SCHRIFTEN DER HAMBURGER STIFTUNG FÜR SOZIALGESCHICHTE DES 2O.JAHRHUNDERTS

Gunter d'Alquen, Hauptschriftleiter des Schwarzen Korps

Als Zeuge im Wilhelmstraße-Prozeß (siehe auch http://www.afz.ethz.ch/handbuch/nara/naraDeutschlandSN.htm und http://www.historisches-centrum.de/forum/benz04-2.html ) wurde von mir der frühere Hauptschriftleiter des Schwarzen Korps (Hauptorgan der SS) Gunter d'Alquen vernommen. In der Vernehmung heißt es:

Es erscheint aus der Haft vorgeführt Herr Gunter d'Alquen, geb. am 24. 10. 1910 in Essen.

F: Wie alt sind Sie, Herr d'Alquen?
A: Ich bin 37 Jahre.
F: Wann sind Sie geboren?
A: Ich bin am 24. 10. 1910 geboren.
F: Wo?
A: In Essen
F: Was haben Sie gelernt?
A: Ich habe das Abitur gemacht, habe drei Semester studiert, deutsche Geschichte, Englisch, mußte es unterbrechen, weil mein Vater kein Geld mehr hatte.
F: Was ist Ihr Vater?
A: Mein Vater ist Wollkaufmann.
F: Sind Sie verheiratet?
A: Ja.
F: Wo ist Ihre Frau?
A: Meine Frau ist in Bremen.
F: Wo da? Welche Straße?
A: In der Arnold Boecklin-Str. 2.
F: Haben Sie Kinder?
A: Ja, drei Kinder.
F: Was war Ihr höchster Rang?
A: Mein höchster Rang war SS-Standartenführer.
F: SS-Standartenführer?
A: Ja. Erst Allgemeine SS und bin es später in der Waffen-SS geworden.
F: Und von wann bis wann waren Sie Hauptschriftleiter des Schwarzen Korps?
A: Von 1935 bis 1939.
F: Und 1939, was waren Sie da?
A: Da wurde ich Soldat.
F: Bei einer SS-Division?
A: Erst später wurde ich überstellt zur Waffen-SS.
F: Wie lange waren Sie im Reichssicherheitshauptamt tätig?
A: Im Reichssicherheitshauptamt war ich nie tätig. Ich bin nie im Reichssicherheitshauptamt gewesen.
F: Sie hatten doch die Propaganda?
A: Ich kannte Heydrich aus dem Jahre 1932, als ich Schriftleiter beim VB. in München war.
F: War das eine offizielle Zeitung der Partei?
A: Ja. Ich habe nie eine Tätigkeit hauptamtlich in der SS gehabt.
F: Nur nebenamtlich?
A: Ja.
F: Sagen Sie, was heißt, Sie waren nie tätig im Reichssicherheitshauptamt?
A: Ich bin nie hauptberuflich tätig gewesen im Reichssicherheitshauptamt.
F: Sprechen Sie von der SS oder vom Reichssicherheitshauptamt?
A: Ich habe nie Geld von der SS oder vom Reichssicherheitshauptamt bekommen.
F: Das ist doch grotesk, wenn ich ein Blatt herausgebe und sage, ich habe hauptamtlich nichts damit zu tun.
A: Das will ich nicht sagen. Ich wollte sagen, ich bin nicht Angestellter der SS gewesen, habe kein Gehalt bezogen. Ich war Angestellter des Zentralorgans.
F: Sie waren für die SS wichtiger als andere Leute.
A: Das kann ich nicht beurteilen.
F: Aber ich. Sie waren doch nicht Minister oder Staatssekretär.
A: Nein.
F: Wenn Sie Staatssekretär gewesen wären und sagen, Sie wären nur Postbote gewesen, so verstehe ich das.
A: Das will ich nicht sagen.
F: Sie waren der erste SS-Mann.
A: Ich war Hauptschriftleiter beim Eher- Verlag und habe da mein Geld bezogen.
F: Sie waren doch geradezu Vorkämpfer der SS. Ich sehe das nicht als etwas Schlimmes an.
A: Ich verstehe.
F: Sie waren doch stolz darauf, die Meinung der SS zu beeinflussen. Wenn ich das Blatt rausgegeben hätte, wäre ich auch stolz gewesen. Ist das nicht richtig?
A: Ich muß es so sehen, wie Sie es sagen.
F: Es ist doch ganz klar. Ich unterhalte mich nur mit Ihnen, um mich ins Bild zu setzen. Kein Mensch will Ihnen was am Zeug flicken. Was Sie mit den Entnazifizierungsbehörden zu tun haben, ist völlig unabhängig. Ich sage ganz offen, ich habe bisher bei den Herren von der SS immer wahrheitsgemäße Angaben gehabt. Es hat nicht einer gesagt, dass er nicht stolz war, den schwarzen Rock getragen zu haben.
