Die jüngere westfälische Linie
Franz Hermann Joseph d’Alquen
(1808 - 1888)



Das niederländische Gebetbuch der Mutter dient dem Vater Franz Adam zum Vermerk der Geburt des fünften Kindes

Im Jahre 1808 Mittwoch den 16ten März
vormittags um 11 Uhr ist gebohren Franciscus
Hermannus Josephus D’Alquen zu Werl, und
wurde am nemlichen Tage nachmittags um
4 Uhr von dem hiesigen Pfarrvicar Blanknagel
getauft. Sein Taufpate ist des Vaters Bruder
Hermann Joseph D’Alquen, Stadtrath zu Seli-   
genstadt, dessen Stelle vertrat Franciscus
Michael Tippel, Sohn des Großh[erzog]l.
Hessischen Oberlieutenant Tippel.

                        Werl, den 17ten März 1808
                                     D’Alquen


Hermann besuchte das Arnsberger Gymnasium. Josephine berichtet mehrfach, daß sie für ihn und einen Klassenkameraden Deutschaufsätze verfaßte. Im Falle des Mitschülers von Wrede tat sie es so wenig getarnt, daß der Deutschlehrer die Arbeit nicht benotete, weil sie nicht von Wrede stammen könne. Es entwickelte sich daraus eine Korrespondenz, ja eine Freundschaft mit Professor K., dem Deutschlehrer, einem ihrer wenigen literarischen Ansprechpartner in Arnsberg.

Hermann hatte in dieser Hinsicht mehr Glück. Aber er mußte seine Schwester bezahlen, und zwar in Briefpapier. Aus den Jahren 1823/24 liegen vier Albumblätter von ihm vor (s. XVIII. Beitrag, S. 855/856).

1826, also 18jährig, bezog er die Universität Bonn. Er wurde als Medizinstudent immatrikuliert und gehörte dem Korps „Rhenania“ an (briefliche Mitteilung von Dr. Ludwig Dalquen, Frankfurt am Main, an Rolf d’Alquen vom 31. Februar 1938).  Im Mai 1827 scheint er das Studium gewechselt zu haben. Er bleibt in Bonn, ist aber für Jura und Kameralistik ( = Kameralwissenschaft, die Wissenschaft von der staatlichen Verwaltung) eingeschrieben. Am 13. August 1828 wurde er exmatrikuliert (briefl. Mitteilung des Archivs der Universität Bonn vom 5. April 1967 an Rolf d’Alquen).

Zum Wintersemester 1828/29 setzte Hermann sein Jurastudium in Würzburg fort (Merkle, Matrikel ..., 1. Teil, S. 1001, Nr. 30448, München, 1922). In diesen Jahren bemüht sich sein Vater intensiv um Zuschüsse aus dem Fleischbeinischen Stipendium für seine beiden Söhne Hermann und Friedrich, muß aber erfahren, daß zwei Brüder zur gleichen Zeit kein Stipendium erhalten können. Schließlich sollte es dem jüngeren Friedrich zugute kommen.

Wann Hermann das Studium abgeschlossen hat, erfahren wir nicht. Im August 1841 hält er sich in Arnsberg auf (2. 24). In diesem Sommer brachte er seine Schwester Caroline zur Cousine, der Gräfin Ida de Bocarmé, nach Bury, reiste nach Brighton weiter und mit seinem Bruder Franz und dem Neffen Franky zurück nach Arnsberg (3. 14). Seine Reise führte auch über London zu seinem Bruder Fritz (3. 29).

1842/43 scheint Hermann erstmals in Arnsberg Probleme verursacht zu haben (4. 7, Conzepte 1). Josephine vertraut ihren Notizen als Briefentwurf an Caroline in England an, daß sie „viel Geduld und Nachsicht für das viele Unangenehme, was durch H[ermann] ihr zuwächst“ , üben müsse. Er tue nichts, habe nebelhafte Illusionen, schüchtere die Mutter ein, ertrotze alles von ihr, spiele im Haus die dominierende Rolle, verursache häufig unehrenhafte Auftritte mit Gläubigern, die Geld von der Mutter haben wollten. Quälend sei „der unehrenhafte Anstrich, den er unserem ganzen Hause mittheilt“. Ihr Mutter mußte einen Prozeß gegen solche Gläubiger führen, den sie gewann, so daß sie Geld zurück erhielt. 

Im September 1843 verläßt er das Elternhaus, aber zwischen Februar und Mai 1844 lebt er wieder bei der Mutter und der Schwester (5. 63). Nichts berichtet Josephine darüber, was der überaltete Student in der Zwischenzeit treibt. Sie freut sich sehr über ein besonderes Geschenk von ihm im September 1844: ein Schreibetui mit einer Feder, mit der es sich - einmal in Tinte eingetaucht - seitenlang schreiben läßt (5. 25), ein ideales Geschenk für ihre einsamen Stunden im Eichgehölz.

