Die
ältere westfälische Linie
Ida
Gräfin Visart de Bury et de Bocarmé, geb. Marquise
du
Chasteler
 |
Die
relativ häufige Erwähnung der Cousine Ida de
Bocarmé im Briefwechsel der Josephine d’Alquen,
die lebenslange vertraute Verbindung der beiden Frauen und zu den
Geschwistern der Josephine und schließlich ihr sehr offener
brieflicher Umgang legt nahe, das Leben der Gräfin
ausführlicher zu betrachten.
Ida wurde am 9. Juli 1797 auf
Schloß Wasserlos bei Alzenau geboren. Ihr
vollständiger Name ist
Ida-Hélène-Caroline-Louise-Fortunée-Claire-Eugénie.
Ihr Vater war der Marquis
Gérard-Arnould-Frédéric-Gabiel du
Chasteler, die Mutter Josepha Ubaghs.
Deren Schwester
Helene Sybille Ubaghs hatte den Seligenstädter
Oberamtsakzessisten Franz Adam D’Alquen geheiratet. Der
Marquis und D’Alquen waren somit Schwäger. In seiner
Stellung als kurfürstlich-mainzischer Beamter stand er dem
Marquis als Rechtsbeistand in Vermögensangelegenheiten und in
einer Wechselbetrugsaffäre, die in Utrecht verhandelt werden
mußte, zur Seite, weswegen der Marquis ihm sehr verpflichtet
war. Ida
du Chasteler
und Josephine d’Alquen, die Tochter des Franz Adam, waren
über ihre Mütter Kusinen ersten Grades, Ida
fünf Jahre älter als Josephine. |
Josephine
bedient sich in ihrem Briefwechsel mit der Kusine
immer des höflichen „Sie“,
während Ida Josephine gegenüber das vertrauliche
„Du“ gebraucht.
Die Wege der
beiden Mädchen trennen sich, als Josephines Vater die Familie
1808 an seinen Dienstort Arnsberg ins damals
landgräflich-hessische Herzogtum Westfalen nachziehen
läßt.
Inzwischen,
1804, war Idas Mutter gestorben, ein Grund mehr für die
Lockerung der familiären Beziehungen, von Standesunterschied
und dem sozialen Status abgesehen.
Etwa 1813
dürfte der Marquis Wasserlos und die Zugehörungen
verkauft haben. Er heiratete ein zweites Mal und hatte Kinder aus
dieser Ehe. Drei Jahre darauf heiratete Ida am 6. März 1816
ihren Cousin, den Grafen Marie-Philippe-Joseph-Julien Visart de Bury et
de Bocarmé. Er war zehn Jahre älter als Ida, die
ihn 21 Jahre überlebte. Die Mutter des Grafen war die Marquise
Marie-Claire-Jeanne-Hélène du Chasteler, eine
Schwester unseres Wasserloser Marquis.
Bury ist eine
Gemeinde zwischen Mons und Tournay in Belgien. Das dortige
Schloß, wo sich Josephine und einige ihrer Geschwister
mehrfach aufhielten, heißt Bitremont. Nach der
Familientradition wanderten die Visart, der eigentliche Familienname
der Bocarmé, im 16. Jahrhundert unter König
Heinrich VIII. aus England aus. Sie kauften Bitremont und die
zugehörigen Besitzungen von der Familie Mérode.
Während des Siebenjährigen Krieges erhielten die
Visart den Titel der Grafen von Bury und Bocarmé von
Kaiserin Maria Theresia für die herausragenden
militärischen Verdienste des Louis Visart. Die Visart de
Bocarmé, wie sie nun hießen, nahmen im 19
Jahrhundert umfangreiche Erweiterungsbauten am Schloß
Bitremont vor. Eindrucksvollster und ältester Teil ist der
Doppelturm des Schlosses, den auch Joseohine erwähnt.
Die Fenster
wurden in jüngerer Zeit eingebaut. Josephine erzählt
von prächtigen, langen Alleen und vielen Mauern mit
Spalierobst.