A: Ich darf nochmals sagen, daß Sie mich wahrscheinlich falsch verstanden haben. Als Sie fragten, ob ich im Reichssicherheitshauptamt tätig war, habe ich Sie so verstanden, daß ich angestellt wäre in einer Planstelle. Das war ich nicht. Auch in keinem Amt der SS. Ich habe zum Persönlichen Stab des Reichsführers gehört. Ich habe nie von den Stellen ein Gehalt bezogen. Nur immer vom Eher-Verlag.
F: Ja.
A: Das andere will und kann ich nicht in Frage stellen.
F: Hören Sie, wir haben das mit größtem Interesse im Ausland verfolgt.
A: Das ist mir in England auch gesagt worden. Sie werden es nicht auf die Quellen hin sehen können, manches wird Ihnen interessant gewesen sein.
F: Alles war interessant. Aus dem Schwarzen Korps konnte man doch sehen, wie der Hase läuft. Sie haben kein Blatt vor den Mund genommen.
A: Es war nicht einfach.
F: Sie haben sich auf den verschiedensten Gebieten bewegt. Es ist doch immer, nach drei, vier Monaten, so gekommen, wie Sie es geschrieben haben. Ob es der Brief von Heß war an eine uneheliche Mutter, oder ob es Judensachen waren, es hat sich immer so entwickelt, wie Sie es geschrieben haben. Das war doch das Barometer.
A: Wann ist das gewesen mit dem Brief von Heß? Ich kann mich nicht mehr entsinnen.
F: Ich kann das genaue Jahr nicht sagen. Sie haben auch die ganzen Artikel gegen die Justiz geschrieben. Die Justiz hat sich beklagt zur Zeit von Gürtner.
A: Ich kann mich dunkel erinnern.
F: Die Leute waren noch reaktionär in der Justiz.
A: Wann war das?
F: 1934, 1935.
A: 1934 kann es nicht gewesen sein. 1935 hat das Blatt erst angefangen.
F: Da waren Konferenzen mit Freisler?
A: Wir hatten mal eine sehr ernste Auseinandersetzung mit Freisler.
F: Haben Sie während des ganzen Kriegs geschrieben?
A: Nein.
F: Wann haben Sie aufgehört?
A: Ich habe im Sommer 1939 aufgehört.
F: Seitdem haben Sie nicht mehr geschrieben?
A: Nein, nur einige Kriegsberichte.
F: Aus dem Osten oder Westen?
A: Aus Griechenland. Aus dem Westen, glaube ich, auch. Und aus dem Osten.
F: Was haben Sie aus dem Osten geschrieben?
A: Ich glaube bei dem Angriff auf Mariampol.
F: Schön. Bis wann haben Sie geglaubt, dass es gut geht?
A: Das ist eine sehr schwere Frage. Ich glaube, wenn man so aufrichtig wie eben möglich ist, und aus der Erinnerung sich noch vorstellen kann, gibt es keinen Zeitpunkt, das zu sagen. Ich möchte sagen, meine ernstesten Bedenken hatte ich von der Schlacht von Avranches an.
F: Das war wann?
A: Das war nach der Invasion.
F: Haben Sie denn geglaubt an all die Sachen, die Sie gegen die katholische Kirche geschrieben haben? Daß das ein Weltfeind, ein Feind des Adolf Hitler, des deutschen Menschen ist?
A: Ich glaube, Sie haben vielleicht die Dinge auch nicht mehr so vor sich. Ich möchte mich erinnern, daß wir uns in erster Linie gegen die Träger der katholischen Kirche wandten.
F: Ihre Angriffe gegen Faulhaber und die anderen Leute?
A: Dazu lag mir ein Material, von dem ich annahm, daß es der Wahrheit entsprach, zugrunde. Ich glaube, daß ich in gutem Glauben handelte. Wenn ich auch, wenn ich nicht glaubte, daß es gut war, meine Meinung gesagt habe.
F: Zum Beispiel?
A: Ich habe mich gegen viele Dinge gewandt, die ich in der Partei nicht für richtig hielt. Das hat auch zu schweren Auseinandersetzungen geführt.
F: Sie haben geglaubt, daß die Kardinäle Verbrecher sind?
A: Nein.
F: Daß die Mönche homosexuell sind?
A: Nein.
F: Das hat aber drin gestanden, als die Mönche verhaftet wurden.
A: Sie denken an die Koblenzer Prozesse?
F: Sie haben es groß in den Schlagzeilen gebracht.
