20
(39) dito 23
(40) Cramer, 3 und Rolf d’Alquen, Nr. 31
(41) Günther
(42) Rolf d’Alquen, Nr. 24
(43) Remscheider Generalanzeiger, 13. August 1988

Literaturverzeichnis
d’Alquen, Rolf, Der kompositorische Nachlaß des Johann Peter Cornelius  d’Alquen. Zum Andenken an meinen Urgroßvater. Privatdruck. Bremen 1982
Becker, Otto, Dr. d’Alquen, ein Mülheimer Tondichter (in: Die Rheinische Volkswacht, Nr. 199, 12. August 1926)
Bendel, J., Die Stadt Mülheim am Rhein. Geschichte und Beschreibung.Sagen und Erzählungen. Mülheim 1913
Cramer, Dr. Franz, Dr. d’Alquen, Anton von Zuccalmaglio und Vinzenz von Zuccalmaglio (in: Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens der  Realschule in Mülheim) 1880
Douliez, Prof. Paul., Analysen zu zwölf Nummern der Werke des Dr. d’Alquen, davon sieben Nummern mit 46 Liedern, einem Singspiel und einem Quartett mit Chorgesang, brieflich am 7. Dez. 1980 an Rolf d’Alquen, 16 S
Günther, Robert, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik [...], hg. v. Frdr. Blume, Bd. 14, Kassel u. a. 1968, Sp. 1404 ff   
Imhoff, Andreas von, d’Alquen, J. P. C. (in: Rheinische Musiker, VII. Folge, hg.von Dietrich Kämper, Köln 1972)
Jansen, F. Gustav, Die Davidsbündler. Aus Robert Schumann’s Sturm- und Drangperiode [...], Leipzig 1883
Paffrath, Dr. Herbert, 100 Jahre Cäcilienverein, Köln-Mülheim (in: Beiträge für rheinische Musikgeschichte, hg. v. d. Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte durch Prof. Dr. Karl Gustav Fellerer, Köln 1955)
Schnorrenberg, Jakob, Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (in: ADB, Bd. 45, 1900, Neudruck 1971, S. 467 ff)
ders., Vinzenz Jacob von Zuccalmaglio (in: ADB, Bd. 45, 100, Neudruck 1971,     S. 469 ff)
Yeo, Else, Briefliche Mitteilung an Rolf d’Alquen vom 19. Februar 1982
W., Franz Egon Graf v. Fürstenberg-Stammheim (in: ADB, Bd. 8, S. 244 ff; Freund     und Patient von J. P. C. d’Alquen)
Zuccalmaglio, Anton Wilhelm von (Wilhelm von Waldbröhl), Erinnerungen Bd. I: Kindheit und Jugend. Nach der Studienzeit (hg. von Else Yeo), Bonn 1988, Bd. II: Die Zeit in Warschau (hg. v. Else Yeo), Bonn 1990, Bd. III: Zeit der Entdeckungen (hg. v. Else Yeo), Bonn 1991
Zuccalmaglio, Vinzenz von (Montanus), Dr. D’Alquen [...]. Ein Lebensbild. Elberfeld 1864
Zuccalmaglio, Vinzenz (Montanus), Sanitätsrath Dr. D’Alquen, der Mülheimer Tondichter (in: Die Vorzeit, 3. Aufl., II. Bd., S. 263 ff, o. O., o. J.; nach 1863)
Anonym: Begleittext zur Rundfunksendung „Einer der vergessen ist“ vom 1.August 1939
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