1818 wurde
Graf de Bocarmé zum stellvertretenden Gouverneur auf Java
und Inspekteur der Staatsdomänen ernannt. Das Ehepaar trat
sofort die Seereise an. Auf See brachte Ida am 14. Juni 1818 den Sohn
Hyppolite zur Welt. Die Geburt wurde im nächsten Hafen
Weltevreden angezeigt. Am 30. April 1823 kamen die Zwillinge
Hyppolite-Gabrielle, die vor 1837 starb, und Eugénie zur
Welt.
1826 erkrankte
Hyppolite an der damals sehr gefährlichen
„Caro-Krankheit“. Ida reiste sofort zurück
nach Europa. Nach vorausgegangenen brieflichen Kontaten begegneten sich
die Kusinen Ida und Josephine erstmals in Arnsberg (2. 41). 1827 bringt
Ida ihr viertes und letztes Kind Ida-Marie-Josèphe zur Welt.
Um 1830
schreibt Ida ihrer Tante Helene D’Alquen nach
Arnsberg. Josephine beantwortet diesen
Brief. Seither stehen die beiden in regelmäßigem
Briefkotakt.
Als 1830 in
Paris die Revolution ausbricht, hat das große Wirkung auf
Europa. So lösen sich die Staaten Niederlande und Belgien aus
einer Union und werden unabhängig. Dies hat Konsequenzen auf
die Kolonialverwaltung: Graf Bocarmé verliert als Belgier
sein niederländisches Amt und kehrt nach Bury zurück.
1832 trennen
sich die Ehegatten: Der Graf übersiedelt mit dem
zwölfjährigen Hyppolite nach Kanada; Ida ist von der
Seite ihres Vaters her äußerst vermögend
und begibt
sich mit ihren Töchtern auf eine Europareise (0.4,S.14 f).
Stationen sind Le Havre, London, Paris, vielleicht auch Amsterdam. In
Mülheim bei Köln besucht sie ihren Cousin, den Bruder
der Josephine, Dr. med. Johann Peter Cornelius d’Alquen
(1.0). Ihre beiden Töchter Eugénie und Ida werden
in
Köln in der Schule der Ursulinen untergebracht.
Auf der
Rückfahrt 1839 von der Schweiz im Dampfschiff auf dem Rhein
bis Koblenz lernt Ida die damals bedeutende deutsche Schriftstellerin
Louise von Bornstedt kennen. Sie wird Idas Freundin und
spätere längere Zeit ihr Gast in Paris sein. Weiter
gehören zur Reisegesellschaft ihr Sohn Hyppolite, der wieder
zum Vater nach Kanada zurückkehren wird, und die junge Wiener
Gräfin Ida von Pfaffenhofen, ledige Tochter des Grafen Pfaff
von Pfaffenhofen. Ida möchte sie mit ihrem Sohn verkuppeln.
Dem alten Grafen von Pfaffenhofen († 1840) gehört die Insel
Oberwerth vor Koblenz. Josephine wird später dort monatelang
zu Gast sein.
Ida setzt die
Reise zu Schiff fort. In Köln stößt
Josephine dazu, die mit nach Bury fährt. Josephine lernt hier
den Luxus einer feudalen Haushaltung kennen und verachten. Die
französische Küche kann sie nicht verlocken. Sie
ernährt sich hauptsächlich von Obst und
Gemüse. Josephine wird wegen ihres hervorragenden
Klavierspiels und ihres philosophisch und literarisch geschulten
Geistes beim umwohnenden Landadel bewundert. Auch hier versucht Ida
wieder vergeblich zu kuppeln. Josephine soll an den musikliebenden
Baron du Chatel verheiratet werden. Die kuriose, für Ida
peinliche, für Josephine belustigende Geschichte
erzählt sie ausführlich in ihren Erinnerungen.
Am 16.
April 1841 stirbt Ida von
Bocarmés Schwiegervater auf Bitremont. Da Idas Sohn
Hyppolite noch immer in Kanada weilt, vererbt der Schwiegervater ihr
das Schloß und die Güter. Umgehend lädt sie
Josephine ein, die Ende Juli 1841 in Bury eintrifft (5.70; 2.1; 2.16).