A: Ich hatte keinen Zweifel, daß die Gerichtsuntersuchungen auch entsprechend fundiert waren.
F: Auch die jüdischen Sachen, daf die Juden Verbrecher sind und vernichtet wurden.
A: Das werden Sie nicht bei mir gefunden haben.
F: Durch die Jahre hindurch. Ich kann es Ihnen zeigen. Nicht in der blöden Form von Streicher, sondern geschickter. Was hat man sich gedacht? War das offizielle Politik oder . . .?
A: Das ist sehr schwer, das heute in einer . . .Was hat man sich dabei gedacht? Das ist von, ich möchte sagen, von jung auf, eine Auffassung gewesen, die viele Jahre zurückgeht, eine antisemitische Auffassung, die wir schon von Kindesbeinen mitgebracht haben.
F: In Ihrer Familie?
A: Nein. Nicht in der Familie. Ich bin sehr jung, mit 15 Jahren, in die Partei gekommen, gerade im Gegensatz zu meiner Familie, ich habe es schwer gehabt, mein Vater stand auf einem anderen Standpunkt. Er war Freimaurer.
F: Was haben Sie über die Freimaurer geschrieben?
A: Über ganz gewisse Auswüchse auf dem Gebiet. Man hat mich verdächtigt, daß ich zu zahm in diesen Dingen war.
F: In Juden- und Katholikensachen waren Sie nicht zu zahm.
A: Ich habe die Auffassung vertreten, daß die Logen, denen mein Vater angehörte, harmlose Dinge waren. Ich habe Diskussionen gehabt, konnte mich aber nicht durchsetzen.
F: Glauben Sie noch heute, daß die Juden in Prag auf dem Kirchhof sitzen wie die Weisen von Zion . . . ?
A: Das habe ich nicht geglaubt. Und glaube es auch heute nicht. Ich habe versucht, dazu auf eine vernünftige Antwort von Rosenberg zu kommen, es ist mir nicht gelungen.
F: Irgendwo glauben Sie doch an das Weltjudentum, daß das geheime Kräfte sind. Gedanken sind zollfrei.
A: Daran glaube ich nicht.
F: Merkwürdig, wenn man heute zurückblickt auf all die Sachen.
A: Ja.
F: Waren Sie mal in der Kirche früher?
A: Ja.
F: Wie lange?
A: Bis zum fünfzehnten Jahr.
F: Sind Sie eingesegnet?
A: Ja.
F: Evangelisch?
A: Ja.
F: Was war der entscheidende Stoß, daß das alles so verflogen ist, dieser Gegensatz zur Familie, der Parteieintritt?
A: Das ist sicherlich auch eine gewisse oppositionelle Einstellung zum Elternhaus.
F: Haben Sie Geschwister?
A: Ja, einen Bruder, der auch bei der SS war.
F: War der auch auf Ihrer Seite?
A: Zuerst nicht, erst viel später. Ich bin mit 14 Jahren. .., war im Jugendclub.. .
F: In welchem?
A: Im deutsch-nationalen Jugendclub und das hat mir nicht gefallen. In irgendeiner Form war es eine Fortsetzung der Schule. Ich möchte es mit Vorsicht sagen, ich bin in einen ganz kleinen Kreis von Jungen gekommen, der für mich, für den ich keine Vorstellung hatte. Ich weiß nicht, ob das schon mit HJ zu tun hatte. Es war mehr in Richtung des alten Wandervogelvereins.
F: Bündische Geschichten?
A: Nicht ganz.
F: Mehr oder weniger aus bündischer Jugend hervorgegangen?
A: Ich bin nicht in solchen Verbänden gewesen. Der Führer war der Sohn eines Pastors. Wir tagten in einem evangelischen Gemeindehaus. Und daraus hat sich, wie es gewesen ist, kann ich nicht mehr genau sagen, hat sich eine Art der HJ gebildet. Sie stand im Schirm der damals sehr kleinen Ortsgruppe der NSDAP in Essen. Ich bin dort eingetreten, es ist ganz ohne Formalitäten gewesen, ich habe keinen Zettel unterschrieben, ich bin immer hingegangen, wir waren einige sehr nette Kameraden. Die Abende enthielten immer etwas, was mich angezogen hat. Es lag an meiner Schule. Ich war auf dem Realgymnasium in Essen.
F: Und dann Oberrealschule?
A: Ja. Im Realgymnasium blieb ich in Quarta sitzen, Französisch mangelhaft, ich machte ein zweites Jahr in der Quarta, kam zur Oberrealschule. Während ich auf dem Realgymnasium wenig Freude am Lernen hatte, war dort ein anderer Betrieb, viel frischer und all die Dinge.
F: Es sind noch mehr höhere SS-Führer, die kommen aus der Oberrealschule oder vom Humanistischen Gymnasium.