Am 21. November 1845 fährt Hermann nach der Referendarzeit zum Staatsexamen nach Berlin. Er hat vom Obergericht in Arnsberg ein „sehr schönes Zeugnis“ erhalten (6. 83). Ganz ungewöhnlich ist sein relativ hohes Alter von 37 Jahren.

Etwas verwirrend heißt es im April 1846: „Hermann soll sehr fleißig sein und denkt, den halben May fertig zu werden“ (7. 6). Am 25. November 1846 treffen mit einem Boten, der mit dem Fuhrwerk von Soest kam, Nachrichten von Hermann ein, „die wenigstens den allerschlimmsten Gerüchten wiedersprachen“ (0, Blaue Mappe 1846/47, S. 31). Wir erfahren nichts über diese Gerüchte, auch nichts Näheres über den 20. März 1847: „Hermann und diese dumme Geschichte haben die Mutter krank gemacht, doch jetzt ist sie wieder ganz vergnügt, da sie in der Beschäftigung, die das letzte [Umziehen] ihr schafft, den ersten vergißt“ (7. 27).

Am 12. November 1847, also 39jährig, ist „Hermann dicht vor dem Examen, wir sind etwas beruhigt“ (7. 36).

Danach müssen sich mit Hermann Dinge ereignet haben, die in Josephine größten Widerwillen erwecken. Trotzdem schreibt sie ihm in der Krisenzeit des Frankfurter Parlaments 1849, in der sie für das verfolgte Ehepaar Ruge engagiert ist, nach Berlin, er solle ihr das erste beste Unterkommen beschaffen, damit sie Ruge in seiner Gefährdung nahe sein kann (8. 59, Nr. 3, S. 27/28). Fritz in London hat seit zwei Jahren keine Verbindung mehr zu Hermann; er gibt ihm die Schuld an seiner Lage (0. 113), wobei offen bleibt, worin das Unglück besteht.

30 Jahre hört die Familie nichts mehr von Hermann. 1878 leistet sein Neffe Heinrich, ältester Sohn von Carl Anton d’Alquen, seinen Militärdienst in Berlin ab und macht ihn als Besitzer einer Berliner Schankwirtschaft aus, ohne mitzuteilen, ob er verheiratet ist (briefl. Mitteilung von Caroline d’Alquen, 4. Kind von Carl Anton d’Alquen, vom 20. April 1940 an Rolf d’Alquen).

Als es 1888 um die Verteilung der Erbschaft seiner Schwester Caroline geht, ist er in Berlin nicht mehr feststellbar, auch nicht eventuelle Nachkommen.


Nachtrag aus XXI, Dezember 2000

Franz Hermann Joseph d'Alquen, fünftes Kind von Franz Adam D'Alquen und seiner Frau Sybille geb. Ubaghs, hat uns bereits weiter oben beschäftigt. Viel war von ihm nicht zu sagen, und das Wenige war recht unvorteilhaft. Er blieb die große Sorge seiner Eltern und besonders seiner Schwester Josephine. Bereits in jungen Arnsberger Jahren spielte er, machte Schulden, ging seinem Jurastudium sehr lässig nach.

Mit 37 Jahren (1845) reist er nach Berlin. Er will im Jahr darauf sein zweites juristisches Staatsexamen ablegen. Es bleibt ein Geheimnis, was sich im Jahre 1846 abgespielt hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Hermann straffällig geworden, eine „dumme Geschichte", wie Josephine schreibt. Es lässt sich vermuten, dass die Angelegenheit mit Spielschulden zusammenhängt.

Im November 1847 ist er „vor dem Examen", und nun ereignen sich noch einmal unaufgeklärte, missliche Ereignisse, so daß offen bleibt, ob er das Examen überhaupt abgelegt hat. Nun hört die Familie etwa 30 Jahre lang nichts mehr von ihm.

Tatsächlich aber ist Hermann in Berlin sehr aktiv. Ein Blick in die Adressbücher führen ihn in den Jahren 1858 bis 1880 als Berliner Bürger auf. Was in den Jahren zwischen 1848 bis 1858 mit ihm geschah, bleibt vorläufig offen. In den 22 Jahren, in denen er sich nachweisen läßt, wechselt er achtmal die Wohnung. Ganz überwiegend gibt er als Beruf „Particulier" an (fünfzehnmal); zweimal nennt er sich „Assessor", zweimal „Hotelbesitzer" und einmal „Rentier" .

In den Jahren 1865 bis 1867 scheint er sich nicht in Berlin aufgehalten zu haben; jedenfalls steht er nicht im Adressbuch. Andere d'Alquen, die als seine Frau oder Witwe oder seine Kinder gelten könnten, gibt es weder in diesem Zeitraum und auch sonst nicht.

Hermann läßt sich zuerst 1858/59 in der Kronenstraße 22 nieder. Sie liegt in einem ausgesprochen vornehmen Viertel zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden nahe beim Gendarmenmarkt und unweit des Hausvogteiplatzes, wo etwa 25 Jahre vorher gegen seinen unglücklichen Bruder Friedrich verhandelt worden war.