Ida hatte Reisegeld zu Dr. d’Alquen geschickt. Ein
Taschengeld soll Josephine von den Sorgen um tägliche Ausgaben
befreien. Sie soll täglich eine Stunde deutsche Literatur mit
Eugénie lesen (7. 39); ab November soll Eugénie
in Paris leben.
Josephine
beschreibt ironisch und ablehnend ihr Leben im
Überfluß auf Bitremont (2. 28). Auch Ida von
Paffenhofen ist dort. Sie macht Josephine Paris schmackhaft. Das
Unerwartete tritt ein: Josephine ist bereit, die Kusine nach Paris zu
begleiten (2. 32). Zuvor muß sie aber nach London und
Brighton reisen, und dort überredet sie ihren Bruder Franz, im
März 1842 über London nach Paris zu reisen und mit
der Kusine im April 1842 nach Bury zurückzukehren. Franz
widmet seiner Kusine mehrere Klavierkompositionen, nicht zuletzt wegen
der erwiesenen Gastfreundschaft. Während Josephine den
November in England verbringt, hält sich Ida im Dezember in
Paris auf, wo sie mit ihrem Quartier sehr unzufrieden ist (2. 29). Die
Malwut, habe sie gepackt, berichtet sie Josephine.
1842 deutet
Josephine gegenüber ihrem Freund Pfeil Idas Schwierigkeiten
mit Bury an (3. 49), das sie im Vorjahr ihrem Sohn Hyppolite
übertragen hatte (2.16). Wir erfahren nicht, worin diese
Schwierigkeiten bestehen. Ida läßt nicht locker: sie
will Josephine in Paris dabei haben (3.13). Diese schlägt
ihre 17 Jahre jüngere Schwester Caroline als Gesellschafterin
vor: jung, schön, mondän, gesellschaftlich versiert,
als Sängerin und Pianistin ausgebildet (3.15). Ida lehnt ab.
Josephine meint, Ida sehe in Caroline eine mögliche
Heiratskonkurrentin für ihre Töchter.
Idas
weitgespannte Interessen zeigen sich auch an einem Romanvorhaben.
Josephine soll sich beteiligen; aber der ist das Thema zu katholisch.
Ida will auch deutsche Literatur ins Französische
übersetzen. Josephine schlägt ihr Lessing, Sternberg,
Posgarn und Laube vor (3. 58).
Anfang 1843
mietet Ida eine Wohnung in Paris in der Rue Buffault 17 im 9.
Arrondissement „Monmartre“. Die Schriftstellerin
Louise von Bornstedt stellt sich ein. Und hier hält Ida de
Bocarmé ihren Cercle. Sie umgibt sich mit bedeutenden
Politikern, Künstlern und Literaten, der wichtigste ist
Balzac. In einem Brief an Josephine spricht Ida von den „zwey
glücklichsten Monaten ihres Lebens“ (4/ Blaue
Mappe/2). Idas Begeisterung für Balzac geht so weit,
daß sie ihm eine geschliffene Kristallvase in Böhmen
machen läßt: „Divo Balzac“ ziert
eine Devise das von Balzac als geschmacklos empfundene Geschenk, heute
im Pariser Balzac-Museum. Ida übersieht, daß sie
für Balzac nur ein Objekt der Interessen ist, nämlich
über ihren Cercle an wichtige Zeitgenossen heranzukommen, z.
B. an den dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen.
Sowohl Balzac
wie Ida versuchen in dieser Zeit, Ehen zu stiften. So will Balzac Idas
Tochter Eugénie mit seinem Freund Alexandre Dujarier
verheiraten. Ida wählt dagegen im Juli 1844 Jean Baptiste
Pizzaro zum Schwiegersohn, von dem Josephine meint, er sei der Urenkel
des Conquistadors, der mit Eugénie nach Havanna
übersiedeln wolle (5. 18). Im Gegenzug mischt sich Ida in
Balzac Familienangelegenheiten: Sie versucht eine Ehe der Tochter der
Madame Hanska, Balzacs künftiger Frau, mit dem Neffen
Napoleons I., dem Prinzen Pierre Bonaparte, Sohn von Napoleons Bruder
Lucien, einzufädeln.