A: Das wußte ich nicht.
F: Deshalb habe ich es Ihnen gesagt, nach der Oberrealschule waren Sie auf dem Humanistischen Gymnasium. Das sieht man Ihnen an der Nase an.
A: Ach nein. Die Schule hat Einfluß auf meine Entwicklung gehabt.
F: Waren Sie ein guter Schüler?
A: Ja.
F: Dritter oder Vierter?
A: Eine Zeitlang war ich Erster. Nicht, weil ich viel gearbeitet habe, nein, ich habe mich gezwungen, mich in die erste Bank zu setzen, um mich nicht abzulenken.
F: Haben Sie früh geheiratet?
A: Nein, mit 27 Jahren.
F: Was für eine Geborene ist Ihre Frau?
A: Meine Frau ist eine geborene Schrader.
F: Hat sie mit der SS zu tun?
A: Nein, es ist eine Kaufmannsfamilie.
F: Ehe ich vergesse, hatten Sie mit Dietrich zu tun? (Reichspressechef).
A: Welcher?
F: Otto
A: Von Mitte 1939 hatte ich nichts mehr mit ihm zu tun.
F: Hat sich seine Leitung der Presse auch auf das Schwarze Korps erstreckt?
A: Nein. Er hat es versucht. Ich schätzte ihn nicht, weil ich ihn lange kannte.
F: Wieso?
A: Ich habe ihn menschlich nicht geschätzt.
F: Warum?
A: Weil ich der Auffassung war, daß er kein guter Journalist war.
F: Kleiner Mann?
A: Kein Zweifel.
F: Warum haben sie ihn so groß gemacht?
A: Das rührt an die Grundfragen, die ich mir selber vorlege. Es hätte manchen gegeben, der diese Stelle besser ausgefüllt hätte. Um einen Mann zu nennen, Funk. Ich halte ihn verfehlt an seinem Posten. Er war ein guter Journalist.
F: Ja, ja.
A: Das war ein Mann, der eine Art mit Menschen umzugehen hatte, die Dietrich nicht hatte.
F: Vielleicht hängt das mit den alten Sachen, Reismann (?)... zusammen?
A: Das glaube ich nicht.
F: Er muß es doch sonstwie verstanden haben.
A: Das ist mir oft ein Rätsel gewesen. Heute ist es mir nachdenkenswerter als damals. Ich habe ihn damals für eine Null gehalten. Nehmen Sie es mir nicht übel. Leute, wie Lorenz vom Deutschen Nachrichtenbüro, ist viel aktiver, fleißiger gewesen als Dietrich. Ich war an der Front draußen, als die Wahnsinnsrede, daß der Krieg mit Griechenland zu Ende ist, gehalten wurde.
F: War es Dietrich oder Goebbels?
A: Dietrich.
F: Ja. Was ist Ihre Zukunft? Wie stellen Sie sich sie vor?
A: Ich habe auch sehr viel mit englischen Offizieren darüber gesprochen. Wollen Sie meine ehrliche Meinung wissen?
F: Ja, wenn Sie wollen?
A: Ich bin zu jung, um mein Leben als zu Ende begangen anzusehen.
F: Sie sind 37 Jahre?
A: Ja. Ich habe fleißig gearbeitet, ich bin sicherlich im Sinn einer Überzeugung, was man einen Überzeugten nennt. Ich würde mich mit Händen und Füßen gegen das wehren, was man Nutznießer nennt. Ich habe für mein Alter sehr viele Chancen gehabt, viel Geld zu verdienen. Mir sind Dinge angeboten worden, die viele Menschen in meinem Alter und in meiner Lage ergriffen hätten.
F: Was war das?
A: Ich sollte 1942 Chef der UFA werden mit 60 000 Mark Gehalt. Ich habe es nicht getan. Ich hatte im Jahre 1937/1938 das, was man als Soldat »die Schnauze voll« nennt. Bitte, wollen Sie das nicht als einen kümmerlichen Versuch einer politischen Rechtfertigung nennen, ich war am Ende. Ich habe zwischen so vielen Steinen gestanden, ich habe angefangen, mein Geld zu sparen, habe bescheiden gelebt.
F: Was für ein Gehalt hatten Sie?
A: Ich bekam 1 250 Mark im Monat. Meine Frau hatte gewisses Vermögen. Ich habe mein Geld gespart, habe nicht an einen Krieg geglaubt, ich wollte im Jahre 1940 soviel Geld haben, daß ich fünf Jahre ohne Gehalt leben konnte. Ich wollte Medizin studieren, ich hatte ein gewisses Vorbild, einen guten, alten Freund von mir.
F: Wer war das?