1860 übersiedelt er in die Linkstraße 37 im Stadtteil Mitte bzw. Kreuzberg, einen guten Kilometer von der ersten Wohnung entfernt. 1861 finden wir ihn in der Dessauer Straße 7, unweit südlich des Potsdamer Platzes und des Anhalter Bahnhofs, ebenso in den Bezirken Mitte und Kreuzberg.

Die Schönbergstraße 25 bezieht er 1862. Es sind einige Gehminuten bis zum letzten Quartier, Bezirk Kreuzberg. Die Victoriastraße 10 sieht ihn im Jahre 1863. Sie liegt im Bezirk Tempelhof hinter dem Teltower Kanal, etwa sechs Kilometer vom vorigen Quartier entfernt. Die Taubenstraße 45 führt ihn wieder ganz in die Nähe des ersten Quartiers zurück.

Nun folgen drei Jahre, in denen er sich nicht in Berlin nachweisen läßt. Das muß nicht heißen, dass er in dieser Zeit dort nicht lebte. Der Eintrag in das Berliner Ein­wohnerverzeichnis geschah freiwillig und war nur vorgesehen für die „gehobenen Stände".

Welche Gründe es auch immer gegeben haben mag, nicht in Berlin zu wohnen bzw. sich nicht eintragen zu lassen, ab dem Jahre 1868 folgen weniger bewegte Umzugsphasen. Zwischen 1868 und 1873 wohnte Hermann d'Alquen in der Langstraße 40, I. bzw. II. Stock, Bezirk Steglitz/Laukwitz. Die Langstraße setzt sich in der schon genannten Dessauer Straße fort. Zwischen 1874 und 1880 hielt er sich in der Adalbertstraße auf, und zwar bis 1878 im Haus Nr. 36,1. Stock, ab 1879 Haus Nr. 47, I. Stock. Da Hermann für das Jahr 1881 und die folgenden nicht mehr ein­getragen ist, läßt sich mit Wahrscheinlichkeit auf seinen Tod im Jahre 1880 schließen.

Die Berliner Adressbücher dieser Jahre weisen eine Eigentümlichkeit auf. Bei den Hausnummern der Aufgeführten erscheinen die „Sprechstunden", zu denen der Betreffende erreichbar ist. Das fällt erstmals im Jahre 1868 auf und wiederholt sich bis zum letzten Eintrag. Ab 1874 sind vor- und nachmittags Sprechstunden eingetragen, z. B. 1876 neun bis elf Uhr und vierzehn bis achtzehn Uhr, 1880 nur nachmittags zwei bis sechs Uhr.

Die Einträge im Adressbuch führen auch die beruflichen Tätigkeiten bzw. den Status auf. So ist Hermann eingetragen

1858/59 als Hotelbesitzer,
1860 als Particulier,
1861 als Rentier,
1862/75 als Particulier,
1876/77 als Assessor,
1878/80 als Particulier.

Unter einem „Particulier" verstand man damals einen „amtslosen, für sich le­benden (Privat-)Mann" (Petri's Fremdwörterbuch, etwa 1906). Ein „Rentier" lebte damals von Kapitalzinsen oder Mieten; beide Bezeichnungen meinen dasselbe. Hermann wird sich kaum öffentlich als „Assessor" bekannt haben, wenn er es nicht gewesen wäre. Also wird er doch irgendwann das 2. juristische Staatsexamen bestanden haben. Daher ließen die „Sprechstunden" an eine Tätigkeit als Anwalt denken, wenn er als solcher zugelassen gewesen wäre und wenn dem nicht unüblicherweise der häufige Wohnungswechsel entgegen stünde.

Insgesamt gewinnt man aus diesen Bezeichnungen seines „Standes" den Ein­druck eines gewissen Wohlstandes und einer Geordnetheit seiner Verhältnisse, wenn auch hierzu die Bemerkung seines Neffen zum Jahre 1878 (s. o.), er sei Besitzer einer „Schankwirtschaft" gewesen, nicht recht passen will. Aber warum sollte ein „Kneipier" nicht wohlhabend sein und ein geordnetes bürgerliches Leben führen ?

Zu wundern gibt nach wie vor, daß er die Verbindung zu den Geschwistern in Amsberg, Mülheim und London bzw. Brighton und besonders zu der leidenden und bedürftigen Mutter abreißen ließ. War es Scham, Verachtung oder Gleichgültigkeit ? Hinterließ er ein Erbe ? Wem vermachte er es ? Hatte er Frau und Kin­der ? Andererseits ist nicht zu übersehen, daß sowohl die Mutter wie die Ge­schwister schwere Vorbehalte gegen das „schwarze Schaf" hatten. Es könnte also auch eine nicht mehr zu überbrückende Enttäuschung gewesen sein, die ihn der Familie gänzlich entfremdete. Schließlich lässt sich auch an Rücksicht­nahme denken für den Fall, dass er selbst seine Geschäfte für bürgerlich und für seine Verwandtschaft nicht ganz präsentabel hielt. 
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