Wegen der
Hochzeit von Idas Tochter Eugénie fährt Josephine
nicht nach Bury. Ihr Bruder Fritz soll auf dem Weg nach Arnsberg
über Bury fahren (5. 18).
Nachdem
Ida
die Beziehungen zu dem polnischen Verleger Chlendowski aufgegeben hat,
erlischt Balzacs Interesse an Ida vollends. Immerhin hatte ihr Balzac
den Roman „Le colonel Chabert“ gewidmet und seinen
Besuch in Bury für Oktober 1844 angekündigt, was Ida
unvorsichtigerweise der Presse bekannt gab. Balzac kam nicht.
Den Sommer
verbringt Ida nach ihrem Winteraufenthalt in Paris (Rue de Saxonie im
6. Arrondissement) in Bury. Im September ist sie in Arnsberg. Sie
überrascht Josephine mit einer Romanskizze. Sie soll bei der
Ausführung helfen. Ida will ihre Erfahrungen aus dem
zehnjährigen Aufenthalt auf Java verarbeiten. Josephine
entdeckt in der Skizze Schmähungen Deutschlands und zu starke
Rachegedanken. Sie lehnt die Mitarbeit ab (5. 90).
Im Jahre 1848
verheiratet Ida ihre Tochter Marie mit Joseph de Napoli de Romani. Das
Paar wohnt in Blevio bei Como, wo Josephine ihre Kusine zweimal
besuchen wird.
1843 hatte
Hyppolite die Tochter Lydie-Victoire-Josèphe des
wohlhabenden Lebensmittelhändlers Fougnies geheiratet. Der
Schwiegervater scheint den aufwendigen Lebenswandel des Paares auf
Schloß Bitremont in Bury zu finanzieren. Als er 1846 stirbt,
setzt der Sohn Gustave seiner Schwester und dem Schwager eine Rente von
7000 Francs aus, die den beiden nicht genügt. Sie wollen an
das gesamte Vermögen herankommen und versuchen es mit Gewalt.
Hyppolite hatte bereits Giftpflanzen gezüchtet. Nun im Februar
1850 kauft er Nikotin in Gent.
Am 19.
November 1850 ist der Schwager zum Abendessen auf Bitremont eingeladen.
Noch in der Nacht stirbt er plötzlich. Am 21. November bereits
wird Hyppolite verhaftet. Im Mai 1851 beginnt der Prozeß.
Hyppolite wird überführt. Die Beweise sind
eindeutig. Verteidigung und Gutachten bewirken nichts. Am 14. Juni 1851
wird Hyppolite zum Tode verurteilt, seine Frau wird freigesprochen. Am
19. Juli 1851 wird er in Mons auf dem Schafott hingerichtet. Idas
Gnadengesuch an König Leopold I. blieb ohne Wirkung.
Die
Geschichte des "Mord auf Schloss Bury" finden Sie hier.
In ihrem
Nachlaß streift Josephine „die Geschichte
Bocarmé“ mit einigen Worten (8. 7). Die
Enthauptung wird kurz erwähnt (8. 7). Josephine hatte von
Hyppolites Begabung viel erwartet, der sich ohne Vorbildung sehr aktiv
in die Gutsverwaltung eingearbeitet hatte. Gelegentlich hatte sie mit
ihm korrespondiert. Aber sicher hatte sie nie etwas erfahren vom
ausschweifenden und anspruchsvollen Lebenswandel ihres Neffen zweiten
Grades.
Die
Gräfin Ida de Bocarmé ist nach diesem Vorfall
gesellschaftlich vernichtet. Sie taucht in Arnsberg und Köln
oder England bei den Verwandten nie mehr auf. Anscheinend zog sie sich
ganz zu ihrer Tochter nach Blevio zurück.
Im Juli 1851
war ihr Ehemann in Amerika gestorben, von dem sie seit etwa 20 Jahren
getrennt gelebt hatte. 1860 ist Josephine zum zweiten Male in Blevio zu
Besuch (8. 3). 1872 stirbt die Tochter Eugnénie. Ida stirbt
am 22. Dezember 1872 bei ihrer Tochter in Blevio, nur drei Jahre nach
ihrer Kusine Josephine d’Alquen.
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Bocarmé- Chasteler- Ubaghs- d'Alquen