A: Das war Werner Jansen, mit dem ich sehr befreundet war, der auch Philologe und Mediziner war. Er hat mich sehr ermutigt. Aber Sie fragten, wie ich mir mein Leben weiter vorstellte. Ich bin oft danach gefragt worden von Menschen, die sich eingehend dafür interessierten. Ich habe eine sehr schwere Zeit in England hinter mir, ich sollte Kronzeuge für eine Angelegenheit sein.
F: Ist das die Sache, von der Sie vorhin sprachen, von der SS-Division?
A: Ganz richtig. Man hat sich sehr eingehend mit mir befaßt.
F: Auch nicht immer freundlich?
A: Das kann ich nicht sagen. Es war eine bittere Zeit, deswegen bitter, weil die Angaben, die ich machte, absolut freiwillig waren, auf deutsch zu sagen, wäre es mir leicht gewesen, mich rumzudrücken und zu sagen, daß ich an dem Tage an diesem Tatort war.
F: Was ist passiert?
A: Gefangenenerschießung, wobei es mir heute noch nicht klar ist, nach meiner Überzeugung, ob es ein Standgericht oder wildes Einzelunternehmen war.
F: Das hängt mit dem Kommando zusammen?
A: Nein, mit dem Angriff, wonach englische Truppen mit weißer Fahne gewinkt haben.
F: Was war das?
A: Diese Sache im Jahre 1940. Wie gesagt, am Ende dieser Dinge, die für mich außerordentlich bitter waren, auch die Art, wie es gemacht wurde, und als sich dann im Laufe der Zeit herausstellte, daß ich alles das, was ich wußte, angegeben hatte, und aus vielen anderen Aussagen sich das bestätigt hat, was ich gesagt habe, wurden die Formen, mit denen man mit mir umging, etwas freundlicher.
F: Was waren die Formen, wie man mit Ihnen umging?
A: Das möchte ich nicht sagen.
F: Schön.
A: Dann bin ich viel über die Dinge gefragt worden. Ich habe einen englischen Offizier, mit dem ich beinahe befreundet bin. Ich habe immer nur folgendes sagen können, ich bin, wie gesagt, zu jung, um mein Leben als beendet anzusehen. Ich habe drei kleine Kinder, für die ich zu sorgen habe, für die ich mich zu verantworten habe und will. Ich bin der Auffassung, Reue ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Man muß in irgendeiner Form, soweit man glaubt, dass man eine Schuld trägt, . . . diese Schuld ist sehr schwer, von einem Standpunkt wie hier, das ist meine Auffassung, weil Lokalkenntnisse usw. sehr entscheidend dazu gehören. Diese Frage eines Begriffs von Schuld und Mitschuld liegt nicht auf juristischem Gebiet, das ist meine Auffassung, sondern in einem mehr mentalen Bereich. Ich bin der Auffassung, entweder man will mich aufhängen oder umlegen, wenn man es für nötig hält, ich kann mich nicht wehren. Wenn ich in irgendeiner Form in das normale Leben zurückkomme, werde ich mich bemühen, von jemand, der den Rest des Volkes zu verwalten hat, eine Chance zu bekommen. Man kann mich in jeder Form auf meine Zuverlässigkeit untersuchen, wenn man das getan hat, soll man mir meine Menschenwürde zurückgeben, um anständig arbeiten zu können, um ein normales Mitglied der Gesellschaft zu werden. Ich hoffe sehr, daß das eines Tages möglich ist.
F: Das hoffe ich auch. - Haben Sie mal deutsche Zeitungen gelesen?
A: Life, Die Welt in Hamburg, . . .
F: Haben Sie die in England gekriegt?
A: Ja, dann die “Neue Zeitung“.
F: Wie finden Sie diese Zeitungen?
A: Nicht gut.
F: Haben Sie mal "Die Zeit« gelesen?
A: Nein. Ich finde die "Münchner« die beste, Weil sie eine klare Auffassung vertritt, und sie nicht den gefühlsbetonten Standpunkt vertritt.
F: Nicht so stilecht.
A: Das ist etwas, was mir an der „Zeit« nicht gefällt. Diese großformatige Zeitung gefällt mir nicht, weil sie sich den Anschein eines gewissen Protestes erlaubt, der so billig ist, und für mich als Fachmann, so klar es ist, wie er zustande kommt, falsch ist. Mein Gefühl als Fachmann ist, was das für schlechte Journalisten sind. Es gibt heute nur ein Moment, das Volk anzusprechen, nur mit nackter Wahrheit, ohne lächerliches Protestgezetere und Gewinsele, was wir uns in der Lage nicht erlauben können, insbesondere im Hinblick auf die weltpolitische Lage. Wir müssen uns für sie entscheiden und sie der Öffentlichkeit und dem mehr oder weniger einsichtigen Publikum klarmachen. Ich habe in der Gefangenschaft einiges gelernt. Man hat den Fehler gemacht, man hat uns überschätzt und den Gegner unterschätzt.
F: Waren Sie mal im Ausland von 1939 an?
A: Ich war in Italien, Norwegen, Dänemark.
F: Nie in England, Amerika?
A: Eine kurze Reise nach New York.
F: Wann war das?
A: Das war 1937. In England bin ich nie gewesen, in Italien bin ich gewesen, in Holland, auf den Kanarischen Inseln.
F: Mit dem Bananendampfer? Aber nicht, um Politik zu machen?
A: Ich habe leider keine Gelegenheit für diese Dinge gehabt. Nur Innenpolitik. Ich habe mich sehr oft mit älteren Kameraden aus der Zeit des Weltkrieges unterhalten, habe viele Dinge beobachtet, die ich als Lagerführer am ehesten spürte und spüren mußte. Ich kann nicht sagen, wie bitter es ist, es gibt tatsächIich, ich glaube nicht, was Herr Professor Fischer sagt, wie er es sagt, es ist schon eine mentale Verschiebung, wahrscheinlich auch bei mir selber, das muß ich zugeben.
F: Was Sie sagen, kommt mir vernünftiger vor, als was Leute sagen, die draußen sind. Wissen Sie, warum?
A: Nein.
F: Die sind von einer anderen Sache angesteckt.
A: Ich will etwas anderes sagen. Wir haben in diesem Volkscharakter einen gewissen Prozentsatz, den man Optimismus nennt. Was ich aus der Münchner herauslese, ein loses Augenblinzeln, in der Politik oder so, ist dieser finstere Zug, den ich in verschiedensten Auflagen in meinem Leben erlebt habe. Da muß ich sagen, diese Leute machen das mit, weil sie nunmehr aus dem Zugeständnis dieser öffentlichen Meinung diese Freiheit, die in erster Linie nicht die Freiheit des Lesers, sondern die innere Freiheit zwischen ihm und dem Entschluß dessen, der die Zeitung macht. Wenn ihm etwas nicht paßt, soll er in die Ostzone gehen.
F: Richtig.
A: Ich bin sehr froh gewesen, ich habe viele amerikanische und englische Zeitungen lesen können, habe das eine und das andere gelesen, komme aus dieser Schule zu den Dingen, warum eine durchaus so vielfältige Meinung eine öffentliche Meinung ist, warum erstrebenswert, in diesen Ländern, aber hier, nicht nur die bösen Nazis haben Schuld. Das ist schon eine ältere Entwicklung bei uns, daß das geschriebene Wort eine magische Wirkung hat.
F: Das hat es auch in anderen Ländern.
A: Hier ist es besonders stark. Das hängt mit einer mittelmäßig bürgerlichen Halbbildung zusammen, wie es z. B. der Marxismus tut, ein Übergewicht von Erfahrungen usw. erfordert, und sich demgegenüber in einer untergeordneten Position fühlt.
F: Haben Sie mal »Die Zeit« in den letzten Wochen gelesen?
A: Nein. Ich bin jetzt gerade eine Woche auf dem Kontinent hier.
F: Waren Sie abonniert?
A: Wir haben sie im Lager gehabt.
F: Sie hat sich auch mit den Prozessen befaßt.
A: Ich glaube, ja. Doch, ich entsinne mich. Auch diese Form, wie sie in den Leserbriefen versuchen, sich den Anschein zu geben, wie sie es machen.
F: So ein ähnliches Geschwafel wie »Die Tat«. Kannten Sie Wirsing?
A: Gegen Ende des Krieges habe ich Wirsing gesehen.
F: Halbseite.
A: Das ist der richtige Ausdruck. Da sehe ich eine viel größere Gefahr. Da kann jemand hier oder dort stehen, mit den Dingen muß man sich auseinandersetzen. Aber durch das Laufen verbraucht er so viel. Das spürt er oder sieht er nicht. Ich halte das schlecht gemacht.
F: Wem schieben Sie die Hauptschuld am Zusammenbruch zu?
A: Das ist eine ganz schwere Frage. Ich will Ihnen etwas sagen, was Sie nicht glauben werden. Als am 30. Januar, den habe ich erlebt in meiner Redaktion in München, . . .
F: Sie meinen 1933?
A: Ja. Im Völkischen Beobachter. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nicht solche Überraschung erlebt. Ich habe es nicht geglaubt.
F: Ja.
A: Ich habe es nicht für möglich gehalten.
F: Aus demselben Grunde öffnen sich die Schleusen.
A: Aus demselben Grunde, wie ich vorhin sagte.
F: Jetzt sagen uns Herr Meissner, Herr Lammers usw., sie sind reingepreßt worden.
A: Das kann ich nicht beurteilen, Herr Meissner war immer eine Witzfigur. Kommt das Siebente Reich, tut sich die Tür auf und Herr Meissner steht da.
F: Auch die Sache Arche Noah.
A: Ja.
F: Kannten Sie Lammers? (Chef der Reichskanzlei).
A: Er hat mir manchmal grobe Briefe geschrieben.
F: Wann?
A: Das weiß ich nicht mehr, ich glaube 1937 oder 1938.
F: Weswegen?
A: Wenn ich was in meiner Zeitung brachte.
F: Sind gegen Sie irgendwelche Vorwürfe wegen War Crimes gerichtet?
A: Nein.
F: Mit wem sind Sie zusammen?
A: Mit dem Obergruppenführer von Woyrsch. Er kommt morgen oder übermorgen weg.
F: Wie finden Sie es überhaupt auf unserem Parteitag-Gelände?
A: Wie eine Geisterschau.
F: Furchtbar. Im Lager ist es viel besser?
A: Das ist natürlich relativ. Da haben Sie natürlich recht. Man ist mit jungen Menschen zusammen.
F: Ich habe mal eine Rede in Langwasser (SS Anhaltelager) gehalten. Da habe ich den Unterschied gesehen dort und den Geistern hier. Ich weiß nicht, gehe ich da fehl, in meiner Annahme, sind diejenigen die schlimmsten, die am wenigsten von ihrer Sache früher durchdrungen waren?
A: Das ist eine sehr schwere Frage. Ich glaube, Sie werden wahrscheinlich von so vielen Menschen, die Sie hier haben, so viele Auffassungen hören, von denen sie durchdrungen waren. Der ganze Komplex war doch sehr locker gefaßt.
F': Hören Sie, wenn Sie hier Herrn Bohle sprechen oder Herrn Axmann, oder solcheMenschen, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite solche Staatssekretäre und Minister und Ministerialdirektoren, die von nichts gewußit haben, erst wenn sie die Dokumente sehen, sagen sie, "ich bin erschüttert, ich wusste nichts mehr«. Das sind verschiedene Gruppen.
A: Wobei Sie sicher einschätzen, daß man manches nicht mehr weiß. Ich entsinne mich an Dinge in England, daß ich Verschiedenes, das für mich entlastend war, einfach nicht mehr wußtte. Erst durch viele Brücken, die man mir gebaut hat, wurde ich daran erinnert. Dafür bin ich dankbar.
F: Hören Sie, das sind nicht Sachen, wo es um Tage geht.
A: Ich habe Sie falsch verstanden.
F: Wo es um Einzelheiten geht. Einsatzgruppen ist die Geschichte. Selbstverständlich waren die für die Endlösung der Judenfrage.
A: Ich hatte Sie falsch verstanden.
F: Man kann doch als Staatssekretär oder Minister nicht sagen, ich hatte keine Ahnung. Diese Sorte Leute sagen, der Legationsrat ist schuld, er hat es mir vorgelegt, ich hatte keine Zeit, es zu lesen, und der kleine Herr Thadden und Wagner waren es und die großen Leute eben so raus. Die schieben es auf den kleinen Mann. Sind Sie seit acht Tagen hier in der Geisterschau?
A: Ich bin erst vier Tage hier. Ich war erst in Oberursel.
F: Als Übergang?
A: Ich bin von einem amerikanischen Offizier vernommen worden.
F: Welcher Komplex?
A: Es handelt sich um einen amerikanischen Hochverratsprozeß.
F: Der jetzt schwebt?
A: Ich glaube, ja.
F: Welche Namen?
A: Er hat mir nur das deutsche Alibi gesagt. Er soll in meiner Standarte gewesen sein, als ich nicht in Berlin war.
F: Stimmt das?
A: Ich weiß nicht.
F: Ist es ein Deutscher?
A: Ein amerikanischer Kriegsgefangener. Ich halte es für durchaus möglich.
F: Was wir treason nennen.
A: Ein Hofrat. Ich war schon mal in Schottland gehört worden.
F: Welche Standarte war das?
A: Standarte Kurt Eggers.
F: Schön. Soviel für heute. Ist noch was Besonderes, was Sie sagen wollen?
A: Nein.
F: Ihre Verbindung mit Dietrich war eine nicht allzu starke?
A: Nein.
F: Über seine Beherrschung der deutschen Presse. Sie haben ihn nicht als Fachmann angesehen.
A: Das kann man nicht sagen.
F: Er hat die Tagesparolen rausgegeben, und hat damit der ganzen Sache die Richtung gegeben.
A: Wann war das?
F: Während des ganzen Krieges.
A: Ich habe die Tagesnachrichten gemacht.
F: Sie haben sich nicht an Dietrich gehalten. Sie hatten andere Rückendeckung?
A: Oder auch nicht.
F: Was ist aus Schwarz van Berg geworden?
A: Ich glaube, er ist im Lager Eselsheide.
F: Ist das sein richtiger Name?
A: Soviel ich weiß, hieß er Schwarz. Um nicht mit einem anderen Publizisten verwechselt zu werden, hat er den Namen seiner Mutter angenommen.
F: Wer waren Ihre besten Journalisten, die Sie hatten?
A: Aus den Ruthen war mein Vertreter.
F: Den kenne ich nicht.
A: Heiner Schilling, der Sohn von dem Professor Schilling.
F: Der Arzt Schilling?
A: Nein, er war um die Jahrhundertwende ein großer Architekt, der das Niederwalddenkmal gebaut hat.
F: Schön. - Ich wollte mich mit Ihnen nur mal bekannt machen.
A: Ja.F: Ist die Verpflegung hier besser als oben?
A: Sie ist ungefähr gleich. Wir haben eine Selbstverwaltung, nirgendwo wird geschoben und geklaut, es war absolut in Ordnung.
F: Haben Sie hier Zeitungen gelesen?
A: Ja, verschiedene.
F: Was lesen Sie?
A: Alte Zeitungen. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich welche bekommen könnte.
F: Ich werde Ihnen welche bringen lassen.
A: Ich bin sehr dankbar. Haben Sie hier eine pocket library?
F: Wir haben nur einige Sachen.
F: Was halten Sie von Schellenberg?
A: Ja, ich habe sehr viel von ihm gehört. Ich persönlich würde, ohne die Dinge im einzelnen beurteilen zu können, sagen, Hans in allen Gassen, ein Skorzeny auf der anderen Seite.
F: Ganz intelligent.
A: Ich habe ihn vor dem Kriege gesehen.
F: Er hat sich viel reingemischt. Es gibt nichts, wo er sich nicht reingemischt hat.
A: Mein Urteil ist befangen, weil ich in der Gefangenschaft vieles gehört habe. Obwohl mich manches sehr interessieren würde.
F: Was interessiert Sie?
A: Es würde mich interessieren, wie die Verurteilung der SS zustande gekommen ist.
F: Sie meinen criminal organization?
A: Ja. Ich habe in Italien mit erlebt, wir haben im Gegensatz zu den Lagern keine Stellung nehmen können. Ich habe so viel gegensätzliche Auffassungen gehört, daß es mich interessiert, die Anklageschrift zu lesen.
F: Ich werde sie Ihnen schicken.
A: Ich wäre sehr dankbar.
F: Zwei Sachen spielen eine Rolle, daß alles auf die SS geschoben worden ist.
A: Wir hatten einen Spruch, der hieß: »Der alte Brauch wird nicht gebrochen, die SS kommt stets am Schluß gekrochen. « Das war am Parteitag und weiter so.
F: Die Leute haben alle gesagt, es war die böse SS.
A: Das ist auch das einfachste.
F: Angefangen von Göring.
A: Der Hermann.
F: Nichts war legal, alles war hintenrum von der SS.
A: Ich weiß nicht, ob Sie auch mal gesehen haben, daß sie nicht schlimmer waren als andere.
F: Hören Sie, ich muß ja sagen, ich bin ständig angegriffen von den Herren im Ministerium, die sagen: „Ich wollte Adolf Hitler und die SS entnazifizieren. «
A: Das glaube ich nicht.
F: Aber sehr. Fragen Sie die Leute. Die schreiben es mir sogar.
A: Darf ich noch folgendes fragen: Ist es möglich, der vernehmende Offizier in Oberursel sagte mir, "Sie werden ja Gelegenheit haben, in Nürnberg auch Herrn Fritsche zu sehen. Unterhalten Sie sich mal mit ihm über den Fall des amerikanischen Offiziers, der wird Ihnen auf den einen oder anderen Gedanken verhelfen.« (F. vom Propaganda Ministerium)
F: Der ist schon weg, nach Regensburg. Wie ist der deutsche Name?
A: Weithaupt. Er soll im März bei mir aufgekreuzt sein, um eine Uniform zu bekommen, um sich in Gefangenschaft zu begeben. Es ist unwahrscheinlich, daß sich einer eine SS-Uniform anzieht, besser wäre doch eine Luftwaffengefreitenuniform als eine SS-Uniform.
F: Es gibt doch viel Abenteurer auf diesem Gebiet.
A: Aber daß sich einer die SS-Uniform anzieht.
F: Wann war das?
A: Im März 1945.

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